Ausgabe 
15.3.1937
 
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Beim Schlage der Stutzuhr.

Von 6. G. Kolbenheyer.

Von deinen Rusen in meine Zeit, Deinen dunklen und Hellen, Glitten die meisten auf schwingenden Wellen Ungehört in di« Ewigkeit.

Ich war in Buch und Schriftwerk versunken, (Was sollte dein Schlagen!)

War von den ringenden Menschheitstagen Weiter Gesichte trunken.

Du hast den treuen Schritt deiner Zeit,

Den sonnebemeßnen, Stetig erfüllt, den im Traum« vergehnen Stets zu künden bereit.

Ewiger Sterne voll ist dein Gang, Und er huschte vorüber.

Fand zu den endlosen Masten hinüber. Was mir gelang?

Am amerikanischen Nil.

Von Joses Ponten.

Der Nil ist die große Oase Nordafrikas, eine Fluhoase. Er wird genährt von den abessinischen Gebirgen. Ihm entspricht in Amerika der Rio Grande del Norte, gespeist aus dem südlichen Felsengebirge. Beide Ströme sind in ihrem Unterlauf ohne Nebenflüsse. Sie unterscheiden sich dadurch, daß di« Fruchtbarkeit der Nil-Oase nicht nur aus dem schwellen­den Wasser der Schneeschmelze, sondern auch auf dem mitgeführten und im überschwemmten Lande niedergeschlagenen Schlamm beruht, während die der Rio-Grande-Landschaft nur dem ziemlich stetigen, durch Abzap­fung und Ableitung genutzten Wasser gedankt wird. Im Wesentlichen aber sind Nil und Rio ähnlich: beide sind auch in der Trockenheit aus­dauernde Flüsse in Durstländern. Da die zwei Hauptfaktoren der Frucht­barkeit Feuchtigkeit und Wärme sind, so ist im allgemeinen die Wüste, die Wasser hat (fließendes Wasser, denn stetiges verdampft zu Salz), wider alles Laienerwarten sehr fruchtbar. Eine Schwärmerei hat der Wüstenreisende für den vasensluß; sie braucht nicht begründet zu werden. Nach tage- und wochenlangem Anblick von braunen, gelben und roten Sanden oder grauen Krautsteppen erfrischt der bloße Anblick von fließen­dem Wasser das Gemüt, man wird es nachfühlen.

Wir kamen an den Rio Grande del Norte noch langer Kroftwagen- fahrt durch die Steppen von Texas bei dem ordentlichen Städtchen Del Rio und gingen über ihn ins Mexikanische hinüber in ein malerisches Nest, wo wir scharfgewürzte mexikanische Fischgerichte in Teig- oder Blätterumhüllung aßen und wieder einmal Wein tranken. Dunkle Männer unter riesigen Filzhüten gingen an der offenen Schenk« vorüber. Es war Frühnacht, und wir hörten vom Fluß mehr denn wir sahen, als wir über die Holzbrücke ins Amerikanische zurückgingen. Dann mußten wir von neuem in Steppen, Prärien und Wüsten hinein, wir kreuzten trockne bunte Canontäler und auch das nasse des Nebenflusses des Rio Grande, das des Rio Pecos. Ihn überschritt nach Westen, heißt es, einstens einmal der Bison auf seinen Jahreszügen durch die Prärien als das heilige Tier der Indianer noch nicht der furchtbaren Dämonie des Schießgewehres der Weißen erlegen war.

Wir kamen in phantastische Landschaften des Trockenklimas, bunt von Farbe und aberteuerlich von Form. Die meist schwarzen und fast immer harten Stoffe eines späten Vulkanismus lagen über den Hellen Sanden und Mergeln eines Binnenmeervermächtnisses. Sonnenauf- und Untergänge überfärbten das farbenreiche Land. Aber an den grellen Mittagen und ersten Nachmittagsstunden mit einförmigem und ertöten­dem Licht war das Steuern für den Fahrer eine nur halbe Lust, die zur Augenqual wurde, wenn die Westfahrt genau in die gleißende Sonne hineinging. Man schützt sich mit grünem Stirnschirm aus Zelluloid und gelben Augengläsern; aber es kam wohl vor, daß gehalten werden mußte und der Fahrer um zehn Minuten Ruhe bat. Das Gesicht in den dunklen Wagen gekehrt, fiel er sofort in einen kurzen erregten Schlaf.

