Ausgabe 
15.10.1937
 
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Zoo besieht. Einen so himmelschreienden Leichtsinn noch ba»u Frau, hätte er nicht für möglich gehalten. Aber dieses Geschöpf

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckeret R.Lange, Dietzen.

Jawohl!" Er beobachtete mißbilligend, wie sie ein zweites Mal gähnte.Das schickt sich wirklich nicht. Und was die Laube anlangt Sie sollten doch wirklich froh sein, Ihr müdes Haupt irgendwo hinbetten zu können. Daß ich Sie nicht mit meiner direkten Anwesenheit belästigen werde, ist ja wohl klar!" -

Johanna lachte.Manchmal erinnern Sie mich an einen alten Onkel von mir", stellte sie fest.Das ist der mit dem Seifengeschäft, wo ich vom Ersten ab arbeiten soll. Und deswegen bin ich auch durchgegangen. Onkel Jupp ist nämlich ein Scheusal. Außerdem will ich Schauspielerin werden."

Ihr Vergleich ist schmeichelhaft für mich!" sagte Peter gekränkt.Gut übrigens, daß Sie da sind. Das Stadttheater hat gerade auf Sie gewartet."

Morgens erwachte Peter, lange vor dem Wecker.Sonntag!" über­legte er und streckte sich Zufrieden.Bis zum Abend frei!" Im nächsten Augenblick kiel ihm sein Besuch ein. Leise tappte er aus seinem winzigen Verschlag hinaus ins ftreie, wusch sich prustend im kalten Brunnen­wasser und verfügte sich dann, zart pfeifend, in den Hühnerstall, um nach Eiern für das Frühstück zu forschen.

Als er wieder an dem blaukarierten Vorhang vorbeikam, hinter dem das fremde Mädchen seinen vermutlich unbeschwerten Schlummer tat, konnte er der Versuchung nicht widerstehen: er warf einen schnellen Blick in den enaen Raum. Da lag der Eindringling auf dem schmalen Sofa, wie eine Mumie in die flauschige Decke gewicke>t. und lackte ihn aus blanken Augen an.Ick möchte Frühstück ans Bett!" meldete sich die Helle Stimme schmeichelnd.

Hiebe können Sie haben!" sagte Peter unqalant, riß den Vorhang zur Seite und zielte seinen Bademantel in Richtung Johanna.Marsch, aufstehen! Ick koche inzwischen Kaffee."

Rackher saßen beide einträchtig am hübsch gedeckten Tisch. Johanna strick flink viele Weißbrotscknitten mit roter Marmelade. Wenn Sie Kaffee einschenkte, klirrten die billigen Armreifen an ihren schmalen Händen.

Beter hatte indessen noch nicht begonnen, die notierte schuldige Summe zujammenzuzählen, da bemerkte das Mädchen hastig:Lassen Sie das nur. Ich besitze nämlich keinen Pfennig.

Wie bitte?" Der junge Kellner tat, als habe er nicht "fanden.

'^Ueberhaupt keinen Pfennig, jawohl!" wiederholte das Mädchen und ^".Mgenttich Mtk^mir das ja denken können!" Peter rparf einen langenBlick über das schäbige Kosferchen, das verlassen am Boden wartete. Richt einmal einen Hut trug dieses armselige ©e^djopf.^Statt beffen halte es ein blaßblaues Band um die langen Locken geknotet. Also Sie können nicht bezahlen?" vergewisserte er sich noch einmal. "Nein!" Das Mädchen äugte unsicher empor.Aber mir war schon nanx sckleckt vor Hunger. Und da dachte ich eben"

6 Joa p«Uten Sie eben die Zeche!" Hochausgerichte stand Peter am Tisch entrüstet und fassungslos über diese laxe Auffassung von Moral. So jung!" fügte er kopffchüttelnd hinzu,und schon so hemmungslos. '^D^Mädchen "schrie/eise aus.Bitte nicht!" jammerte es.Man darf m'^Das tvir^ ja immer schöner!" sagte Peter streng.Was haben Sie bennSd)menlUSie nicht so! Das finde ich unfein", bemerkte die Zech­prellerin und schien keinerlei Reue zu verspüren.Gar nichts habe ich ""^Peter' vergaß "seine ^Berusserzi^ung und sank auf den zweiten Stuhl am Tisch.Und wie denken Sie sich nun das Weitere. fragte er. Wovon wollen Sie beispielsweise leben ohne Geld?

