Ich hatte bisher an dem Gespräch nicht teilgenommen. Damals hatte meine Schwkrhörigkeit schon solche Fortschritte gemacht, daß man sie manchmal hätte Taubheit nennen mögen. Indessen gab es Tage, an denen das liebel weniger arg war. Immer wenn der Wmd von der Sierra nach der Stadt stand, hörte ich ganz gut, und heute war ein solcher Tag.
Ich hatte also geschwiegen, nicht weil ich nicht hörte, um was es ging, sondern weil mich das Bild fesselte, das ich vor nur sah. Tibur- cios dreckige Spelunke, in der es gleichwohl 6en besten Wein von Madrid gab, die erregten Männer im Halbdämmer des Lichtes das durch die offene Tür und das eine Fenster mit den zerschlagenen Scheiben hereinkam. Einen der zerlumpten Maultiertreiber hatte ich sogleich zeichnen mögen, und die Pastrana sah wie eine richtige alte Hexe aus, wie ich sie für ein Capricho hätte brauchen können. Ich schwieg, weil man besser sieht, wenn man nicht mitspricht.
Nun aber, da Martincho mir seine Worte mit solcher Feindseligkeit ins Gesicht warf, mußte ich ihm erwidern: „Pio!" sagte ich ganz ruhig, „ich weiß nicht, was du willst, es ist doch alles in größter Ordnung zugeqangen." „,
Es war wirklich alles in bester Ordnung vor stch gegangen. Martincho hatte nach seiner großsprecherischen Art sich über den kläglichen Ausfall der Corrida dadurch hinwegzusetzen versucht, daß er nach ausgiebiger Verwünschung Duartes bis in den Grund der Hölle geschworen hatte, es sei eine ausgemachte Bosheit von dem Kerl, daß er gerade heute so armselige Toros gestellt habe. Gerade heute habe er den großen Sprung vom Tisch über den Rücken des Stieres zeigen wollen.
Da war es die Celestina gewesen, die ihren Freund verhöhnt hatte. Was sie dazu antrieb, weih ich nicht. Vielleicht wollte sie ihm nach dem vorangegangenen Zank noch einen besonders empfindlichen Hieb versetzen/vielleicht auch wollte sie sich bei mir einschmeicheln, um mich zu bestimmen, sie wieder einmal zum Modell zu nehmen.
Jedenfalls hielt sie Martincho vor, es sei leicht, damit zu prahlen, was man habe tun wollen. Aber da stehe einer, der diesen Sprung wirklich gemacht habe und gewiß noch heute wagen würde, obzwar seine Waffe der Pinsel sei und nicht die Spada.
Der Mann, den sie meinte, war ich.
Handrücken: „Es sind keine Geheimnisse", sagte sie mit einer dünnen Acherigen Stimme, „ich weiß auch nicht mehr als alle. Man spricht doch aus den Straßen genug davon/"
Was denn?" drängte der Banderillero
„Nun, daß Murat die Kinder Karls nach Bayonne bringen lassen^will
Die Königin von Etrurien und den Prinzen Francesco de Paula?
"Ist es nicht genug daß unser angebeteer König schon bei Napoleon ist mid daß ihm dieses dicke Schwein Karl und seine Vettel von Königin mitsamt ihrem Lumpenhund von Godoy dort die Holle ^,.^ch^ Was will man mit den Kindern dort? Ihr werdet sehn, da steckt eine sranzösische Teufelei dahinter."
„Hat es der König befohlen?
Nein", sagte die Pastrana, „dieser Karl will es, der gar nichts mehr zu sagen hat. Aber die Junta weigert sich."
Hoch die Junta!" lärmten einige Picadores.
„Die Junta will die Kinder erst reisen lassen, wenn es Fernando ^^Der^Cachetero Narvaez zog seinen breiten Dolch aus dem Gürtel und stieh ihn in den Tisch, daß er zitternd stecken blieb. Dann legte er die Finger seiner rechten Hand an die Klinge, die schon so vielen Toros den Tod gegeben hatte: „Wir wollen in Straßengraben verrecken und in Mistjauchen ersaufen, wenn wir die Kinder aus Madrid lassen. Aber dann fiel ihm plötzlich etwas anderes ein: „Ich möchte wetten .suche er, „daß dieser Duarte seine besten Stiere für die Corrida m vierzehn Tagen zurückgehalten hat."
Warum?" fuhr ein Wasserverkauser auf.
"Weil dann doch dieser Murat, den der Teusel entzweischneiden möge, der "Corrida die Ehre erweisen soll, ihr beizuwohnen."
