„Der alte Grandet? ... der alte Gründet
muh fünf bis sechs Millionen haben.
,F)a find Sie gescheiter als ich, ich habe nie die Gesamtsumme gemutzt", antwortete Herr Cruchot oder Herr des Graffins, wenn sie so etwas hörten.
konnte.
Der Winter wird hart, sagte man, der alte Grandet hat seine gefütterten Handschuhe angezogen: man mutz an die Lese denken — Der alte Grandet braucht viele Dauben, dies Jahr wird em Wein,ahr.
Herr Grandet kaufte niemals Fleisch oder Brot. Seine Pächter brachten ihm wöchentlich einen genügenden Vorrat von Kapaunen, Hühnern, Eiern, Butter und eine Weizenabgabe. Er besah eine Muhle, deren Pächter neben der Pachtzahlung noch ein gewisses Quantum Korn abholen und ihm die Kleie und das Mehl wiederbringen muhte. Die lange Nanon, seine einzige Dienstmagd, buk selbst, obwohl sie nicht mehr jung war jeden Samstag das Brot für die Familie. Herr Grandet war mit seinen Pächtern, die Gärtner waren, übereingekommen, dah sie ihn mit Gemüsen versorgten Von Qbst erntete er solche Mengen, daß er einen arohen Teil auf dem Wochenmavkt verkaufen lieh. Sein Holz zum Heizen wurde von feinen lebenden Zäunen geschnitten und von halb verdorrten Hecken, die er vom Rand seiner Felder wegnahm; seine Pachter karrten es ihm kleingehackt in die Stadt, schichteten es aus Gefälligkeit in feinem Holzstall auf und empfingen seine Danksagung. Seine einzigen Ausgaben, die man kannte, waren das geweihte Brot, die Kleidung seiner Frau und seiner Tochter und die Kosten ihrer Stuhle in der Kirche; Beleuchtung, Lohn der langen Nanon, Verzinnung seiner Pfannen; Steuern, die Reparaturen feiner Gebäude und die Unkosten seiner Betriebe. Er besaß seit kurzem sechshundert Ar Wald, den er durch den Aufseher eines Nachbarn gegen das Versprechen einer Entschadi- qunq bewachen ließ. Erst feit dieser Erwerbung aß er Wildbret Das Benehmen des Mannes war sehr einfach. Er sprach wenig. Gewöhnlich drückte er feine Ideen durch kurze Sätze in Form von Sprichwörtern aus mit leiser Stimme. Seit der Revolution, der Epoche, wo er die Blicke auf sich lenkte, stotterte der Alte in ermüdender Weise, sobald er lange über einen Gegenstand zu sprechen oder eine Diskussion in Gang 3U halten hatte. Dies Gebrabbel, seine unzufammenhängende Ausdrucksweise der Wortschwall, in dem er feine Gedanken ertränkte, sein augenscheinlicher Mangel an Logik, was alles man schlechter Erziehung zu- chrieb war erkünstelt und wird hinreichend durch einige Begebenheiten in dieser Geschichte erklärt werden. Im übrigen gebrauchte er für ge- wöhnlich vier Sätze exakt wie algebraische Formeln, um alle Schwierig- feit im Leben und Berus anzupacken und auszulösen: ich weih nicht, ich kann nicht, ich will nicht, das wird sich finden. Er Jagte niemals ja oder nein und gab nichts schriftlich. Wenn man mit ihm sprach, horte er unbewegt zu, hielt das Kinn mit der rechten Hand, indem er den rechten Ellbogen auf den Rücken der linken Hand stützte, und bildete I sich über die ganze Sache seine Ansichten, von denen er sich nicht abbringen lieh. Er überlegte lange das kleinste Geschäft. Wenn in einer geschickt geführten Unterhaltung sein Gegenwart ihm seine geheimen ^Wünsche, ohne es selbst zu merken, enthüllt hatte, antwortete ihm Grandet: ich kann nichts beschließen, ohne meine Frau befragt zu haben.
