Heranttoortlid) Dr. Kan« Thyriott — Druck und Verlag: Vrühl'sche LlniverlttätS-Duch» und Stetndruckerei. A. Lange, Sieben.
panje.
Bon Peter Bauer.
„Aus dem Land gehört in jedes Haus eine Rahe", sagte die Frau und seszte einen kaum mehr als handgrossen schwarzen Kater aus die Wirts- Hausbank neben ihren Mann.
„Auch in ein Gasthaus?" knurrte er.
Die Frau nickte nur. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehörte dem kleinen Schwarzen. „Sieh nur, er will etwas von dir!" lächelte sie.
Das Katerchen schwenkte seinen Schweif nach dem Wirt, hob seine bernsteingelben Augen zu ihm aus und miezte einen Seufzer, wobei das rosige Zünglein sichtbar wurde.
„Er wird Durst haben", sagte der Wirt und nahm das Kätzchen auf seinen Arm.
Ein einsamer Gast, der am Nebentische saß, kam herüber und streichelte das samtne Fell: „Das gibt ein schönes Tier!" behauptete er mit der Miene eines Kenners.
„Ich glaub' es auch", schmunzelte der Wirt, schon ein wenig stolz auf den neuen Besitz, und alle drei zogen vergnügt zur Küche, um dabei zu [ein, wie das Kätzchen feinen Durst stillte. Es schlappte ein wenig Milch, schüttelte das Schnäuzchen, lief um den Teller, schnupperte in die Lust und sträubte plötzlich, am ganzen Körper zitternd, sein Fell.
„Der Hnnb!" schrie die Frau. „Pfui, Tyrasl"
Aber es wäre schon um den kleinen Kater geschehen gewesen, hätte der Wirt nicht die hereinstürniende Dogge am Halsband gepackt. Tyras war ein berüchtigter Katzenseind. Wenn er eine erwischte, war sie erledigt. Er biß ihr mit einem Zugriff das Genick durch und schleuderte sie beiseite.
Die wirst dich an den kleinen schwarzen Herrn gewöhnen müssen", sagte der Wirt zu der wütenden Dogge, die vergeblich an ihrer Fessel zerrte und sich fast den Hals zuzog.
„Das wird er schon", meinte der Gast und verließ mit dem Wirt, der den Hund hinaussührte, die Küche.
„Aber wie soll er heißen, der kleine Kater?" rief die Frau ihnen nach.
„Ja, wie soll er heißen?" echote der Wirt stehenbleibend, und alle drei senkten sinnend die Stirne.
„Mohrcheni" meinte die Frau.
„Peter, der schwarze Peterl" schlug der Gast vor.
Aber der Wirt schüttelte den Kopf. „Ich hab'sl" rief er nach einer weiteren Denkpause triumphierend. „Panse heißt er, der kleine schwarze Herr! Das erinnert mich an meine Kriegsjahre in Polen!"
Beete von Veilchen waren die Berge. Bald aber stieg im Osten über dem tiefen «ergblau das kalte, leere, leichte Blau des Schattens herauf den der Ball der Erde wirft, der kosmische, slachrunde Schatten stieg in dem Maß, in dem im Westen die Sonne unter den Horizont tief und tiefer versank, im Osten hoch und höher, und die Sterne der er- lösenden Nacht blinkten herein und immer stärker herein.
Mit einem Kleide.
Bon Eduard M ö r i k e.
Drunten in des Kausherrn Warenhalle Sehnte sich ein Kleidchen schon (eit lange [Ohne daß es drum, versteh' mich! eben, Was man sag«, ein Ladenhüter wäre), Sehnte sich aus des Gewölbes Schatten An das Tageslicht, in Lust und Sonne, Einem guten Mädchen oder Fräulein, Das so um die vierunddreißig stünde, Angeschmiegt vom. Hals bis aus die Knöchel, Sich mit ihr im Zimmer, durch den Garten Und aus Markt und Straßen zu bewegen. Et, da kamen wir zur guten Stunde, Sahn der schönen Ware eine Menge, Mit noch schönem Worten angepriesen, Ausgebreitet vor uns auf den Tischen.
Doch dies Kleidchen sprach zuletzt bescheiden: „Wählet mich! dem heißen Sommer bin ich Und dem kühlen Herbst gerecht, an Farben Mild, und linde fallen meine Falten.