Die anderen hielten in den Ausbrüchen ihrer Empörung über die geplante Entführung der Kinder inne und horchten auf Gewiß, lo roar esjo und nicht anders, wie hatte man so kurzsichtig fein können; natürlich war es so, daß Duarte, dieser Schuft, die guten Stiere zuruckbehalten hatte, damit in vierzehn Tagen dem französischen General em besonders glanzvolles Schauspiel geboten werden könne. Aber da sollte er sich geirrt haben.
„Es fällt mir nicht ein", sagte der Espada Vidriera, „für diesen Franzosen meine Klinge zu entblößen."
Nein, ganz recht so, keiner von ihnen wollte kämpfen, kein Banderilla sollte sich dem Toro in den Nacken bohren, kein roter Mantel vor seinen Augen geschwungen werden, das Knochengerüst des schäbigsten und ältesten Gauls war zu schade für so einen Zuschauer. Er sollte fehen, dieser Kinderentsührer, dieser neue Herodes, wie er zu seinem Stiergefecht kam.
Hallo, Martincho", rief Larosa den Espada an, „was ist mit dir?
In diesem Augenblick schlug Tiburcio, der Wirt mit einem Kochlöffel gegen die kupferne Pfanne, die über dem Herd hing, und ein runder, voller Ton rollte durch den Tumult der Aufgeregten.
„Tod den Franzosen!" sagte der Wirt, „mag der Teufel seine Schwe ne mit ihnen füttern! Aber hier ist eines, das ein Meres 8“«« crt)aI V1 hat, und das ist eben fertig geworden, mögen also die E^ellenzen nicht versäumen, sich mit ihm zu beschäftigen, solange die Haut noch knusprig lst
Der Mozo trug mit hochgehobenen Armen das gebratene Ferkel herbei. Es lag aus einem Brett, hatte eine Zitrone im Maul und fa 1) fo überaus wohlgeraten aus, daß sich ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte und allen das Wasser im Mund zusammenlies.
Und in der Pause, die dadurch entstanden war, daß jeder in Gedanken ein Stück für sich herunterschnitt, sagte der Espada Martincho langsam und mit Betonung: „Wenn wir uns zu kämpfen weigern, dann mag es vielleicht Goya tun, damit der Franzose nicht um sein Vergnügen kommt!
Nun hatte ich ja wirklich seinerzeit als junger Mensch eine zeitlang mein Brot auch als Stierkämpfer verdient und den Sprung getan, von dem da die Rede war. Aber heute war ich zweiundsechzig und, mew ich auch noch nichts von der Schwäche des Alters fühlte, völlig außer Hebung Ich dankte also der Celestina für die gute Meinung und hielt damit die Sache für abgetan.
Aber die andern waren außer Rand und Band geraten, die Cel^ Itina batte ihre Neugierde entfesselt, und nebenbei wäre es ihnen auch willkommen gewesen, Martincho, der nicht sonderlich beliebt war, beschämt zu sehen. Der Eachetero Narvaez, der in meinen Jahren war, versicherte, er sei mehr als einmal dabei gewesen, wenn ich ^" Sprung getan habe, und nun schrien alle auf mich em, sie wollten ihn sehen und sie mühten ihn sehen.
Gewiß hätte ich trotz alledem ihrem Drängen widerstanden, wenn Martincho nicht jetzt seine höhnischeste Miene ausgesetzt und gesagt hätte: Paßt ihn doch! Dem Herrn Hofmaler Goya werden wohl die Glieder' steif geworden fein von den vielen Bücklingen, die er bei Hos hat machen müssen."
Nun blieb mir wohl nichts anderes übrig als meine Zurückhaltung aufzugeben und den Versuch zu machen, auf die Gefahr hm, mir Das Genick zu brechen oder vom Stier aufgespießt zu werden.
