Ausgabe 
16.8.1937
 
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(krnielied.

Volksweise.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod. Hat Gewalt vom großen Gott, Heut wetzt er das Messer, Es schneidt schon viel besser, Bald wird er drein schneiden. Wir müssens nur leiden.

Hüt dich, schönes Blümelein!

Was heut noch grün und frisch dasteht, Wird morgen weggemäht: Die edel Narzisse!, Die englische Schlüssel, Der schön Hyazinth, Die türkische Bind.

Hüt dich, schönes Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt Da unter die Sichel hinfällt: Rot Rosen, weiß Lilgcn, Beid wird er austilgen;

Ihr Kaiserkronen, Man wird euch nicht schonen. Hüt dich, schönes Blümelein I

So viel Maßlieb und Rosmarin Welkt unter der Sichel hin, Vergißmeinnit, Du mußt auch mit, Und du Tausendschön, Man läßt dich nit stehn. Hüt dich, schönes Blümelein!

Er macht so gar kein Unterschied, Geht alles in einem Schnitt: Der stolze Rittersporn Und Blumen in dem Korn, Da liegens beisammen, Man weiß kaum die Namen. Hüt dich, schönes Blümelein!

Trutz! Tod, komm her, ich sürcht dich nit, Trutz! Komm und tu ein Schnitt.

Wenn er mich verletzet, So werd ich versetzet, Ich will es erwarten, In himmlischem Garten, Freu dich, schönes Blümelein!

Bildnis einer Feldblume.

Von Friedrich Schnack.

Im schläfrigen Mittag, unter der Flamme des Sommers, läuft ein schmaler Feldweg in die he'ße Ackerflur. Die regungslose Luft zittert und schwingt. Kein Vogelruf tönt außer dem einförmigen Laut der die Hitze liebenden Ammer. Das Feld brütet in der Glut. Bärtige Halme gilben und bräunen, dürr und spröde sitzen die Grannen an den Weizenähren. Braune Grasfalter, Waldpsörtner und Sandaugen und die schwarzweiß gescheckten Schachbrettschmetterlinge, die Lieblinge des hohen Sommers, durchhasten die Felder und übergaukeln die Raine, wo der Thymian duftet und goldgrüne Käser blitzen. An den Rändern und auf den bewachsenen Streifen des ausgefahrenen trockenen Ackerweges hat sich der Breitwegerich angenistet, die zähe, slache Blattrosette, die sich treten läßt, weshalb sie das Volk auch Wegtritt benannte (und die IndianerFußtapfe des weißen Mannes", weil die Pflanze den Weißen begleitet). Dem Wegerich gesellt sich der Frauenflachs. Seine Blüte ist ein zierlicher Thyrsus schwefelgelber, hasenmäulchenähnlicher Blüten. Und wo der Boden am trockensten und kärgsten ist, kauert der feuerblaue, rotübersprenkelte Büschel des stachel­haarigen Natterkopfes, den die Bienen lieben. Lang aus dem aufgeristenen Schlund der natterköpsigen Blüte züngelt die gespaltene Narbe. Unweit vom scharfen Natterkops erhebt sich die sanfte, fparriggeästete, hagere Staude der Wegwarte.

Alle diese und noch andere Wegpslanzen schätzen Trockenheit, Hitze und mageren Boden. Ihre Blätter find klein, in sich zusammengedrängt, zurück­haltend, um die geringe Feuchte vor Verdunstung zu schützen. Ist der Natter- !ops ein Zeichen erdgebundenen, tiergleichen Feuers, das seinen Rachen lohend aufspertt, sich hinduckt und wie zum Sprunge sich dem Boden an- inimmt, so verkündet die hochstengelige, schlanke, sich verdünnende, vom Boden emporfliehende Wegwarte das Sinnbild kosmischen Lichtes. Je höher der Stengel steigt und in die Lüste klimmt, um so mehr entstofflichen lich die Blätter. Von Stockwerk zu Stockwerk werden sie kleiner und endlich winzig, in der Tiefe bilden sie schmale, etwas gezähnte Lanzetten. Ihren Achsen entsprießen die Knospen, Blütenstiele und Zweige. Die Blüten, «gellos und sparsam gesetzt, erscheinen sprunghaft, wie aus dem Weltraum launisch angeflogen bezaubernde, lavendelblaue, zarte Blumen. Es sind liörbchenblüten die Wegwarte gehört zu den Körbchenblütlern, Rad- Humen, deren zungenförmige Blumenblätter speichig angeordnet Hnb.

