— wiewohl sie entscheidende Wesens,üge von dem Fräulein Grande! trennen. Unvergeßlich aber auch die Gestalt des alten Gründet, der wie ein unheimlicher, düster drohender Schatten durch die Erzählung hin- durchgeht, ein Charakterbild von solcher Schärfe des Profils und solcher tnnern Geschlossenheit, daß man beim Lesen immer wieder an eine der berühmten Figuren Molieres erinnert wird.
Einem Tagelöhner.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Lange Jahre sah ich dich Führen deinen Spaten, Und ein jeder Schaufelstich Ist dir wohlgeraten.
Nie hat dir des Lebens Flucht Bang gemacht, ich glaube — Sorgtest für die fremde Frucht, Für die fremde Traube.
Nie gelodert hat die Glut Dir in eignem Herde, Doch du fußtest fest und gut Auf der Mutter Erde.
Nun hast du das Land erreicht, Das du fleißig grubest, Laste dir die Scholle leicht, Die du täglich hubestl
Kaptein Klausius.
Von Otto Anthes.
Kaptein Klausius hatte kein Schiff, bas er ständig geführt hätte, er saß den größten Teil des Jahres in seinem Häuschen, das nahe am Hafen lag, und schnitzte kleine Schiffsmodelle. Die setzte er, wenn sie fertig waren, schön gestrichen und seegerecht getakelt, auf zwei Reifen, die an einer hohen Stange im Gärtchen beweglich angebracht waren; und wenn Wind war, liefen sie oben lustig im Kreise, der eine rechtsherum, der andere linksherum.
Nur ab und an wurde dieses vergnügliche Stilleben auf kurze Zeit unterbrochen. Dann erschien plötzlich ein junger Mann von Quehl und Rüster oder auch von Konsul Buckow und bat den Kapitän aufs Kontor. Wenn er von dort zurückkam, packte er ein kleines Köfferchen, nahm zärtlich Abschied von seiner Frau Elise und ging zum Hafen hinunter, um mit dem nächsten Dampfer davonzufahren. Die wenigsten Leute in der Gasse wußten, was der Kapitän in diesen Zeiten seiner Abwesenheit trieb. Aber daß sie ihm Gewinn brachten, konnte keinem entgehen. Denn jedesmal alsbald nach seiner Rückkehr stolzierte Frau Elise in einem neuen seidenen Kleid im Gärtchen herum, trug, wenn sie in die Stadt ging, einen neuen ausschweifenden Hut oder ein neues Stück Pelzwerk, und sorgte dafür, daß der Ring nicht übersehen wurde, den sie den schon vorhandenen hinzugesügt hatte. Wie eine Konsulssrau ging sie einher. Das alles war an und für sich aufreizend und wurde es noch mehr dadurch, daß Fran Elise selbst sich ihrer äußerlichen Pracht sehr wohl einfügte. Sie sah ihren 56 Jahren zum Trotz noch immer wie eine hübsche Puppe aus, so frisch und faltenlos war ihr Gesicht, so blank ihre Augen, so zierlich gespitzt ihr Mäulchen. Daß der Kapitän nichts anderes Auffallendes tat, als daß er unermüdlich seine Frau herausputzte, hätte eigentlich, wenn die Leute vernünftig gewesen wären, zu seinen Gunsten sprechen müssen. Aber das gerade Gegenteil war der Fall. Die ganze Gasse begegnete ihm mit unverhohlenem Mißtrauen und offensichtlicher Feindseligkeit.
In Wirklichkeit verdiente Kaptein Klausius die Reichtümer, mit denen er seine Frau behängte, aus die nützlichste Weise der Welt. Nützlich zumindesten für Quehl und Rüster und für Konsul Buckow. Wenn irgendwo in der Ostsee ein Schiff, mit einer Ladung unterwegs, havariert war, wurde Kaptein Klausius hingeschickt. Er flickte den altersschwachsten und ramponiertesten Kasten notdürstig aus, er verstand Matrosen anzuheuern, die nicht wußten, worum es ging, er erwirkte von den Seebehörden, was er wollte, und er brachte das kläglichst verwundete Schiff allemal glücklich an seinen Bestimmungsort. Diese schwierigen Fälle der Schiffahrt waren allgemach seine Leidenschaft geworden, und sie brachten den Reedern durch die Ersparnis des Leichterns und Umladens erkleckliche Summen ein. Die Hochachtung, die ihm deshalb von ihnen erwiesen wurde, und der Anteil am Gewinn, der ihm zufiel, ließ ihn nicht nur die Feindschaft der Nachbarn leicht ertragen, das alles zusammen trieb ihn vielmehr erst recht in einen trotzigen Stolz auf seine Tüchtigkeit und auf die Nützlichkeit und Wichtigkeit seines Tuns. Es ging auch durchaus nicht immer glatt bei diesen Fahrten. Einmal, als er einen alten lecken Kahn, der nur noch auf seiner Holzladung schwamm, nach Stettin zu bringen unterwegs war, hatten die finnischen Matrosen, des ununterbrochenen Pumpens müde, erklärt, sie würden von jetzt ab keine Hand mehr rühren.
