Ausgabe 
15.2.1937
 
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Oer atte Zieten.

Don Theodor Fontane.

Joachim Hans von Zielen, Husarengeneral, Dem Feind die Stirne bieten Tat' er die hundert Mal. Sie haben's all erfahren, Wie er die Pelze wusch Mit seinen Leibhusaren, Der Zielen aus dem Busch.

Hei, wie den Feind sie bläuten Bei Hennersdorf und Prag, Bei Liegnitz und bei Leuthen, Und weiter Schlag auf Schlag! Bei Torgau, Tag der Ehre, Ritt selbst der Fritz nach Haus, Doch Zieten sprach:Ich kehre Erst noch mein Schlachtfeld aus."

Sie kamen nie alleine, Der Zieten und der Fritz, Der Donner war der eine. Der andre war der Blitz. Es wies sich keiner träge, Drum schlug's auch immer ein, Ob warm', ob kalte Schläge, Sie pflegten gut zu sein.

Der Friede war geschlossen, Doch Krieges Lust und Qual, Die alten Schlachtgenossen Durchlebten's noch einmal, Wie Marschall Daun gezaudert, Und Fritz und Zieten nie, Es ward jetzt durchgeplaudert Bei Tisch, in Sanssouci.

Einst macht' es ihm nicht schmecken, Und sieh, der Zieten schlief;

Ein Höfling will ihn wecken, Der König aber rief: Laßt schlafen mir den Alten! Er hat in mancher Nacht Für uns sich wachgehalten Der hat genug gewacht."

Und als die Zeit erfüllet Des alten Helden war, Lag einst, schlicht eingehüllet Hans Zieten, der Husar; Wie selber er genommen Die Feinde stets im Husch, So war der Tod gekommen Wie Zieten aus dem Busch.

Oer Tabaksbeutel.

Wiedersehen mit einem Lieblingsdichter.

Von Heinrich Zillich.

Die ersten Bücher, die ich glühend liebte bis zur Selbstverwandlung waren Karl Mays Reisebeschreibungen. Noch heute blüht wohl der Strau­cherbusch in meines Vaters Garten, wo längst andere Leute wohnen, jener Busch, darin mein Wigwam stand, blätterüberflutet, umwuchert von zähen Bodenkräutern, in denen die Mokassins schlüpfrig wurden. Der Garten war groß und hatte mancherlei verwilderte Baumhecken und Dickichte eines hieß seltsamerweiseRohrgeschäft", und von Busch zu Busch zog sich d,e Kriegsfährte. Der Marterpfahl einer Linde wartete seiner Opfer und bot sich, wenn es nötig war, aus als Auslug in die einsame Bergwelt der Anden" dar. Das Gras der Savannen wandelte sich leicht zur Salzwuste, durch die Hadschi Halef Omar den schwankenden Todespfad wußte. Jahre­lang ritt ich ein und denselben prachtvoll gebogenen Ahornstecken, den Hengst Ri, der den deutschen Helden Kara ben Nemst von Bagdad nach Stambul und durch das Land der Skipetaren getragen hatte.

Dann verrauschte plötzlich diese weite Welt. Wolken, Wind und ®erge nahmen ihr eigenes Gesicht an, aber sie blieben wandelbar wie ein Men­schenantlitz. Unsägliche Trauer, endlose Freude kam aus ihrem geheimnis­vollen Wechsel. Noch wartete irgendwo das Abenteuer und war doch gegenständlicher gewoiden. Ich las Körner und liebte Lenau, und die vie­len ungarischen Unechte, die ich um mein siebenbürgisches Vaterhaus tätig sah, schienen mir nicht Söhne von Bergbauern, sonderntoßhirten. Sah ich sie Tschardasch tanzen, war die Täuschung vollkommen. Dann kamen Jahre, wo keine starke Liebe mich an ein Buch band, wenngleich die deut­sche Romantik dauernd um mich summte, das ganze ungeheure Gut großer Gedichte und auch die bloß klingenden Reime aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Aber man schritt, siebzehnjährig, durch die Welt, las maßlos viel in sich hinein, hob, brausend berührt von Nietzsche, die Augen in eine Zukunft, die groß und mühsam und klar sein sollte, wah­rend sie immer mehr das Gesicht des Krieges annahm, in den wir jungen Burschen hinauslaufen wollten, und der um unsere Schulbänke tonte. Nur im Blut der stillen Träume, nur in der Sehnsucht, in der oerspmmenen Knabenhaftigkeit, die ihre Augen schon geöffnet hatte, in der wachsenden Lebensgier klang wie der Ruf nach Freiheit und der herrlichsten Mann­