Die Blüte ahmt das Sonnenrad nach, das bereits über den Scheitel tes Jahres gerollt ist. Zum Tagesgestirn unterhält sie die innigsten. Be­gehungen. Frühzeitig wird sie von der Blumenuhr aus dem Schlaf geweckt. Im vier öffnet sie bereits ihr Auge, bald nach Mittag schließt sie es wieder. Ae wendet es dem himmlischen Auge zu: Sonnenwende wird sie genannt, die blüht, wenn die Tage an Länge abnehmen.

Wie die Sage weiß, wartet am Feldweg das verlassene Mädchen auf seinen in fernen Landen weilenden Geliebten. Er hatte ihr versprochen, wiederzukommen, doch kehrte er nicht zurück. Da wurde die Schöne zur Wegwarte. Ihre vom langen Stehen und Gehen ermüdeten Füße wurzelten in den Boden ein, der sehnsuchtsvolle, blaue Blick der Licbesträumerin wurde zum Blumenauge. Der Geliebte ist in Wirklichkeit die Sonne, die sich von der nördlichen Erde abwendet und im gleichen Jahr fernbleibt. Das Mädchen ist die Pflanze.

Es ist wahr: die Wegwarte reckt und streckt sich, schaut über alle anderen Gewächse hinweg und läßt ihren lavendelblauen Blumenblick weithin leuch­ten. Ihr Wesen verhehlt nicht eine leise Schwermut. Vielleicht drückt sie auch am stärksten von allen Feld- und Brachpflanzen die Verlorenheit der kleinen Feldwege aus. Sie steht geduldig und ausdauernd, doch wie im Tiefsten erstaunt. Bestürzt sie zart und geheim, während sie die Sonne arv» betet, die kreatürliche Ahnung vom Tod des Lichtes, der zwar noch weit entfernt ist, aber unaufhaltsam herannaht und dem Sommer ein Ende setzt? Verwunschen und verwundert lebt sie in der Einsamkeit und Stille.

Ihre grünen Stengel fühlen sich rauh und trocken an, riesig und hart. Man vermeint den Staub, die Trockenheit, den Sand des Feldwegs zu ver­spüren. Deshalb ist sie auch zäh und widerstandssähig und läßt sich nicht gar so leicht einen ihrer blühenden Zweige entreißen. Auch die Wurzel ist zäh, dazu ausdauernd und tief im Boden sitzend. Früher war sie eine Zauber­wurzel, mit der Diebe entlarvt wurden. Heute wird Kaffeezusatz aus ihr bereitet, Zichorie.

So wett sich der Feldweg in die Gemarkung hinzieht, so weit wandert die Wegwarte. Sie erwartet den Sonnenkuß. Wo der Weg über die Krüm­mung steigt und dahinter hinabsintt, tritt die Wegwarte in den blauen Himmel ein, von der Sonne empfangen. Ihre lavendelblauen und ame« thystenen Sterne lösen sich im Azur auf. Hier unten aber, wo der Himmel fern ist, nahe der Autobusstraße, tun die zurückgebliebenen Wegwarten ihre schönen Augen zu. Sie rollen die Zungenblättchen ein und wölben sie über die kleinen Säulentempel der dunkelblauen Staubgefäße, die ihren Pollen verloren haben. Auf ihrer Blumenuhr ist es spät geworden und Zeit zum Schlasengehen.

Südliche Schönheit in Bayern.

Bon Wilhelm Hausenstein.

