Ausgabe 
13.12.1937
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1957 Montag, den IZ.Dezember Nummer 97

Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Von Lherrg Kearton

Deutsche Rechte durch I. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdru«^ verboten

2. Fortsetzung.

Es läßt sich denken, was dieser Wunsch nach Polsterung der Nester für den kargen Pslanzenwuchs der Insel bedeutet. Die Büsche werden langsam zersetzt, und viele verkümmern, weil ihre Wurzeln, wenn auch nicht immer abgerissen, so doch blohgelegt und der Sonne ausgesetzt wor­den sind. Auch die Bautätigkeit selbst entblößt oft die Wurzeln und zer­stört die Sträucher.

Ich sah einmal, wie ein Pinguin sehnsuchtsvolle Blicke auf ein aus der Erde ragendes Wurzelende warf, das anscheinend das war, was er brauchte. Er lief hin, packte es mit dem Schnabel und riß daran. Doch die Wurzel faß fest und gab nicht nach. Er aber wollte sich nicht geschlagen geben, sondern krümmte sich vor Anstrengung, sie herauszureißen. So hartnäckig war er, daß er immer wieder zu dem Büschel hinging, um ihn von jeder Richtung her zu bearbeiten; erst nachdem er sich fast volle drei Tage lang damit abgequält hatte, -wurde er der Wurzel Herr; in dem Augenblick, als das geschah, riß er so mit aller Macht daran, daß er durch ihr unerwartetes Nachgeben plötzlich bums! auf dem Rücken lag. Doch das machte ihm nichts; er stand sofort wieder auf und watschelte davon, die Beute im Schnabel, um sie seiner Liebsten zu bringen ein wahres Bild stolzen Glückes.

Aehnlich konnte ich beobachten, wie Pinguine lange Stücke Seetang nachschleiften und sich damit den ansteigenden Weg vom Strande herauf­mühten eine Entfernung von beinahe einem Kilometer und darüber wobei der Tang sich häufig um ihre Beine wickelte und sie beinahe zu Fall brachte.

Ganz vereinzelte Pinguine der Insel alles in allem vielleicht ein Dutzend finden jedoch, daß zur Innenausstattung Hölzchen oder Stroh­halme oder auch Tang nicht annähernd mit Steinen zu vergleichen sind. Das ist sehr sonderbar; obwohl Steine nicht die natürliche Nistunterlage dieser Schwarzfußpinguine bilden, finden sie sich fast ausschließlich in den Nestern öerjenigen Vögel, die das südlichere Jnselgebiet bewohnen. Au manchen Stellen der Pinguin-Insel kommen fast keine Steine vor, diese besonderen Vögel aber scheuen auch die größte Mühe nicht, um sich welche zu verschaffen. Ein Mst z. B. fand ich, das ganz und gar mit etwa hühnereigroßen Steinen ausgelegt war, und zwar so dick ausgelegt, daß eine halbe Schubkarrenladung in dem einen Nest drin fein mußte; und jeder einzelne Stein hatte eine halbe Meile weit hergeholt werden müssen, obwohl rechts und links alles voll ganz geeigneter Reiser lag. Ich kann mir das nur so erklären, daß diese Pinguine auf ihren Reisen die Sitten einer fremden Art kennengelernt hatten und sich so davon imponieren ließen, daß sie beschlossen, diese Sitte zu Hause einzuführen.

Und doch ist diese Theorie nicht ganz stichhaltig. Unbedingt spricht auch die Tatsache mit, daß Pinguine Vögel von Charakter mit ganz indivi­duellen Neigungen sind.

Dann und wann wird ein einzelner Vogel von einer Vorliebe für etwas erfaßt, die die andern in keiner Weise teilen. Eines Tages sah ich, roie ein Pinguin sein Nest verließ, um auf die Suche nach Hausrat zu gehen offenbar mit ganz bestimmten Anweisungen seiner Frau über die Art dessen, was er bringen sollte. Er sammelte eine Reihe von Holzenr, von denen er jedes zum Nest schaffte, um dann von neuem auf die Suche zu gehen. Plötzlich sah er einen herrlichen glatten Stein baltegen. Irgend­etwas daran mußte ihm ganz besonders gefallen, denn er ging zwei oder dreimal rings um ihn herum und betrachtete ihn von allen Seiten; un­willkürlich erinnerte er mich an den jungen Ehemann, der in einem Schaufenster etwas sieht, was er gern seiner Frau kaufen mochte, obschon er weiß, daß er es nicht erschwingen kann. Für den Pinguin war der Preis sicher recht hoch: er mußte den Stein hundert Meter weit schleppen. Endlich entschloß er sich aber doch dazu. Nach Ueberroinbung einiger Schwierigkeiten hatte er ben Stein im Schnabel und machte sich auf den Weg. Zweimal muhte er stehenbleiben und sich verpusten, nacWem er den Stein vorsichtig auf ben Boden gelegt hatte. Doch er ließ pchs nicht verbrießen, langte endlich stolz watschelnd am Nest an und ließ den Stein gerade vor seiner Frau auf die Erd« fallen.

