Weinlese.
Von Anton Schnack.
Der blaue Herbst schenkt neuen Wein.
Im Morgenanbruch hat es sanft geregnet,
Die Landschaft lächelt einen frommen Schein,
Ein Traubenheiliger aus sandigem Gestein
Hat alles Weinbergsland gesegnet.
Der Gartenhüter stampft durchs Traubenreich
Als fröhlicher Erkunder.
Schon find die Beeren angebräunt und weich
Ihm sind sie alle gleich, Ihn machen alle munter.
Den Kropf voll Beeren hat die schwarze Vogelzahl,
Der Winzer schüttet Trauben in die Kufe:
Zukünft'ger Rausch fällt jedesmal von der verwachsnen Stufe, Von einem unsichtbaren Trinkerbacchanal Erschallen schon die wilden Rufe.
Huldigung darzubringen, fo soll darin durchaus keine Ueberschätzung;>
dieses Ortes liegen noch gar eine Herabsetzung anderer Moselstädtchen. Denn was die Lage anbetrifft, fo kann es darin mit manchen anmutiger gelegenen Plätzen an der Mosel nicht wetteifern und auch an Bauwerken wird es von größeren Orten dort übertroffen, wiewohl Kröv außer einem stattlichen Erkerhaus im Fachwerkstil erbaut noch zwei alte Adelshöfe aus dem 18. Jahrhundert besitzt.
Aber eines hat es vor anderen noch schöneren Moselorten voraus. Es regt zu mancherlei historischen Betrachtungen an wie selten ein anderer Ort an der Mosel, denn es hat eine lange merkwürdige Geschichte hinter sich. War es doch einmal Haupt- und Mittelpunkt eines ganzen Reiches, des sogenannten Kröver Reiches, das Kaiser Rotbart lobesam nach feinem Rückzug aus dem erfolglosen Kriege gegen die oberitalieni- schen Städte und den Papst dem Erzbischof von Trier verpfänden mußte. Als Sicherheit für die uns lächerlich vorkommende Summe von 350 Mark Silber, die Barbarossa denn auch bald wieder einlösen konnte.
Doch widerfuhr dem kleinen Reich unter Kaiser Rudolf, dem ersten Habsburger, noch einmal ein ähnliches Schicksal. Dieser sah sich nämlich genötigt, anno 1274 das Reichsgut Kröv an den Grafen von Sponheim wegen geleisteter nützlicher Dienste zu verpfänden. Allerdings muhte er die Ausübung der Reichsvogtei dabei dem Kurfürsten vor Trier überlassen. Und das gab nun eine Kette von ewigen Reibereien zwischen dem Hause Sponheim und Kurtrier. Das arme Kröv zerfiel in zwei Parteien, die einander gegenseitig so heftig befehdeten wie die Montecchi und Capuletti im mittelalterlichen Verona. Eine kleine Ruhepause zwischen den beständigen Zwistigkeiten entstand, als zu Beginn des 13. Jahrhunderts der Erzbischof Wemen von Trier den Ritter Dietrich von Kesselstatt zum Reichsvogt im Kröver Reich ernannte. Seitdem ist dieses Geschlecht, allen Weinzungen wohlvertraut, mit wenigen Ausnahmen ftettg im Obervogteiamt Kröv verblieben. .. .
