Wörter sind Kinderklappern/'
„Und dieser englische Millais — den mit dem französischen verwechselt zu haben ich ausrichtig bedauere —, dieser ,a i s-Millam, dieser große Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu geworden
Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in Exzentrizitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht, das ist der Ueberschwang einer an sich beachten^ werten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal aus), ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und keucht. Und em Jammer nur, daß seine cheizer nicht mit auf dem Platze geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen."
Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgend was gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung ausraffte: „Bon Neueren habe ich eigentlich nur Seestücke kennengelernt; dazu die Phan- tastika des Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die ,drei Männer im feurigen Ofen“ gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit angeht." . . ... ' ,
„Eine gewisse Großartigkeit", nahm Lufacius mit lächelnd überlegener Miene wieder das Wort, „ist ihm nicht abzufprechen. Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge Mundus vult decipi. ÄÜem vorauf England. Es glvt nur ein -eil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber nicht parceque, sondern quoique. Roch heute wird es mir obliegen, in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verloren- qeaanqen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren Luther, chier stehe ich. Am elendsten aber sind die paktieren wollenden -alben. Zwischen schon und häßlich ist nicht zu paktieren."
„Und schön und häßlich", unterbrach hier Melusine (sroh, überhaupt unterbrechen zu können), „war auch die große Frage, die wir, als wir Sie begrüßen dursten, eben unter Diskussion stellten, -err von Stechlin sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag ich Sie, -err Professor, finden auch Sie sie so schön, wie einem Hierlandes immer versichert wird?" ... t ,
„Ich spreche nicht gern über Engländerinnen , fuhr Euiacius fort. „Etwas Bon Mofynkrasle beherrscht mich da. Die Tochter Albions, sie
empfehlen zu wollen."
Woldemar, die -onneurs des -aufes machend, was er bei seiner intimen Stellung durfte, Halle den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, >n unverändertem Schnitt, seit seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz.
Er ist doch auf seine Weise nicht übel", sagteWoldemar- a s er bei den" Damen wieder eintrat. „An einem Mken Selbstbewuhtsein, dran er wohl leidet, darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt, daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen
Sin starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt , sagte Armgard, „Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also in jedem Jahrhundert C,ne,2ßonad) Euiacius günstigenfalls der zweite wäre", lachte Woldemar.
Wie stellt es eigentlich mit ihm? Ich habe Nie von ihm gehört, was über nicht viel besagen will, namentlich nacktem ich Millms und Millet glücklich verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hm. Ist er ein Mann, den ich eigentlich kennen müßte?" . .
Das hängt ganz davon ab", sagte Melusine, w.e S.e s'ch °'n chatzen -aben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Gwtto von Florenz zu kennen, sondern auch all die Giottinos, die neuerdings m Ost elbien von Rittergut zu Rittergut zichn, um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da die groß/Lieferung; ist übrigens lange nicht der Schbmmsie.Selbst feine Gegner und er hat deren em gerüttelt und geschüttelt Maß, ge stellen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt er alles durch seinen Dünkel Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem er beständig von Richiungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht bloß an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die Sbie dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem Gebiet auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, fondern bloß um christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die, daß er ,in ber Irabtwn stehet was ihm indessen nur Lpott und Achselzucken einttaA Einer einer Richtungsgenossen — als ob er mich persönlich dafür hatte ver- antwortlich machen wollen — fragte mich erst neulich voll.ironischer Teilnahme: ,Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition,? Und als ich ihm antwortete: ,Sie spötteln darüber, hat er denn aber feine“? bemerkte dieser Spezialkollege: -Gewiß hat er eine Tradition, und bas ist feine eigne. Seit fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und beeist als Kunst-, aber fast auch schon als Kirchenfanat.ker bu ihm unterstellten Provinzen, so daß man betreffs feiner beinah sagen fann: ,Es predigt fein Christus allerorten, ist aber drum nicht schöner geworden“."
Melusine, du darfst fo nicht weitersprechen", unterbrach hier Arm- garb. „Sie wissen übrigens, -err von Stechlin, wie s hier steht, und baß ich meine ältere Schwester, bie mich erzogen hat (hoffentlich gut), setzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß. “Dabei reichte ste Melu sine bie9 -and „(Eben erst ist er fort, der arme Professor, und letzt schon o schlechte Nachrede. Welchen Trost soll sich unser Freund Stechlin dar- aus schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.
,Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten. Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder nicht, vorausgesetzt daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist. Aber Gentleman? Da hab ich wieder die Einhakeöse für England. Das Schon- heitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Kaprize. Don all dem andern aber das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer so gut wie nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten mit Trai- ^^Nur^in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen meine Bllantaste Die versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache selbst, also an 'Traitors-Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen Stelle könnt ich mich meiner Phantasie beinah beruhmen und am meisten da, wo (wie mir übrigens nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so viel Borliebe verweilt haben."
„Und welche Stelle war bas?"
„Waltham-Abbey."
„Waltham-Abbey. Aber baoon weih ich ja gar nichts. Waltham- Abbey kenn ich nicht, kaum bem Namen nach.“
Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr -err Papa gerade am Mbenb vor meiner Abreise sagte: Has muß Melusine wissen; die weiß ja dort überall Bescheid^und kennt, glaub ich, Waltham-Abbey besser als Treptow ober Stralau ." , , ,,
; I v (Fortsetzung folgt.)
.... Euiacius Malerproseffor. Er wird über Kunst sprechen; bitte, I auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte „Bm , 1° neß er s g) vernehmen „durch Gräfin Melusine ganz auf bem laufenden. Aborbnuna, England, Windsor. Ich habe Sie beneidet, -err Rittmeister. Eine j schone Reise. id) intimeren Dingen,
beispülsweise der mglischen Kunst, nicht das richtige Maß von Aufmerk- sanikeü widmen k getröften dürfen. Was ich persönlich an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich d.e großer'Gesamteindrücke der -os und die Lords, die die Geschichte des Landes bedeuten
All bas war auch mir bie -auptsache, musst es sein. Aber ich hatte mirfi dem ohneradjtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell umMalerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten.
„Ein überwundener Standpunkt Einige waren ba beren Auftreten QU* von uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) Mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise
b e r. Sehr wahr. Ich erinnere mich feines bedeutendsten Bildes, bas" leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu jaci°us"nickü. ^„Mutmaßlich das vielgefeierte .Angelusbild, was Ihnen oorschwebt, -err Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte Marktware für die Sie glücklicherweise den englischen Millais, will allo sagen den ,a i s“-Millais, nicht verantwortlich machen dürfen. Der Millet der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein t“-Millet, Vollblutpariser oder wenigstens Franzose."
Woldemar geriet über die Verwechslung in eine kleine Verlegenheit, bie Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors dessen rasch wachsendes Ueberlegenheitsgesühl unter dem Eir^ruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger Laune tT'eb h"3™ uhr'9pen verziehen", fuhr er, immer leuchtender werdend, fort, „wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin zufammensafse: ,fie sind einander wert, und die zwei großen Kulturvölker mögen sich darüber stre, en wer oon Ijnen am meisten genasführt wurde. Der französische Millet ist eine Null e n Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum Riesen anwachst, wohlverstanden vergleichsweise^ Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das Prarafsaeliten- tum als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansthe, trug damals einen Zukunstskeim in sich; eine große Revolution Wen sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr, heißt. Oder wenn sie wollen .Reaktion“. Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken.
singen so viel und musizieren so viel und malen so viel. Und haben "^.stüirileichtz Aber davon dürsen Sie jetzt nicht sprechen. Bloß das eine: ^°"^hön?'Nu?denn mein“. Alles wirkt wie tot. Urti) was wie tot wirkt wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schon. Im übrigen, ich fehe daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie gerne wäre ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis und Entgegenkommen beqegnri. -err von Stechlin, ich erlaube mir. Ihnen morgen eine Rad'e- runa9 nach einem Bilde des richtigen engli chen Millais zu fchlcken. Draaomrkafem- -allesches Tor, - ich weiß. Üebermorgen laß ich die Mavve wieder abholen. Name des Bildes: ,Sir Jsumbras. Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des Prärasaelitentums dabei nicht oushielt Aber nicht zu verwundern. Nichts halt jetzt aus, und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten nach Tagen Zahlen. Trzian entzückte noch mit hundert Jahren, wer jetzt furch Jahre gemalt ha, ist altes Eisen Gnädigste Gräfin, Komteffe Armgard ...Darf ich bitten, mich meinem Gönner, Ihrem -errn Vater, dem Grafen, angelegentllchst


