Ausgabe 
14.5.1937
 
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Bäumen darum und noch das Geld dazu, was Dierk besessen hatte, und niemand wußte, warum; das wüßte bloß der Ladendiener, aber auch nicht ganz genau.

Frühlingsfrühe.

Von Hermann Claudius.

Kaum, daß die dunkle Nacht verrann, die Amsel hebt zu schlagen an.

Ich lieg und horch der Melodie.

's ist Trost und Trauer weih nicht wie.

Als wär' es Vogelstimme nicht.

Als sprach es heimlich selbst, das Licht.

Ich lieg und lausche lang und bin verfangen tief dem ewigen Sinn, dem Wundersam, das in uns steckt, vom Lied der Amsel aufgeweckt.

Fröhliche Pfingsten.

Von Ursula von Witzendorff.

Die Sonne erfüllte wolkenlos ihr« pfingstliche Sendung; über den lichten Wäldern stieg schon der warme Geruch von Tannennadeln, Erde, Moos und Blühendem auf.

Das junge Mädchen mochte von alledem nichts bemerken. Jedenfalls schob es verbissen und achtlos ein Rad den glatten Hügel hinauf. Arme und Beine leuchteten braun wie das Gesicht, das dann und wann von einer Welle blonder Haar« überschattet wurde. Oben angekommen, ließ das Mädchen fein Rad auf den Boden fallen, und, während sich die Speichen des Hinterrades furrenb in der Stolle ausliefen, warf es plötz­lich die Arme hoch, schüttelte das Haar zurück und stieß einen lanz- gezogenen Schrei aus. Erschreckt flatterten ein paar Vögel aus den Fichten hoch, liehen sich aber sehr bald wieder nieder, da weiter nichts Schreck­liches geschah, als daß sich das Mädchen in dem weißen Kleid auf den Boden warf, wo es bewegungslos liegen blieb. Sie rührte sich auch nicht, als Schritte näher kamen, behutsame Schritte, die einem alten Mann, mit Klappstuhl und Stock bewaffnet, gehörten, der, kaum dah er den Hügel überblicken konnte, unwillig stehen blieb. Dabei murmelte er für sich und kletterte schließlich die letzten Schritte bergan. Jetzt erst hob das Mädchen den Kopf. Es blinzelte unsicher nach dem Alten hin, dann sagte es, und etwas von der bedingungslosen Heiterkeit des Tages ging von diesem Mädchen aus:Fröhliche Pfingsten".

Der Alt« horchte auf, und die Runzeln in feinem Gesicht knitterten sich zu einem freundlichen Lächeln.Wissen Sie auch, daß Pfingsten ein ganz besonderes Fest ist?"

Das Mädchen antwortet« nicht. Es beobachtete, auf die festen Arme gestützt, wie der Alte sorgfältig den leichten Klappstuhl gegen einen Baumstamm stellte, ihn auf feine Standhaftigkeit hin prüfte, um sich endlich mit einem behaglichen Seufzer darauf niederzulasfen. Auch das Mädchen streckte sich wieder aus.

Als ich Sie dort liegen sah", meinte der Alte,wollte ich eigent­lich böse sein, weil die Jugend immer lärmen muß, ... wenn Sie froh ist. Dieser Platz hier gehört nämlich mir, seit ..." er warf einen prüfen­den Blick auf das Mädchen,feit die junge Dam« auf der Welt ist. Jetzt gehe ich in das fünfundachtzigste Jahr, feit dem fünfundsechzigsten komme ich jedes Frühjahr, wenn die schönen Tage anfangen, hierher auf den Hügel. Das sind meine Reisen. Das ist mein« Welt."

Die junge Dame war versucht zu sagen, daß sie sehr anders zu reisen gedächte. Aber eine plötzliche Ehrfurcht hinderte sie, so weißhaariger Be­scheidenheit mit ehrgeizigen Plänen zu begegnen. Sie folgte neugierig den blauen, sehr klaren Augen des Alten, deren Blick liebevoll über das Auf und Ab der welligen Gegend strich. Laub- und Nadelhölzer in buntem Wechsel, wie ein kräuseliger, grüner Flaum anzusehen, strebten von den Hängen dem langgestreckten See zu, der, mit weißen Segeln betupft, der Landschaft in der zittrigen Glut des Mittags eine unendliche Weite gab.