Was den Ort damals wie heute auszeichnete und was chn den früheren hohen Herren so begehrenswert machte, war der köstliche Wein, der hier wie in der näheren Umgebung von Krov, bis zu einer Ausdehnung von 1 800 000 Quadratmeter, gedeiht. Der Dreißigiahnge Krieg mit seinen Verwüstungen setzte zwar auch den Obstgarten und Wem- onlagen in und um Kröv hart zu. Aber in der Zeit nach diesem verheerenden Schickfalsschlag baute der Fleiß der Winzer und Bauern ^ ölte reiche Gelände von neuem auf. .Mitten m einer der besten We - bergslaqen, wo „der theologische Wein" wächst, von dem es h ß, b er von Adel und Kirche hochgeschätzt werde, errichtete em Reichsgras o Kesselstadt für sich und sein Haus eine Grabkapelle, damit er und die «Seinen auch nach ihrem Leben noch Zwischen Wemreten ruhen konnten. Aber es kam noch ein harter Schlag für Krov und die Kröver. als der Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich auf dem..Bedruckender dem Ort eine Festung errichten lieh. Vauban, der große Kunst er 'M Bau solcher Anlagen leitete selber diesen Bau der Feste Moniroyah an dem täglich bis zu achttausend Arbeiter beschäftigt waren. Die Kro»er wurden ebenso wie die übrigen Moselbewohner zum Frondienit sur dies Werk herangezogen. Sie muhten hauptsächlich Sterne Sand Balken und Schiefer, kurz allen Baustoff, der unten an der Mosel ausgeladen wu de, auf die Höhe hinaufschleppen. Zehn Jahre dauerte dle Knechtiämft für bas Reich Kröv, dem kein Vogt noch Kaiser be.stehen konnte. Aber «n Federstrich machte das ganze Teufelswerk Zunichte. 2m F „ . Rijswijk mußte der Sonnenkönig nebst anderen g°wattsamen Anmg nunqen, die er sich erlaubt hatte, auch die gestohlenen ^^ereien “n Mosel wieder herausrücken. Und unter dem Jubel ... itmriffe
wurde die fast vollendete Zwingburg gegleist deren gewÄt ge U 0 man heute noch an den Trümmern der Gewölbe und Verliese l Königsberg bestaunen kann.
Das Kröver Reich.
Von Herbert Eulenberg.
Es gibt verschiedene Gründe, aus denen man eine Moselfahrt unternehmen kann. Die einen mögen es aus Liebeskummer tun, zu dessen Heilung oder mindestens doch Linderung sich dieser schöne Fluß besonders eignet. Andere wieder gerade aus dem Gegenteil von Gram, aus lauter Lebenslust, um sich an den herrlichen Ansichten und Ausblicken an der vielfach gewundenen Mosel zu erfreuen. Und ein dritter Teil — er bildet nicht die Minderheit — wird die Gegend von Koblenz bis Trier des Weingenuffes wegen besuchen, der einem dort fast an jeder Krümmung der Mosel winkt.
Besonders in der schönsten Wanderzeit im Spätherbst zwischen Most und Federweihe, sieht man hier oft leicht schwankende Gestalten, die von einem Weindorf zum andern pilgern und sich nicht recht entscheiden können, wem sie den ersten Preis ihres Wohlgefallens zuerkennen sollen. Wenn diese Zeilen versuchen wollen, dem kleinen Winzernest Kröv eine
Cs sind mehr oder weniger erfreuliche Geschichtserinnepungen für uns, denen man in Kröv nachgehen und nachsinnen kann. Ergötzlich ist noch zu erzählen, dah im Jahre des Heils 1784 vor dem Reichskammergericht in Wetzlar, dem zehn Jahre zuvor der junge Goethe entronnen war, der zweihundertjährige Prozeß zwischen Sponheim und Kurtrier beendet wurde. Das Kröver Reich und feine Bürger hatten in diesem Rechtsstreit als Dritte um die Schmälerung ihrer uralten Freiheiten und Rechte geklagt. Aber die französische Umwälzung stand bereits vor der Türe, und sie schlug ihre Wellen auch bis zur Mosel Neuerdings hat sich Kröv, zu dessen Reich weiland die noch jetzt dem Moselweinkenner nicht unbekannten Dörfer Reil, Kinheim. Kövenig, Kindel und der Hof Mulay gehörten, durch den Wein mit dem berüchtigten Namen einen Rus erworben. Dieser Name für gewisse Kröver Weinlagen ist indessen keine neue Erfindung. Er wird schon seit Jahrhunderten im Volksmund gebraucht. Und man hat Um sich in Kröv sogar durch einen Beschluß der Hessischen Staatsanwaltschaft vom 22. November 1933 rechtlich zuerkennen lassen. Immerhin ruft der muntere Name dieses Kröver