Dabei war mir zumute wie einem zum Tode und lebenslänglichem Ehrverlust Verurteilten.
Nun geschah aber etwas merkwürdiges. Mit meinen Gefühlen war das nämlich so gewesen: wenn ich dem Luwische begegnete, war ich wohl verlegen geworden zum in die Erde sinken, aber wenn ich vorbei war, stieß mich der Bock, daß ich eine Wut bekam und das „alberne Weib" verwünschte. Geschah mir das gleiche mit der Wisa, dann war die Verlegenheit wohl ebenso groß, wenn nicht größer: aber hinterher überkam mich ein süßer Schmerz, eine übergewaltige Wehmut, daß ich am liebsten einen verborgenen Winkel gesucht hätte, um mich mit Wonne auszuheulen. Jetzt indes, da ich aus meiner tiefen Verstoßenheit heraus ab und zu doch einen Blick zu meinen Göttinnen schweifen lieh, auch an ihrem Geplauder inneren Anteil zu nehmen begann, entdeckte ich, daß es keineswegs erforderlich war, auf das Luwische einen Zorn zu werfen, da sie nicht nur ein hübsches, sondern auch ein liebes Mädel war, dem man gut sein mußte. Und wieder stieg mir auf, daß die lautfröhliche Wisa ganz und gar nicht dazu geschaffen war, von meiner Wehmut irgend einen Gebrauch zu machen; daß ihre Gegenwart allein vielmehr nur Heiterkeit um sich breitete und ihr frei und leicht daher- iliegccides Lachen zum Mitlachen herausforderte. Darüber wurde mir selbst immer freier und leichter zu Sinn. Und wenn mich die Mädchen nun ins Gespräch zogen, gab ich sogar Antworten, und als ich zuletzt di« beiden miteinander sogar einmal verwechselte und das Luwische mit Wisa anredete, da lachten wir alle drei zusammen aus vollem Hals«. Dann aber sagte das Luwische, das überhaupt di« besinnlichste war: „Das is doch gar kein Wunner. Es ist doch derselbe Name. Denn die Wisa is aach nix anneres als ein vorn abgeschnitten Luwise." Was mir jetzt erst zum Bewußtsein kam und mir plötzlich von tiefer Bedeutsamkeit zu fein schien.
Nachher gingen wir in die dämmerige Kirche und hingen die Kränze auf. Und wie der geheiligte Ort die laute Schar sänftigte, daß sie nur flüsternd und fast feierlich ihrem Tun oblag, so weitete sich auch mein Erlebnis zu einer festlich erhobenen Zuneigung zu allen, die da in der geheimnisvoll dunkelnden Kirche schafften: ich liebte sie alle, Kameraden und Kameradinnen, mit einer unsäglich beglückenden Liebe, die nachfolgenden Zorn und Wehmut gleicherweise ausschloß.
Aber fein Eigenes will der Mensch doch immer haben. Als wir die Kirche verliehen, schloß ich mich meinen Mei Göttinnen an, um sie nach chaufe zu begleiten. Und ich war noch so vom früheren gehemmt, daß ich ganz im Stillen hoffte, die letzte Strecke mit der Wisa allein gehen zu können, da sie weiter wohnte als das Luwische. Aber als wir bei des Luwischen Haus angekommen waren, wurde mir eröffnet, daß die Wisa zum Nachtessen bei der Freundin bleibe. Damit schlüpften die beiden in den dunklen Hausflur. Ich stand recht betreten da. Da steckte das Luwische noch einmal den Kopf und eine Hand um die Tür und winkte wir. Ich folgte dem Befehl ohne Gedanken, was das bedeuten fällte. Und da — im Dunkeln des Hausflurs — fühlte ich plötzlich einen flüchtig zarten Kuß auf meinem Mund.
«Weil du uns so schön geholfe hascht", flüsterte das Luwische.
„Un nu du aach!" setzte sie hinzu.
Ich hörte ganz leise das Lachglöckchen der Wisa läuten, und dann hatte ich meinen zweiten Kuß weg.
Ich kann beschwören: ich habe nicht geküßt, ich wurde geküßt. Aber am nächsten Morgen, am ersten Pfingsttag, ging mir die Sonne über ’iner Welt auf, die ganz und gar erfüllt war von heiliger Hell«, von Freude und Frieden und seligem Einssein mit allen Menschen.
Italienische Pfingsten.
Von Friedrich Reck-Malleczewen.
