Ausgabe 
14.6.1937
 
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daß wir nicht etwa, wie mancher glaubt, für uns allein denken, sondern daß wir mit ihnen an einem anderen Menschen oder an mehreren etwas Konkretes, wenn auch nicht ohne weiteres Kontrollierbares tun.

Es scheint da allerdings recht bedeutende Unterschiede der gedank­lichen Wirksamkeit zu geben. Der eine Menschsendet" nur schwache Wellen aus, der andere dagegen starke, je nachdem, wie die Seele, die ganze psychische Struktur beschaffen ist, ob einfach und möglicherweise nur träge funktionierend oder vielfältig, funkensprühend, von lebendigsten Impulsen erfüllt. Soempfängt" auch der eine, der Sensiblere, viel mehr als ein anderer, der vielleicht nur fürgrobes Geschütz" zugänglich ist.

Die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit kann sich allerdings auch krankhaft steigern. Ein Mensch steht dann ziemlich allen Wirkungen offen, spürt den zu- oder abnehmenden Mond, leidet unter einem tiefen Baro­meterstand, fängt alle gelegentlichen Disharmonien, die um ihn herum in der Lusi liegen", auf und befindet sich infolgedessen in keiner be­neidenswerten Lage. Solche allzu große Empfindsamkeit taugt nicht für das praktische Leben.

Sehr wohl indessen ist uns ein bestimmtes Maß von Sensibilität nötig, denn nur dadurch sind wir imstande, die feineren geistigen und seelischen Schwingungen einerseits wahrzunehmen, anderseits selbst zu erzeugen, die unserem Dasein nicht gerade selten die Inhalte geben und in denen oft das Schicksal seine Fäden spinnt. Jedes Liebespaar weiß es ja schließlich, daß seine Beziehung keineswegs mit denkonkreten Tat­sachen", der Liebeserklärung oder dem ersten Kuß, beginnt, sondern damit, daß es aneinanderdenkt" und daß es, indem es sich feine Ge- sühle auf einem sinnlich kaum mehr oder gar nicht wahrnehmbaren Wege zuschickt, umeinanderweiß". Wer für solche seelischen Schwingungen keinen Sinn hat, um den ist es meist traurig bestellt. Uebrigens nicht nur in der Liebe, sondern in jedem Falle eines näheren und bindungs­reicheren menschlichen Kontakts.

Die Machtguter" Gedanken, die uns von einem anderen Menschen her kommen, können wir immer nur mit Dankbarkeit empfangen; sie sind wie ein gnadenhaftes Geschenk; sie tragen, sie steigern unsere besten Fähigkeiten und schützen uns vor allerlei innerer oder äußerer Gefahr. Solche Wirkung an uns selber erkennend, sollten wir aber nie bloß die Empfangenden, sondern immer auch die Gebenden sein. Da unsere Ge­danken unbestreitbar reale Größen oder Werte sind, gehören sie nicht uns allein; wir tragen mit ihnen eine Verantwortung vor jeglicher Gemeinschaft, nämlich die Berantwortung, so zu denken, daß es den anderen ermutigt, ihn fördert, ihn emporhebt und klärt.

Krühsommer um die Zugspitze.

Von Hans Brandenburg.

Der Juni kann im bayerischen Hochland Winter, Frühling und Sommer berauschend mischen. Auf den Gipfeln kann noch Altschnee oder noch einmal Neuschnee liegen, von der Dreitorspitze über die Meiler­hütte bis zum Schachen, ja bis zur Wetterfteinalp hinab; Wetterstein- und Karwendelgebirge also können noch schwer zugänglich und gefährlich fein dafür ist aus den Tälern bis hinauf in diese späte Schneegrenze eine Himmelsleiter aufgestellt, auf der wir an einem einzigen Tage wechselweise und stufenweise durch Monate und Jahreszeiten steigen. In den Niederungen hat der Baumfrühling ausgeblüht und schwellen die Wiesen, weiß vom Kerbel, dem Schnitt entgegen, dann aber erlebt das Gebiet der Hochtäler erst seinen Mai, und ein Wald- und Almenland wie das zwischen Garmisch und Mittenwald hebt uns nochmals in den April, März und Februar, um uns, wieder zurück, in Blumenwiegen ab­zusetzen. Die Elmau ist hier der Mittelpunkt, das grüne Herz des Berg­frühlings und ein Ausgangspunkt für erste Halbhochwanderungen wie später für Hochwanderungen.

