Jahrgang 1957
Zreitag, den H. Mai
Nummer 37
habe
nach
nicht
braucht wohler
Als daran, Als
suhlen und sogar noch zu tanzen anfangen.
der erste Psingsttag längst vorüber ist, denkt die Gesellschaft erst weiterzufahren.
ist es darinnen ganz dunkel und schauert, und von dem feuchten seinen Füßen steigt es so kalt an auf die sonnige Straße, um sich seinem Hause hin und her, damit
Zwei Wochen nach Pfingsten, ehe der Ladendiener seinen Besuch wiederholen konnte, lag Dierk im Sarge. Er war ja alt gewesen, und ob er sich nun am Pfingstmorgen erkältet hatte, als er in Hemdsärmeln auf dem nassen Backsteinboden in der offenen Haustür stand, oder ob der Zeitpunkt gekommen war, an dem er sowieso sterben sollte, das weiß man nicht, aber nachdem er sich am Morgen nach der Pfiugstnacht niedergelegt hatte, war er nicht wieder ausgekommen.
Nun war er tot.
Biele Leute gingen nicht hinter seinem Sarge, denn er hatte ja keine Verwandte; nicht einmal der Ladendiener kam zu seiner Beerdigung, weil er es nicht erfuhr, daß Dierk gestorben war.
Aber bald darauf passierte etwas, was sämtliche Leute in der Umgebung in Staunen versetzte und am allermeiste^ den Ladendiener selbst, nämlich, daß er allein alles erbte, was der alte Dierk hinterlassen hatten
Den kleinen Hof mit den vier Kühen, dem Pferd und den Aeckern und den Wiesen, das Wirtshaus „Zum Glind" mit den schönen alten
weil er fortfahren will.
Dierk fagt: „Du kannst das Bezahlen heute ja sein lassen; ich
Oer Pfingsttag.
Erzählung von Margarete Schiestl-Bentlage.
An einer verlassenen Straße — mit alten Birken zu beiden Seiten —, die zwischen offenem Bruch und sumpfigem Erlendickicht dahinläuft, steht das Wirtshaus „Zum Glind", welches eigentlich ein Bauernhof ist. Weil aber der Hof klein ist, betreibt er nebenbei eine Schankwirtschaft für Fuhrleute und für die Leute aus der Umgebung. Die wenigen Aecker, die zum Hof gehören, bewirtschaftet ein Knecht, das Haus besorgt eine Magd, und die Schänke versieht der alte Dierk: „Glinddierk" genannt, der Besitzer des Hofes und der Schänke, ein alter Mann ohne Angehörige.
Pfingstmorgen ist es. —
Zur einen Seite der Straße, im weiten Bruch — zwischen einzelnen Weidenbüschen auf hellgrünen Wiesen —, weiden, so weit das Auge sieht, schwarz- und weißgesleckte Rinder. Zur anderen Seite der Straße — daß es schallt — schlagen unzählige Nachtigallen im dichten jungen Laube über den Sümpfen, aus welchen modrige Dünste herüberkommen, vermischt mit Gerüchen von blühenden Maiglöckchen, und die sonst so stille Straße selber wiederhallt heute vom Lachen und Gesang der Wanderer und der Leute, welche im birkengeschmückten Leiterwagen oder in frischlackierten Kutschen ihren Pfingstausflug machen.
Aber keiner kehrt heute im Wirtshaus „Zum Glind" ein, und soviel der alte Dierk auch ausschauen mag, alle haben sie heute ein schöneres
pfingstlicher Mond.
Von Georg Britting.
Der Mond lockt vom Himmel, groß und rot.
Alle Straßen krümmen sich, zu ihm hinan zu springen, Alle Dächer funkeln und wollen zu ihm sich schwingen. Hoch hängt er im Blau, hoch überm höchsten Schlot.
Alle Türme heben die Lanzen zu ihm.
Alle Fenster brennen, zu prahlen wie er, Alle Häuser tanzen auf Füßen schwer Und streben hinan zu ihm.
Der Mond lockt vom Himmel. Groß und schwe
Und rund kreist die Stadt, voll Begehr
Zn liegen an seinem feurigen Mund.
Keiner brennt so rot wie er.
Aber niemand kehrt bei ihm — . ,
viele luftige Menschen beieinander sind, wo sie Musik haben, und wo es schöner ist als hier bei ihm, wo er wohnt.
Fast alle, die vorüberziehen, sind ihm fremd, fast alle kennt er nicht, und als die Magd ihn ruft zum Mittagessen, da ist noch kein Schnaps und kein Glas Bier bei ihm getrunken worden, und es ist mittlerweile still auch auf der Straße, stiller noch fast als an gewöhnlichen Tagen. Ein jeder ist nun dort, wohin er gewollt hat, und bis zum Abend bleibt es nun so still; bis sie alle die Straße zurückfahren und wandern müssen — an seinem kleinen Wirtshaus vorüber.
Und Dierk setzt sich hinter seine Schänke ans Fenster und schläft. Nun es draußen heiß geworden, gefällt es ihm gut in seinem kühlen, dunklen Haus. Weiß und still liegt die heiße Straße vor seinem Hause. —
Als Dierk erwacht, zündet er seine Pseife an und legt sich wieder mit ihr über die halbe Tür, zu deren beiden Seiten er einen jungen grünen Virkenbaum in die Erde gesteckt hat. Er blickt gelangweilt die Straße hinauf und hinab, gähnt ab und zu stark und kommt sich alt und schon fast abgeschieden vor. _
Knecht und Magd sind auch fortgegangen, und kein Mensch kommt mehr vorüber.