gönnen denn auch einige auf mich zu wetten, aber es mar niemand, der die Wetten hielt als Martincho, so großes Vertrauen hattrn die andern alle zu meiner einstigen Geschickttchkett. Wir S'n^n 'i“'^ den Ställen schoben den zeternden Duarte mit einigen Rippenstößen bet feite und da zeigte es sich denn, wie gesagt, daß er em paar ganz prächtige Stiere hatte, die uns vorenthalten worden waren
P Ich wählte den Stier, der den tückischsten und bösartigsten Blick hatte und warf meinen Frack ab. Die Arena war leer, nur einige Diener suchten noch die Sitzreihen nach verlorenen Gegenständen "b. Man brachte den Tisch, stellte ihn auf den Sand, und dann gab ich das und to tont, Ihm mit d-m »t.n Tuch entgegen. Es war nicht nötig, ihn lange zu reizen, er war ein tapferer Kerl und ging mich ohne Bedenken an. Ich war vor ihm bis in die Nahe des Tisches zurückgewichen und schwang mich nun hinaus. In dem Augenblick, als er gegen ben Tisch «mrcmnte, sprang ich mit einem Satz über seinen Rücken hinweg und landete jenseits seines Schwanzes im Sand. Der Tisch brach krachend zusammen, und der Stier stand verblüfft da, eingehüllt m das rote Tuch, das id) «W über die Hörner geworfen hatte. Ehe er sich noch befreien tonnte, hatten sich die Stallknechte seiner bemächtigt und führten ihn ab
Ich kann nicht sagen, daß mich der Sprung sonderliche Anstrengung gekostet hätte. Ist es nicht, als hatten auch die Muskeln eine Art besonderes Erinnerungsvermögen und könnten, was sie einmal gelernt haben, getreulich aufbewahren — bis uns eben äa5 ©reifen- alter die Lebenskraft selbst fortnimmt? Ich war beim Ansturnt des Stieres ganz ruhig geblieben, meine Zufchauer aber taten nun, als hätte sich etwas Unerhörtes ereignet und tobten wie die llnfmmgen.
Die Cestina warf sich mir an den Hals, und der Espada Vidriera umarmte mich und schrie: „Schmeiß den Pinsel weg, Francesco, und kommt wieder in die Arena!"
Es war also alles in Ordnung vor sich gegangen, und Martm-ho hätte sehen können, daß ich mehr gezwungen als freiwillig den Sprung gemacht hatte. Die Arena war leer gewesen seine Niederlage, wenn er es schon für eine solche hielt, hatte keine anderen Zeugen gehabt als. feine nächsten Freunde. Dessen ungeachtet hatte sich em rasender Ingrimm in seine Seele eingesressen. ..... , i(.„
1 Ich sah wie es in ihm kochte und wollte em übriges tun, um ihn zu beschwichtigen. „Keinen Groll, Pio!" sagte ich, „es gibt jetzt aho nur zwei Männer in Spanien, die diesen Sprung machen können. Und
da ich nicht daran denke, öffentlich zu kämpfen, fo bist du der Einzige,
von dem ihn das Publikum zu sehen bekommen wird.
, Und ich denke", sagte der Doktor Siebold, „daß es jetzt an Der
Zeit ist, gegen dieses in seiner Jugendblüte stehende Schweinchen zu kämpsen dessen Haut einschrumpfen wird, wenn ihr redet anstatt zu essen Unsere vielgeliebte Celestina mag uns die Ehre erweisen es uns zu zerlegen und zuzuteilen." Damit erhob er sich und ftretfte em Hande wie zum Segen über bas Ferkel aus, das in seiner Holzschuh ""^Cettck'ina^nnhm lachend die Gabel und das Küchenmesser, das ihr Tiburcio reichte, aber als sie die Zinken in den Rucken des Ferkels stieß, begann es plötzlich jämmerlich und durchdringend Zu quieken. Gabel und Messer entfielen den Händen des Mädchens, und die Manner, die schon in der Vorfreude des Genusses näher geruckt waren, fuhren bestürzt zurück.
Versteht ihr nicht", brüllte Narvaez, m dem er sich schallend auf die Schenkel schlug, „daß dies ein Scherz unseres Doktors Eines der Kunststücke, die er von den Indios mitgebracht hat.
Ach ja, gewiß, der Doktor liebt solche Spaße, er ließ einen Esel aus der Wurst sprechen, er hotte aus einem unversehrten Ei einen Bries hervor, es machte ihm ein Vergnügen, die Leute mit Dingen z überraschen, die jeder für unmöglich gehalten hätte. Jetzt hatte er gebratenes Schwein quieken und grunzen laffen, und jeber oerftano, daß es diesmal darum geschah, um die Stimmung ms Friedliche um
zuwandeln. . . ... , nj«
Aber mit Martincho war nun einmal nichts anzufangen. Es war tu fei in ihn etwas von dem Wesen der Stiere eingegangen. Die er m Verlauf seines Lebens schon getötet hatte. Hartnäckig und blinbwul'8 verfolgte er, was einmal feinen Grimm erregt hatte: „Mag nur moi feine Künste zeigen", fagte er, „beim dicken Karl hat er es erreich, durch Schweifwedeln und Speichellecken, daß er Hofmaler geworden im Nun mag er den Franzofen zu Gefallen fein, vielleicht kommt er durq den Mastdarm irgendeines Generals oder gar des Kaisers zur leaion."
(Fortsetzung folgt.)