Das Mädchen hob unschlüssig die Schultern.Wird schon gehen!" meinte es. Peter betrachtete seine Nachbarin, wie^ mannet nm ein^^eltenes Tier tm f ""n n

bei einer Frau, hätte er nicht für möglich geyailen. Aver vnies wemjupi da war wohl noch gar keine Frau. Das war ganz einfach eine Gore.

Man müßte Sie überlegen!" bemerkte er aus seinen Gedankengangen heraus.Sie wissen vermutlich gar nicht, was Sie angerlchtet haben. Zu Hause wird sich doch jemand um Sie ängstigen. Wie alt sind Sie eigentlich?"

Siebzehn!"

Und woher kommen Sie?"

Sage ich nicht!" Sie lächelte schelmisch. Ein reizendes Grübchen rechts in der Wange verwirrte Peter vorübergehend. Nun griff das Mädchen nach dem schäbigen Köfferchen.Ich gehe jetzt. Guten Abend!

Wo wollen Sie eigentlich Übernachten, mein Fraulein? erkundigte sich Peter eisig.Etwa im Park?"

Das Mädchen überlegte einen Augenblick.Ich gehe einfach spazieren!" sagte es bann.Kommen Sie doch mit!"

Peter band die weihe Schürze ab, bemächtigte sich des Geschirrs und tat noch schnell einen Sprung zur Tür, um sie abzuschließen und den Schlüssel einzustecken.Sie werden warten, bis ich wiederkomme! befahl er energisch.Dann werden wir sehen."

Als er zurückkam, kauerte die kleine Fremde auf dem Stuhl und schlief. Hilflos und verlassen sah sie aus, wie sie da ^, den Kopf matt auf die Schulter geneigt. Peters weiches Herz strömte plötzlich über von Mitleid. Behutsam zupfte er an einer der weichen Korkzreherlocken. Kommen Sie", sagte er zart.Ich werde heute für Sie sorgen.

Aus der Straße wurde das Mädchen, das Johanna hieß, wieder munter.In einer Laube wohnen Sie?" erkundigte es sich.Ganz allein? Wo werden Sie bann heute schlafen?"

Natürlich auch in ber Laube!" bemerkte Peter erstaunt.

Das Mäbchen gähnte unbekümmert.Das schickt sich nicht! stellte

Wie eine Negerin!* fand Peter. Aber eigentlich bewunderte er seinen hübschen Gast restlos. Ueberhaupt, es ließ sich nicht leugnen: dieses ^^Später"tieVsich "Johanna unter heftigem Protest eine alte Schürze aus blauer Sackleinwand umbinden. Murrend machte ste sich auf Un­krautjagd.Können Sie kochen?" erkundigte sich Peter und tarn hoff­nungsvoll mit einer Schüssel voll Karotten herbei.

Weder kochen noch Rüben putzen!" log sie prompt. ,Zch schneide jedesma^n^d e_8' 9^ richtige Drohne!" schalt er unzufrieden.

Ich werde Strudel backen", schlug Johanna beschämt vor.Sind Zutäten da? Oder wo kann man hier borgen?"

Wehe dem Unglücklichen, der Sie mal heiratet! sagte Peter köpf- schüttelnd.Merken Sie sich: ein ordentlicher Mensch borgt nichts!

Auf ihren schönen braunen Beinen kam Johanna vorsichtig zwischen den Beeten hindurch. Dicht vor Peter blieb sie stehen, legte den Kopf schief und musterte ihn verwirrend lange aus den Hellen Augen. Schade!" meinte sie.Zu schade! Einmal wenden Sie genau (em wie 0"Ms^"s^ dämmerte und die Reste eines stattlichen Abendbrotes ab» geräumt waren, schlug Peter einen kleinen Bummel zum Ententumpel vor. Das war ein algenbedeckter Pfuhl, der Stolz der ganzen Lauben» kolonie Schmale, verschwiegene Wege führten dorthin. Es war fr ed» lich und romantisch, unter einem noch matten Sternenhimmel zu laufen. Bon fernher trug der weiche Abendwind den gedämpften Schall einer süßen, schluchzenden Musik.

Johanna ging nahe bei Peter. Immer wenn er sich zu ihr wandte, stieg sekundenlang der feine Duft ihres Hellen Haares zu ihm empor. Es roch gut nach Heu und Sommer und glänzte felbft m diesem fahlen Licht noch wie blasses Silber. Einmal streifte sein Handrücken Johannes dünnes, jeidenes Kleidchen. Benommen spürte er die zarte Wärme ihre, weichen Körpers. So gern hätte er nun den Arm um ihre Taille gelegt. Aber sie lief sehr unbekümmert neben ihm her, fchwätzte törichtes Zeug von großen Zukunftsrosinen und war wirklich nichts als ein dummes Ding, das niemand ernst nehmen konnte. .