Wenn hier die Schwalben um höchste Menschensitze und so auch um ihre höchsten Nester flitzen, und wenn der Kuckuck ruft, dann züngelt Flammen- und Wimpelgrün der Buche durch den fichtenschwarzen Berg­wald, und kleiner Kranzberg und Stellwagelskopf werfen sich in dieser schwarzgrünen Brandung aus zur nackten, zerrissenen, noch weißbeschil­derten und weißgeäderten Felsenmauer der Wetterfteinwand. Der weite Kesielgrund des Hochtales ihr zu Füßen ist ein gebuckelter Wiesenwellen- fchlag, der schon buttergolden vom Hahnenfuß erglänzt und frühsommer­lich die schönsten Orchisarten sowie weiß, gelb und rosa die Kleeköpfe schaukelt. Gegenüber der Waldrücken zum Eckbauer hin, der Südaus- läufer des Wambergs, brennt am ersten in voller lichtgrüner Lohe, doch in feinen kühlen und feuchten Falten erwachen Frühling und Vor­frühling spät und halten sich lange. Er ist keine Promenade, sondern eine meist unwegsame Wildnis, ein Hanggebreite aus Hochwald und Graslichtungen, Weide und Sumpf, Baumschlägen und Windbrüchen, Jugenden und Holzwegen, Jäger- und Hirtensteigen, wo Moräste den verirrten Fuß verschlingen oder an Schluchträndern schwindeln lassen und wo Spuren und Losung der Hirsche zu Futterkrippen und Hochsitzen oder Kuhfladen zu einsamen Viehtränken führen. Noch erlaubt das junge Gras, auch die größeren Blößen zu betreten: die Himmelswiefe und den Sonnenhügel. Denn hier weichen kaum erst die Schlüsselblumen den Trollblumen, die ihre Goldballen rund öffnen, und neben ihren satten Teppichen sind auf mageren Triftstellen noch die lila Mehlprimeln ge­stickt und die Kelche der Enzianen aufgetan, das Bayrischblau des kleinen und das Duiikellazurblau des großen, ftengellosen. Der Löwenzahn, in den Tiefen längst zur Samenlaterne verglommen, prunkt hier noch im Aufgang seines Gestirns. Die Sonne braut dampfenden Tau, Dunst rollt entschleiernd an den Riesen von Karwendel und Wetterstein hinab, bis er Gürtel um ihre Flanken schlingt, doch trotz der Frühe schrie sich der Kuckuck schon heiser, er läutet mit vor Jubel geborstener Glocke.

Weiterhin auf diesem Geländerücken, über dessen in den Wald ge-

fprenfefte Grasplätze Heustadel verstreut sind, liegt, näher dem Eckbauer zu, die Brünstalm. Das ist, wie der Name sagt, im Herbst eine Kampf­bühne, eine Hocharena der schreienden Hirsche. Jetzt lagern auf ihren gepolsterten Kanzeln die braunen Rinder vor den silberblauen Licht­altären des Zugspitzmassivs, und im Hintergrund, im Schutze runenge- fugter Felsblöcke raucht unterm schmiedeeisernen Kesielträger die offene Feuerstelle der Hirtenhütte. Ein Bergahorn spendet ersten Schatten, einer jener Bäume, wie sie in den höheren Regionen dieses Rückens oft ganze Baumgebäude, Moosburgen, grünende Ruinen bilden. Und Stümpfe hangab laden zum Sitzen. Die beiden größten Gebirgsftöcke Oberbayerns hier gegenüber wachsen sie nah in breiter Front auseinander. Aus den Wäldern, in denen sie wurzeln, gurren die Wildtauben und flötet das melancholische Amsellied der Ringdrossel, der Bergbewohnerin. Dann schreckt plötzlich ein Donner die Stille, als sei Gottes Blitz aus heiterem Himmel gefahren: eine Schneeader ward drüben von der Sonne ange- zapst, eine Lawine geht nieder, man sieht, wie sie, ein weißer Meß­bach, durch eine Schrunde der Wetterfteinwand stürzt.

Der Wetterfteinwand sind, durch Kare von ihr getrennt, Basteien vor­gelagert: Gamsanger, Zirbelkopf, Kärnikopf, Kämitorkopf, Schachentor­kopf. Der Aufstieg zu einer von ihnen kann stärker reizen als der be­queme Königsweg auf den Schachen. Dichter ober fturmgefättter Wald und steile Buckelmatten, bann Latschenbezirk unb mit blauen Kugel­blumen bewuchertes Geröll find oberhalb des Bauhölzer Ziehweges bis Stufen hinan zum Fuß der Gefelstreppen, unb zuletzt Schneehalben, ßaroinenfelber, bie niemals ganz abschmelzen. Aber reicheren Ausblick erschließen leichteren Wanderungen bie Sattelhöhen unterhalb der Baum­grenze, bie sich zwischen die beiden Gebirgsftöcke schmiegen Den Paß bezeichnet als sanfter Spazierweg das Mittenwalder Sträßchen an beiden Seiten des Ferchenbaches. Es läuft, von weidenden Rindern über­quert, mit feinem Wildwaffer schon durch Region von Latschen unb Stein- rosen; ben Bach säumt eigelb die Sumpfdotterblume und an Steilrainen bie Aurikelpracht bes Gamsblümerls, und in sein Tal sind zwei grüne Seespiegel einaesenkt, der eine den Sturz der Wetterfteinspitze, der andere die entfaltete Karwendelkette empfangend. An dem ersten, dem Ferchensee, glockelt schon die purpurbraune Akelei über den Uferwiesen.

