Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937
Montag, den H. Juni
Nummer 45
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
Wenn ich die seltsamsten Dinge erzählen will, die mir im Laufe meines wahrlich an Seltsamkeiten nicht armen Lebens begegnet sind, so werde ich vielleicht am besten mit jenem Aprilabend des Jahres 1808 beginnen können, an dem wir nach dem kläglichen Stiergefecht in Tibur- ews Schenke „Zum schwarzen Herrgott" beisammen saßen.
Ich weiß, daß sich um mich, obwohl ich noch unter den Lebenden - weile und hier auf französischem Boden nun endlich die Ruhe zur Arbeit ’inbe, die mir in meinem Landhaus zu Madrid zuletzt versagt geblieben st, ein ganzes Rankenwerk von Legenden zu spinnen begonnen hat. Sie heften sich an Begebenheiten meiner stürmischen Jugend, an die märchenhaften Erfolge meines Mannesalters, an meine Beziehungen zum Hof Znd zur vornehmsten Gesellschaft Spaniens. Es ist vieles darunter, das uchtig, vieles aber auch, das falsch und erfunden ist. Was die Leute von nir erzählen, stellt mich bald als Helden, bald als Verbrecher hin, bald i ls Höfling, bald als Aufrührer, als klugen Geschäftsmann oder als Ver- chwender. Ich lasse sie erzählen, denn ich bin der Meinung, ein großer Künstler dürfe über alle Einordnung in eine bestimmte moralische Klasse °nd über alle Urteile beschränkter Köpfe sich erhaben dünken, und sein Lesen bestehe eben darin, von allem etwas zu sein.
Und da ich der größte Künstler bin, den Spanien seit meinem Meister :?elasquez besessen hat, und wohl schwerlich ein größerer oder auch nur im gleichgroßer nachkommen wird, so glaube ich vor allem darauf Anspruch erheben zu dürfen, das Urteil der Menge in den Wind zu schlagen.
Darüber hinaus aber meine ich, daß es vielleicht ganz gut sei, den teuten Anlaß zu geben, sich über einen den Kopf zu zerbrechen. Denn Öen dieses ist ja ein Teil des Ruhmes, daß neben dem Werk, dessen wurzeln in der Ewigkeit gegründet sind und das vor aller Welt Augen eht, auch das Leben des Künstlers in der Leute Mund ift; der Künstler Isöarf solcher Nachrede, ob im Guten oder im Schlechten, damit er nicht 'pn seinen Zeitgenossen übersehen werde, und es ist nur von Vorteil 'cr ihn, wenn er der Menge Rätsel zu raten aufgibt.
Zumal in Spanien, dem Land, dessen Seele ja selbst ein Rätsel ist. i -lögen die Leute also nur über mich reden, Wahres und Falsches durch- ; mander, und mögen die späteren Schilderen meines Lebens sich damit «»plagen, beides voneinander zu scheiden.
Wenn ich aber nun einen Teil der Abenteuer meines Lebens und g rade den seltsamsten niederschreibe, so geschieht es für dich, mein ferner f I nger Freund — der du freilich auch keiner der Jüngsten mehr bist —, öirnit du das, was du zum Teil als Zeuge selbst miterlebt hast und zum ■iril aus den Erzählungen deines Oheims kennst, klarer ersehen mögest, as es dir damals erschienen sein mag, da ich über gewisse Dinge noch "cht sprechen konnte oder wollte. Es wird dir trotzdem noch so manches uterHärlitf) bleiben
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i. mor also nach jenem kläglichen Stiergefecht, und wir saßen in ' liburcios Schenke, und der Cachetero Rarvaez konnte sich nicht genug "'«r Duarte entrüsten, diesen Gauner von Unternehmer, der uns anstatt Mutiger Toros lauter armselige, schwächliche Kälber gegeben hatte. Sie Mten um ihr Leben gezittert und förmlich mit Tränen in den Augen k'um gebeten, man möge sie aus dem Zirkus lassen und wieder auf die Lside schicken.
. Mit solchen Lämmern war die Corrida kein ritterliches Kampfspiel, Widern eine eintönige Schlächterei, und Martincho hatte keine einzige । frier Künste zeigen können, er war zu keinem einzigen kühnen Stoß
K ommen. Die Cacheteros, die mit ihren kurzen Dolchen dem Stier den « adenstoß geben, hatten die große Rolle gespielt.
Die anderen stimmten in das Geschimpfe über Duarte mit ein. Und s!e' Vanderillero Juan Larosa, der vor kurzem aus Valladolid nach Madrid iickgekehrt war, stachelte den Ingrimm noch mehr an, indem er Eadolid auf Kosten Madrids herausstrich. Dort wurden die Toros, »mn es ihnen an Mut fehlte, gegen ein Tor getrieben und gerieten da S' eine mit Talg geschmierte Rutschbahn, auf der sie in das Wasser der -niuerga glitten. Und nun ging der Kampf ihm Wasser weiter, die Stiere ^>rden von Kähnen aus und von Schwimmern angegriffen, das war - » abwechslungsreicher Kampf, wenn sich die Toros zugleich gegen das ''fnnken und die Menschen zu wehren hatten
' .Der Espada Vidriera, der Anführer der zweiten Quadrille war, er= Ute, wie sie es in Lerma machten. Auch da hatten sie so ein Tor, aber
die Rutschbahn endete nicht im Wasser, sondern über einem steilen Fels- hang; und wenn die Tiere in die Freiheit zu stürmen glaubten, so Ä I>ch
Dann kamen sie wieder auf Duarte zu sprechen, und alle waren darin emlg, daß Duarte em elender Gauner sei, denn es hatte sich ja nachher herausgestellt, daß er auch noch andere, bessere Stiere in seinem Zwinger hatte als diese zitternden Ziegenböcke, an denen Martincho zum Gespött der Zuschauer geworden war. Nichts ist für den Espada schlimmer als wenn die Leuts zu lachen beginnen. Kein Wunder, wenn Martincho verärgert und wortlos abseits von den übrigen in seiner Ecke saß.