Nehmt mich mit! Ihr kaufet nicht zu teuer.' — Nun, in kurzem war der Handel richtig, Und hier ist es, dir zum Dienst gewidmet.
Sieh! es frembet noch, beschämt, ein bißchen, Ungewiß, ob es gefallen werde.
Doch es darf durch manche stille Tugend Hassen, mit der Zeit sich wert zu machen: Fühlt es doch in dem und jenem Stücke Sich voraus der lieben Herrin ähnlich. Wenig wird es dich ins Schauspiel locken, Zu Konzert und Prunkvisiten wenig; Eher können Dors und Wald es reizen. (Wundershalb nur möchf es dieser Tage Gleich einmal die Eisenbahn versuchen.) Aber ach, was will ein armes Kleidchen Heul' bedeuten in des Mannes Händen, .Der dich gar zu gern, o Allerbeste, Um und um in seine Liebe hüllte, Daß du, nur in diesem Aeiher wandelnd, Dich wie heute fühltest alle Tagei
„An Ihr Lieblingsthema!" ergänzte der Gast, der Bescheid wußte, was der Wirt schmunzelnd bestätigte. ........ ,,
„Panje?" wiederholte die Frau und zog die Mundwinkel schies, wett sie nichts mit dem Namen anzusangen wußte.
Herr heißt das auf Deutsch!" Harte sie der Mann auf und schritt, sich stolz in die Brust werfend, mit dem Gast in die Wirtsstube zurück.
Und es blieb dabei. Das heißt: der Wirt nannte den rasch und prächtig sich entwickelnden Kater „Panje", während die Frau ihn „Zitz, Ziß lockte. Und der Kater hörte aus beide Anruse und hatte seine Borteile ba°4(u(f) mit Tyras, der Dogge, kgm der Samtpfotige bald in ein gutes, ja brüderliches Verhältnis. Sie fraßen zusammen aus einem Teller, und schließlich schienen dem Hund die Tollheiten des Katers zu gefallen denn er duldete sogar, daß der Schwarze ihm gelegentlich auf den Nucken sprang und sich ein Stück tragen ließ.
danjes Fell verdichtete sich bald zu einem üppigen, weichen und leibigen Pelz, ber jebe Hanb zur Liebkosung verlockte. Aber Panje zeigte sich für Schmeicheleien von Fremben wenig empfänglich unb entzog sich ihnen meist mit einem überrafdjenben Fluchtsprung.
(Einer feiner stillen Bewunberer war ber junge Lehrer aus bem Nach- barborf, bas eine Wegstunbe entfernt im Tal lag. Er tarn Purstes wegen fast täglich zum Dämmerfchoppen, wozu er sein Fuhrrub einen langen Anstieg herausschieben mußte. Eines Abenbs rückte er nach vorsichtigem Umschweifen enblich mit feiner Bitte heraus, ihm ben Kater zu über, (affen unb legte bem Wirt brei Markstücke auf ben Tisch. Dieser lächelte unb ging in bie Küche, um mit seiner Frau zu sprechen: Der Lehrer sei sozusagen ein Stammgast geworben, unb er biete brei Mark bazu, ba dürfe man seinen Wunsch nicht abschlagen. Sie bekomme immer wieber einen neuen Panje im Dorf. .,
Aber keinen so schonen wie diesen", widersprach die Frau, und ihre Augen schwammen in Tränen. Doch schließlich gab sie nach und verließ das Haus, weil sie die Berschieppung Panjes nicht mit ansehen könne.
Als sie wieberkam, zeigte ihr der Mann seine zerkratzten Handrücken. Es sei keine leichte Arbeit gewesen, den Krallsüchtigen in eine Kiste zu bringen.
„Unb wenn Panje zurllckkehrt?" fragte bie Frau.
„Der Lehrer muß ihn bie ersten Tage einsperren, so schlau wirb er schon sein!" antwortete ber Wirt.
