September.
Von Joses Weinheber. Aegyd bläst in des Herbstes Horn. Die Beere schwankt am Brombeerdorn. Der Apfel fällt mit leisem Laut, großauf am Bach die Distel blaut. Die Schwalbe zieht, der Wanderschuh treibt dunkel einer Heimat zu. Gekühlte Tage, klar und schön, mit braunem Laub und weißen Höhn: Wie lange noch? Der Abend fällt, Flurfeuer glimmt, Rauchnebel schwelt. Nach Haus zu gehn, ist wohlgetan. Sankt Michael, zünd die Lampe an!
Balzac und ȧugenie Grandes.
Von Hans Thyriot.
Am 20. Mai 1799 wurde HonorL de Balzac in Tours geboren; am 18. August 1850 ist er in Paris gestorben: sein Leben währte nur ein halbes Jahrhundert, aber es war, bis zur letzten Stunde, erfüllt und ausgefüllt wie wenig andere menschliche Lebensläufe, und sehr viel merkwürdiger als die allermeisten von ihnen. Merkwürdig übrigens nicht nur im literarisch-künstlerischen Sinne; wenn man sich klarmacht, was Balzac in der kurzen Zeit seines irdischen Wandels geschaffen hat, wenn man das Werk, das bis heute seinen Namen durch alle Welt trug, in Vergleich setzt zu der Daseinsfpanne, die seinem Schöpfer zugemessen war, so kann man nur staunen: die „Oeuvres completes“ umfassen allein über fünfzig Bände; mehr als hundert Romane und Erzählungen, die Briefbände und Dramen nicht gerechnet, hat Balzac hinterlassen. Das ist schon „merkwürdig" genug; indessen ist Balzac als Mensch und Persönlichkeit in einem ganz bestimmten Sinne von Balzac dem Romancier, dem Dichter nicht zu trennen, und fast noch merkwürdiger als das Werk selbst ist der Weg, der zu diesem Werk hinführte, und das Leben, das Dasein eines besessenen, von Energie, von Sehnsucht nach Glück, Wohlstand und Unabhängigkeit, von rastlosem Fleiß und unerschöpflich scheinender Arbeitskraft angetriebenen und gehetzten Menschen. Dieses Leben und dieses Werk sind gar nicht unabhängig voneinander zu betrachten und zu begreifen: das Werk wäre ohne ein solches Leben nicht denkbar gewesen.
Schon als Kind hatte Balzac alles gelesen, was er in die Finger bekam; das mag seiner späteren Entwicklung früh die allgemeine Richtung gewiesen haben. Als er, mit zwanzig, nach Paris kam, begann er seine Laufbahn; er wollte es mit der Literatur versuchen, er wollte Erfolg haben, zu Geld kommen. Glück, Ruhm, Wohlstand erwerben. Er hatte kein Glück; er erlebte nichts als Mißerfolge; und er hielt das noch aus, als jeder andere längst die Flinte ins Korn geworfen hätte, abge- fchwenkt, umgesattelt, ausgebrochen oder ins „Bürgerliche" zurückge- flüchtet wäre. Balzac war zäh, er besiegte den Mißerfolg, er setzte sich durch. Die ersten Anfänge waren entmutigend — auf dem Theater wie als Romanschriftsteller; nichts als Fehlschläge und Enttäuschungen: die paar Dutzend Romane, die er unter dem Decknamen Horace de Saint Aubin erscheinen ließ, waren bloße Kolportage, Spekulationen auf schnelles Geschäft, Sensationslust und Lesehunger. Es war aber kein Geschäft. Dann versuchte er sich als Verleger und Buchdrucker und brachte billige Klassikerausgaben auf den Markt. Aber es erwies sich, daß mit Gewalt auch mit der guten Literatur kein Geld zu verdienen war: Balzac mußte die Druckerei verkaufen. Eine schwere Schuldenlast blieb zurück; diese Schulden ist er sein Leben lang, auch als er längst anerkannt, ja berühmt geworden war, nicht mehr losgeworden. Aber Balzac gab auch jetzt noch nichts verloren, er besann sich auf sein wahres Können, er entdeckte sein großes Talent, seine dichterische Kraft. Er verzichtete auf das Pseudonym, er schrieb seinen richtigen Namen auf das Titelblatt des ersten ernstzunehmenden Romans „Le dernier Chouan, ou la Bretagne en 1800“. .
Hier beginnt der Weg des Mannes Balzac, den wir kennen, des Dichters, des großen Romanciers, des Sittenfchilderers und Kritikers feiner Zeit. Was in Romantik und Pseudoromantik begonnen hatte, entwickelte sich immer schärfer und ausgeprägter zu einer neuen künstlerischen Sehweise und Stilform, zum Realismus, der, je weiter das Jahrhundert fortschritt, immer bedingungsloser und schonungsloser seinen letzten Konsequenzen zustrebte.