Niemand hat mehr recht Muße, zu sehen und zu fühlen", sagte der Alte bedächtig,ich weiß auch nicht, warum Sie mir zuhören auch das hat man verlernt die Alten sind Schwachköpfe." Er deutet nach dem Hügel hinüber.Im ersten Frühjahr, wenn sich die Neste und Zweige, wie nach einem langen Schlaf, genug gedehnt und in den Himmel gereckt haben, hebt das bräunliche Schimmern an. Es spinnt sich zwischen den dunklen Tannen ein, es beginnt zu glänzen, und man möchte die Hand ausstrecken, um die seidige Welle zu streicheln."

Das Mädchen betrachtete nachdenklich ihren Weggenossen, der wie ein deutscher Diogenes in der Sonne saß und mit feinen abgetragenen Sachen und der Welt zufrieden schien:Mber. kaum, daß es zu sprießen beginnt, setzt die Eile ein." Der Alte lächelte listig.Das ist wie bei den Menschen: alles drängt sich und will den besten Platz haben, der eine will schneller als der andere und jeder der Schönste fein."

Unb warum ist Pfingsten ein ganz besonderes Fest?" wollte das Mädchen wissen und sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

Das ist so", sagte der Alte,Weihnachten und Ostern beschenken sich die Menschen. Aber sie sind gar nicht froh. Sie laufen verdrossen herum unb denken viel mehr an das Geld als an das Fest."

War das schon immer so?" lachte bas Mädchen.Auch vor achtzig Jahren?"

Der Alte lachte vergnüglich mit.Ich habe mit Geld nichts mehr zu tun. Unb bas ist gut so. Wer weih, ob ich mir sonst nicht mit den Oster­eiern zugleich den Frühling kaufen wollte, weil er mich, je älter ich werde, auf eine immer härtere Probe stellt, unb ich nicht weiß, wie oft ich Ihn

noch erleben darf." Der Alte hob verzückt das Gesicht gegen die Sonne. Der wahrhaftige Frühling: das tft Pfingsten, dieses Zauberfest der Natur, das große Geben." Er bemerkte nicht di« Unruhe des Mädchens, das, nachdem die ländliche Glock« jetzt zwölf Schläge herübergefchickt hatte, aufgesprungen war und Moos und Nadeln aus ihren Kleibern zu streichen begann. Im Gegenteil sprach der Alt« wie im Rausch weiter: ,Lst es nicht merkwürdig, daß wir uns Pfingsten nicht beschenken? Warum? Weil uns alles geschenkt wird. Jede Wiese, jeder Baum, jeder Busch beschenkt uns im Uebermaß. Alles ist fertig geschmückt unb zum Fest bereit. Es fehlt keine Pflanze unb kein Tier. Wo man geht und steht, kann man das Wunder mit der Hand fassen, mit dem Auge sehen und mit dem Ohr hören. Unb jeder kommt und sieht. Es ist ein langer Pilgerzug Jahr für Jahr, und etwas von pfingstlichem Geist geht in den Menschen um und macht sie alle gemeinsam unb an einem Tage froh." Der Alte sah erschrocken auf. Seine Zuhörerin ftanb vor ihm, atemlos und befangen.

Ich danke Ihnen", sagte sie unb gab ihm bie Hand.Ich will es nicht vergessen." Damit saß sie schon auf ihrem Rab, unb indem sie in gefährlichen Windungen abwärtsstob, stieß sie wieder den alarmierenden Schrei aus. Der Alte schüttelte über soviel pfingstliches Brausen den Kopf.

Aber als er die junge Dame wenig später auf der Straße unterhalb bet Hügels wieder auftauchen sah, an ihrer Seite einen jungen Mann, mit dem sie gemeinsam zurückwinkte, lief über bie unzähligen Falten in dem vergilbten Gesicht so etwas wie eine Erinnerung:Die Liebe ..." murmelte er.Wir Alten find doch schon schwach im Kopf."

Wisa und Luwische.

Eine Pfingstgefchichte von Otto Anthes.

Von altersher schmückten zum Pfingstfest die zuletzt aus der Schule entlassenen Buben und Mädchen die Kirche mit Mooskränzen. Unb wie dortzulande in alles Christlich-Ernste sich zu tröstlicher Milderung ein wenig heidnische Fröhlichkeit mischt, so gab auch dieser fromme Brauch dem jungen Volk die Gelegenheit, die ersten schüchternen Blüten der Liebe zu pflücken. Am Pfingftsamstag zog die ganze Schar mit großen Körben in den Wald, das Moos zu sammeln. Zwar fand dieser Aus­zug noch in zwei getrennten Heerhaufen statt, die Mädchen vorweg, die Buben hinterher, doch flogen schon bald von rückwärts nach vorne Scherz- und Neckworte durch bie Lust, auch wohl einmal ein Liedchen, wie bas verwegen«.