Schön, sagte Kaptein Klausius, dann werden wir ersaufen. — Ging in seine Kajüte, steckte sich eine Pfeife an, setzte die Brille auf und vertiefte sich in fein Schiffsjournal.
Stunden vergingen. Der alte wassergierige Kasten sank immer tiefer. Kaptein Klausius saß und las. Da klopfte es an seine Tür. Herein! Zwei Matrosen als Abordnung traten ein und sagten kleinlaut, daß sie doch lieber wieder pumpen wollten, wenn — meinetwegen nicht, schnitt ihnen der
Kaptein die Rede ab. Ich hab' mirs immer gewünscht, einmal auf Grund zu gehen. Ich fürchte mich davor, im Bett zu sterben.
Ja, aber —
Macht, was ihr wollt. Wenn ihr pumpt, tut ihrs für euch. Wenn nicht, auch. . m
Und er drehte ihnen den Rücken. Die Matrosen gingen an die Pumpe, und der Kahn erreichte Stettin. — Ein anderes Schiff war,-im Begriff einen kleinen schwedischen Hafen zu verlassen, auf einen im Wasser verborgenen Pfahl aufgelaufen und fo merkwürdig gesunken, daß es mit dem Bug jach in die Tiefe schoß und das Hinterteil hoch in die Lust streckte, wie eine tauchende Ente. Kein Mensch in dem Nest hatte etwas mit dem feit- famen Naturspiel anzufangen gewußt. Kaptein Klausius, von der Reederei geschickt, brachte nach eigener Methode ohne große Hilfsmittel das ausgelassene Schiss wieder in eine anständige Sage. Dann fuhr er bei Nacht und Nebel davon, weil kein Hafenamt der Welt ihm die Ausreise erlaubt hätte. Und gelangte glücklich ans Ziel.
Ja, so war Kaptein Klausius. Aber die Leute in der Gasse wußten so gut wie nichts davon, und sie waren böser Art.
Eines Tages fuhr ein mit schönen ausländischen Hölzern beladener Wagen, vom Hafen kommend, durch die Gasse. Just vor des Kapkeins Haus löste sich ein Vorderrad, indem zugleich eine Speiche zerbrach, und der Wagen legte sich mählich auf die Seite. Der Fuhrknecht stieg langsam herab, besah den Schaden eine Weile, zog die Uhr, und da es gerade fünf Minuten vor sechs Uhr war, spannte er seine Pferde aus, ließ den Wagen, wo er war, und ritt davon. Die Jugend der Gasse umstand das Wrack. Vorübergehende gesellten sich dazu, aus den Häusern kam herbei, wer nichts Besseres zu tun hatte, und es war bis zum Dunkelwerden eine große Begebenheit um das gestrandete Fuhrwerk. Schließlich verlief sich die Menge. Und nun kam der Kaptein, der schon die ganze Zeit hinter dem Fenster gestanden hatte, von seiner Leidenschaft getrieben, aus feinem Häuschen hervor. Er ging mehrmals um den Wagen herum, besah zuerst die schönen Hölzer, darauf das Rad, das ein wenig schief und verbogen an der Unglücksstelle lag, und zuletzt die Stelle, wo es hätte sitzen bleiben sollen. Er holte eine Winde aus dem Hause und leierte den Wagen in die Höhe, bis er gerade stand. Verband alsdann die Speiche kunstgerecht mit starken Bindfäden, nachdem et den Bruch vorsichtig eingerichtet hatte, brachte das Rad an seinen Platz und schob einen Bolzen davor, den er aus einem derben Prügel geschnitzt hatte. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, der Kaptein nickte zufrieden, als et sein Werk vollbracht sah, ging darauf entschlossenen Schrittes um den Wagen herum nach hinten, zog mit festen Griffen drei von den kurzen starken Balken aus der Ladung und verschwand damit in seinem Hause.
