Chemische Werkstätten der Natur.
Von Ingenieur Ed. A. Pfeiffer.
In Erzählungen für die Jugend spielt gar oft das Ausfinden reicher Schätze von Gold, Diamanten u. ä. eine große Rolle, und verfehlt me, auf die Gemüter der jungen Leser gebührenden Eindruck zu machen. Wenn es sich bei solchen Geschichten auch meist nur um Fabeln handelt die nicht viel Schaden anrichten, so sollte doch dieses Ideal der Jugend, der zwecklos durch die Welt streunende Abenteurer und Glücksritter, allmählich aus dieser Art Literatur für die reifere Jugend verschwinden.
Daß sich der Geschmack des jugendlichen Leserkreises selbst mit der Zeit umstellt, merkt man daran, daß sich immer häufiger die Verfasser solcher Schriften auf die industriell auswertbaren Schätze und deren Entdeckung durch die stets glückhaften Helden ihrer Erzählung verlegen. Da bieten sich allerdings ungeahnte Möglichkeiten. Zwar, so schöne Dinge wie Quecksilberseen, die man nur auszuschöpfen braucht, gibt es nicht, und auch die Orte, an denen man die Goldklumpen wie Kartoffeln aus dem Sande gräbt, werden kaum noch zu finden fein, doch wie Eisen nützlicher ist als Gold und Kochsalz unentbehrlicher als Radiumsalze, so späht auch der Techniker und Ingenieur eifriger nach Lagerstätten und Vorkommen allgemein nutzbarer Stoffe, die sich durch billigen Abbau, durch einfache Gewinnung und gute Abfuhrgelegenheit als besonders wirtschaftliche Rohstoffquellen erweisen. Einige recht eigenartige Schatzgruben dieser Art wollen wir da betrachten.
Da ist einmal das Tote Meer, eine schon recht alte chemische Werkstatt der Natur, die der Bibel nach erst in nahezu historischer Zeit entstanden sein soll, wie uns die Geschichte vom Untergang von Sodom und Gomorrha erzählt. Da die tiefste Senke der Welt im Zug des größten geologischen Einbruchs, in der Verlängerung des großen ost- afrikanischen Grabens liegt, der sicher nicht aus einmal entstand, mag wohl immerhin eine ganze Anzahl Menschen einer gradweisen Naturkatastrophe beigewohnt haben, die uns dieses Wunder eines Sees bescherte, in dem man nicht untergehen kann, weil dessen Wasser durch den hohen Salzgehalt schwerer ist als ein darin schwimmender menschlicher Körper. Salsteen solcher Art gibt es auch an anderen Orten der Erde, nur bilden sie nirgends ein so reiches Minerallager wie das Tote Meer, das jetzt endlich nach vielen Tausend Jahren auch in seinem Werte als ungeheures Lager chemisch verwertbarer Stoffe erkannt und in Angriff genommen worden ist. Da sind am See große chemische Fabriken erffanben, die je nach den Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse immer weiter ausgebaut werden, und die Tatsache, daß es britische Kapitalien sind, die dort im Lande des Salzes und Erdöls eine Rolle spielen, wirft ein interessantes Licht auf mancherlei Maßnahmen und Vorkehrungen, die an sich mit industriellen Belangen gar nichts zu tun haben.
Doch weil wir eben vom Salz reden, sei gleich ein anderes Salz, das Natriumsalz der Kohlensäure, Natriumkarbonat oder Soda herge- nommen, das ein so wichtiger Stoff für viele Industrien ist. Dieses Salz findet sich in vielen Seen in Ländern mit warmem Klima, wo es in der trockenen Jahreszeit an einzelnen Stellen an der Sonne auskristallisiert, so in Mexiko und Aegypten. Die großartigste Lagerstätte dieser Art bildet
der Sodasee im Kenia-Gebiet in Afrika, der Magadi-See, dessen aus- getrocknete Fläche 30 Kilometer lang und 8 Kilometer breit ist. Sem Becken ist mit ziemlich reiner Soda reichlich gefüllt, so daß man den Weltbedarf eine zimlich lange Zeit aus seinem Vorrat von 200 Millionen Tonnen decken könnte. Es ist nur eine Frage, wie teuer oder wie billig die Abbeförderung sich stellt, bann entsteht eines Tages auch dort eine8 chemische Industrie, die nicht mehr Rohstoff, sondern Fertigware verschickt. Den Bau der Ugandabahn unternahm man ernst mcht zuletzt im Hinblick auf die Sodalager dieses Sees, die unerschöpflich scheinen, weil sie sich durch unterirdische Zuflüsse immer wieder ergänzen.
