Ausgabe 
14.5.1937
 
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Der SteGlin

Roman von Theodor Fontane

30. Fortsetzung.

Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.

Sieh mal", sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen hielt,die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Serdenpapier gewickelt." Aus einem angebundenen Zettel aber stand:Herrn Major von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen." Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zabl m einen Lössel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weimvrte probt. Dann nickte er und sagte:3a, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.

Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Trapsen ganz gewissenhaft und sand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit, so daß er noch weniger, als ihm gestattet war.

Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber. Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht sonderlich gefiel.Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut; nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du köi^test mir lieber ein Buch bringen."

Was für eines?"

3s egal." . r .

Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ,Keine Lupine mehr!

Nein, nein; nicht jo was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen- das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenig­stens nicht durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner 3ugend sagte man Schmöker. 3a, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt. Weiht du noch, wie ich mir in dem 3ahre, wo ich Zivil wurde, den ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung, Hochzeit, Kindtaufe."

Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nich so. Die meisten Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird."

Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall vor dir. Früher würd ich gesagt haben, .zeitgemäß'; jetzt sagt man .opportun'. Hast du schon mal davon gehört?"

3a, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon."

Aber nich verstanden. Ra, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.

Rein, gnädiger Herr."

Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du nur nu ein Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als

beklagt."

3n dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Er­krankung mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zu­sammenhänge damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich ÜberSchniepel" undopportun" unterhielten, ein Ein­spänner auf die Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte Baruch Hirschseld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei.

Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken. Na, laß ihn kommen."

Und Baruch Hirschseld trat gleich darauf ein.

Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten.Aber, Baruch, um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel Übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem, wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?"

Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch nichts. 3ch kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gunder­mann. und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege."

Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug. Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser (das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück, was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben."

Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten."

,,3a", lachte Dubslav,gemacht hab ich keine Schwierigkeiten, aber gehabt hab ich genug. Und daß weiß keiner besser als mein Freund Baruch. Und nun sagen Sie nur vor allem, was macht 3hr 3sidor, der große Volksfreund?? 3st er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, daß sie da auch mit Wasser kochen? 3d) wundere mich bloß, daß ein Sohn von Baruch Hirschseld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz ist."

Nicht für den Umsturz, Herr Major. 3sidor, wenn ich so sagen darf, ist für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit."

Ha? er? Na, das ist recht.

Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Ma,or. Und kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf, die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen'?. Und weil ich rede von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da feit letzten Freitagn Kapital, Granfeer Bürger, und will's hergeben zu dreieinhalb." . ,,, .,, ,

,Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich s nicht be­nötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen, ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch viel. Man denkt immer, .dann hört es auf*, aber das ist falsch, dann fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir steht. 3ch kann leider nur wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch. Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade so wie zwischen uns beides alles glatt abwickeln, glatter noch, und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müßen Sie noch ein Glas Sherry nehmen. 3n unserem Alter ist das immer das beste. Das heißt für Sie, der Sie noch gut im Gange sind. 3d) darf bloß noch mit anstoßen."

Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in den Steck)liner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach, was er da drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einem Male für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da so nebenher vongemeinschaftlich herauswirtschaften" gesagt hatte, war doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.

3a, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm zu Sinn, als hält er feinen alten Granseer Geld- und Gefchäfts- sreund (trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte) zum erstenmal aus etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um die Sherryslasche wieder wegzuräumen, sagte er:Engelke, mit Baruch is es auch nichts. 3ch dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte . . Sonderbar, Uncke mit seinem ewigen .zweideutig* wird am Ende doch recht behalten. Ueberhaupt solche Polizeimenschen mit nein Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. 3ch ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der .Krankheit* heute, das war mir doch zu­viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.

37. Kapitel.

Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten 3nteresses, sondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav saß auf seiner Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag. Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete.

Das ist recht, Spanholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. Diese Tropfen, es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes."

3a, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier bei 3hnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und ich bin doppelt froh, weil ich mich auf sechs Wochen von 3hnen verabschieden muß."

Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. Haben Sie Schulden gemacht und sollen in Prison?"

Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee historisch beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen, noch dazu ein Kreisphysikus. Eine Doktoreristenz gestattet solchen Lurus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? 3mmer Fu­runkel ausgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen ge­stiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein aus­gestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu, vielleicht hat Gott ein Einsehen."

Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt."

Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), der ist teurer. Und meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug."

Aber wohin denn, Doktor?"

Nach Pfäffers."

Psäsfers? Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?

Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizer­bad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter andern, einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnsrt ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut."

(Fortsetzung folgt.)

dberantwortlich vr. HansTbhriot. Druck undDerlag:Drühl'lcheUniv er sitäts-Duch- undSteindruckerei, R. Lange, Gieße«.