Der Morgen kam, und mit ihm der Fuhrknecht in Begleitung eines Stellmachers. Zuerst waren sie baß erstaunt, den Wagen in fahrbarem Zustand zu fehen. Dann, als sie entdeckten, was damit geschehen war, erhoben sie ein mächtiges Schimpfen Über die unverlangte Hilfeleistung. Der Stellmacher zumal, der um feinen Verdienst zu kommen fürchtete, erklärte die ganze Ausbesserung für ein Werk der Bosheit, da das Rad nach zwei Schritten Fahrt alsbald wieder brechen müsse.-Die Nachbarn, durch den Lärm herbeigerufen, verrieten dem Fuhrknecht, wer sich an seinem Wagen nützlich gemacht habe. Dieser, mißtrauisch geworden, musterte seine Ladung, rannte spornstreichs davon und kehrte bald mit einem Kriminalbeamten zurück. Der trat in das Haus, klopfte und verlangte, da keine Antwort erfolgte, mit lauter Stimme im Namen des Gesetzes sofortigen Einlaß. Der Kaptein, der den ganzen Vorgang von seinem Fenster aus beobachtet hatte, war aus seinem anfänglichen Staunen über die Undankbarkeit des Fuhr- knechtes in eine heftige Wut verfallen. Er hatte sich in die Kammer zurückgezogen, saß dort, zitternd und die Hände ballend, und schwur, daß er lieber auf dem Platze sterben als öffnen wolle. Zuletzt entschloß sich die Frau, zur Tür zu gehen. Der Beamte erklärte ihr, daß er eine Haussuchung vornehmen müsse, worauf sie fassungslos in die Küche rannte und sich heulend über den Tisch warf. Da der Beamte dergestalt nicht den geringsten Widerstand fand, entdeckte er bald in einem Winkel des Korridors die drei Balken. Der Fuhrknecht erkannte sie als zu feiner Ladung gehörig und bemächtigte sich ihrer. Der Beamte verließ mit hochgezogenen Schultern hinter ihm das Haus.
Bei der Gerichtsverhandlung stand der Kaptein steif wie ein Mastbaum an der Schranke. Als der Richter ihn fragte, wie er dazu gekommen wäre, sich die drei Balken anzueignen, erwiderte er, daß er sie gewissermaßen als Bergelohn in Anspruch genommen habe. Die beiden Schöffen, die nie zur See gefahren waren, wollten vor unterdrücktem Lachen schier platzen. Der Kaptein sah sie groß an und verachtete sie. Weiter gefragt, was er mit den Hölzern habe anfangen wollen, erklärte er: aus dem einen habe er lief) einen Treppenpfosten, aus dem andern ein großes Schiffsmodell schnihen wollen, wie sie im Ratskeller von der Decke herabhingen. Den dritten aber habe er zur Reserve genommen. Hierbei mußte auch der Richter lächeln. Und von da ab verachtete der Kaptein auch ihn. Als er aber, zu drei Tagen Gefängnis verurteilt, das Gerichtshaus verließ, verachtete er die ganze Welt, mit einer ingrimmigen, tollwütigen, keines Wortes fähigen Verachtung.
Stracks vom Gericht ging er in das größte Modehaus der Stadt, kaufte einen feibengefütterten Damenmantel für zweihundert Mark, einen Riesenhut mit zwei wildwallenden Federn, einen kostbaren Schal, Handschuhe und einen Sonnenschirm. Er warf das Geld nut so um sich herum. Mit all diesen Herrlichkeiten mußte seine Frau diesen Nachmittag an seinem Arm zwei Stunden lang in der Gasse auf und ab gehen. Dann, als es Abend wurde, schlenderte er, die Pfeife im Munde, gemächlich zum Hafen hinab. Er stand am Kai, bis es still und menfchenleer um ihn wurde. Dann klopfte er feine Pfeife aus und ging zu einem großen Haufen schwedischer Pflastersteine, die dort ausgeladen der weiteren Verfrachtung harrten. Er (topfte sich damit die Taschen seiner Jacke voll.
Um diesen Diebstahl werden sie mich nicht verurteilen, knurrte er vor sich hin.
Dann trat er dicht an den Rand der Mauer und glitt lautlos hmav. Es waren dort zum mindesten acht Meter Wasser.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Detlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei 2i. Lange. Bietzen.