Der Erfolg war da, — wenigstens ein Teil jenes von Jugend an ersehnten und erstrebten Erfolges: Balzac war ein Dichter, den ganz Frankreich (und bald auch die ganze Kulturwelt) kannte und anerkannte, — aber, auch jetzt noch, schwer verschuldet und bis zuletzt in einen verzweifelten, aufreibenden Kampf gegen seine Gläubiger verstrickt. Das tägliche Leben war nicht leichter geworden, aber Balzac glaubte an den endlichen, völligen Sieg, an das Glück ... wie an sich selber und an sein Werk, er hoffte von Tag zu Tag auf das große Wunder, ein reicher und unabhängiger Mann zu fein. Darüber ging sein Leben hin, Werk und Werk schleuderte er aus sich heraus, immer neue Pläne, neue Szenen, neue Gestalten tauchten in seiner rastlosen Phantasie auf. Er schrieb unermüdlich, mit einer eisernen Folgerichtigkeit, Energie und Arbeitswut. Er schlief-nur von acht Uhr abends bis um Mitternacht, dann stand er auf, fetzte sich, mit einer Mönchskutte bekleidet und mit einer gewaltigen Kanne Kaffee ausgerüstet, an den Schreibtisch und schrieb, — zehn Stunden, zwölf Stunden, vierzehn Stunden hintereinander. Der Roman „Der Landarzt" fall, so wird berichtet, in 72 Stunden niedergeschrieben worden sein: ähnliches lesen wir über die Entstehung des Romans „Cesar Birotteau". Noch wenige Fahre aor seinem Tode schätzte er, daß er mit einer Arbeitszeit von achtzehn
Stunden am Tage rechnen müsse. Es half alles nichts: Balzac wurde berühmt, aber er wurde die Last feiner Schulden nicht los, weder durch die Kolportageliteratur feiner stürmischen Anfänge noch durch die Meisterwerke seiner reifen Zeit; und durch die außerhalb seines künstlerischen Wesensbereiches liegenden, phantastischen Spekulationen schon gar nicht; er träumte von einer gewinnbringenden Ananaszucht, grub nach verborgenen Schätzen an der Seine, wollte alte römische Silberminen auf der Insel Sardinien wieder ausbeuten. Das alles brachte so wenig ein wie die Buchdruckerei mit den Klassikerausgaben ...
Vor mehr als hundert Jahren schrieb Goeche über den Roman „La peau de chagrin“: „Dieses Werk eines hochstehenden Geistes zeigt eine unheilbare Verderbnis des französischen Volkes, die immer tiefer unb tiefer um sich greifen wird, wenn nicht die Provinzen, die bis jetzt weder lesen noch schreiben können, das Volk, soweit es möglich, wiederherstellen". Noch schärfer haben, ein wenig später, die Brüder Goncourt das Werk ihres Landsmannes charakterisiert: „Er allein ist unserem Leiden auf den Grund gegangen, er allein hat den Zerfall Frankreichs feit 1789 gesehen, die Herrschaft der Gesetze über die Moral, der Worte über die Tatsachen, die unter scheinbarer Ordnung wütende Anarchie der losgelassenen Interessen, den Ersatz der Mißbräuche durch die Protektion, die Vernichtung der Gleichheit vor dem Gesetz durch die Ungleichheit vor dem Richter, kurz, die Lüge jener Republik von 1789, die den Monarchennamen durch das Fünffrancstück und die Marquis durch die Bankiers verdrängt hat, und feine Aussagen sind die Aussagen eines Romanciers gewesen".