Doch das Licht war nicht allein die Mittagsqual. Um Mittag erhebt stch, wie meist in heißen trockenen Ländern, der Wind. Die durch Boden­bestrahlung erhitzte Luft steigt auf und rührte sich durcheinander. Sand­hosen stehen in der Wüste auf, im sonnenklaren, weiten grenzenlosen Lande ziehen sie wirbelnd ihre Straße, und es ist oftmals nicht durch langsamer oder schneller Fahren zu vermeiden, daß der Wagen in den in seinem Gang nicht berechenbaren Wirbel hineingerät. Dann wird es einen Augenblick kühl, der Sand reibt aus Haubenblech und Scheibe, knirscht auch bald zwischen den Zähnen und wird aus ben Augenwinkeln gerieben. Früher, als di« Lackfarbe des Wagens noch nicht gebrannt wurde ereignete es sich, daß Kraftwagen aus einem solchen Sturm, durch das Sandgebläse nackt gemacht, in der reinen Aluminium- oder Blechfarbe des Aufbaus herauskamen.

Immer sieht man in der Stunde der hohen Sonne die gelben Sand­hofen durch die Landschaft tanzen, und öfter erblickt man auch Sand­stürme, breite, dunkle, gewitterbahnähnliche Gebilde, wie sie über oie blauen, fernen Randgebirge herauf- und fernabziehen. Ziehen sie nicht fernab und fürchtet man ihr Herllberkommen, so sucht man wohl einen Unterstand. Aber wo finden? Meilen und Meilen entfernt liegen die Siedlungen, man fährt wohl zehn, auch zwanzig Meilen nach der Karte, auf der einOrt" eingetragen ist, und findet vielleicht ein« einsam« Benzinstatton. . , . .....

Einmal stieg die dunkle Sandwand gerade vor uns auf, der nächste Ort vor uns, ob auch weit entfernt, war näher als der nächste hinter uns. In jedem Fall würden wir in den Sandsturm hineingeraten asio hindurch! Die Temperatur siel. Die Sonne verschwand. Die Luft wurde

undurchsichtig. Die Nähe verhüllte sich tief. Und dann kam der Sturm. Er überschüttete uns mit Sand. Es war so unsichtig vor den Augen, daß ich nur wenige Meter über den Kühler hinausschauen konnte und aufs Gratewohl und auf gut Glück fuhr. Es war mir bekannt, daß in diesem Amerika, in dem der Wind im Durchschnitt und allgemeinen die doppelt« Stärke des Windes in Europa hat, Kraftwagen vom Sturm wohl aus der Bahn gehoben, fortgeschleudert und auch zertrümmert werden. Aber dieser Sturm war nur schwach .. Die Wand war bald durchfahren, die Sonne erschien wieder, eine rote Scheibe in der Sand­luft, die Atmosphäre beruhigte sich, Sand und Sturm waren hinter uns.

r au|! Denn diele waren alle geschlossen worden, um mit hohlem Wageninnern dem Wind keinen Hebepunkt zu bieten. Der Schweiß zog Bäche über die sandbedeckten Stirnen Das Innere des Wagens war mit Sand bedeckt, daß, als über einem unbeobachteten Loch der Wagen einen Hopser machte, eine Wolke von Sand aus den Pol­stern aufrauchte. Mund, Augen, Ohren voll Sand. Die Uhren in der Tasche hatte eingedrungener Sand zum Stehen gebracht. Die photo­graphischen Apparate in ihren Kasten, die Kleider in den Koffern, wie sich nachher herausstellte in allem war Sand.

Und die Fußbremse versagte. Der mehlfeine Sand war auch in die Bremsgestänge eingedrungen und hatte die Schmierbüchsen verstopft. Da hieß es mit dem Oel freigebig sein.

Man wird mir die Genugtuung glauben, die wir' empfanden, als wir an die Flußoase kamen. Kamen? Wer der Verkehr wurde, eines Streckenbaus wegen, für eine Meile durch die Wüste umgeleitet. Bald saßen wir in den Sandschanzen fest. Erster Gang und Vollgas doch die Maschine gab einige erbärmliche Töne von sich, die Hinterräder drehten sich im Leeren im Sand. Noch einmal der Versuch, und wieder, das Gettiebe sang sich hoch der Wagen stand. Hinaus und mit den Händen den Rädern Bahn geschaffen. Der Sand war heiß von der Reibung der Räder in ihm umsonst. Vor uns steckte ein Omnibus in der Wehe, und hinter uns war bald eine Kolonne von anderen Wagen aufgefahren. Und alle Maschinen sangen. Und alle Hände gruben.