Der merkwürdigste See jedoch findet sich bei Neuseeland auf einem kleinen Eiland in der Plenty-Bay. Da 'i°gt -me Gruppe von Felsenklippen, die nicht mehr als 5 Kilometer Umfang hat, ein kleines Stuck Erde, aber was für eines! Es ist gerade, als ob der Höllenfürst.per- fönlich sich dort eine Art Wochenendhaus erbaut hatte^ White Island, weißes Eiland, heißt die Klippe wegen der weißen Dampfwolke dw stets über ihr schwebt. Aus dem Dampf besteht sie, den die Klüfte der Erde unter ihr ausfpeien, denn es handelt sich um vulkanischen Boden Man braucht den Boden der Insel nur etwas anjufratjen und schon stößt man auf reinen gelben kristallischen Schwefel. Das ganze Eiland ist ein großes Schwefellager, ein in Jahrzehntausenden oder m noch längerer Zeit aufgetragener Klotz dieses Stoffes, der die Grundlage un- „r„r gonren chemischen Industrie bildet. Das Erstaunliche aber ist em Kiner8 See inmiSen biefer Insel, ein Becken, dessen Flüssigkeitsspie^ 5 Meter über dem Meersspiegel liegt und eine Flache von über 20 Hek tar bedeckt. Statt mit Wasser ist es 4 Meter tief mit einem Gemisch ms Salzsäure und Schwefelsäure gefüllt! Ringsum schließen d e- es Höllenbad feste Hügel aus Schwefel und Gips ein und drunten im Hexenkessel liegen nun als chemische Unternehmen der Natur die „Ber einigten Schweselgruben- und Säurebetriebe". Auf der einen Seite ist das Seeufer von einer Reihe ungeheurer Blaser — Sofhoni nennt sie ber Italiener — eingefaßt, die stark mit Schwefeldämpfen Oeschwangercke Wolken 300 Meter hoch in die Luft hinausjagen, so daß es Wirklichkeit dort Schwefel regnet. Es ist daher keineswegs leicht ungefährlich, bis an den See heranzukommen und sich dieses immer 43 Grad Celsius warme Bad zu besehen, das fast eine Million Kubikmeter Saure enthält Die Schwefelberge dort bestehen aus sehr reinem Schwefel urch wachsen immer weiter zu, zumal sie auch nicht abgebaut werdeii Diese Fabrik der Natur aber wird solange weiter yrbeiten, als dort die unter irdischen Feuer arbeiten. Erst wenn sie versagen und die Blaser ihre Arbeit einstellen, läßt sich die Gesamtausbrrngung der Teufelsfabrik ab- schätzen Doch bis dahin wird noch viele Zeit vergehen und selbst nachher werden Generationen nicht imstande sein, jene Lager zu erschöpfen, denn die Schwefelklippen starren 2000 Meter hoch aus dem Meere empor. Daß man aber bisher noch nicht an die Ausbeutung dieses Schatzes heranging, liegt daran, daß er sich sozusagen auf ber verkehrten Seite der Welt befindet. Wenn indessen die Industrialisierung Australiens eines Tages in Gang kommt, wird man auch Luzifers Wochenend- Häuschen auf Abbruch verkaufen.
In der industriellen Auswertung derartiger durch Laune der Natur aufgespeicherter Schätze kommt aber an erster Stelle der A s p H a l t - See von Trinidad, den schon Sir Walter Rale, gh entdeckte und vromvt Pechsee" taufte. Dieser „See" bildet auch eines ber Naturwunder und zugleich ein Rätsel, dessen Lösung der Wissenschaft bisher noch nicht gelang Er hat etwa 50.0 000 Quadratmeter Flache und enthalt das wertvollste und reichste Asphaltlager der Erde, allerdings auch an deren zeitweise heißestem Fleck! Nun hat man dieser Lagerstätte bisher wohl fast 3 Millionen Tonnen Asphalt entnommen, ohne daß eine Ab- nähme der Vorräte zu bemerken ist. Die im Lause eines Tages abgestochenen Mengen haben sich bis zum nächsten Margen aus dem Erd- innern von selbst wieder ersetzt. Wie tief aber dieser Schlund — zweifellos ein alter Vulkankrater — hinabgeht, hat sich bisher noch nicht fest- steilen lassen. Vielleicht, daß man eines Tages mit einem auf Erschütterung und Schallwellen beruhenden Meßverfahren die Tiefe bestimmen kann, denn loten läßt sich in diesem zähen Teige natürlich so wenig wie bohren. Jeden Morgen ist die Oberfläche des Sees so fest, daß man getrost darüber gehen und sie auch mit Roß und Wagen befahren kann Nach Herstellen einer Art Unterbau aus Palmblättern und -zweigen konnte man auch eine leichte Feldbahn für Abfuhr des Rohasphalts über den See verlegen. Die Roh-Masse ist stets weich genug, um sich mit dem Spaten stechen zu lassen, doch kann man nur morgens und nachmittags auf dem See arbeiten, während über Mittag die Hitze unerträglich ist. Einen ähnlichen See gibt es auch in Venezuela, der zwar neunmal so groß ist, aber keine Verbindung mit dem Erdinnern hat und ziemlich flach ist.
