Ausgabe 
13.12.1937
 
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Ländliche Kinderweibnacht.

Erinnerung aus dem Baltikum.

Von AndrL Baron Foelckerfam.

Weihnachistannen.

Don Georg Schwarz.

Das Holzbeil hackt. Es kracht und knackt, Em Tännlein rauscht und purzelt. Da liegt es sta-rr Und schimpft sich: Narrl Kein Sturm halt' es entwurzelt.

Der Bauer raucht Sein Pfeislein, schmaucht. Fängt wieder an zu schlagen. Das Bäumlein stumm Schaut sich noch um, Da liegfs schon auf dem Wagen.

Ein andres fällt. Und es gesellt Sich bald zu den Genossen. Der Bauer haut. Und manchmal schaut Er auch nach seinen Rossen.

Di« möchten gehn Und müssen stehn Ein Stern brennt auf und funkelt. Da ruht das Beil, Zu großer Eil' Der Bauer treibt, weil's dunkelt.

Schon schneit es leis.

Auf Laub und Reis, Die kalten Flocken blinken. Ade, ade, Feld, Wall) und Schnee I" Die Tannen Abschied winken.

Jede Weihnacht fuhren wir als Kinder aufs Land Vor dem Haufe hatten die großen altmodischen Schlitten mit den zottigen Bären- und Lammfelldecken und den vielen Pelzfutzsäcken. Sie sind in aller Frühe vom Lande gekommen, um uns abzuholen. Der Kutscher Ewald und sein« drei Söhne haben, sich bei heißem Kasse« in der Küche ausgiebig er­wärmt, die Pferde ihren Hafer bekommen. Jetzt stehen die Schlitten abfahrtbereit vor der Haustür. Der dicke Ewald sitzt im umgurteten Schafpelz auf dem Bock derArche Noa". Unter der runden Pelzmütze, die ihm bis zu den Augen reicht, blickt sein gewaltiger, von Rauhreif versilberter, Schnurrbart hervor. Auch die Pferde, die wir alle beim Namen kennen und denen wir noch rafch Zuckerstücke bringen, haben heute einen weißen Bart. Sie schütteln ungeduldig die Mähnen, daß die vielen Schellen hell aufklingen. Tante Alvine hat längst besohlen, sich in die Schlitten zu verteilen, aber es dauert eine kleine Ewigkeit, bis alle verpackt sind. Nachdem Tante Alvine zum letzten Male Kinder, Koffer und Körbe gezählt hat und in dieArche Noa" steigt, der Kutscher mit der Zunge schnalzt und die Pferde anziehen, erweist sich, daß ein Kind oder ein Koffer oder ein Paket fehlt.-Alles ruft, fragt, lacht durchein­ander, das vergessene Kind wird noch rasch irgendwo untergestopst, und wieder zählt Dante Alvine, zählt und verzählt sich, und beginnt von neuem. Endlich ist man soweit, und im Trab geht es durchs Städtchen, auf di« stille, verschneite Landstraße hinaus.

Vom frühen Morgen, wenn der Schnee in her Sonne in tausend Funken sprüht und glitzert und der Rauch der kleinen Gehöfte am Wege steil in den klarblauen Winterhimmel steigt, bis zum späten Nachmittag, wenn das Abendrot hinter den Baumstämmen flammt und Baum, Strauch und Feld in sein Märchenrosa taucht, gleitet der lange Schlitten- eg mit festlichem Schellengeläut über die vielen Windungen der ein- men Landstraße. .

