Ausgabe 
15.11.1937
 
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Wien. Sie hatte vergessen, daß sie bloß ihren alten schwarzen Hut auf­harte Tie starb mit die Worten ,McKenna, mein Mann! der hrelt ihr in die Arme. Un all die Jungs heulten, als sie ihr begruben.

In der Nacht fängt ein doller Wind an zu wehen, un weht, un weht, un weht die Zelte um. Aber er weht auch die Cholera weg; kein neuer Fall kam die ganze Zeit, die wir warteten, zehn Tage lagen wir in Quarantäne. Ob Sie mir glauben oder nich, der Weg, den die Krank­heit ins Lager nahm, war so, das kann ich Ihnen versichern, als wenn ein Mann viermal eine Acht durch die Zelte gegangen is. Biele sagen, der ewige Jude nimmt die Krankheit mit weg. Un ich glaub das.

Und da kommt es von", sagte Mulvaney etwas unlogisch,daß die kleine Jhansi so geworden is. Als McKenna starb, is sie von die Frau von den Quartiermeister aufgezogen, aber si» gehört zu die U-Kom- panie; un die Geschichte, die ich Sie erzählt hab, wo Jhansi gebührend gewürdigt in wird, die hab ich jeden Rekruten nach seine Einstellung eingebläut. Un ich hab auch, ja das hab ich, Korpral Slane eingebläut, um das Mädel anzuhalten."

Tatsächlich?"

Ja, Mensch, das hab ich getan. Sie is keine Schönheit, aber ste Is die Tochter von die alte Pummeloe, un es is meine Pflicht, für ihr zu sorgen. Den Tag, eh Slane seine 1,80 Mark Löhnung kriegt, sag ich zu ihn: ,Slane', sag ich, ,morgen is es Jnsubordinatschon, wenn ich dir hauen tu; aber bei die Seligkeit von die alte Pummeloe, die in Himmel is, wenn du mir nicht dein Wort drauf gibs, gleich um Jhansi McKenna anzuhalten, denn will ich dir heut abend mit MesNnghaken das Fleisch von die Knochen abpulen Das is ne Schande für die Kom­panie, daß sie so lange ledig bleibt!' sag ich. Sollt ich 'n Dreijährigen noch lange mit mir verhandeln lassen, wenn ich was will? Nee! Slane ging hin und fragte ihr. Slane is 'n guten Jung. Nächstens kommt er ins Kommifariat un kann fein Cspartes in 'n Wägen wegfahren. So hob ich für die Tochter von die alte Pummeloe gesorgt; un nu gehn Sie man hin un tanzen noch mal mit sie!"

Und das tat ich.

Ich hatte Achtung vor Fräulein Jhansi McKenna; und ich ging später auch aus ihre Hochzeit. Vielleicht werde ich davon auch noch mal erzählen.

Einemalebarische" Geschichte.

Von Marie Hamsun.

Ola Lang er ud in der Stadt", der dritte Band der jung und alt liebgewordenen Langerud-Erzählungen, in denen Marie Hamsun eine fröhliche Welt der Kindheit und Jugend beschreibt, ist in einer reich illustrierten Reuaus- aabe erschienen. Wir bringen daraus mit Erlaubnis des Albert Langen / Georg Müller Verlages in München die folgende Probe.

Es ging auf die Prüfung zu. Für sich selber hatte Ola weiter keine Angst, obgleich in den letzten Wochen die Zeit zum Aufgabenlernen für ihn knapp geworden war. Ola hatte nämlich nach und nach immer mehr Vertrauensämter in Oslo übertragen bekommen. Er hatte ein zuver- läffiges, ruhiges Wesen, und die Freundschaft mit Frau Foß hals ihm.

Frau Foß hatte eine Freundin, eine sehr dicke alte Freundin. Diese unterschied sich von Frau Foß dadurch, daß sie keine Katze, dafür aber einen Hund hatte, außerdem dadurch, daß ihr Mann im Erlöserfriedhof begraben war, während der verstorbene Foß auf dem Nordfriedhos lag.

Nun war die Sache die, daß der Hund der Freundin Bewegung haben mußte. Es war ein winzig kleiner Seidenhund, der einem lockeren gelben Seidenknäuel glich, und nur wenn man genauer hinsah, erkannte man einen kleinen Fleck als Nase und zwei tränenblanke kohlenschwarze Augen. Dieser Hund wurde jetzt zu fett, die Augen drohten ihm ganz aus der Seide herauszuquellen, und außerdem litt er durch sein geruhsames Leben an einer lästigen Verstopfung. Die Freundin selber aber wollte sich nur ungern bewegen, darum war ihr der Gedanke an Ola gekommen sie fand, er habe das rechte Aussehen, um mit dem kostbarsten kleinen Hund der Welt, Tripp genannt, spazieren zu gehen.

