Ausgabe 
15.1.1937
 
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Gießener Zamilieiibliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (957

Freitag, ben (5. Januar

Nummer 4

Klick aus dem Spielzeugladen

Roman für das große und kleine Volk

Don Friedrich Schnack

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig

10. Fortsetzung.

Ein paar Schupomänner nahmen Anstand an den vielfach beobachteten Lehrlingszusammenrottungen, waren doch Versammlungen unter freiem Himmel verboten, in der so schwierigen Gegenwart; eines Nachmittags griff die Polizei denn auch schnipp, schnapp! zu und verhaftete, hast du nicht gesehn! aus einer kleinen Mützenbalgerei heraus den Lehrling Bims, den kleinen Bims von den Chlorodontwerken. Der hatte zwar porzellan- weiße Reklamezähne, aber in den Augen des Wachtmeisters war fein Gewissen kohlschwarz, und deshalb wurde er abgeführt.

Lehrling Bims verhaftet wegen Teilnahme an einer Zusammenrottung unter freiem Himmel", meldete der Wachtmeister, das aufgeschlagene Notiz­buch in der Hand, seinem Vorgesetzten, dem Polizeihauptmann Viereck. Verübte ruhestörende Katzbalgerei und Widerstand gegen Amtsgewalt. Wollte nicht mit zur Wache."

Der Hauptmann Viereck entsandte auf den Häftling einen durchbohren­den Blick, der Bims fast zu Bimsstein durchlöcherte. Aber dann sagte der Hauptmann in aller Ruhe:Aber lieber Wachtmeister, das ist ja Bims von Chlorodont, ein braver Junge, der seine alte Mutter unterstützt. Mitglied des Vereins .Herznierenblick', dem auch mein Junge angehört. Kenn ich gut. Handelt sich um die Mützengeschichte. Lassen Sie mal! Passen Sie lieber auf, daß in der Prager Straße keine Juwelen aus dem Schaufenster gemopst werden, und beobachten Sie lästige Ausländer, die von Prag herüberkommen. Und nun rechts um, marsch!"

Der Wachtmeister mit langem Gesicht vor Verlegenheit und Bims mit rundem vor Vergnügen führten mit einem Ruck die befohlene Wendung aus und setzten sich alsbald in Trab.

Bims von Chlorodont, dachte der Wachtmeister auf der Treppe, seine Eintragung im Meldebuch streichend, Bims von Chlorodont: von dieser sächsischen Adelsfamilie habe ich noch gar nichts gehört. Und was ist das für eine Mützengeschichte?

Aber Bims war längst in seine Chlorodontwerke unterwegs.

Seitdem blieben die Lehrlinge unbehelligt, die Behörde ließ sie in Ruhe. Aber wenn sie auch die ganze Stadt auf den Kopf stellten, alle Häuser umkehrten wie die Mülleimer, alle Mützen von den Köpfen rissen und umkrempelten, umsonst waren Witz, Eifer und Schlagfertigkeit, ver­geblich jede Anstrengung und Versammlung: Klicks kostbare Mütze blieb unauffindbar, die Stadt hatte sie verschluckt, und selbst der Straßenkehrer Schwirr, Klicks Freund, der in die Schächte hinabstieg und in den mächtigen Kanälen unter den Häusern und dem Altmarkt nachsah, gleich einem Bergmann, der mit seiner Lampe in der Tiefe sucht, sogar der alles zusammenfegende und mit jedem Abfall vertraute Schwirr hatte sie nicht zum Vorschein gebracht.

Sie war verloren und begraben.

Ali", sagte Klick zu seiner Freundin,die Mütze ist nicht gefunden worden: Was ,Herznierenblick' nicht herbeischafft, ist für immer futsch und weg."

Doch Ali war anderer Meinung.

Ein gescheites Mädchen.

Klick", meinte Ali,du bist doch nun schon so lange mit uns Zeitungs­leuten befreundet, solltest du da nicht einmal auf den Gedanken kommen, eine Anzeige im Blatt aufzugeben? Wie oft hat man schon verloren gegangene Sachen durch eine Zeitungsanzeige wiederbekommen. Nimm mein Geld dazu, wenn du es noch hast."

Das ist ein vernünftiger Vorschlag", antwortete ihr Freund.Warum hast du ihn nicht schon früher vorgebracht?"

Ich wollte nicht so wichtig tun, wie dein ,Herznierenblick'!"

Eine Anzeige!" rief Klick.Wenn sie Erfolg hat, heirate ich dich später."

Es war ein gerades Wort. Aber sie nahm es krumm, packte ihren Kinderwagen und kutschierte das Zeitungspaket zum Postplatz.

Klick flog nach Hause. Auf einen großen Briefbogen schrieb er mit seiner besten Handschrift klar und kräftig:

Hohe Belohnung!

Junge verlor auf dem Altmarkt vor längerer Zeit braune Wollmütze. Er­kennungszeichen: blauer Punkt von Ko­pierstift. Da Andenken, wird ehrlicher Finder um Rückgabe gegen Belohnung weit über Sachwert gebeten.

Nikolaus Bodenweber, Webergasse 11.