Kurz vor dem See geht es links zum Kranzberg hinauf, an dessen Waldhängen bas Sträßlein entlang zieht. Wir können aber auch schon von der Elmau aus über bissen Kleinen Kranzberg auf ben Hohen Kranzberg steigen in einer Wanderung auf und ab über den Rücken, dessen Hochwald uns die nah und fern herumstehenden Steingipfel meist verbirgt, um sie auf Lichtungen einsam unb überraschend freizugeben. Der Buchfink schmettert hier einfacher, kunstloser als im Wettbewerb in den Stabtgärten, der Zilpzalp wechselt unb wetzt fein eintöniges Sieb in der immergleichen Klangmünze, und auch seltenere Sänger stimmen in Höhen unb Gründen ihre Strophe an, darunter der Baumpieper, unser Walbkanarienvogel. Erste Frühlingsgewächse wie Pestwurz und Milzkraut entblühen dem feuchten Waldboden, hoher begegnen wir gar noch dem Seidelbast, der Glöckchenheibe und der Soldanelle, denn es haucht kühl aus Schattenklüften, in denen letzte Schneetafeln liegen. Die Almenblohe des Gipfels, bie zuletzt den Wald unter sich läßt, zeigt ben Kranzberg im Rechte feines Namens: wie ein Kranz legen sich die Alpen­züge herum, Wetterftein, Karwendel, Soierngruppe fügen jenseits bes Jsarbeckens bie Walchenseeberge an und schließen mit dem Estergebirge, den Garmischer Spitzen und ben Ammergauer Alpen ben Ring. Wie ein weiß angeschnittener Zuckerhut spaltet sich die Alpspitze aus Wolken auf, aber in sonnige Nähe fällt der Blick auf die Dächer Mittenwalds hinab.

Ist der Kranzberg, roetterfteinroärts, bie eine nahe Ausflug- unb Auslugwarte über bem Geigenmacherftädtchen, so ist brühen, jenseits bes Mittenwalder Jochs, von bem sich unser Sträßchen zum Lautersee senkt, der Burgberg bie andere. Dieser springt vor mit der Eberkanzlei, bie in drei Gebirgstäler schaut: ins Ferchental, ins Isartal und ins Leutaschtal. Der Gebirgskranz ist also hier in einen großartigen Fächer auseinander- geschlagen, nun trennen sich Wetterftein und Karwendel mit bem Schar- nitz-Pah, und die Mierninger Kette schiebt sich mit der Seefelder Hohen Munde in die Falte.

Aber der Burgberg ist nur Vorstufe zum Grünkopf, bem letzten ber Wetterfteinköpfe, bem einzigen, der noch ganz begrünt ist, doch dem einzigen auch, der ebenfalls hinter die Wand spähen läßt, in bie rück­wärtige, bie Tiroler Seite ber zur Zugspitze hinftrebenden Gipfelwelt. Hoch über bem Ferchensee hängt und treppt sich mit bem letzten ange- tlammerten Wald ber Franzosensteig an bie Wand, unterhalb ihrer eigentlichen Zinnen. Er ist ein alter Schmugglerpfad, über ben im Jahre 1805 bie Franzosen, von einem Verräter geführt, ber österreichischen Grenzwache in ben Rücken fielen. Von ihm teilt und stellt sich ber rauhe Pfad zum Grünkopfgipfel, zuletzt Linie ber Ländergrenze. Die Buchen hier züngeln noch erst mit spitzen Blattflämmchen aus ben Knospen. Ein Auerhahn streicht ab, unb geschreckt folgt feiner stürzenden Flugbahn bie Henne. Der Boden ist besät mit Felsblöcken, nackten unb über­wucherten, er scheint in ihnen zerbrochen und zerworfen. Knieholz trüppelt unb klettert mit uns hinan. Gras und Erde find naß und dünn aufgeklebt, teigig zerdrückt von geschmolzenen oder schmelzenden Schnee­inseln. Aus dem kaum zerlasienen Weiß zucken die Spitzkelche des Krokus. Unb die nelkengefransten Soldanellengläckchen wandern und schwingen in ganzen Trupps. Die Schneeheide blüht in großen, schwellenden Beeten, fliese roten Erikakissen polstern den Abhang und hängen mit den dunklen Latschen über ber filberblauen Tiefe. So aus Schneeflur unb blühendem wilden Steingarten ber Balzplätze zinken bie Felsfanfaren ber Wetter­steinschroffen auf, im Echo burch bie Kette ber nahen unb fernen Häupter, Wänbe unb Riffe rollend. Der Himmel ist abgrundtiefer Glanz über ben kalkgrell ihn stürmenden Mauern, an denen ein Meer bes Lichtes niederbricht. Darunter die Seen sind wie Edelsteine vom Geschmeide der Wälder gefaßt, die Isar zerreißt den Glanz der Niederung im Blitz. Aus letzten Winterburgen wälzt sich der Frühling in den Sommer.

Aeraniwvrtlich Or. HansThyriot. Druck undDerlag.Drühl'jcheUniversitäts-'Buch. undSteindruckerei, A. Lange, Gi eben-