Aber entweber war ber Lehrer nicht so schlau ober Pan;e war schlauer, benn am nächsten Morgen saß ber Schwarze wieber in ber Küche unb schlappte mit Tyras aus einem Teller. Nachmittags hotte ihn ber Lehrer wieber. Die Gefangennahme verlief noch schwieriger als bas erste Mal. Die Frau vernahm im Keller bie wilbe Iagb unb sah später neue blutige Schrammen unb Nisse an ben Hänben ihres Mannes. Dem Lehrer habe ber schwarze Teufel in ben Daumen gebissen, erzählte er.
„Unb wenn er roieberfommt?" fragte bie Frau.
„Diesmal kommt er nicht wieber!" prophezeite ber Mann finster.
Unb wirklich! Ein Tag nach bem onbern verging, eine Woche verstrich unb bie zweite: Panje blieb fort. Vergebens suchte bie Frau morgens unb abenbs alle Winkel bes Hauses unb seiner Umgebung 4b: ihre Hoffnung auf Panjes Rückkehr war am Erlöschen.
Da, am Sonntag ber britten Woche, sie wollte ihren Augen nicht trauen — saß Panse morgens in ber Küche unb leckte ben Hunbeleller sauber. Er sah völlig verelenbet unb verkommen aus. Das glanzlose, struppige Fell hing grau voll Staub unb Schmutz. Schmeichelnb brückte er sich gegen bie Röcke ber Frau unb schnurrte vor Freube, ba sie ihn streichelte. Auch mit ber Dogge, bie vor Begeisterung bellte, tauschte er zärtliche Begrüßungsgesten. Nur vor bem Wirt begann er zu fauchen unb bie Zähne zu fletschen. Unb bas würbe auch in ben folgenben Wochen nicht anbers, was ben Wirt allmählich wurmte. Außerbem ärgerte er sich über ben Lehrer, ber nichts mehr von sich hören ließ. Es mußte boch
alles seine Richtigkeit haben, unb bas war nicht in Ordnung, daß er die
Katze und das Geld befaß. Flüchtig dachte er daran, dem Lehrer das
Geld zu schicken, ober die brei Mark waren ihm zu lieb. Panje, ber
Unversöhnliche, mußte verschwinben. War in bem Gesicht bes Schwarzen, der sich wieber glänzenb erholt hatte, nicht ein Ausbruck wie Verachtung, wenn er mit einem lautlosen Sprung voll Geschmeibigkett unb Kraft an ihm vorbeifetzte?
Er schlich eines Morgens in aller Frühe mit einer alten Militärpistole in ben Saal, ber an seinem Hof entlanglief, unb öffnete geräuschlos ein Fenster. Da saß, wie er vermutet hatte, Panje auf bem Mäuerchen bas fein (Eigentum gegen bes Nachbars Miste abgrenzte, unb blinzelte zu ben Hühnern hinüber bie ohne (einer zu achten, in Dem aufgehäuften Dung scharrten unb pickten. Der Wirt überlegte nicht lange und knallte tos. Nachher würde er ben Leichnam im Garten vergraben. Aber er (and feine Spur von Panje, sondern ein Huhn, bas mit zuckenben Ffüaeln verendete. Und drüben beim Nachbar wurden die Fensterläden aufaeftohen, da galt es zu handeln. Er nackte das Huhn, überreichte es bem Nachbar, ber geruhe an ber Tür erschien, samt brei Markstücke» unb erzählte ihm Panjes Geschichte. Das verbutzte Gesicht bes Mannes klärte sich msehenbs auf, unb zuletzt lachte er unb schüttelte bem Wirt herzlich die Hand, als er mit einem zagen „Nichts für ungut, Nachbar!" feine Schilderung schloß. Und mittags lachte er noch einmal, ba ihn bie ftühnerfupnc fräftio anduftete. Unb auch bie Frau bes Wirtes lachte still in sich hinein, als sie Panse mit Tyras zusammen aus einem Teller schlappen sah. Und die Dörfler schmunzelten vergnügt, gls sie bie Neuigkeit vernahmen. Aber schließlich kam auch ber Wirt auf seine Kosten: so viele Abenbfck'ovven waren lange nicht bei ihm getrunken worben wie in ben folgenden Togen, wo er immer wieder erzählen mußte. Denn jeder wollte die Geschützt,- »on ihm selbst hören, unb keiner ließ bie Frage aus: Wie in aller Welt bie Katze zu bem seltsamen Namen komme.
Unb 6a mar er ja bei feinem Lieblingsthema.