Rauh wird's heute oberhalb der Tausendergrenze, und weil drüben k>ie Gewitterbö« ihr feuchtes Herz ausschüttet, wird's beinahe heroisch für den, der einen Alpenpaß mit dem Motorrad quert. Und der Brenner, der ist heute eine in schwarze Wolken gehüllte Felsenburg, rnd hin und her samt der taumelnden Maschine wirst im glitschenden Schnee mich der Sturm, und erst über Sterzing der milde Licht- Ichimmer, das ist der erste Gruß von Wärme und Licht und erinnert in Kap Horn. An Kap Horn, wo wir unter Sturmsegeln vierzehn Bage in brüllenden Schneeböen lagen, und einen Brecher nach dem rudern nahm die „Persimon" über und zwischen Achterdeck und Back Dar keine Verbindung mehr und überflutet Kammer und Kombüse mb ein warmer Bissen durch zwei Wochen ein frommer Wunsch ...
Bis eines Tages im Norden solch ein heller Schimmer durch nasse Bchleier schien und man wußte, daß dahinter die friedliche warme Bubfee lag mit dem Feuer von tausend Sonnen und dem prickelnden Sarfüm der Subtropen. Mir aber vergib diese Erinerung: dies ist Kap harn im kleinsten Maßstab, und wenn man's passiert, muß man hindurch durch siebenfache Cisbäder, und wenn man's hinter sich hat, it’s herrlich wie jede überwundene Strapaze. In der warmen Limou- fne sitzen können auch Syndikusse und Mormonenprediger. Dies aber n Entbehren, Mühsal und Kampf. Und es ist bekanntlich bei jeder Vanderung bas Geheimnis, daß man die Landschaft sich erkämpfen muß.
Tafel am Brennerbad: „Hier wohnte Goethe .. "
Hier wohnte er und dort wohnte er, und hier solche Tafel, und fine in Gosfenfaß und ein« in Bozen und eine in Malcesine und eine ti Verona, und weiß Gott wo nicht noch: überall ist's der strenge literaturprofeffor, der uns unser« Unkenntnis vorhält. Der Widerspruch »ird wach und die Erinnerung an eine Goethe-Episode, di« da beweist, »ß der, dem die Tafeln gelten, doch etwas anders war als ein man Horner Geheimrat. Das aber vollzog sich gegen Ende August, und er ptte in einem thüringischen Dorfwirtshaus übernachtet und hatte in I inem Eckzimmer auf jedes der beiden Fensterbretter je eine Flasche Madeira gestellt und pendelte hin und her Mischen beiden Fenstern >nb Flaschen und goß sich immer wieder ein und trank immer wieder. <3s aber der Diener kam und nicht gratulierte, da fauchte er ihn dieser-
ljatb an, und als dann der Mann beteuert«, daß der achtundzwanzigste und mithin der Geburtstag der Exzellenz erst morgen sei, da schrie di« Exzellenz nach einem Kalender, und als es sich da herausstellte, daß es wirklich erst der siebenundzwanzigst« und keine Rede von Geburtstag war, da sagte der Herr Geheimrat resigniert und tief beschämt: „Donnerwetter, hat man sich umsonst besoffen".
So verhielt es sich in unbewachten Augenblicken mit dem, aus dem die Philologen immer einen Marmorgott machen wollen. Ich aber liege kurz vor Brixen neben der Brennerstraße, und in der heißen Sonne trocknen dampfend die Kleider, und neben mir — blütenweih mit allerliebsten kirschroten Tupfen — sprießen seltsame Orchideen, und auf der Straße, zerschnitten von den Pneus eines italienfahrenden Shopkeepers, ringelt in Todeskampf sich eine gigantische Viper. Tot liegt schon der Dor-derleib, nur noch das Endteil mit dem dunklen Ornament schwingt langsam hin und her im Abschiedsgruh an das entschwindende Leben. Ich aber schoß einst (unbedacht, wie man als junger Mensch oft tötet) aus dem Fluge einen Reiher herab, und bann kam des Tieres Gefährtin und zog lange über dem toten Gatten stille feierliche Lustkreife: ganz still, ganz ruhig, ganz lang. So feierlich, wie dieser sterbend« Giftwurm. Der stummen Kreatur, sieh, blieb im Tode noch die Würde des Sterbens. Sieh und was haben wir, vertrieben aus dem Paradiese, gemacht aus Gottes buntem Garten?
Uebermorgen ist Pfingsten ...
*
Weiß du, was ich so liebe?
