Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957 Zreitag, den 16. April Nummer 29
Der GieENn
Roman von Theodor Fontane
22. Fortsetzung.
„Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier, — vielleicht daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus." Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschläge Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil niedergelassen halle. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf sie den linken Arm stützte.
„Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie Stühle heran. Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gc- präche. Wenn es sich um etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, o gönnen Sie mir den Vorzug. Papa hat sich, wie Sie seh», mit der Baronin engagiert, ich denke mir über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann Czako, worüber plauderten Sie?"
„Berlin."
„Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance."
„Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings waren wir erst bei Musik und Kritik. Heber die Menschen noch kein Wort."
„0, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?"
Wrschowitz wiegte - den Kopf hin und her, als ob er überlege, wie weit er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem Male schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und sagte: „Oberklasse gutt, Unterklasse ferr gutt; Mittelklasse nicht ferr gutt."
„Kann ich zustimmen", lachte Melusine. „Fehlen nur noch ein paar Details. Wie wär es damit?"
„Mittelklassberliner findet gutt, was er sagt, aber findet nicht gutt, was sagt ein andrer."
Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.
„Mittelklasfberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront."
„Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte."
„Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. Berliner immer Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig, dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst Pfeffer- küchler Hildebrand, bann- Papst Hildebrand."
„Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins, bann finb Sie roieber frei „.. Wie find bie Damen?"
„Ach, gnädigste Gräfin ..."
„Nicht, nichts. Die Damen."
„Die Damen. O, die Damen ferr gutt. Aber nicht speziffisch. Spezifsisch in Berlin bloß die Madamm."
„Da bin ich aber doch neugierig."
„Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, tn Petters- burg und ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki. Ah, Saloniki! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon, hoch und schlank wie die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo; Madamm bloß in Berlin." ...
„Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Aehnlichkeiten da sein. Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame Schon bas Wort spricht es aus."
„Nein, gnäbigfte Gräfin; rien du tout Dame! Dame bentt an Galan, Dame bentt an Putz; ober vielleicht auch an Divorgons. Aber Madamm denkt bloß an Rieke braußen unb mitunter auch an Paul. Und wenn fte 3u Paul spricht, der ihr Jüngster ist, fo sagt sie: ,Jott, dein ®ater. Df), die Madamm! Einige saaen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe nie.
„Wrschowitz", sagte Melusine, „wie schade, daß die Baronin und Papa nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, der solche Themata liebt, nicht hier ist. Uebrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm. haben Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?'
„Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte ..."
„Bitte, lesen."
Und Czako las: „London, Charing Croß-Hotel. Alles über Erwarten groß. Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St."
Melusine lachte. „Das hat er uns auch telegraphiert."
„Ich fand es wenig", stotterte Czako verlegen, „und als Dublette find ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission! Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und Indien."
Alles stimmte dem, „daß es wenig sei", zu. Nur der alte Graf wollte davon nichts wissen.
„Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsvnsäule. Soll er etwa telegraphieren, daß er sich sehnt, uns wiederzusehen? Und das wird er nicht einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine."
„Natürlich, ich am meisten."
Verlobung — Weihnachlsreise nach Stechlin.
25. Kapitel.
Drei Tage später war Waldemar zurück und meldete sich für den Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen, die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer Freude machten. „Papa läßt Ihnen sein Bedauern aussprechen. Sie nicht gleich heute mitbegrüßen zu können. Er ist bei Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er natürlich nicht fehlen durfte. Das ist .Dienst', weit strenger als der Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, unb mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabenb eine Stunbe verplaudern können. Wrschowitz war an betreiben Abend auch da; beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte. Wer also sollte noch kommen? ... Und nun setzen Sie sich, um Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten; — die Füllhörner, die jetzt Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was erwarte ich auch von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen schreiben. Aber wer darüber nicht schrieb, das waren Sie, wenn wir uns auch entschließen wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn". Und dabei lachte Melusine. „Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer bas beste. Wovon Sie nicht geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich meine mit der Schönheit."
„Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar hin- geriffen hätte."
„Nicht einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze beinah bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?"
„Fast könnte ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal sagte, ,in der ganzen Welt fände man, Gott sei Dank, schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen überhaupt schön'."
„Und das haben Sie geglaubt?"
„Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab es nicht geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachträglich bestätigt gefunden."
„Und Sie schaudern nicht vor solcher Uebertreibung?'
, Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fühle ..."
„Keine Bestechungen."
„Ich soll schaudern vor einer Uebertreibung", fuhr Waldemar fort. Aber Sie werden mir. Frau Gräfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn ich Erklärungen abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den ich da vorhin zitierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen andern Maßstab hätten. All das steht fest. Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet."
Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie werden in Papa mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt für Ihre Meinung finden. Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das beinah Unpersönliche, das Typische ..."
Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein und meldete: Professor Cujacius. „Um Gottes willen", mtsuhr es der Gräfin, und die kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte sie Woldemar