Der Tümpel lag ziemlich verlassen. Johanna erspähte eine ^idyllische Anhöhe, hart an einem efeuverwucherten Zaun. Graziös ließ sie sich im Gras nieder. Wie eine große Dame wies sie einladend neben sich. Unfaßbar, woher dieses Mädchen die Sicherheit nahm!

Peter fetzte sich gehorsam und starrte in den tiefblauen Himmel.Ich muß bald zum Dienst!" meinte er. Es klang lustlos.

Gehen Sie doch einfach nicht!" Seine Nachbarin wandte ihm das braune, lockende Gesicht zu.Wir bleiben lieber hier. Und nachher gehen wir ckanzen!" m .... .

Was hatte es für Zweck, diesem leichtfertigen Geschöpf nun einen Vortrag über Pflichtauffassung zu hallen! Peter ertappte sich dabei, daß er Johanna unausgesetzt anstarrte. So reizend sah sie aus, wie sie da saß schmal und licht, ein graziles Wesen, scheinbar ohne jegliche Erdenschwere. Eine tiefe Hoffnungslosigkeit machte ihn plötzlich traurig. So ein zartes Ding", dachte er.Das kann einer wie ich sicher nicht halten. Das ist wie ein silbernes Flügelwesen. Packt man richtig zu, dann behält man höchstens ein bißchen schimmernden Staub zwischen den Fingern." r . _ , ,

Erschreckt suhlte er, daß Johanna den Kopf leicht gegen feine Schul­tern gleiten lieft. Von unten her beobachtete sie ihn aufmerksam.Nett sehen Sie aus!'^Jhre Stimme klang kindlich. Sie rieb die Nase an seiner Jacke und nieste wie ein Kätzchen. Peter sah ganz steif. Er atmete kaum. Onkel Jupp!" sagte das Mädchen und seufzte leise.

Mit der Verzauberung war es vorbei. Dieser neuerliche Vergleich wirkte wie ein Kanonenschlag.Wir müssen gehen!" Peter sprang auf. Er zündele sich eine Zigarette an und lief voraus. Leise trällernd folgte Johanna. *

Spät in der Nacht kehrte er heim und trug verliebt eine Schachtel Konfekt in beiden Händen. Für Johanna! Er hatte es gar nicht er­warten können, endlich nach Haus zu kommen. Behutsam tappte er durch den Garten. Die Tür zur Laube war unverschlossen. Natürlich! Sträf­licher Leichtsinn!

Doch das Geschirr stand sauber abgewaschen im Fach. Auf seinem wohlgeordneten Bett lag ein eng beschriebener Zettel. Peter mußte tief Atem holen, bevor er sich daranmachte, die steilen Schriftzüge zu ent­rätseln.Lieber Peter!" stand da zu lesen.Gern hätte ich Ihnen noch richtig Adieu gesagt heute abend am Ententümpel. Aber das haben Sie gar nicht bemerkt. Und als ich es Ihnen zu verstehen geben wollte Onkel Jupp, wissen Sie! da wurden Sie wütend. Trotzdem kann ich Sie gut leiden. Sie waren sehr lieb zu mir. Aber bleiben kann ich nicht. Sie wissen ja, daß ich ehrgeizig bin. Ich werde es schon schaffen. Bitte, suchen Sie mich nicht."

Peter kehrte bas Blatt um und setzte sich in seiner grenzenlosen Enttäuschung auf die Bettkante. Nahe bei der Petroleumlampe las er weiter:Noch etwas: damit mir so was nicht gleich w-eder passiert, habe ich von den vierzig Mark im Schrank zehn ausgeliehen. Das ist doch nicht unverschämt? Ich bin überzeugt, Sie hätten mir bas Geld igegeben. Aber Sie sagten heule, daß ein ordentlicher Mensch nichts borgt. Und da traute ich mich nicht. Heben Sie nur den Brief gut auf. Wenn ich berühmt werden sollte, zahle ich daraufhin alles zurück. Auch die Zeche von gestern. Ihre Johanna."

Donnerwetter!" sagte Peter nur. Aber richtig böse werden konnte -er nicht. Er war zu traurig. Dann entdeckte er noch den Nachsatz am Rand:Uebrigens hätten Sie mich heute am Ententümpel ruhig küssen dürfen. Ich wäre nicht böse gewesen!" Und nun sprang er auf, lief hinaus in den dunklen Garten, versetzte dem friedlich rauschenden Birn- bäum an der Tür einen gewaltigen Tritt und sagte ein zweites Mal, jetzt sehr zornig:Donnerroetterl"