heit abenteuerfroh und fast noch wie ein Echo aus den Savannen, 06* schon dunkler und sündhafter RichardDehmel. Ich kannte alle seine Gedichte. Ich wußte viele auswendig. Ich erlebte manche mit schmerzhafter Stärke.

Da ging ich zum Beispiel einmal aus der Stadt hinaus, unserem Vater­hause zu, das mitten in der Hochebene lag, vorbei an den Gehöften deut- fcher und rumänischer Bauern. Der Abend kam über die Berge und füllte die Niedrung. Die Telegraphendrähte trugen ihre Kriegsberichte von den blutigen Fronten auch in dies Land der Bewahrung. Ich hörte Dehmels dunkles Du aus den Telegraphendrähten brausen und schritt wie er der Heimat zu und wußte noch nicht, daß wir Ausländsdeutschen unser ganzes Leben lang einem dunklen Du nachschreiten, von der Heimat ins Mutterland und von dort wieder in die Heimat, Wanderer des Deut­schen und Künder des Deutschen. Ich wußte es noch nicht, und Dehmel wußte es auch nicht, aber ich hörte das dunkle Du.

So kam es denn, daß ich nur einen Wunsch hatte, Dehmels Gesammelte Werke zu besitzen. Man schickte sie mir in einer schönen, in Leder gebunde­nen Ausgabe. Das war zu Weihnachten 1915. Im Mai des nächsten Jah­res rückte ich endlich zu den Kaiserjägern ein, kostete fern der Heimat in Oberösterreich und Tirol den Kasernendrill, stteg etliche Monate später die Südfront hinan. In einer Nacht beim Marsch durch ein Dorf flat­terte ein Zettel an einem Hause. Darüber zitterte ein Lichtlein. Ich trat an das Papier und las, daß Rumänien Oesterreich den Krieg erklärt, daß es meine Vaterstadt besetzt habe. Es war noch ein Schulkamerad in meinem Zug. Wir sprachen wenig in dieser Nacht. Wir marschierten. Wir hatten Flüchtlinge schon oft gesehen, Menschen auf Wagen voll Hausrat, Men­schen, die man mit der Wurzel aus der Erde gerissen hatte.

Bei uns daheim waren sie geflüchtet. Halbe Dörfer standen leer. Die Herden weideten unbewacht im Freien. Mein Vaterhaus war unversperrt, und wenn man den Schlüssel auch im Tore umgedreht hätte es hätte nichts genützt. Nicht die Soldaten drangen über die Schwelle, die Häusler und Kleinbauern der Umgebung taten es. Sie kamen mit Leiterwagen gefahren und luden auf, was sich von der Stelle rücken ließ.

Als mein Vater mit den vormarschierenden Truppen in das Haus trat, waren die Fenster geöffnet, die Scheiben zerbrochen, draußen im Garten lag Gerümpel und wertvolles Gut. Aus einem Winkel kroch heulend unser Dackel. Aber nun ging die Angst durch die Gegend um und berührte die Bauern im Schlaf, daß sie heimlich des Nachts aufstanden und die Pferde schirrten. Sie luden die Diebesfracht auf die Wagen und brachten sie vor unseren Garten, wo sie mein Vater am Morgen fand. Da öffnete er das Gartentor weit, damit sie in der Finsternis unerkannt bis vor das Haus fahren konnten. Und sie verstanden und luden ab, emsig und furchtsam bei Nacht und Nebel, aber wenn sich die Stuben davon auch zu füllen begannen, zerstört und verwüstet war unser Eigentum.

