Ausgabe 
15.2.1937
 
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miteinander sprechen zu können.

den der Domina herüberreichte.

Rex führte die Tante. Dann folgte Waldemar mit Hauptmann Czako, weit genug ab von T *? .

Erlauben Sie mir", sagte Adelheid,Sie mit meiner lieben Freun­din Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako^ Ministerialasfessor von Rex... Meinen Neffen, liebe Schmargen- ^o^Adelheid als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem Gürtel hervor und sagte:Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe mein liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, Frau- lein von Schmargendorf wird ohnehin ihre Tischdame sein.

Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rurcklich einige vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von densieben Schönheiten über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte sie, soweit sich ihrKredit" feststellen lieh, nur die Büste. Sie war sich dessen denn auch bewußt und trug immer dunkle Tuchkleider, mit einem Sam­metbesatz oberhalb der Taille. Dieser Besatz bestand aus brei Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer s'del, zunächst °us gluck lidier Natüranlaae, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte. Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl kernen rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es Nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter nach unten ging

Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader I Granatbrojche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben mittel­großen Steine, die einen größeren und buckelartig vorspringenden um­standen, dieSieben-Kursürsten-Brosche" nannte. Der W lagere ftols ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: ,Mickelkinder, Wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, sangen sie an zu schreien." Man sah ihr an, daß sie nur immer vorübergehend >n einer höheren GesellfchaftsspIäre gelebt hatte, sich trotzdem aber zeit­lebens der angehörigen Zugehörigkeit zu eben die en Kreisen bewußt gewesen war. Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billi- aen Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem natürlichen Verstand, sondern unter Umstanden auch voller Interesse für ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.

Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und Esato aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen.Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine Herren, wie sehnlich bebaure, Sie nur so kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.'

Du vergißt mich, liebe Tante", sagte Woldemar.Ich bleche dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin erzähl ich dir eine Welt und beichte." ,

Nein nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir recht Diel' recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen Bei­geschmack. Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ,Deichte ei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin aber bas fei nun freilich schon sehr, sehr lange her einen Geistlichen gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt. Das finde ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu Fix ge­äußert Aber andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig, einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir jebesmal eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?" n .

Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Ezako:Ja, Ezako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina verzeih Tante bildet eben ein seines Unterscheidungsvermögen aus.

Die' Tante lächelte gnädig und sagte:Herr von Ezako ist Offizier. Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wachst auch. Und bas Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als

Unglaube."

Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?" ____

Rein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den Neben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt ihn. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar der Papst in Rom, der ein Obergott fein will und unfehlbar." ,

Czako während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam aus die verwegene Idee, für Papst und Papsttum eine Lanze brechen zu wollen, entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm, daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur eine rasch vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Dante Adelheid, das Thema wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune fort:Ich habe die Fenster offnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie vielleicht auffordern, noch eine Promenade durch unfern Garten zu machen? Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier haben. Nur der unseres Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See. Rentmeister Fix, der hier alles zusammenhält, ist uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen (Bartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig uni> doch immer durchaus diskret. Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren müssen sich also mit mir begnügen und mit einer unsrer Kon- oentualinnen, einem mir lieben Fräulein, das immer munter und aus­gelassen, aber doch zugleich bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, die man bloß bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln getrieben hat. Ein gut Gewissen ist da beste Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen."

Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, druckte wiederholt seine Zustimmung aus, während Ezako beklagte, daß Fix ver­hindert sei.Solche Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke Füh­lung haben und genau wissen, wie's einerseits in den Schlössern, andrer­seits in den Hütten der Armut aussieht, das ist immer in hohem Maße fördernd und lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern verzichte."

Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.

Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine ganze Länge hin zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links und rechts, in wohlgepflegten Beeten, Ritterfporn und Studentenblumen blühten. Gerade in feiner Mitte weitete sich der fönst schmale Gang zu einem runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten natürlich aus der Globsower grünen Hütte". Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man eines etwas schiefen Bretterzaunes anfichttg, mit einem Pflaumen­baum dahinter, besten einer Hauptzweig aus dem Nachbar garten her in

Nun Czako", Tagte Woldemar,bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein "bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen gar nicht sagen rote gern ich in diesem Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich als Junge hundertmal gespielt und in den Birnbäumen gesessen; damals standen hier noch etliche, hier links, wo jetzt di« Mohrrübenbeete stehen Ich mache mir nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?"

Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit Diel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stifts-

Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche Gärten leiden können." . e ,

Ich kann solche ©arten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegel­bahn haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und tomat. Alle unsere modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten zu kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch (dum da, und der Bengel unten schreit einen an mit seinem ,acht um den König. Für mich fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben aus der rechten Bahrn Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches oder meinetwegen auch Polittsches." ,

Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hm, bis an die Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über den Zaun wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Lm,e mit ihm, stand eine grüngestrichene Bank, auf der non dem ©earoeig über- dacht, eine Dame sah, mit einem kleinen runden Hut und einer Adler- feder. Als sich die Herrschaften näherten, erhob sie sich und tontt auf Die i Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich gegen

Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich immer erst an Der Glaskugel traf, wenn das voranschrettende Paar ^ch°n wieder aus dem Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal mthtanfd) zur

MbfTroar in einem Gespräch mit Rex feft engagiert und wr- bandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens. Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand, JrviNWanor zu werden; er war aber Lebemann genug, um sich schnell öurechtzufinden und vor allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid ge­äußerten Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in das Geb,et des allgemeinen Unglaubens ein, habet sofort einer vollen Zustimmung be- qegnenb. Ja, die Domina ging weiter, und sich abwechselnd auf die Apo- kaLpsi und dann wieder auf Fix berufend, betonte fie, daß w.r am An- fang oom Ende stünden. Fix gehe fteilich wohl etwas zu wett, wenn er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose Beun rubigunqen, weshalb sie denn auch in ,hn gedrungen sei, von solchen Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu prüfenKein Zweifel", so schloß sie,Fix ist für Rechnunassachen ent- schieden talentiert, aber ich habe ihm ttotzdem sagen muste", daß zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.

Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm Woldemar, west der Mittelgang zu schmal war folgte wemc^ Schritte hinter den beiden und trat nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, VOnSie88glü?lkb idTbim fiert Hauptmann" sagte die Schmargendorf, Ihre Partnerin zu sein, jetzt fchon hier und dann später bei Tisch.

^U°nb merkwittdig'^ fuhr sie fort,daß gerade das Regiment Alexan- der' immer fo vergnügte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder vielleicht war es auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab. ich noch von einer Einguartierunq in der Priegnitz her ganz deutlich ,n Erinnerung ttotzdem es schon an die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich w-w. damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen Radowa dir um sine Zeit noch in Mode war, aber schon nicht mehr io recht Und ich hab auch noch den Namenszug unb einen fleinen Vers ion 8m in meinem Album. Aegor von Baczko, Secondelieutenant tm Regiment Alexander'. Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zu­sammen Oder wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.

Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt nicht siebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehörst und in bezug auf solche Dinge Neinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachtg wollte durchaus Remedur schaffen und bat, bas Fraulem darauf aufmerksam hiirfen bah der fterr der den Vorzug habe, sie zu fuhren. Dann folgte moioemar mit yauprmann machen zu dürfen, oay oer » «'«.,'

dem voraufgehenden Paar, um ungeniert nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr von Czako fei.

1 (Fortsetzung folgt.)