Seit Jahrtausenden befindet sich die Menschheit auf der Jagd nach dem Goldenen Vließ, doch das hat allmählich ein recht unscheinbares Aeußeres bekommen. Es glänzt nicht mehr wie lauteres Gold, sieht eher grau und unscheinbar aus. Eine unerwartet reiche Eisenerzgrube, ein Delfpringer, ein Asphaltlager, sie sehen nicht sehr prächtig aus, aber sie besitzen höheren Wert als jene dach nur scheinbaren, erkünstelten Schätze der Mode und der Politik. Reiche Lagerstätten allgemein notwendiger Rohstoffe an gut zugänglicher Stelle, sie sind heute die Ziele des Schatzsuchers, des Ingenieurs, der wie Ala ed Din mit seiner Wunderlampe mit Bohrloch und Geoprospektor, mit Sonde und Radiowellen, mit Hammer und Reagenzglas die Eingeweide der Erde durchsucht, Stoffen nachschürfend, die hernach die Arbeit des Chemikers erst nach veredelt. Manchmal erleichtert aber die Erde die Arbeit und bietet ihre Schätze schon halbfertig dar, wie wir an einigen Beispielen sahen. Das sind dann Fälle, in denen sich die Natur gewissermaßen ins Mittel legt, um dem Chemiker die Wirtschaftlichkeit feines Verfahrens zu garantieren, und solche Vorkommen sind die Glücksfunde für die Schatzsucher unserer Zeit.
Diei wrfbammw Männchen hatte alle dret Einbände zufammengenäht, hatte zwei Abteile in den Beutel gefügt und hielt darin Zwiebel, Tabak und etliche Münzen.
„Du Schweinekerl, dies hast du mir gestohlen!" rief ich und hatte nicht übel Lust, dreinzufchlagen. .
Er leugnete nicht. Er stand da und sah mich taum an. Nein, er schüttelte bas Haupt und meinte schließlich aus voller Ueberjeugung. „Ich bin doch ein Esel."
Und nun brach in mir doppelt der Aerger durch. Warmn, moM wissen, hatte der Kerl die Bücher zerstört? Warum wenn schon gestohlen sein muhte, hatte er nicht die drei Bücher, so, wie sie waren, behalten?
Was hätte ich damit anfangen sollen!" sagte er, und seine Augen blickten »er iweifelt auf den Beutel. Das war nun freilich wahr, was hätte dieser Kerl mit Richard Dehmel anfangen fallen! .Unb fiet), nun schwatzte er wieder los: „Ich kann ja nicht lesen. Und die Bucher habe ich Ihnen ja wieder zurückgetragen. Herr, und Sie können sie noch immer lesen, denn Sie lesen nicht das Leder." Da schien es mir beinahe, als wenn er in feiner Angst schon wieder etwas verschmitzt wäre.
Und so zog ich weiter und ließ den Wicht mit seinem Beutel stehen, in dem er seine Angst davvntrug, denn er mochte wohl glauben, daß ich ihm die Gendarmen auf den Hals hetzte. Ich ging weiter. Der Abend fant Und ich dachte etwas verquält daran, ob denn nur der chone Einband mir fehlte, um wieder zu Dehmel zu finden, zu jener rauschenden wilden Sinnlichkeit. Dann wurde mir klar, daß mit dem Einband wohl endgültig der Weg zu jenem drängenden Dehmel dahin war.
Doch die Felder verdunkelten sich, mein Auge wurde Heller, schon versuchte ein Stern zu funkeln, und die Grillen wisperten schneller. Jeder Laut ward bilderreicher, das Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher, jeder Wipfel hob sich klarer.
Und du merkst es nicht im Schreiten,
Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.
Ich kam nach Hause, als die Sterne dicht und an manchen Stellen wie ein voller Strauß zitterten. Ich ging sehr schnell zum Tische, wo noch die drei verunstalteten Bände lagen und begann zu lesen, von einem tieferen und kühleren, einem reineren und helleren Drängen bewegt.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniverlitätS-Buch» und Eteindruckerei, 2L Lange, Gießen.