Am Gardasee jene Stelle zwischen den beiden zerbrochenen Sperrforts, «he man von Nago hinuntersteigt nach Torbole. Und es öffnen sich die Steintiefer der Karstlandschaft und geben den Blick frei auf den gigantischen See. Hier oben noch ist alles Stein und alles Fahlheit, hier oben, im Unorganischen, ist der Tod. Dort oben aber jubiliert heroisch und herb und lockend zugleich das Leben, und Torbole, karminrot vor einem Wasser, das schwarzblau wie ein Stiefmütterchenbeet ist, Torbole praßt nur so mit einem Feuerwerk von schwefelgelben Landungspfählen und giftgrünen Hausknechtsschürzen und Booten in Picassoblau. Und aus dem Hotel „Roma" tragen vier Arbeiter ein mechanisches Klavier hinaus auf einen Lastwagen, und da ein mechanisches Klavier doch eine unbegreifliche Herrlichkeit ist, so lassen di« großen Kinder den Mechanismus schnell noch einmal „Valencia" spielen. Und morgen ist Pfingsten.
Torri, San Vigilio, Garda ... Heiligtümer dieses Sees, beffen großer Rausch ja nicht die geleckt« Fremdenstadt im Westen ... dessen großer Rausch das unberührte Ostuser ist. Ockerfarbene Marmorbrüche und silbriges Delbaumgrün, mattviolettes Gestein und fahles Gelb der Halden: welch Narr macht denn den Leuten immer vor, daß diese südliche Landschaft mit Farben lärme, wie ein Reklameplakat? Nun aber, nun ist wirklich Pfingsten, und bis hierher, in die menschenleere Veroneser Arena kommt von Sankt Zeno her das große endlose Läuten. Die ewige Melodie hammergeschlagener Glockenspiele — rätselvoll wie eine Bachfuge, unbeendet und auch unbeendbar, wie ein gotischer Dom.
Und eigentlich sollte heute abend großes Pfingstfeuerwerk {ein, dis Veroneser haben eben nur die Dunkelheit nicht erwarten können und haben probeweise in der hellsten Mittagssonne doch wenigstens schon einige Raketen steigen lassen. Da sich aber der Apotheker Bonasini mit Recht zurückgesetzt fühlte, wenn der Stationschef eine Rakete loslassen durste, so besteht er darauf, auch seinerseits eine in den strahlenden Pfingsthimmel zu jagen, und da gerade der Sekretär Bosso und der Doktor Adimari anwesend waren, so haben nach und nach sämtliche Honorationen ihr« Rechte geltend gemacht. Und so ist denn leider schon am hellichten Tag das ganze Feuerwerk oerpustt worden und am Abend ist nichts mehr da.
So also geht es, wenn große Knaben eine Kiste mit Feuerwerk in die Hand bekommen. In ihren Steinsärgen schlafen derweil di« Scaliger, und aus steinernem Gespensterroß reitet hoch in den Lüften der große Can grande und lacht sie alle aus: die ältlichen zähnefletschenden Amerikanerinnen und die hornbebrillten Kunsthistoriker und auch die kleinen Intellektuellen, die es gar nicht fassen können, daß man sie so gotisch-frech auslachen kann ...
Denn wir tarnen hierher nach Verona und sahen auf der Säule über der Scaligergruft plötzlich einen steinernen Ritter, dem das alles nicht im mindesten imponiert und der sich gar nicht fassen kann vor Lachen über uns und unser« Weisheit ...
Und wieder von der Stadt her das große Läuten und mir zu Häupten die tausendjährigen Zypressen der Giardini giusti, und erster Abendwind und am faltblauen Himmel die großen Bogenlampen von Andromeda und Vega. Und im Geschmeide ihres Lichterdiadems feiert und jauchzt die blitzende ftemde Stadt, und bis hierher zu den einsamen Hohen brandet der Schwall ihres festlichen Lebens ...
Du aber durchwandere nur die Paradiesesgärten der Erde und ihr« Prunksäle: und du wirst etwas suchen, was du lange selbst nicht begreifst. Wandere du nur und feiere unter allen Breiten die Feste deiner kurz bemeffenen Jahre und höre den Jubel ihrer Bacchanale: und du entgehst der Erkenntnis nicht, daß du felbft es bist, den du suchst ...
Und unten verebbt das Läuten und gewaltig beginnen im Abendwind die heiligen Bäume zu schwingen. Dies aber sind deines eigenen Wanderns Verse, und du scheue dich nicht, sie nachzudenken in der Fremde ...
Zu wandern ist das Herz verdammt, Das feinen Jugendtag versäumt Sobald die Lenzessonne flammt. Sobald die Well« wieder schäumt.
Und ob di« Locke mir ergraut Und bald das Herz wird stille stehn. Noch muß es, wenn die Welle blaut Nach feinem Lenze wandern gehn.