Vorne, in derArche Noa", einem geschlossenen Schlitten aus Ur­großmutters Zeiten mit den winzigen Fenstern, der nur von drei kräf­tigen Pferden von der Stelle bewegt werden kann und der in seinem Innern eine Unmenge von großen Seitentaschen und unter den breiten Polstersitzen viele Fächer birgt und nur einmal im Jahr, zu Weih­nachten, aus der Wagenremise hervorgeholt wird und so nach Motten­pulver riecht, daß alle Insassen andauernd, einer nach dem andern, niesen müssen, sitzt, in unzählige Plaids und Tücher gehüllt, Tante Alvine. Sie verträgt keinen Luftzug. Neben ihr, bleich und ergeben, Fräulein Palm. Auch meine vier Schwestern sind in der2lrd)e Noa auf viele Reisestunden eingekerkert. Hier reist auch das Grammophon mit seinem unförmigen himmelblauen Trichter, den alle der Reihe nach im Arm halten müssen. Und inGroßmamas Schwanenschlitten" mit den einst vergoldeten Schwanenhälsen, sitzen Nanna, die Kinderfrau, Katti, die Wäscherin, ich, der weiß-braun gefleckte Terrier Fips, und in einem Käfig, zu Nannas großem Aergernis, meine Meerschweinchen, von denen ich mich nicht trennen kann. Vor lauter Decken, Pelzen und Schals kann ich kaum atmen.Den Mund zu und durch die Nase atmen, sagt Nanna streng. Unter ihrem Hut trägt sie ein Tuch. Die Schwalbe auf ihrem Hut wippt auf und ab, als nicke sie den Krähen zu, ine aus dem Felde spazierengehen und uns erstaunt nachsehen. Hinter uns, ganz allein, fährt die Köchin Jule. Sie sieht in ihrer rieschen Lammfellmutze ganz wie Nansen aus. Sie thront zwischen Kisten, Konfttüretopsen und

Deihnachtsschinken und singt den ganzen Weg über Choräle. Und ganz zuletzt kommt, knarrend und langsam, die große Fuhre mit den Kisten» Koffern und Körben.

Nur der silbern« Kling-Klang der Schellen und das Knirschen der Schlittenkusen unterbricht die feierliche Still« des Waldes. Vor uns fchwimmt dieArche Noa" einen Hügel hinauf, faust bergab, eine ge­waltige Schneewvlke hinter sich aufwirbelnü. Der Schnee überstäubt mein Gesicht wie der Puderzucker, mit dem Jule die Weihnachtstorte bestreut.Sind wird bald da?" frage ich. Aber Nanna sagt nur böse: Den Mund zu und durch die Nase atmen!" Und ich beginne im Stillen bis hundert zu zählen, wenn ich bis hundert komme, sind wir vielleicht da. Und jedesmal schlafe ich beim Zählen ein.

Plötzlich hält der Schlitten mit einem Ruck. Ich reiß« di« Augen auf. Wir sind endlich da! Das alt«, langgestreckt« Haus ist hellerleuchtet. Auf der Treppe steht in einem Tuch Bienchen. Seit über dreißig Jahren betreut sie im Winter das leere Haus. Bienchen wird mit jedem Jahr immer kleiner, sie schrumpft immer mehr zusammen. Bald bin ich so groß wie sie. Bienchen weint vor Freude, lange und ausgiebig, weil wir all« wieder da finö und, weil es Weihnachten ist. In den großen Kachelöfen knistert und knackt es, und in den niedrigen Zimmern mit den hellen, altmodischen Möbeln duftet es schon ganz weihnachtlich und festlich, nach Bohnerwachs, Aepfeln und Tannengrün. Alles rennt aufgeregt durcheinander, Koffer, Kisten und Körbe werden ausgepackt. In der Küche steht Jule in der hohen Kochmütze, schwingt als Zepter einen gewaltigen Kochlöffel und jagt Kinder und Hunde unbarmherzig hinaus, sie knetet den Pfefferkuchenteig.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Kaffee, sitzt alles rings um den langen Ehzimmertifch, Nüsse werden vergoldet, nach Honig duftende Wachskerzen in die Kerzenhalter gesteckt, endlose Ketten aus buntem Glanzpapier geklebt, golden« und silberne Stern« ausgeschnitten. Jule und Nanna stellen bis an den Rand mit Pralinen gefüllte Teebretter auf den Tisch. Di« Pralinen müssen für die Kinderbescherung im Dorf in Krepp-Papier in allen Regenbogenfarben gewickelt und mit Sternen und Engelsköpfen beklebt weiden. Sechsunddreihig Kinder gibt es im Dorf. Tante Alvine kommt mit einer großen Liste zurück, und fechsund- dreißig Krepp-Papierfäckchen müssen mit Pfefferkuchen, Nüssen, Pralinen, Aepfeln und Weihnachtskonfekt gefüllt werden, und man darf sich dabei nicht verzählen, damit in einem nicht eine Nuß weniger ist als in den anderen. Und kaum tft man damit fertig, tragen Jule und Katti auf großen Brettern den ausgewalzten Pfefferkuchenteig herein, und mit Kuchenformen und Gläsern schneidet man aus ihm Hunderte von Ster­nen, Pfefferkuchenmännern, Hasen, Hähnen, Halbmonden und Blumen, die mit Mandeln verziert, in. 6en großen Backofen wandern. Und schon ist es an der Zeit, sich zum Weihnachtsmarkt im Dorf aufzumachen.

