„Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkubel.
,Lch denke sie mir gar nicht, Waldemar. Ich weiß nur, daß es em wildes Land ist."
„Ein freies Land, liebe Tante."
„3a, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der'-and hast, so beschwöre ich dich ..." .
An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine Störung tarn) das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet worden und nun hielt er ihren Brief in -änden und zögerte, das Siegel zu brechen. „3ch weih, was drin steht, und ängstige mich doch beinahe^ Wenn es nicht Kämpfe gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die find mir womöglich noch fataler ... Aber was hilft es!"
Und nun brach er den Brief auf und las:
„Ich nehme an, mein lieber Waldemar, daß Du meine letzten Worte noch in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: alb auch in dieser Frage die -eimat nicht auf, halte Dich, wenn es fern kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so sehr verschieden. Ich sehe Dich über solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei. Was ich Ade! nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer alten Nachbar- und Schwesterprooinz, ja, da vielleicht noch reiner als bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem Zusehen auf dem adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen will ich machen. Ich Hobe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von Köln und Aachen; nun ja, die mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht katholisch Eid dann sind sie was anders, wo der Vater erst geadelt wurde. Neben n rheinischen haben wir dann die westfälischen. Ueber die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen -errschasten, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so gut wie polnisch und leben vom Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen; immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen, wo schon alles aufhört. Nun, die kenn ich, die find ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer. Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so streng und so sehr für unsre Mark bin, so speziell für unsre Mittelmark. Deshalb, mein lieber Waldemar, weil wir in unserer Mittelmark nicht so bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört, unser märkisches Land sei das Land, drin es nie -eilige gegeben, drin man aber aber auch keine Ketzer verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt, Mittelzustand, — darauf baut sich das Glück auf. Und bann haben wir hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine Lehre und in unferm Abel bas reine Blut. Die, wo das nicht zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich, das, was sie das .Geistige' nennen, bas litte barunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es leidet aber nicht), so schadet bas gar nichts. Wenn bas -erz gesund ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Aus diesen Satz kannst Du Dich verlassen. Und so bleibe denn, wenn du. suchst, in unsrer Mark und vergiß nie, daß wir bas (inb, was man so chranbenburgifche Geschichte' nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger Gegend empfohlen fein, von der mir selbst Koseleger — trotzdem seine Feinde behaupten, er be= . trachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne sich fort nach einer Berliner Domstelle — von der mir selbst Koseleger sagte: ,Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht, so findet man immer, baß sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln unsrer Kraft.' Und so schließe ich denn mit der Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der Liebe Deiner Dich herzilich liebenden Tante und Patin Adelheied von St."
Woldemar lachte, ,,-eirate heimisch und heirate lutherisch — bas hör ich nun schon seit Jahren. Unb auch bas britte höre ich immer wieder: .Geld erniedrigt.' Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist, bann kann es schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles @elbfrage. .Gelb erniedrigt'. Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist, kann noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante."
Während er lachend so vor sich hinsprach, überflog er noch einmal den Brief unb sah jetzt, baß eine Nachschrift an den Rand ber vierten Seite gekritzelt war. „Eben war Katzler hier, der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise stattsinbenden Nachwahl erzählte. Dein Vater ist aufgestellt worben unb hat auch angenommen. Er bleibt boch immer der alte. Gewiß wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, — er litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer bebüntte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. Deine A. von St."
17. Kapitel.
Es war so, wie bie Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für Wolbemar noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten einige am.Tage darauf von Lorenzen eintrcffenbe Zeilen diese Zweifel beseitigt. Cs hieß in Lorenzens Brief:
„Seit Deinem letzten Besuch Hot sich hier allerlei Großes zugetragen. Noch am selben Abend erschienen Gundermann unb Koseleger und drangen in Deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zuerst natürlich ab; er sei weltfremd und verstehe nichts davon. Ader damit kam er nicht weit. Kofeleger, ber — was ihm auch später noch von Nutzen [ein wirb — immer ein paar Anekboten auf ber Pfanne hat, erzählte ihm sofort, baß vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem .Ich verstehe nichts bavon' aus ber Affäre ziehen wollte, ber bismarckisch-prompten Anwort begegnet fei: .Darum wähle ich Sie ja gerabe, mein Lieber', — eine Geschichte, ber Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingero'dligt. Von -er- 'imreifcn ist selbstverständlich Abstanb genommen worben, ebenso vom Rebenhalten. Schon nächsten Sonnabenb haben wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen bie Würfel. Ich glaube, baß er siegt. Nur bie Fort
schrittler können in Bettacht kommen unb allenfalls bie Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist), einiges abbrotfelt Unter allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du Dich seines Entschlusses reutest. Du kannst es mit gutem Gewissen. Bringen wir ihn durch, o weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag sitzt und daß nur uns alle zu feiner Wahl gratulieren können. Er sich persönlich allerdings auch. Denn ein Leben hier ist zu einsam, so sehr, daß er, was doch fonst nicht seine Sache ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich Dich wiffen lassen muhte. .Sonst nichts Neues vor Paris.' Krippenstapel geht 'N großer Aufregung einher; ich glaube, wegen unsrer aus Donnerstag in Stech- [in selbst angesetzten Versammlung, wo er mutmaßlich feine herkömmliche Rede über den Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich deinen zwei liebenswürdigen Freunden, besonders Czako. Wie immer. Dein alter Freund Lorenzen."
Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich dazu stellen sollte. Was Lorenzen da schrieb, fein Besserer im -ause sitzen würde", war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der Alte war durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß er in dem Wahlkampf unterlag.
Diese Bedenken Waldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den Gegnern war, als Sieger aus ber Wahlschlacht heroorgehen müsse. Die Konservativen hatten sich daran gewöhnt. Rheinsberg-Wutz als eine ,,-ochburg" anzusehen, bie ber ftaatserljalfenben Partei nicht verlorengehen könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum, und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen Rücksichtnahme muhte doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit diesem mußt es vorbeisein, eben weil sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, „daß ein Fortschrittler, aber auch ein Sozialdemokrat gewählt werden könne."
Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der am besten erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür des alten Baruch -irfchfeld gehorcht hätte.
„Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten Herrn von Stechlin."
„Nein, Vater. Ich werde nicht wählen den guten alten -errn von Stechlin."
„Warum nicht? Ist er doch ein lieber -err und hat das richtige -erz."
„Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip."
„Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan unb hast ihr aufgebunben bas Schürzenband, unb sie hat bir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt um bas christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt, um die öffentliche Meinung. Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir verziehen. Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht."
„Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich wähle, wähle ich für die Menschheit."
„Geh mir, Isidor, d i e kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen."
„Laß sie teilen, Vater."
„Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten Teil."
Und ähnlich ging cs in andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix für das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch In der Wutzer Gegend die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn fei, von Adel unb Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten bloß immer auf den -immel. Achtstünbiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach Finkenkrug, — das fei das Wahre.
So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin herum hoffte man der Sache noch -err werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu können. Im Dorftruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt.
Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von Wutz her heransührenden Kastanienallee mit ber eigentlichen Dors- sttatze gebildet wurde, unb war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste. Vor seiner Front ftanben ein paar uralte Linden, und drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die -auswand herangeschoben, aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden, während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte. Dieser große Saal war ein fünffenftriger Längs- raum, ber schon manchen Schottischen erlebt, was er in feiner Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige Baßgeige, bie jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen märe, guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen -aste von der Musikempore her über die Brüstung fort.
(Fortsetzung folgt.)


