GietzeimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937 ___________Montag, -en 15. März Nummer 2\
öet? GieGßin
Roman von Theodor Fontane
14. Fortsetzung.
„Das ist fatal. Aber es steigert anderseits doch auch wieder den Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem Meere, Luftballons. Ist denke mir, das Nächste, was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel die andre entert. Ich kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben."
„Ja, liebe Melusine, das seh ich", unterbrach hier die Baronin „Sie verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die Wirklichkeit und sogar unser Programm. Ich muß angesichts dieser doch erst kommenden Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern, daß für heute noch wer anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor Lorenzen. Von d e m sollte die Rede sein. Freilich, der ist kein Pyrotechniker."
„Nein", lachte Waldemar, „das ist er nicht. Aber als einen Aeronauten kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Exzelsior-, ein Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von daher, wo alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe."
„Ja", lachte die Baronin, „die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. Wir haben noch das Dritte; das heißt also, wir wissen auch, was wir glauben sollen."
„Ja, solle n."
„Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was inan soll, so find't fidj's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fohlt auch das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen Vater."
„Ach", sagte Melusine, „wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber von dem, den ich — ich bin beschämt darüber — in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen Nährvater unsers Freundes Stechlin. Eh bien, was ist es mit ihm? ,An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen', — das könnt uns beinahe genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn attention au jeu. Unser Freund Stechlin hat das Wort."
„Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort", wiederholte Waldemar, „so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich, was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen."
„Keine Ausflüchte!"
„Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in Händen hielt."
„Und ich will raten, was es war", unterbrach Melusine.
„Nun?"
„Ein Buch von Tolstoi. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung von Askese."
„Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um 'nen Pormni ' - -
„Um einen Portugiesen", lachte die Baronin. „O, ich kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich schon lange her. Ist es nicht so?"
„Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt, das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß ein Dichter."
„Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen Namen auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber Calderon ist es nicht."
„Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon rein landkartlich, nicht mit dem, um den sich's hier handelt Und ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein neuer. Und heißt Joao de Deus."
,Loao de Deus", wiederholte die Gräfin. „Schon der Name. Sonderbar. Und was war es mit dem?"
„Ja, was war es mit dem? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: .Dieser Joao de Deus', so etwa waren seine Worte, .war genau das, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu leben, wirklich zu leben angefangen, und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben oder doch wieder geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen. Die zehn Gebote, das war der Alte Bund, der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: Und du hättest der Liebe nicht ...'"
„Ja, so sprach Lorenzen", fuhr Woldemar nach einer Pause fort, „und sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief: .Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?'"
„.Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das kleine Heft hier. Höre.' Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er las, das lautete etwa so: .... Und als er nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen der Hauptstadt waren geschloffen, und die Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt, und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh und zeigten auf den Toten und sagten: Un Santo, un Santo. Und sie taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und nicht f Ü r s i ch.'"
„Das ist schön", sagte Melusine.
„Ja, das ist schön", wiederholte Woldemar, „und ich darf hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit."
„Und so schlag ich denn vor", sagte die Baronin, „ daß wir den mit dem C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen wird, vorläufig absetzen und statt seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich • unfern Lorenzen dazu."
„Ja, leben lassen", lachte Woldemar. „Aber womit? worin? Les jours de fete ..." und er wies auf das Eierhäuschen zurück.
„In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, selbstverständlich über Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich."
Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.
Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran, und der Baron sagte: „Das ist ja wie Rütli."
„Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!" „So, hat's denn eine Verlobung gegeben? ,
„Nein ... noch nicht", lachte Melusine.
Wahl in Rheinsberg-Wuh.
Sechzehnt es Kapitel.
Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung, ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und Handschrift sehr wohl wissend, woher und von wem der Brief kam, schob ihn, während Fritz den Tee brachte, beiseite, und erst als er eine Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte, griff er wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ich hätte mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres gewünscht als gerade diesen Brief." Und während er das so vor sich hinsprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, kurz bevor er das Kloster verließ, noch einmal vertraulich feine Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte.
„Das Junggefellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine Geheimnisse einüringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst du dazu?"
„Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin." „Berlinerin?"
„Ja und nein. Die junge Dame lebt feit einer Reihe von Jahren in Berlin und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber eigentlich ist sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und ihre Mutter war eine Schweizerin."
„Um Gottes willen!"