Nirgends gibt es so schöne Dinge, wie auf diesem Weihnachtsmarkt: da gibt es di« kleinen schneeweißen Gipskirchen, in die man ein Lichtchen stellen kann, mit ihren bunt erleuchteten Fenstern, Enten und Hähne aus grünem und braunglasiertem Ton; daneben werden dicke, glühend heiße mit Zucker bestreute Pfannkuchen gebacken; ein Aeffchen in einem roten Sammetwams hockt auf einem Leierkasten und zieht aus ihm mit einer langen mageren Hand rosa und hellbraun« Zettel, in denen man fein Schicksal lesen kann; und in der Lebkuchenbude, in der die alte Kruse mit ihrer blauen Brille sitzt wie die Hexe aus Hänsel und Gretel, kann man stolze, federbuschgeschmückte Pfefferkuchenreiter kaufen auf weißen Zuckergußpferden mit rosa und grüner Mähne, Pfefferkuchen- Herzen mit Sprüchen und mit Mandeln verziert, nach Honig duftende Lebkuchen. Auch der Tanzbär ist wieder da: er dreht sich ungeschickt in die Runde, ein kleiner Junge in einem Schafpelz schlägt dazu das Tam­burin. In einem Zelt kann man einen Messerschlucker sehen, dahinter dröhnt mit Paukenschlag und Trompeten ein Orchestrion, und di« Schwäne und zierlich vergoldeten Schlitten des Karussells fliegen vor­über. Ich versuche Nanna zu bereden, auch einmal auf einem Schwan zu fliegen, aber Nanna hat keine Zeit. Sie steht stundenlang vor dem Zelt mit den riesigen bunten Oeldrucken. Schließlich tauft sie das Jesus­kind, und ich weiß, daß es für mich ist, denn Nanna fragt mich, ob es mir gefällt, ich muß aber tun, als ob ich das nicht weiß. Und bann kauft sie noch die büßende Magdalena. In einem hellblauen Gewand, mit offenem Haar liegt die Magdalena in einer Grotte, lieft ein Buch und büßt. Jedes Jahr kauft Nanna die büßende Magdalma. Diesmal kauft sie sie für Katti, die Wäscherin.Damit", sagt Nanna,sie in sich geht und aufhört, zu sündigen."Warum sündigt sie?" fragte ich. ,Zst sie unartig oder nascht sie?" ,Za, ja", seufzt Nanna und schüttelt traurig den Kopf, daß die Schwalbe auf ihrem Hut ganz aufgeregt nickt, sie nascht. Sie nascht. Aber das verstehst du nicht, Ali."

Als wir endlich mit Paketen und Päckchen beladen nach Hause kommen, steht Jule in der Haustür und winkt:Schnell, schnell, di« drei Könige sind da!"

In der Küche stehen ine drei Könige aus dem Morgenland ein wenig verlegen m einer Ecke und räuspern sich lange und umständlich. Sie tragen einen großen leuchtenden Stern an einem langen Stock und haben prächtige, mit Gold- und Silberstemen verzierte Gewänder an, und Turbane aus Tante Alvines unzähligen Schals, lieber den langen Flachsbärten erkenne ich Krischans, Anders und Jnriks lachende Augen. Sie fingen die alten Weihnachtslieder, eines nach dem anderen. Auch der Teufel fehlt nicht. Er hat ein kohlschwarzes Gesicht, einen Ringelschwanz und Hörner. Er springt mit wildem Gehopse in der Küche umher, grunzt wie ein Schwein, und gebärdet sich wie ein richtiger Teufel. Aber bi« drei König« bannen ihn mit ihrem Stern, er schleicht wie ein Wolf heulend und zähneklappernd hinaus und Jul« hilft mit dem Besen tüchtig nach. Dann nehmen die drei Weisen ihre Bärte ab und bekommen Kaffee Auch der Teufel erscheint wieder und setzt sich zu den anderen an den Küchentisch, und Jule stellt einen riesigen Teller voll knuspriger Pfefferkuchen, rotbackiger Aepfel und goldener Nüsse vor sie hin.

Der Kutscher hat zwei mächtige Tannen aus dem Wald« geholt, fi« reichen dis an die Zimmerdecke. Die eine ist für uns, die andere steht