Nach vielen Monaten kam ich aus dem Felde auf Urlaub. Ich ging durch das Vaterhaus. Manches grüßte mich verttaut, manches war neu und ungewohnt. Aber die Linde im Garten blühte, dasRohrgefchäft" wucherte grün, auf den etwas verwahrlosten Wegen ging immer noch der Kindertraum. In einer stillen Stunde sichtete ich mein Knabengut. Es fehlte viel davon, und was da war, zeigte Schmutzfpuren. Wenige meiner Bücher standen noch in einem unbekannten Regal, verfärbt wie die Bände, die wir in den Tornistern getragen hatten. Ich nahm sie in die Hand. Drei Bände legte ich auf den Tisch. Drei Bände Richard Dehmel. Ich erkannte sie erst, als ich sie öffnete, denn einen Einband hatten sie nicht mehr. Das schone braune Leder hatte jemand abgezogen wie die Haut eines Tieres. Leder war teuer und selten zu jener Zeit. Ich begann zu lesen. Kein Echo in mir. Ich las die glühenden wilden Liebesgedichte kein Widerhall. Und wie so oft in früheren Tagen versuchte ich den Band zu streicheln. Das weiche Leder war weg. Das Buch lag spröde und rauh in meinen Fingern. Der Traum war aus.

Ich schnallte das Bajonett um und ging auf die Landstraße. Ich hatte wahrlich nicht an Dehmel gedacht, als ich durch den Krieg schritt. Aber vielleicht wartete sein Erlebnis hinter den größeren Erlebnissen der Gegenwart. Unbewußt, doch ersehnt. Und nun war alles dahin, als ich ihn wieder zu fassen glaubte, den wilden Dichter in seinen schon gebundenen Büchern. Zerstört wie diese, zerfetzt, der kostbaren Fassung bar, schien auf einmal, was rufend in mir noch vor wenig Jahren geklungen hatte. Ich ging traurig und leer in die Ebene hinaus.

Da tarn mir ein Mann entgegen, der sich, seltsam verkrümmt, von der blauen Bergferne abhob. Sein Schatten glitt lang über die Straße heran und zuckte, als er in die Wegkehre schritt, haarscharf auf mich zu, und im gleichen Augenblick bewegte sich die Gestalt vor dem roten Himmels­und Bergausschnitt, durch den die Abendsonne sank. Aus dem Feuer schien er plötzlich auf mich zuzufchreiten, und ich nahm es für ein freudiges Kommen, denn ich kannte den Kerl, diesen halbverkrüppelten Taglohner, der mir Weidenpfeifen geschnitzt hatte, der Gärtnerbursch und weiß Gott noch alles bei uns gewesen war. Als er mich sah, zog er die Pelzmütze vom Kopf und lachte. Er schwatzte los, und ich kam gar nicht dazu, ein Wort zu entgegnen. Dabei war das Männlein nicht etwa zudringlich. Seine Augen liefen mit einer halbvertrauten Achtung über meine Offiziers­kleidung, und als ich ihm die Hand reichte, zuckte sogar Stolz über das verdorrte Gesicht.

Während er weiterfprach, zog er einen Lederbeutel, der an einem derben Band hing, von der Hüfte nach vorn, griff hinein und meinte: Herr Leutnant, zur Begrüßung sollen Sie meinen Tabak kosten. Der ist aus Rumänien geschmuggelt."

Her damit!" sagte ich, aber da wurden meine Augen starr. Der Lederbeutel war recht groß und aus mehreren Teilen zusammengenäht, an der Außenseite rauh und unscheinbar. Die Innenseite aber, die sich, während er darin wühlte, an der Deffmmg nach außen stülpte, zeigte ein wundervoll weiches braunes Leder das Leder meiner Dehmel-Bände.

Ich griff zu und riß ihm den Beutel weg. Ich stülpe ihn vollends um. Ja, das braune Leder! Und darin verwischt, aber noch zu entziffern die goldenen Settern, der alte wohlbekannte Titel, mitten durchgefchnitten.