Seine Frau, die er zu vollkommener Sklaverei unterjocht hatte, war bei Geschäften seine allerbequemste Deckung. Er ging niemals zu irgend jemandem hin, wünschte weder einzuladen noch eingeladen zu werden; er machte niemals Lärm und schien mit allem zu sparen, selbst mit den Bewegungen. Er störte nichts bei andern, infolge feines ständigen Respektes vor dem Eigentumsrecht. Doch fetzten sich trotz seiner sanften Stimme und seiner behutsamen Haltung die Worte und Gepflogenheuen des Böttchers durch, besonders wenn er zu Haus war, wo er sich weniger als sonstwo Zwang antat. Grandet war fünf Fuß groß, untersetzt, vierschrötig, hatte Waden von zwölf Zoll Umfang, kräftige Knie und breite Schultern; sein Gesicht war rund, braun wie Lohe und blatternnarbig, sein Kinn war gerade, seine Lippen waren ohne jeden Schwung, seine Zähne weiß; seine Augen hatten den starren, .lähmenden Blick, den Der Volksmund dem Basilisken zuschreibt; seine Stirn war von Quersalten durchfurcht und nicht ohne bedeutsame Höcker; seine gelblichen und graumelierten Haare waren golden und silbern, wie einige junge teure sagten, ohne den Ernst in einem über Herrn Grandet gemachten Scherz zu verstehen. Seine Nase wurde unten dick und war mit einem Ader- geschwür behaftet, von dem der Volksmund nicht ohne Witz sagte, es jei mit Bosheit gefüllt. Dies Gesicht kündete eine gefährliche Schlauheit, eine kalte Rechtschaffenheit, den Egoismus dieses Mannes, der gewohnt, war, seine Gefühle auf den Geiz und auf das einzige Wesen zu beschranren, da« für ihn wirklich etwas bedeutete, feine Tochter Eugeme, seine einzige Erbin. Haltung, Benehmen, Gang, alles an ihm zeugte überdies von diesem Glauben an sich selbst, der aus einem gewohnheitsmäßigen erjoig in allen Unternehmungen erwächst. So besah Herr Grandet, obwoy ein umgängliches und sanftes Wesen zur Schau trug, einen ehernen Charakter. Immer war er auf die gleiche Weife gekleidet, er Heb 1 > heute so sehen, wie er seit 1791 ging.
(Fortsetzung folgt.)
gut aufs Regieren, noch bester aufs Traubenlesen. Unter dem Kaiserreich 1 so sagten die Superklugen: wurde er wieder schlechthin Herr Grandet. Napoleon liebte die Repubtt- muß fünf bis sechs Million taner nicht, er ersetzte Herrn Grandet, der im Ruf stand, die rote Mutze getragen zu haben, durch einen großen ®utsbe(jöer, einen Herrn v o n, einen künftigen Baron des Kaiserreiches. Herr Grandet verUetz die Ehren der städtischen Aemter ohne das geringste Bedauern Er hatte tm Interesse der Stadt ausgezeichnete Fahrstraßen bauen lassen, die zu seinen Besitzungen führten. Auf seinem Haus und seinen Gutem, die sehr vorteilhaft tataftriert waren, lagen nur mäßige Steuern. Seit der Einteilung seiner verschiedenen Weingärten waren seine Reben, dank besonderer sorgfältiger Pflege, die Krone des Landes geworden, em technischer Ausdruck, mit dem man die Lagen zu bezeichnen pflegt, die die Weine erster Qualität hervorbringen. Er hätte das Kreuz der Ehrenlegion beanspruchen können. ,
Dies Ereignis fand statt im Jahre 1806. Herr Grandet zahlte damals siebenundfünfzig Jahre, seine Frau etwa sechsunddreißig. Ihre Tochter, die einzige Frucht ihrer ehelichen Zärtlichkeiten, stand im Alter von zehn Jahren. Herr Grandet, den die Vorsehung ohne Zweifel darüber trösten wollte, daß er im Amt in Ungnade gefallen, beerbte tm ßauf dieses Jahres nacheinander Frau von Gaudinisre, geborene de la Bertelliere, die Mutter von Frau Grandet, dann den alten Herrn de la Bertelliere, den Vater der Verstorbenen, und dann noch Frau Gentillet, die Großmutter mütterlicherseits: drei Erbschaften, über deren Gröhe niemand Bescheid mußte. Diese drei Alten waren von solchem Geiz besessen gewesen, dah sie seit langem ihr Geld aufhäuften, um es heimlich betrachten zu können. Dar alte Herr de la Bertelliere nannte eine Kapitalsanlage eine Verschwendung und vermeinte größere Zinsen aus dem Anblick des Geldes zu ziehen, als aus den Erträgnissen des Wuchers. Die Stadt Saumur beurteilte das Vermögen nur nach den Einkünften aus den sichtbaren Gütern. Daraufhin erhielt Herr Grandet einen neuen Adelstitel, den unsre Gleichmachesucht niemals austilgen wird, er wurde der Höchstbesteuerte des Kreises. Er bebaute hundert Ar Weinland, die ihm in reichen Jahren