Sachwert war ein treffliches Wort, Klick hatte es oft vom Vater gehört. Die Mütze war zwar kaum noch ein paar Pfennige wert aber ein paar Mark für Belohnung wollte er gern an sie wenden. Von den darin ver­steckten Losen schwieg er lieber. Er fegte zumAnzeiger". Vier Mark fünfzig kostete die Anzeige, das ganze Geld ging drauf. Alles setzte er auf die eine, seine letzte Karte. Schon am nächsten Mittag stand die Änzeige in der Zei­tung. Klick las sie mit Stolz und Aufregung. Hier stand seine Name zum erstenmal gedruckt, schwarz auf weiß, und diese Sätze hatte er selbst ver­faßt. Glücklicherweise hielt der Vater die Zeitung nicht mehr, sie war der Sparsamkeit zum Opfer gefallen. Erwartungsvolle, spannende Tage ver­gingen.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Vormittags rannte Klick zu einem kurzen Besuch zum Hustenonkel, von dem er sich manchmal Bücher über ferne Länder entlieh; nachmittags begab er sich zum Kapitän, dessen Garten in voller Blüte stand. Sonderbar, daß Sassafraß immer noch, wiewohl es so schön bei ihm war, im Geist in die Weiten fuhr. Aber heute lag dieAna­stasia", das Spielschiff, still im Hafen, mit der durcheinander gefallenen Be­satzung, da wahrscheinlich die Seefahrt wegen der vielen Wasserrosenblätter schwierig geworden war.

Der Steuermann sah seinen Kapitän im Strandanzug unter den schat­tigen Bäumen des Weihers sitzen und angeln.

Käpten!" rief er im Flüsterlaut schon von weitem, leise auftretend. Käpten, ich bins. Ich will den Fisch nicht stören, damit Sie es wissen."

Da, als hätte der Angler nur auf Klick gewartet, ihm ein Schauspiel zu bieten, da riß der geduldige Fischer mit einem Zuck seinen Angelstock hoch, und aus dem Wasserspiegel schnellte der Fisch heraus, ein feuchter Silber­blitz, und klatschte auf den Ostseekies.

Wunderbare Uebcrraschung und herrlicher Sonntagsspaß! Sassafraß meckerte vor Befriedigung, als er den endlich erjagten Fisch von der Angel nahm und in den bereitstehenden, mit Wasser gefüllten Kllchentopf tat.

Hurra, Käpten! Fein gemacht!" rief Klick, flink zur Stelle.

Hab ich dich, hab ich dich endlich, mein Fischlein! Hast dich lang in acht genommen. Hat aber nichts genützt. Ich sagte doch, schon manchen schweren Burschen holte ich mir weshalb hätte es mir mit dir nicht glücken sollen ...?"

Derart war die kleine, dem schwänzelnden Fisch zugedachte Ansprache.

Er hat seinen Fang, dachte Klick, hätte ich nur meine Mütze auch schon.

Das war wohl heute besonders gutes Hühnerfleisch", meinte er,weil er endlich anbiß."

Magst recht haben", antwortete Sassafraß.Einmal kommt für jeden Fisch sein Stündlein, und er muß raus aus dem lustigen Wasser. Den Fisch hab ich ..." Er stockte.Aber", fuhr er fort,wohin ist mein Vergnügen? Was tu ich künftig? Soll ich meine Angel ins leere Wasser werfen?"

Was meint er nur, dachte Klick. Er kann doch zufrieden sein, daß er den Vielfraß geangelt hat. Oder ist ihm das Angeln lieber als der Fang?

Ach was, Fischlein!" rief der Kapitän.Komm her und fort mit dir!" Und mit einem raschen Schwung leerte er zu Klicks Ueberraschung den Taps samt Fisch und Wasser in den Weiher. Der mit dem Wasser nieder­stürzende Fisch glitt unter die Seerosenblätter.

Es ist zuweilen besser, Klick", sagte der Kapitän,auf den Fang zu verzichten. Ich will lieber weiterangeln."

Klick sah zu dem Seemann auf. Soll ichs ihm sagen? Nein, schweigen!

Für heute ist es genug mit der Angelei", meinte Sassafraß.Zweimal am Tag beißt kein Fisch an. Und ich mag nicht dümmer sein als mein Fisch."

Er streckte sich in den Ostfeekies, wobei er sein Anaelgarn auf- und das Schiffergarn feiner Reden abrollte. Klick lauschte den Worten doch dann und wann durchzuckte ihn die Frage: Ob sich auf meine Anzeige hin jemand melden wird?

Am folgenden Montag ereignete sich nichts Neues in der Webergafse. Die beiden Freunde vermieden es, auf den Zeitungstext anzufvielen. Klick hielt sich, wenn es seine Zeit erlaubte, an der Haustüre beim Schnürfenkel- mann auf, mit der Absicht, etwaige Besucher oder Zuschriften abzufangen. Der Vater durfte ja nichts erfahren. Nichts Neues auch am Dienstag.

Wahrscheinlich wäre es die ganze Woche hindurch so zuqegangen. wenn Klick nicht am Mittwochnachmittag, als er vom Hustenonkel kam, dem er eine Schachtel Karamellen besorgt hatte, im halbdunkeln Stiegenhaus oti' der Treppe einem Mann begegnet wäre, einem langen, magern Mc-n>- den er zu kennen meinte. Wo nur hatte er ihn schon gesehn?

Wohnt hier Bodenweber?" fragte der Besucher.