Das Reisen im Ausland ist heute bekanntlich eine schwierige und au- allerlei Gründen schier unmögliche Angelegenheit. So haben wir alle gewiß Ursache, uns im Eigenen besser und besser umzusehen: Den Bestand unseres Inlands auszunehmen und dabei deutlicher als bisher festzustellen, wie viel weite Welt wir eigentlich in unteren Grenzen besitzen! Und wenn wir dies Inventar nun aufnehmen, dann kommen wir eben auch auf die besondere Erkenntnis, daß wir in unserem eigenen Lande, im deutschen Süden, landschaftliche und zumal Stadtschönheiten besitzen, die in ihren stärksten Eigentümlichkeiten schon mehr sind als eben nur Gleichnisse Italiens; denn es gibt bei uns hier eben einige Städte, die aussehen, als wären sie aus dem mittelalterlichen Süden geradewegs herübergehoben. Dies gilt also ganz besonders von einigen Städten. Man könnte zwar, wie gesagt, auch mit der Landschaft beginnen; etwa von der Insel Reichenau, die mit ihren drei romanischen Münstern etwa ist wie ein Ravenna, das in den Zu­stand einer blühenden Fruchtbarkeit gehoben wäre (denn die Insel Reichenau ist eine südliche Oase, während das Land um Ravenna schon eher eine arme südliche Wüste ist). Man könnte auch von der Bodenieeinsel Mainau an­fangen, auf der die Phönixpalme im Freien wächst. Mau könnte die süd­westlichen Gegenden des Reiches auszählen, in denen mit dem Wein auch schon die Feige, die Mandel gedeiht. Man könnte weiter auch von den Menschen des deutschen Südens sprechen, in denen uralte Elemente la­teinischen Geblüts umgehen. Schon der französische Dichter Stendhal hat dergleichen wahrgenommen. Und über Landshut selbst fügt er den Sah hinzu:Die Stadt macht auf mich einen italienischen Eindruck." Wie italienisch würde ihn erst die Welt der Städte um Salzach un*' fVnn an­gemutet haben!

Viele haben Salzburg gesehen; viele haben das Südliche dieser groß­artigen Stadt mehr oder minder deutlich empfunden. Worin bestand es denn nun eigentlich? Gewiß nicht nur in dem südlichen, von italienischer Baukunst her bestimmtem Pomp einzelner hervorragender Baudenkmale wie etwa des Doms. Sondern eben auch in den Eigentümlichkeiten des Ganzen: in der Breitwändigkeit der Häuser: in der Waagerechten oder Flachwinkligkeit der Dachlinien, die dort ja nicht aufgegiebelt sind, sondern sich horizontal oder mit säst gestrecktem Giebelwinkel hinziehen; in der grund­legenden würfligen Einfachheit der Häuserform; in all dem, was man als die Latinität dieser Häuser, dieser schmalen, schattigen, kellerkühlen Gasten und dieser von einer schon südlichen Sonne durchglühten rechtwinkligen Platzräume bezeichnen mag. Diese Südlichkeit des städtstchen Gesamt­charakters gibt es aber nicht etwa nur ausnahmsweise und nur in Salzburg; es gibt sie auch salzachaufwärts in dem köstlichen Laufen, das von einer Schlinge des Flusses umschlossen ist, in dem viel zu wenig bekannten Städt­chen Tittmoning, das wie Laufen am linken bayrischen Salzachufer liegt und wegen der Großartigkeit feiner Erfcheinüng eigentlich kaum als Städt­chen angesprochen werden kann, vielmehr schon als Stadt angesprochen werden müßte, denn die repräsentative Einfachheit dieles Tittmoning ist eine bedeutende Haltung!

Wetter lebt und webt diese südliche Stadtschönheit in Burghausen an der Salzach, und da schon in einem phantastisch gesteigerten Grad. Zwar macht die gewaltige Burg auf dem Kamm des alten Hochufers einen entschieden nordischen Eindruck; aber vom österreichischen Salzachuser aus angeschaut ist das Gesicht der int Tal gelegenen Bürgerstadt dem Florenz des Arnoufers vergleichbar.

In all diesen Städten kommt der aus nordischen Gebieten an mannigfach geknickte und gewinkelte, an giebelige und schmale Bauformen, nicht leiten auch an verzwickte, ja vertrackte Baubilder gewöhnte Geist aus dem Staunen nicht heraus; aus dem Staunen über so viel stidliche, wahrhaft schon mittel­meerländisch anmutende Breite und Einfachheit, über so viel weitere Größe, so viel Aufgeschlossenheit, soviel monumentale Grkassenhett. Das nämlicke