Wir sind losgekommen, als wir dornige Trockengewächse der Halb- steppe herausrissen und sie in die tiefen Spuren vor den Rädern stopften. Vor uns wackelte der Omnibus durch die Hügel der Hartgewächse. Schließlich brachte die brave Maschine uns hinaus auf das Harte der Straße. Die Oase! Oase ist eines der kostbarsten Worte des Menschen. Da war der Rio abgeleitet,' in breiten Kanälen floh das starke Wasser entlang den Leisten des Tales und netzte durch wohlregulierte Aus­lässe den Talgrund. Das Land war rot. Und Grün stand darauf. Grün von einer Farbkraft, wie man sie sich nicht denken kann. Und Pfirsich­bäume und Pappeln. Und wir kamen nach El Paso.

Der Paß" von Mexiko. Ein« eintönige, ordentliche, amerikanische Stadt, ihre Ordentlichkeit hat sogar auf das über dem Rio liegende mexikanische Juarez abgefärbt. Eisenbahnzüge einer uns nur zu gut bekannten Art rollen herein: der erste Teil der Züge bestand aus Per­sonenwagen mit Männern in Khaki an den Fenstern, der zweite aus offenen Loren mit Kanonen darauf, der dritte aus geschlossenen Loren, aus den Schiebefenstern steckten durstige Pferde die Köpfe.

Am anderen Tag fahren wir im Riotal nach Norden. Ja, das ist der Nil! Eine langgestreckte rote Oase mit dem intensivsten Grün der Pflan­zungen und so breit oder schmal, wie das Wasser zugeführt werden kann. Darüber hinaus Wüste, beschlossen von schönen, kahlen Bergen mit spanischen Heiligennamen. Die Dörfer gesund und stattlich, die kubischen Häuser wie in Aegypten aus Lehm, der an der Sonne stein- hart wird, erbaut, die Männer in riesigen Sombreros, die Frauen in bunten Seidenschals, denn es ist Sonntag. Auch die Kirchen aus Lehm, die Mauern geböscht wie die ägyptischen Steintempel, denn dies« für den Steinbau unnötige Böschungsform ist in Aegypten (Überlieferung aus dem Lehmbau. Die Pfirsichbäume hlühen zartrosa, di« Pappeln, cottonwood, Baumwollbaum, geheißen wegen der flockigen Blüten, führen mit zartem Grün den Blick weit hinauf, wo man den Rio nicht mehr sieht, als Begleiter des Flusses. Der graue Baum mit der rissigen Rinde ist der Charakterbaum dieser Wüsten; er steht immer dort, wo offenes Wasser ist. Es ist ohne Frage derselbe Saum, den Hedin aus den Wüsten in Turkestan und den Tarim entlang abgebildet hat. Die Straße, dem Wohlstand und dem Verkehr der dicht besiedelten Gegend entsprechend, ist in gutem, ja in bestem Stand. Auf der Zementdecke dahingleitend, die Morgensonne im blauen Gezelt über uns und Sonntagsstimmung und die Genugtuung über die Oase nach der Wllsten- fahrt in uns es war eine herrliche Fahrt! Die Maschine hatte ihre Anstrengung von gestern und vorgestern vergessen, wie wir.

Aber es kam wieder der Mittag und. sein ödes Licht, die Landschaft wurde von Bewohnern leer, die Menschen gingen in die Kühle ihrer fast fensterlosen Häuser, Sandhosen standen wieder am Rande der Wüste auf und wagten sich auch in die Fruchtgelände, wo sie, ungenährt, bald zusammenbrachen, die schönen, farbenfrohen Vögel Amerikas,redwinged blackbirds" schwarz mit roten Streifen auf den Flügeln gleich Ehren­legionsbändern auf Fräckenbluebirds", taubengraue Vögel, vom herrlichsten schimmernden Blau, suchten den Baumschatten; aber wir Reisenden mußten fahren.

Der Abend ist das Herrlichste in der Wüste. Es ist, als ob die Natur durch Kühle der Luft und Entfaltung von Farben um Vergebung bitten wollten für das, was sie am Tage dem Auge und Gemüt des Reisenden auszustehen gegeben hat. Den Fluß mit den zarten Farben seiner Vegetation mußten wir verlassen, denn Terrassen, die er in diesen stoff­lichen Niederschlägen eines tertiären, einst zwischen den Randbergen stehenden Binnenmeeres ausmodelliert hat, schoben sich heran und es ging hinauf und hinab durch die trodenen Täler der Zuflüsse der Regen­zeit auf nicht ungefährlichen Wegen. Die Hupe tönte unaufhörlich vor den kiesigen Nasen und Krümmungen. Aber die am gänzlich wolken­losen Himmel in Gelb und Gold untergehende Sonne zauberte ein Blau und bann ein Violett über die Serge, wie wir es wahrlich niemals ge­sehen haben.