Ziel als sein einsames Wirtshaus an der Straße.
Er hat die obere Hälfte der Haustür geöffnet und sich über die untere Hälfte nach draußen gelegt, in Hemdsärmeln und mit der langen Pfeife, die er außen vor der Tür herabhängen läßt. Hinter ihm scheuert die Magd noch den Fußboden aus roten Backsteinen fertig.
In der Stube, in welcher es ganz grün und dämmerig ist von dem vielen neuen Laube hinter den Fenstern, ist frischer Sand gestreut, und sie ist gan,5 ausgeputzt mit Virkenzweigen, aus denen noch der Morgentau liegt. Draußen ist es aber noch nicht heiß genug, daß Dierk in dieser kühlen Stube sein mag. Durch das dichte Blättevdach über seinem Hause "■ kühl, daß Dierk manchmal zusammen-
Backsteinboden hinter ihm und unter ihm heraus, daß er nun hinausspaziert zu erwärmen. Er geht aber nur vor er da ist, wenn einer einkehrt bei ihm. ein; alle wollen sie heute dahin, wo
der Wagen endlich im Morgengrauen verschwunden ist, gibt Dierk dem jungen Mann eine Handvoll Zigarren und bittet, ihn bald wieder zu besuchen, und dankt ihm für seine Hilfe.
Der Tag ist mir so gut mit ihm vergangen, denkt Dierk und sieht dem Ladendiener nach, wie er schnell im Morgennebel untertaucht.
weiß, wohin er sich wenden soll.
Aber da ist ja der Ladendiener noch da und geht ihm zur Hand und trägt Bier und Zigarren herum, schenkt Schnaps und Liköre ein und dabei so angenehme Lebensarten, daß die Säfte sich immer
Die Vögel sind längst verstummt, nichts rührt und regt sich mehr als ein paar Brummer, die morgens schlafend mit den Maien ins Haus gekommen sind und nun einer nach dem andern über seinem Kopf zurück ins Helle fliegen. Endlich kommt wieder ein Mensch: Ein junger Mann auf feinem Fahrrad fährt gemächlich die Straße hin und will an feinem Haus vorüberfahren. Dierk kennt ihn nicht, aber er ruft ihm zu: „Wo willst du hin?", denn er hält die Stille nicht mehr aus.
Der junge Mann steigt ab, kommt auf ihn zu und fagt: Wohin er will? Nirgends will er hin! er fährt bloß so herum.
„Dann kannst du ja ein bißchen bei mir einkehren", fagt Dierk.
„Ja", fagt der junge Mann, „das ist mir gleich. Das kann ich wohl." Und sie gehen hinein und setzen sich auf zwei Stühle vor die Schänke, so daß sie beide durch die offene Tür auf die Straße sehen können, und fangen eine Unterhaltung an und trinken Bier und rauchen. Dierk fragt den jungen Mann aus, bis er alles von ihm weiß.
„Ja", fagt der junge Mann. Er ist noch gar nicht weit von hier in einem Laden an der Straße nach Dinklage Ladendiener, und fast gegenüber steht das Schulhaus Da wohnt der alte Lehrer Thole mit feiner Tochter Meta, die feine Braut ist. Der Lehrer hat an feiner rechten Hand nur zwei Finger. Er muß bei allen den Hofbesitzern den Hof veredeln und die Dbftbäume und hat auch selbst einen wunderschönen dreieckigen Garten vor dem Hause, mit zwei Taxusbäumen darin, die er wie ein Huhn und einen Hahn zugeschnitten hat.
Ja, den kennt er gut und auch den Laden, wo er Ladendiener ist, sagt Dierk. Aber wenn er verlobt ist, bann muß er wohl bald wieder fort. „Nein", sagt der junge Mann, das braucht er nun gerade nicht, denn er ist schon sieben Jahre verlobt, und da ist das nichts Neues mehr. Er kann ihr ja wohl erzählen, daß er es so gut getroffen hat heute.
„So", sagt Dierk, „du meinst, daß du es gut getroffen hast bei mir —? Das hast du aber auch! Wir können gut zusammen reden. Wann ist denn deine Hochzeit?" —
„Ja, das weiß ich nicht besser als du", sagt der Ladendiener. „Der Lehrer wird diesen Sommer abgesetzt, und dann müssen sie aus dem Schulhaus heraus, und wenn sie auch eine kleine Aussteuer hat, so habe ich doch nicht so viel, daß wir damit anfangen könnten."
„Ja", sagt Dierk, „wenn du nicht viel hast, dann könnt ihr das ja wohl nicht."
Es war nun Abend geworden, aber es ist draußen noch schwüler als am Tage, und von der blühenden Fliederhecke hinter dem Haufe kommt ein starker Geruch herein. Nachtigallen beginnen wieder zu schlagen — voller noch als am Morgen —, und Wanderer und Wagen, welche von ihren Ausflügen zurückkommen, mehren sich. —
„Was muß ich nun bezahlen?" fagt der Ladendiener und steht auf.
Seiner ^amilienblätter
Unterhaltungsbeilage jum Gießener Anzeiger
gute Gesellschaft an dir gehabt." Und wie er ihm die Hand gibt zum Abschied, fährt nahe am Hause ein Leiterwagen vor, und unter dem Dach von Birkenzweigen lärmt es und lacht und schreit es laut Bier, und bald ist das stille Haus vom Trubel erfüllt, daß Dierk