Wenn es nicht regnete, stellte er sich jeden Nachmittag um fünf Uhr oben am Ullevaalsweg bei der Freundin ein und holte Tripp ab, der schon wußte, was Ola für ihn bedeutete, und vor lauter Freude mit feinem ganzen kleinen Körper wedelte und wie eine Maus pfiff. Dann gingen sie nach Bestre Aker hinüber oder machten einen Spaziergang durch den Stenspark. Tripp genoß den Frühling, und Ola verdiente eine Krone in der Woche.

So war Ola kein armer Junge mehr. Wenn er ein paar Wochen lang ordentlich gespart hatte, konnte er leicht bei irgendeinem Schulausslug mittun. Ola hatte noch einen Beruf bekommen. Frau Foß war die Tante eines jungen Mädchens, das heimlich verlobt war. Manchmal aber konnte das Mädchen nicht abkommen, um sich mit ihrem Liebsten zu treffen, dann ging sie nur fort, ihrer Tanke einen unschuldigen Besuch zu machen, und gab dabei Ola einen Wink, er solle doch schnell an ihrer Stelle hinlaufen und ihrem Verlobten Bescheid geben dafür bekam er von dem meistens fünfzig Dere.

Auf dem nördlichen Friedhof standen die Aurikeln rings um Fassens Grab. Aber der Rand eines Grahes wird sehr schnell trocken: Ola hatte nun auch noch das Vertrauensamt, ein paarmal in der Woche mit einer Gießkanne den nördlichen Friedhof zu befuchen.

Da drängten sich feine Pflichten oft fo zusammen, daß er alles auf einmal hätte tun sollen. Ola war vollauf beschäftigt. Er konnte auch noch Finn vollauf beschäftigen, denn es kam öfters vor, daß er den Freund zu Hilfe nehmen mußte. Das war an diesem Nachmittag grade der Fall. Frau Fassens Nichte kam und gab Ola einen Wink, als dieser eben fortgehen und Tripp holen wollte. Die Aurikeln waren aber auch schon wieder am Verdursten er hatte sich übrigens vorgenommen, Tripp zum Blumengießen mitzunehmen. Da blieb nun nichts anderes

übrig, als Finn zu beauftragen, mit Tripp spazieren zu gehen. Dies aber muhte natürlich hinter dem Rücken von ßrau Foß und ihrer Freundin geschehen, denn Finn war es noch nicht geglückt, sich das Vertrauen dieser beiden zu erwerben.

So versprach Finn denn, mit Tripp in den Stenspark zu gehen, bis Ola vom Athenäum zurückkam, wo der Deklobte wartete. Er versprach auch, ganz besonders gut auf Tripp aufzupassen:Du kannst dich auf mich verlassen, das weißt du wohl!"

Ola überlegte einen Augenblick, ob er nicht mit der Trambahn zum Athenäum fahren und auch vielleicht wieder zurückfahren sollte, da aber hätte sich der Gang zu schlecht für ihn gelohnt; so ließ er den Gedanken fallen.

Der kleine Tripp wollte nicht mit einem fremden Jungen gehen; so­lange Ola zu sehen war, zog und zerrte er, ein verzweifeltes kleine» Knäuel, an seiner Leine. Später wurde er freundlich und trippelte bereitwillig hinter Finn drein, wie ein kleines Spielzeug auf vier Rädern.

Es war wunderschön im Stenspark oben, neues Gras und trockene Wege überall, Bänke standen da, und auf einer der Bänke faß eine alte Dame in der Sonne. Sie war ganz entzückt von Tripp, sie hätte noch nie etwas fo Wunderschönes gesehen, erklärte sie, wie diesen Seidenpelz und die kohlschwarzen Augen und die Nase, die Tripp im Grund ja gar nicht hatte.Wem gehört der süße kleine Hund?" fragte sie.

Mir", antwortete Finn. Und dann gab er sich höchst zufrieden einer Schilderung von Tripps Lebenslauf hin.

Es ist nicht jedermanns Sache, fo aus dem Stegreif ein ganzes Hundeleben zu erdichten, Finn geriet immer mehr in Begeisterung über sich selber, je mehr die Ereignisse sich für ihn überstürzten. Er wurde menschenfreundlich gegen die Dame, die ihm so aufmerksam zuhörte:Sie dürfen ihn gern ein wenig auf den Schoß nehmen", sagte er. Und di« Dame hob Tripp auf und küßte ihn. Finn ließ das hingehen. Dann fällt fein Blick auf einige Buben, die auf der Pilestraße draußen mit Murmeln spielen. Sie streiten sich fürchterlich, und bald liegen fit einander in den Haaren. Leider aber ist es unmöglich, aus dieser Ent­fernung zu sehen, wie das alles zusammenhängt. Darum sagt Finn zu der alten Dame: ,Hch gehe nur schnell einen Sprung zu meinem Bruder drüben auf der Straße. Tripp kann ruhig bei Ihnen bleiben ..."