Balzac, der als Kind den Aufstieg Napoleons erlebt hatte, wurde zum Schilderer feiner Zeit, der Epoche des Bürgerkönigtums, der französischen Gesellschaft mit all ihren sozialen Unterschieden, ihren Leidenschaften, Lastern, Sorgen und Nöten. Ein immer wiederkehrendes Generalthema in Balzacs Romanen ist das Geld, die ewig lockende und oft genug zerstörende Macht des Geldes. Auch daran begreift man, wie eng das Werk und das Leben Balzacs ineinander verhaftet find: die Gedanken, die Sorgen und Sehnsüchte seines eigenen, unaufhörlich bedrängten und gehetzten Lebens spielen immer wieder in seine Romane hinein und spiegeln sich in deren Szenen und Gestalten — in einer großartigen Objektivität freilich der Anschauung und Gestaltung, deren nur ein Genie fähig fein konnte. Balzac verfügte über eine unerschöpflich quellende Phantasie: das würden — von jeder dichterischen Erfindung zu schweigen — allein jene Projekte bezeugen, die nichts mit seinen künstlerischen Plänen zu tun haben, und von denen oben schon die Rede war. Aber er war auch — und wurde es, mit zunehmendem Alter und wachsender Reise, immer mehr — ein sehr scharf blickender Kenner unb Schilderer der Umwelt, der Zusammenhänge und Zustände im Volke, feiner Landsleute, ihrer Sitten und Sorgen, ihres inneren und äußeren Lebens. Am Ende wurde ihm das, was man in feinen Romanen „die Gesellschaft" nennen könnte, nur eine Form oder Spielart jener zeitlosen menschlichen Gemeinschaft, die ihm schließlich als überlebensgroßes Modell, als Rohstoff gleichsam eines ungeheuren literarischen Projektes vorfchwebte: es entstand der Plan zu einer riesigen und unheimlichen „menschlichen Komödie", die er in eine lange Reihe in sich zusammenhängender Szenengruppen gliederte und aufteilte: da sind die Szenen aus dem Privatleben, aus dem Provinzleben, aus dem Leben von Paris, aus dem militärischen, dem politischen, dem bäuerlichen Leben — es ist wie eine ins Grandiose gesteigerte, ins Epische übersetzte Wiederaufnahme der naiven Renaissance- und Humanisten-Schauspiele, welche die menschlichen Stände vor dem staunenden, betroffenen, ergötzten und ergrimmten Zuschauer Revue passieren ließen. Das ist der Kern des Lebenswerkes von Balzac, hier vollzieht sich der entscheidende Durchbruch zum realistischen Roman, hier tut sich ein erstaunliches Welttheater auf, ein großartiges Panorama von Szenen, Gestalten, Charakteren. Auf die Napoleonbüste in seinem Arbeitszimmer ritzte Balzac die Worte: „Was er mit dem Schwerte nicht zu Ende bringen konnte, das will ich mit der Feder tun". Welch ein Projekt. Welch eine entmutigende, unübersehbare Fülle des Stoffes — ihm mußte ein Stil entsprechen, von dem ein Zeitgenosse, übrigens mißbilligend und verächtlich, bemerkt hat, es sei der Stil eines Autodidakten, in dem ein Archäologe, ein Architekt, ein Tapezierer, ein Schneider, eine Modistin, ein Kommissionär vom Versteigerungsamt, ein Naturforscher und ein Notar sich verbergen ...
Das Riesengebäude der „Comddie humaine“ bleibt der innere Kern, um den das Gesamtwerk Balzacs sich kristallisiert; die „Frau von dreißig Jahren", „Eugenie Gründet", „Vater Goriot", „Oberst Chabert" und „Cesar Birotteau" sind nur einige der bedeutendsten und auch bekanntesten Gestalten daraus. Weiter an der Peripherie feines Schaffens liegen Bücher wie die Hexengefchichte vom Succubus oder die „Contes drölatiques", die derben und witzigen Schwänke im Stile des Rabelais, eine Art von französischem „Dekameron", zu dem uns Dorös Meisterhand eine Fülle von unvergeßlichen Illustrationen beschert hat.
1833, ein Jahr nach den „Contes drölatiques“, erschien der Roman „(Eugenie Gründet", der erste in der Reihe der „Szenen aus dem Provinziellen", spielend in Saumur, einer kleinen Stadt an der Loire: man wird gewiß an dieser Erzählung noch nicht die ganze Fülle von Balzacs Schaffen ermessen können, gewiß nicht die ganze, fast unbegrenzte Weite seiner Schauplätze. Der Umkreis ist eng, die Zahl der handelnden Per- fonen, soweit sie wichtig sind und im Vordergründe stehen, nur klein; aber man begreift bald, daß hier ein Werk entstanden war, mit welchem Balzac das Flachland feiner vergeblichen ersten Versuche endgültig verlassen hatte; hier spricht Balzac der Dichter, der Menschenkenner, der Seelenschilderer, Balzac der Realist. Die menschliche Komödie beginnt, und es ist unschwer zu erkennen, wie nahe sie der meist pathetischer auftretenden tragischen Schwester im Wesensgrunde verwandt ist. Hier erleben wir eine Geschichte aus der Tiefe des menschlichen Herzens, die alte und ewige Geschichte einer großen, reinen und im biblischen Sinne einfältigen Liebe, und die junge Liebende aus der französischen Provinz wird uns in Glück und Leid nicht weniger vertraut und unvergeßlich als die viel volkstümlicher gewordene Doktorsfrau Bovary bei Flauster!,


