Heimat.
Von Friedrich Schnack.
Hier kocht der Wein, hier winkt ein gutes Haus,
Hier steht die Wolke silberweiß im Wind, Der Hirte führt dich in sein blaues Tal hinaus, Wo die Gesichte deiner Jugend sind.
Hier braust dein Quell, hier brennt dein dunkler Dorn, Der Seelenfalter wiegt sich durch die Luft, Die Au ergrünt, du schlürfst der Halde Dust, Hier stößt die Fabel in ihr goldenes Horn.
Verhalten trieft das Harz, der Vogel schreit, Die Stille küßt dich mit dem Sonnenmund, Von gelben Schätzen gleißt der Doldengrund, Gerät und Kunde alter, wunderbarer Zeit.
Die schwarzen Burgen stehen hoch im Licht, Voll Trunkenheit, bespült von großem Blau.
Aus tiefen Fenstern neigt sich ein Gesicht, Vernarbt von Abenteuern, seltsam aschengrau.
Froh rollt ein Wagen aus glückhafter Fahrt, Die grünen Berge öffnen ihre Tore weit Und atmen kühl aus Steinversunkenheit, Und Wasser schweigen tief und traumbewahrt.
Das Leben der Sprache.
Von Rudolf G. Binding.
Aller Sprachen wunderbarste und verwunderlichste ist unsere: die deutsche Sprache. Nicht wegen ihrer Vollkommenheit, denn manche Sprache tut es ihr hierin voraus; nicht wegen ihres Wohlklangs, denn so manche anderer Herkunft rührt das Ohr melodischer an; nicht wegen ihrer Einfachheit, denn sie wird mit Recht die schwierigste und eigenwilligste unter allen genannt; nicht wegen ihrer Reinheit, denn ihr großer Strom reißt fremde Bestandteile ohne Bedenken und — wie es alle großen Sprachen tun — ohne Gefahr in sich hinein; nicht wegen ihrer Verständlichkeit und ihres Herrschergelüstes, denn sie ist die unnahbarste und dornigste aller für Mund und Ohr des Fremden: sondern um des Ausdrucks eines Unvergleichlichen willen, das keiner anderen Sprache der Welt zugänglich ist und kein anderes Volk der Welt in sich trägt, — dieses fürchterlichen und gesegneten Schicksals, das wir deutsche Seele nennen dürfen.
Wohl steht auch unsere Sprache im Dienste des Tages. Wir teilen uns durch sie einander mit. Die Sprache bedürfte dazu nur des Lautes oder der Laute, einer physikalischen Wahrnehmbarkeit sozusagen, die sich in hörbaren Zeichen vom Munde bilden und vom Ohre empfangen ließen. Unsere Sprache aber vermag weit mehr. Vergeblich mühen sich andere um dieses Mehr, das allein unser Schicksal ist.
Wir jedoch sollen es wissen: daß die Sprache das Wahrnehmlichste dieses Unvergleichlichen ist, das wir deutsche Seele nennen und das kein anderes Volk mit uns teilt. Wir sollen wissen, daß sie die Kunderin dieses Schicksals ist und nicht die willige Dienerin des Tages und unserer Mitteilung. Denn dieses ist nur der angenommene, der zweite Dienst ihrer Vornehmheit, und wir sollen höher von ihr denken zu aller Zeit, besonders aber zu dieser Zeit, in der wir leben.
In solchem Sinn und Anblick der Sprache hat kein Volk Dichter und Verkünder von der Größe Hölderlins und Goethes, Denker von der Tiefe Nietzsches, Sprecher von der Kraft der Brüder Grimm oder Theodor Mommsens, Erzähler von dem Zauber Gottfried Kellers, Dramatiker von dem Ungemeinen Schillers — wie ja auch kein Volk der zweiten Sprache mächtig ist, die sich die deutsche Seele zu ihrem Ausdruck erfand: der deutschen Musik. Und wie diese so ganz anders ist als alle Musik der Welt, o ist es die Sprache unseres Volkes. Sie braucht sich des nicht zu schämen, daß die deutsche Seele sich an ihr nicht genügen lieh sondern der Welt ich in einer zweiten, allgemein verständlichen Sprache schenkte, die an remde Seelen zu rühren vermag. Denn beide Sprachen sind seelische
Unseres Mundes, unserer Lippen Sprache indes, an das Wort und den Laut geknüpft, wie jede eigentliche „Sprache", wie vollbringt sie das Wunder? Unstillbar ist ihre Sehnsucht, sich auszudrucken, unermüdlich und unauffällig ist sie am Werk, sich zum Ausdruck dessen zu machen was eine Zeit am tiefsten bewegt. Daher schafft sie unaufhörlich. Denn etwas drängt ja zum Ausdruck. Und es ist nichts Geringeres als das Wesen ihres Volkes, das sie in jedem Wort, ja schon irn einzelnen Laut, ans Licht hebt und unseren Sinnen lebendig macht. Achte sie keiner gering, weil er sie täglich gebraucht zu vielerlei Zweck und sie daher zu beherrschen glaubt. Wenn ihr sie tausendfach mißbraucht und mißhandelt, sie herrscht dennoch.