Lieder hat die Lerche wohl, Waden hat sie nicht

welche Anzüglichkeiten von den Mädchen teils mit Kichern, teils auch mit empörtem Schütteln der Zöpfe beantwortet wurde. Nachher beim Moosrupfen kam man sich schon näher unb, wenn bann schließlich in einer zur Verfügung gestellten Scheune die Mädchen die Kränze wanden, bann spielten die Buben vor ihnen kauernd die Ritter mit Zurecht- zupsen unb Zureichen.

Ich lebte diese Zeit in einer großen Verwirrung des Herzens. Es war ein ungeschriebenes Gesetz auf der Schule gewesen, daß dem Ersten unter den Buben die Erste in der Mädchenklasse als Schatz gehörte, unb so weiter durch die Klasse hindurch, Platz zu Platz. Je weiter es nach unten ging, desto unsicherer wurde allerdings bie Zuteilung, einmal, weil bie Zahlen ja nicht immer Übereinstimmten, da der Jahrgang einmal mehr Buben, bas anberemal mehr Mädchen aufwies, aber auch weil die der­beren Burschen, die die unteren Plätze innehatten, sich um Gesetz und Mädchen gleich wenig kümmerten. Da ich aber Klassenerster war, wo die Verpflichtung strenger empfunden wurde, so war mir das Luwische zugefallen, das seinerseits drüben den ersten Platz besetzt hielt. Obwohl bas Luwische ein großes hübsches Mädchen war, hatte ich von meinem Anrecht nie einen anderen Gebrauch gemacht, als daß ich heftig errötet war. wenn das Luwische meinen Weg kreuzte. Und diese Verlegenheit hatte ihren Grund nicht nur in meiner allgemeinen Bubenfchüchternheit, sondern auch im schlechten Gewissen. Denn mein Herz gehörte, aller UÜberlieferung zum Trotz, der kleinen blankhäutigen, blauäugigen Wisa. Man kann sich die Seelenverfassung vorstellen, in der ich mich befand, da ich zum erstenmal mit der Tat zwischen Pflicht unb Herzen wählen sollte.

Ehrfürchtig vor dem Gesetz, wie ich schon damals war, hockte ich, da es zum Kränzewinden ging, vor dem Luwische nieder unb reichte ihr stumm Büschel um Büschel. Sie ließ sich das eine Weile ruhig gefallen. Dann aber schoß sie einen spitzbübisch-freundlichen Augenblitz auf mich ab unb sagte:Warum hilfscht du bann nit der Wisa?"

Die Wisa saß ein paar Plätze von uns entfernt unb nahm sich selbst ihr Moos auf, da ihr zugeschworener Ritter es vorzog, auf dem Heu­boden herumzuturnen.

Ei", antwortete ich bumm,warum soll ich dann grab der Wisa helfe?"

Du bätscht es doch gern", sagte sie.

Nein, gar nit", log tch,un außerdem bann hättscht du doch kein, der dir helfe bät.

Och, ich", sagte sie unb blitzte mich mieber an.

Ich beteuerte, daß ich keiner lieber Hilfe als ihr unb log Gelter, verriet mein eigenes Herz unb seine Bubenliebe, bie vielleicht töricht war, aber nicht minder süß, wie manch andere spätere Liebe meines Lebens, und fühlte mich kreuzelend dabei.

Aber Frauen, wenn sie auch erst vierzehn Jahre alt sind, kann man in Dingen der Liebe bei andern nicht täuschen. Nicht viel später rief bas Luwische zur Wisa hinüber:Ei, Wifa! Du kannscht dich doch hier zu uns setze. Der Otto hilft uns alle zwei. Gell, Otto?"

Ich bekam einen furchtbaren Schreck und sagte gar nichts, aber bie Wisa focht dies nicht weiter an.Ei, warum denn net?" lachte sie laut, rückte mit ihrem Korb zu uns herüber, und nun faßen die beiden Göttinnen in schwatzender und lachender Hoheit vor mir, der ich fast vor ihnen kniete und bald der einen, bald der anderen zur Hand war.