Einige Zeit später, nachdem der Junge, der beim Spiel mogeln wollte, seine Prügel bekommen hatte, und in der Pilestraße wieder alles in Ordnung war, kam Finn in den Stenspark zurück.

Da aber war die Dame verschwunden.

Das 'wäre noch nicht schlimm gewesen, Tripp war aber auch ver­schwunden. Finn fehlte es ja nicht an Einbildungskraft. Es bereitete ihm keine Schwierigkeit, sich vorzuftellen, wie die alte Dame mit Tripp unter dem Mantel davonhumpelte. Jetzt erinnerte er sich auch, daß sie wie eine richtige Bilderbuchhexe ausgesehen hatte, mit spitzer Nase und einer haarigen Warze am Kinn.O je", murmelte Finn betrübt,das ist malebarisch ..."

Dann machte er sich daran, eine Zeitlang die nächste Umgebung zu durchstreifen und fetzte sich schließlich ziemlich niedergedrückt auf eine Bank im Park, um auf Ola zu warten. Es schwebte ihm der Gedanke vor, alles zu gestehen, so wie es sich wirklich verhielt, aber das wäre doch zu langweilig gewesen, er mußte sich auf etwas anderes besinnen. Es dauerte auch nicht lange, fo hatte er sich mühelos einen ausgezeich­neten Schluß für Tripps Lebenslauf ausgedacht. Er pfiff vor sich hin und kratzte vergnügt mit dem Absatz im Sand herum und wartete sicht­lich angeregt auf Ola. Ola kam aber nicht, er war wohl aufgehalten worden, und schließlich ging Finn heim.

Ola kam nicht, nein, denn als er die Pilestraße heraufstürmte, sah er eine Trambahn. Sie blieb stehen, und eine alte Dame mit einem kleinen Hund auf dem Arm war gerade im Begriff, auszusteigen. Da aber geschah etwas. Als der Hund Ola sieht, reißt er sich plötzlich von der Dame los, mit einem lebensgefährlichen Sprung befreit er sich aus ihrem Arm und rennt auf den Knaben zu Er pfeift und kläfft und sauft herum und möchte vor Freude am liebsten aus feinem gelb- seidenen Pelz fahren. Ola hebt den kleinen Hund auf, die Dame, die hier die Trambahn verlassen wollte, besinnt sich plötzlich anders, steigt wieder

ein und fährt weiter.

Nun tarnen Dia ja allerhand Gedanken, aber keiner, über den sich sprechen ließ. Er entschloß sich, Tripp wie gewöhnlich bei der Freundin abzuliefern, und nachher goß er nachdenklich und sorgfältig die Aurikeln auf Fassens Grab.

Dann ging er heim zu Finn, der es längst aufgegeben hatte, im Stenspark auf ihn zu warten.

Mein Lieber!" sagte Finn,das war malebarisch." Ein Unglück sei geschehen, sein einziger Trost sei der, daß er sich unschuldig wisse. Eine Katze sei gekommen, ein riesiger gesteckter Tiger, der sich zwischen den Kehrichttonnen in der Theresenstraße Herumgetrieben habe. Mit einem Raubtiersatz sei er auf den kleinen Tripp losgestürzt, und ehe Finn sich auch nur einmal umdrehen konnte, habe die Bestie dem Hund die Kehle durchgebissen.

Ganz durch?" fragte Dia betrübt.

Mitten durch! Kaum ein Seufzer mehr, dann war Tripp schon tot! Dos einzige, was Finn habe tun können, war, die Leiche zu retten. Er hatte das Tier so merkwürdig liebgewonnen, daß er es im Stens­park schön begrub und einen Strauß auf das Grab legte: wenn es Dia recht wäre, könnten sie ja am nächsten Morgen zu dem Platz hingehen.

Als sie sich am nächsten Morgen trafen, um zu Tripps letzter Ruhe­stätte zu gehen, wirkte es im ersten Augenblick ja etwas verwirrend auf Finn, daß Dia dieLeiche" bei sich hatte.

D je!" sagte er,das war malebarisch ..." Er erholte sich aber rasch und tagte leicht gekränkt zu Ola:Warum hast du mir das nicht schon gestern erzählt!"

Derant wörtlich: vr. Han» Thyrivt. Druck und Beklag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lang«, Gießen.