Wie aus einer Grotte ewiger Geburt, an den Sinn — die Sinnlichkeit des Lauts geknüpft, als Laut schon voller Sinn und Kraft, entsteigen Wortgebilde einem unerschöpflich tiefen Quell: Wortgebilde voller Ganz und Herrlichkeit, Wortgebilde einsilbig und fest, Wortgebilde wie mit einem Körper ausgestattet, Wortgebilde von fürchterlicher Bestimmtheit und beglückender Erfüllung.
So ist es in ihren Beständen, so wäre es in jedem Wort, das — eine vollendete Geburt — neu jenem Quell entstiege.
Wo ist ein Wort wie Baum, das mehr den Baum, wo ist ein Wort wie Hauch, das völliger den Hauch, wo ist em Work wie Axt, das wahrhaftiger die Axt ausdrückt — den Inbegriff und das Wesen, den Sinn und die Wahrnehmbarkeit dieser Dinge? Rausche nur, Baum, in deiner räumigen Fülle der Mitte, im weichen Anlaut und dem mütterlichen rundenden Endlaut. Hauche nur, Hauch, du Wort geformt wie die Höhlung des Mundes, dem du entströmst, flüchtig verfliegend — noch eben im Dasein und eben auch schon ersterbend in deinen eigenen hauchenden Endlaut. Aechze nur, Axt, mit dem offenen A des Anfangs, dem ächzenden X und dem kurzen, fast hackenden T des Beschlusses, des Endes, des fallenden Schlages.
Nicht Tonmalerei (obwohl die Sprache auch diese kennt), nicht ein Notbehelf, bei dem sich ein anderes an Stelle des Eigentlichen und Einen fetzt, find die Gebilde unserer Sprache: die Sache selbst entsteht im deutschen Wort wie in einer Geburt, vor der das Nich^Sein lag, und nach der das Leben der Dinge beginnt.
Die Sprache ist wie ein Heiligtum, das sich selber heiligt, selber reinigt, selber erneut, wenn die Zeit da ist. Tausende läßt sie an sich sündigen und wehrt ihnen nicht. Jahrhunderte nutzen sie ab und Millionen von Zungen scheinen sie zu zerreden und zu verschleißen im Getriebe des Tags, in Handel und Wandel, achtlos und unfromm.
Bis eines Tages in einem Sprachgewaltigen, einem Inbrünstigen sonderlicher Art — in einem Luther, einem Goethe, einem Gegenwärtigen oder Kommenden — sie neu aufsteht und sich dem Volke, dessen Seele sie dient, reiner, stärker, gewaltiger, tiefer, jünger als je in die Brust senkt.
Dann wird klar, daß die Sprache ein Ganzes ist. Wenn sie auch unaufhörlich an sich arbeitet, wie sie sich unaufhörlich abschleift, so ersteht sie doch zu ihrer Erneuerung zum Ausdruck ihres Volkes als ein Ganzes, als eine Schöpfung, als eine neue Geburt.
Geheimnis im Alttag.
Von Georg Foerster.
Wir sitzen in einem Saal unter vielen Menschen oder wir gehen die Straße entlang. Plötzlich, wir wissen selbst nicht warum, wenden wir den Kopf nach einer bestimmten Seite und begegnen dem Blick eines anderen, der uns angeschaut hat. Vielleicht ist es ein Freund ober Bekannter; vielleicht auch jemand, den wir gar nicht kennen. Wem ist das nicht schon öfters im Leben passiert? Möglicherweise haben wir an den betreffenden Menschen gedacht. Sehr häufig war das aber nicht der Fall. Und merkwürdig auch, daß unser Blick kaum zu suchen brauchte, sondern sofort, mit unbedingter Sicherheit, auf die Stelle traf, von der die „Ueber- tragung" kam. Vermögen wir also Blicke zu „fühlen"? Können Augen so lebhaft sprechen? Gibt es so etwas wie eine drahtlose Gedanken- oder Gefühlstelegraphie?