Getränks, der uns an den wohlgemuten Ritter von Berlichingen und seine volkstümlich gewordene ^Aufsorderung erinnert, stets eine gewisse Heiterkeit bei den Besuchern des rebenumwachsenen Städtchens hervor. Er ist wohl auch init ein Anlaß dafür, daß in den Weinschenken von Kröv, im Römer oder in der im Jahre 1685 erbauten Reichsschenke, oder wo man sonst dort einkehren mag, ein etwas rauher, aber herzlicher Ton herrscht, und daß einem die Geschichte von der Namengebung des beliebtesten Kröver Weins auf alle mögliche derbe Weise erzählt wird. Jedenfalls ist feftzuftellen, daß sich hier an der großen Moseldoppelschleife zwischen Traben-Trabach und Bernkastel-Cues schon manch eine durstige Kehle und Seele feftgetrunten hat. Was auch die zahllosen Gedichte und Verse bezeugen, in die man sich in den Gaststätten von Kröv verttefen kann. Denn ohne Zweifel scheint der Wein, der hier gereicht wird, auch die Lust am Dichten zu erwecken Und der sonst so nüchterne Philister findet hier, wenn nicht nach der ersten, so doch nach der zweiten Flasche ein paar Reime aus das Wohlgefühl des Lebens und den Hochgenuß des Weines. Obgleich die ehemalige Reichshauptstadt Kröv den einzigen Fehler hat, daß sich kein einziges Wort unserer Sprache so recht auf den Namen des Dörfchens reimen will. Man müßte dann schon das Platt dafür zur Hilfe nehmen. Aber vielleicht erlassen die Kröver einmal ein Preisausschreiben, in dem sie fünfundzwanzig Flaschen ihres unaussprechlichen allerwertesten Weines demjenigen versprechen, der die meisten Reime auf ihr geliebtes Weinnest zu finden weiß.
Milder Herbst.
Von Heinrich Zillidj*.
O milder Herbst, der lang das grüne Laub mit vielen blauen Tagen schützt, durch Morgentau und Mittagsstaub noch sommerlich die Zeiten lenkt und nur im Walde hier und da, wo sich sein Arm an eine Buche stützt, verträumten Spiels die ersten Blätter sengt. Nur hie und da, nur da und dort streift er die reife Fülle fort, wird rot der Efeu, rund die Frucht, und Nebel wiegt sich in der Bucht an manchen Morgen winterweiß.
Auf unsrer Stirn versiegt der Schweiß.
An schattenlangen Nachmittagen ruht auch der Wind. Die Berge ragen. Darüber schweigt ein kühler Flor. So bringt der Zetten Wandel vor. Doch unser Herz wird weiter schlagen.
Das Mädchen Johanna.
Erzählung von Edith Zübert.
Kurz vor Torschluß, als Peter im Begriff war, die Tische abzuräumen, öffnete sich noch einmal die Tür zu der kleinen Wirtschaft am Bahnhof. Ein junges Mädchen kam herein, sah sich unschlüssig um und nahm bann im entlegensten Winkel Platz.
„Bitte, kann ich noch etwas zu essen haben?" Die Stimme war hell und schüchtern. Man konnte nicht gut unwirsch sein mit einem so netten, bescheidenen Ding, zumal man selber jung war und im Printtp nichts gegen ein hübsches Mädchen einzuwenden hatte.
„Die Küche ist schon geschlossen!" bemerkte Peter bedauernd. „Der Koch ist fort. Haben Sie großen Hunger?"
Das Mädchen nickte und seufzte dabei. „Sehr grohenl Seit heute morgen habe ich nichts gegessen."
„SchlimmI" Peter schwenkte die Serviette nachdenklich durch die Luft. „Mögen Sie Rührei?" fragte er dann. „Rührei mit Speck?"
Die blauen Augen strahlten auf. „Gern!" beteuerte das Mädchen. „Recht viel, bitte! .Auch ein großes Glas Apfelsaft. Und hinterher etwas Süßes, ja? Haben Sie Preiselbeeren?"
Eigentlich war das eine entwürdigende Beschäftigung für einen perfekten Kellner mit Sprachkenntniffen: am Herd zu stehen und Eier in einer Schüssel anzurühren. Herr Krause, der Wirt, machte runde Augen, als er seine erste und einzige Kraft dabei überraschte.
„Sie ist so klein und verhungert", erklärte Peter verlegen und meinte bas fremde Mädchen. „Schauen Sie nur mal durch die Tür."
Herr Krause tat es und schüttelte mißbilligend den Kops. „Was will dieses junge Ding mitten in der Nacht allein in einem Lokal", meinte er ungerührt. „Bring' ihr das Essen und sorg', daß sie zahlt!"
* Wir entnehmen dieses Gedicht mit Erlaubnis der Schriftleitung dem Oktoberheft der Zeitschrift „Das Innere Reich".