Am ärgsten trieb es die Celestina. Sie war eine ehemalige Schau- spielerm und hatte mir einst, in der Zeit ihrer Blüte, als Modell gedient. Ihr Bild befindet sich unter den Engelsgestalten, mit denen ich die Kuppel von San Antonio geschmückt habe. Nun war sie von der Gunst des Publikums fallen gelassen worden, spielte, ein wenig gealtert und ver- " nur unbedeutende Rollen und hatte sich Martincho als Freundin angeschlossen Aber sie schien sich heute mit ihm gezankt zu haben, denn nachdem auch fte zunächst weidlich über Duarte losgezogen hatte, wandte l‘e ftd> mit einer verächtlichen Miene nach Martmcho um und sagte: ,?Aber vielleicht haben die Toros auch gewußt, daß Martincho nicht bei Stoß war. J
Ach sah, wie der Espada zusammenzuckte, und Juan Larosa, der wohl wußte, wie gefährlich es war, den ohnehin gereizten Toreador noch mehr aufzubringen, begütigte: „Wie soll Martincho zum Stoß kommen, wenn die Toros feige Bestien sind?"
Und oer deutsche Doktor Siebold, mein Freund, fügte hinzu: „Ich denke, die Toros haben nicht kämpfen wollen wegen der vielen Franzosen die im Schatten gesessen sind. Wenn ein spanischer Stier stirbt, so will er Spanier auf den besten Plätzen sitzen sehen und nicht Franzosen."
Auch seine Absicht war es wohl gewesen, abzulenken, und diese Absicht gelang ihm vollkommen. Man brauchte des Gespräch nur auf die Franzosen zu bringen, um alles andere vergessen zu machen.
„Die Pest in alle Franzosenknochen!" schrie der Cachetero Naroaez. „Der Teufel hat sie uns ins Land gebracht!"
Ja, das sagten nun alle Spanier. Zuerst hatte man die Franzosen begrüßt, als hätte sie der Himmel geschickt, man hatte sie mit Jubel willkommen geheißen, als Bundesgenossen, als Befreier. Man hatte geglaubt sie seien gekommen, um den Willen des Volkes zu unterstützen das sich gegen den dicken Karl, die Dirne von Königin und den allverhaßten Godoy erhaben hatte, um seinen Liebling Ferdinand auf den Thron zu sehen Aber bald hatte sich gezeigt, daß die Franzosen nicht daran dachten, Ferdinand als König anzuerkennen. Man wußte überhaupt nicht was ste dachten, vielleicht wußten sie es selbst nicht, außer dem einen, der über Kronen und Lander Europas gebot und immer genau wußte, was er wollte.
Die Stierkämpfer, Maultiertreiber und Lastträger, die da in Tiburcios Posada beisammen hockten, nahmen drohende Mienen an, spuckten aus den Lehmboden und sielen mit Flüchen und Verwünschungen über die Franzosen her. Ja, nun hatte sie der Teufel ins Land gebracht oder Godoy was dasselbe war. Godoy, der Verräter, der Wurstmacher, wie sie ihn nannten, weil seine Heimat Estremadura wegen ihrer Würste berühmt war.
„Die Pastrana! Laßt die Pastrana reden!" brüllte Larosa in den Tumult, „die weiß immer das Neueste, sie kommt in alle Winkel, wo sich etwas zuträgt."
Aller Blicke wandten sich dem alten Weibe zu, das neben der Tür auf einem Holzschemel saß und seine dünne Suppe löffelte. Die Bettlerin war von einer abscheulichen Häßlichkeit, ihr Buckel hatte eine abenteuerliche Mißgestalt und sah ihr schief zwischen den Schultern, in der verrunzelten Lederhaut ihres Gesichtes zwinkerten lidlose Triefaugen die nur wie durch ein Wunder noch nicht über die Wangen ausgeronnen waren. Der Hals stak so tief im Rumpf und war so abgebogen, daß sie den Blick auf eine jämmerliche Weise von unten aufheben mußte wenn sie semandem ins Gesicht sehen wollte. Ihre Hüften waren auf eine ganz seltsame Weise aus dem Gelenk gedreht, als bestünde sie aus zwei nicht zusammengehörigen und schlecht ineinandergepaßten Hälften. Man kannte sie, wie sie durch die Straßen torkelte und sich wand wobei die Hüften bei jedem Schritt aus dem Becken stießen, während sich ihre gichtisch verkrümmten Hände an den Mauern entlang tasteten.
Es gab niemand in Madrid, der, wenn er an diesem Stück menschlichen Elends vorbeikam, ohne ein Almosen weitergegangen wäre. Unter den Sachverständigen der Zunft waren nicht wenige, die behaupteten, daß die Pastrana unter sämtlichen Madrider Bettlern das beste Einkommen habe.
Als sie jetzt angerufen wurde, hob sie den Kopf von der Schüssel, so weit es der verdrehte Hals zuließ und wischte sich den Mund mit dem