Einen Blick warf sie darauf doch der sprach Bände.Hab ich dir nicht gesagt", schien sie zu sagen,daß wir dieses Nest mit Hölzchen aus- staffieren wollen?" Und der tiefgeknickte Gatte, dem Freude und Stolz im Nu zu gallenbitterer Enttäuschung geworden waren, nahm den Stein auf und trug ihn wieder davon. Ich war gespannt, wie weit er ihn wohl schleppen würde, ob er ihn an die Fundstelle zurückbringen oder ihn erbost bei der nächsten Gelegenheit ablaben würbe. Was tat er? Er trug ihn zwanzig Meter weit fort gerabe weit genug, baß er feiner Frau aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mieber in bie Augen fallen unb ihr Gelegen­heit bieten würbe, ihn an ben peinlichen Vorfall zu erinnern. Doch er stellte bie Arbeit nun ein. Seine ganze Begeisterung für bas neue Haus unb feine Ausstattung war geschwunden unb wie das bestrafte Kind, das in den Garten ging,um Würmer zu schlucken" pickte er einen Grashalm auf und trug ihn nicht heim, sondern zum Meer hinunter.

Diese Gewohnheit der Pinguine, Halme oder Stöckchen zum Meer hinunter zu schassen, war mir nie verständlich. Einen Zweck scheint sie nicht zu haben, denn sobald das Wasser erreicht ist, wird das Stöckchen regelmäßig fallen gelassen. Dennoch ist sie etwas ganz Alltägliches, und der ebenerzählte Vorfall möchte mich fast glaubet) taffen, daß es für den Pinguin etwas Beruhigendes hat, ein Stöckchen im Schnabel zu halten, genau wie Männer in Augenblicken innerer Erregung an einer kalten Pfeife kauen.

Es ist selbstverständlich, daß bei Tieren mit so ausgesprochener Indi­vidualität wie die Pinguine selbst Baue von ein unb bemjelben Typ durch- aus nicht alle gleich aussehen. Es gibt träge Hausfrauen unb fleißige, unb infolgebeffen finb manche Nester unorbentlidjer gehalten als anbere. Manche Vögel finden, ein halbes Dutzend Stöckchen, nach einem Sturm mühelos in der Nähe ausgesammelt, genüge vollständig; unb ich nehme an, baß solch lieberliche Nester beutlich auf unbebeutenben Geist und leichtsinnigen Charakter schließen lassen, deren Folge dann eine vernach­lässigte Brut ist.

Darum ist es jedenfalls gut, daß weitaus die meisten Pinguine ihr Heim lieben und emsige Arbeiter sind. Wenn man besonders darauf achtet, findet man hier und dort faule Vögel; im allgemeinen aber sieht man in jenen ersten Tagen des Hausbaus ringsumher unzählige ge­wissenhafte und neststolze Tiere, die emsig bedacht sind, ihrer künftigen Brut ein bequemes Heim zu bereiten.

Viertes Kapitel.

Wiedersehen mit der alten Wohnung. Junger Mann sucht Anschluß. Verlobungszeit unb Eheschließung. Der neue Hausstanb. Ein harter Rückschlag. Der Kampf um ben Teppich. Wohlverbiente Ruhe.

Man sollte denken, das erste, was die Pinguine täten, sobald sie ihr« Ferien auf der Brutinsel angetreten haben, wäre, daß sie eine der zahl­reichen freien möblierten Wohnungen der Umgegend bezögen.

Die erfahreneren tun das auch. Nach einem kleinen Schwatz mit Freunden am Strand unb einer kurzen Ruhepause nach der langen Reise machen sich Vater und Mutter zusammen auf den Weg. Zuweilen müssen sie über einen Kilometer weit watscheln, bis sie vom Strande aus ihr Ziel erreicht haben, allein fast ausnahmslos suchen sie stracks das aus früheren Jahren bekannte Heim auf. Dabei legen sie sich zwar gegenseitig nicht die Flossen um die Stelle, wo ihre Taille sitzen müßte, wenn sie eine hätten; ihre zärtlich gegeneinanbergeneigte Haltung brückt aber entschieben irgenbmie dasselbe aus. Sie laufen nebeneinander her, manchmal geht auch Vater ein paar Schritte voraus, und wenn sie die höchste Stelle des Abhangs erreichen, bleiben sie einen Augenblick stehen, um Ausschau zu halten, glucksen vor Wonne beim Anblick der alte« Wohnstätte und trippeln eilends darauf zu.

Mitunter kommt es vor, daß eines dieser liebenden Paare, wenn es nicht rechtzeitig anlangt, fein erkorenes Nest in dem es doch während der letzten sechs Jahre ein dutzendmal gehaust und auf da» es ein unbestreitbares Vorrecht hat schon von Neuankömmlingen besetzt findet. Dann gibt es große Aufregung, unb Federn müssen gelassen wer­den, ehe die Eindringlinge nach Fug unb Brauch an bie Lust gesetzt sind unb Vater unb Mutter einziehen können, um Ordnung zu schaffen und Unordnung und Schmutz eines halben Jahres auszuräumen.

Das wären Vater unb Mutter, die genau wissen, was sie wollen und wo sie es finden. Was aber geschieht mit den Söhnen und Töchtern, die, während des letzten Aufenthalts geboren, sich schon von den Elterni ge­trennt haben unb nun ihren eigenen Hausstand errichten wollen? (Den Eltern sind sie tm übrigen auch gar nicht mehr erwünscht, da bald neue Sprößlinge ankommen sollen in welchem Fall die älteren Kinder bekanntlich immer gut tun, sich zu drücken.)