Oder — zwei Menschen, die sich innerlich nahestehen, sind durch irgendwelche Umstände räumlich weit voneinander getrennt. Sie denken natürlich oft aneinander. Und seltsamerweise weiß jeder van ihnen recht gut um den anderen Bescheid. Es gibt unsichtbare Fäden zwischen ihnen. Sie fühlen einen seelischen Zusammenhang, der sich bald lockert, bald wieder festigt. Und es ist auffällig, daß sich immer wieder einmal die Briefe zwischen ihnen kreuzen, weil sie ungefähr zur selben Zeit geschrieben wurden. Es kommt auch vor, daß der eine von beiden sich bann zum Schreiben gedrängt fühlt, wenn der andere gerade befonbers intensiv mit ihm beschäftigt war. Auch so etwas wirb wohl jebem im Leben begegnet sein. Und viele werden solche Vorgänge bestätigen.
Gibt es also Verbindungen zwischen uns Menschen, die wir zwar nicht messen und wiegen können, die aber doch vorhanden sind? Spielen da Kräfte in unserem Leben, die wir zwar nicht zu greifen vermögen, die aber doch sehr deutlich wirken? Nur ein ganz krasser Materialist oder ein Mensch mit ungewöhnlich „dickem Fell" wird es leugnen, weil er solche Kräfte kaum spürt.
Ohne Frage erschöpfen sich unsere Beziehungen eben nicht darin, baß wir uns sehen und hören, baß wir miteinanber sprechen und in Berührung kommen, erschöpfen sich nicht mit ber gegenständlichen Wahrnehmung, bie wir voneinanber haben. Sie gehen häufig ganz erheblich über ben Rahmen ber konkreten Erfahrung hinaus und können weitaus verwickelter, reichhaltiger, hintergrünbiger jein. Viele „unberechenbaren" geistigen unb seelischen Energien spielen in unseren Beziehungen eine Rolle. Und bieje Energien können sowohl gut als auch schlecht geartet (ein, können uns bas eine Mal schädigen, bas anbere Mal förbern.
Es ist zum Beispiel kindlich, zu glauben, baß es nichts weiter auf sich hat, wenn Menschen, bie vielleicht einmal stark miteinanber ver- bunben waren, eines Tages im Bösen auseinanbergefjen. Wie oft bricht bamit bie Beziehung nun für ben oberflächlichen Betrachter ab; wie oft führt sie ein höchst sonderbares, beinahe gespenstisches Leben weiter — nämlich in den Gedanken, die sich die beiden Menschen zuschicken. Sie stehen dann häufig nach lange in einem „drahtlosen" Austausch ber Gefühle, sie führen miteinander allerlei zwiespälUge Gespräche, quälen sich aneinander unb bereiten sich gegenseitig Hemmungen mancherlei Art.
In einer jozusagen transzendenten Wirklichkeit sind sie also gar nicht voneinander los. Der eine fühlt sich bedrückt ober beunruhigt, ober es geht ihm unter Umftänben auch einfach gesunbheittich schlecht, wenn gerade der andere besonders ungünstige Spannungen zu ihm besitzt. Es hat eben mit unseren Gedanken doch eine besondere Bewandtnis. Es sind Realitäten, mitunter sogar sehr kräftige Realitäten, deren Einfluß wir keinesfalls unterschätzen sollten!
Geschieht es nicht auch oft, mir einmal auf ein weniger dramatisches Gebiet abzuschweifen, daß wir uns gerade bann mit jemanbem telephonisch in Verbindung setzen, wenn er bie gleiche Absicht gehabt hat? Ober baß wir von jemandem gerade zu der Stunde angerufen werben, in ber wir unsere Gebauten zu ihm auf bie Reise schickten? Nein, es läßt sich gar nicht bezweifeln, baß unsere mit allen möglichen Gefühlsballungen und Willensspannungen geladenen Gedanken tatsächlich „vorhanden" sind.