sieben- bis achthundert Qhmfasfer Wein einbrachten. Er besaß dreizehn Vorwerke, eine alte Abtei, bei der er aus Geiz die Kreuzgänge, Spitzbogen und Fenster zugemauert hatte, was sie konservierte, und hundertsiebenundzwanzig Ar Wiesenland, auf dem ihm dreitausend im Jahr 1793 gepflanzte Pappeln wuchsen und gediehen Schließlich gehörte ihm das Haus, in dem er wohnte. So stellte sich sein stcht- bares Vermögen dar. Was sein Kapital betraf, so konnten dessen Umfang nur zwei Personen ungefähr schätzen; die eine war Herr Cruchot, der Notar, der Herrn Gandets Geldanlagen auf Wucherzinsen zu machen hatte, die andere war Herr des Grasstns, der reichste Bankier von Saumur, an dessen Geschäften sich der Winzer nach seinem Gutdünken heimlich beteiligte. Zwar besahen der alte Cruchot und Herr des Grasstns diese strenge Diskretion, auf die sich in der Provinz Vertrauen und Vermögen gründet, aber sie bezeugten öffentlich Herrn Grandet eine so große Hochachtung, daß, wer es beobachtete, den Umfang des Kapitals des alten Bürgermeisters am Grad der ehrerbietigen Rücksicht messen konnte, mit her er behandelt wurde. Es gab niemanden in Saumur, der nicht überzeugt mar, daß Herr Gründet einen geheimen Schatz, ein Versteck voll von Goldstücken besah und sich nächtlicherweile dem unaussprechlichen Vergnügen hingab, das der Anblick einer großen Masse Goldes gewahrt. Die Geizhälse hatten hierfür beinahe eine Gewißheit, wenn sie in die Augen des Mannes sahen, aus die das gelbe Metall abgefärbt zu haben schien. Der Blick eines Menschen, der gewöhnt ist, ungeheure Zinsen aus seinem Kapital zu ziehen, nimmt notwendigerweise wie der des Wollüstlings, des Spielers und des Höflings gewisse unbefinierbare Eigentümlichkeiten an, verstohlene, lüsterne, geheimnisvolle Bewegungen, die seinen Wesensverwandten nicht entgehen. Diese Geheimsprache stiftet eine Art Freimaurerbund der Leidenschaften. Herr Grandet flößte also die ehrerbietige Hochachtung ein, auf die ein Mann Anspruch hat, der nie jemandem etwas schuldig war, der als alter Böttcher, alter Winzer mit der Genauigkeit eines Astronomen im voraus berechnen konnte, warum er für feine Ernte tausend Qhmfässer anzusertigen hatte oder nur fünfhundert; dem nicht eine einzige Spekulation fehlschlug, der immer Fässer zu verkaufen hatte, wenn das Faß mehr wert war als die Ware, die herein sollte, der seine Weinernte in feine Keller lagern und den Moment abwarten konnte, wo er fein Qhmfaß für zweihundert Franken losschlug, während die kleinen Weingärtner ihres für fünf Louis hergeben muhten. Seine berühmte Ernte von 1811, die, weife eingebracht, langsam verkauft wurde, hatte ihm mehr als zweihundertvierzigtausend Franken eingetragen. In Geldgeschäften hielt Herr Grandet es mit dem Tiger und der Boa constrictor: er verstand es, sich hinzukauern, zu ducken, seine Beute lange ins Auge zu fassen, drauslos zu springen; dann öffnete er den Rachen feiner Börse, verschlang in ihr eine Ladung Taler und lehnte sich ruhig nieder, wie die Schlange, die verdaut, ungerührt, kalt, methodisch. Niemand sah chn vorübergehen, ohne ein gemischtes Gefühl von Ehrfurcht und Schrecken zu verspüren. War nicht jeder in Saumur von seinen stählernen Klauen höflich zerfleischt worden? Dem da hatte der Notar Cruchot bas zum Kauf einer Domäne nötige Geld verschafft, aber zu elf Prozent; diesem hatte Herr des Grasstns Wechsel eskomptiert, aber erschreckliche Zinsen vorweggenommen.
Es verging kaum ein Tag, ohne dah auf dem Markt oder abends bei den Unterhaltungen in der Stadt der Name des Herrn Grandet fiel. Für manche Leute war das Vermögen des alten Winzers Gegenstand patriotischen Stolzes. Mehr als ein Kaufmann, mehr als ein Gastwirt sagte daher zu den Fremden mit einer gewissen Befriedigung:
„Wir haben hier zwei oder drei Millionäre, aber Herr Gründet, der weiß selbst nicht, wie groß sein Vermögen ist."
Im Jahre 1816 taxierten die geschicktesten Rechner von Saumur den Landbesitz des Alten aus ungefähr vier Millionen, aber da er durchschnittlich, von 1793 an bis 1817, hunderttausend Franken jährliche Einkünfte aus feinen Gütern gehabt haben muhte, besaß er wahrscheinlich eine Summe in Geld, die saft ebenso groh war wie der Wert seiner Liegenschaften. Wenn man daher nach einer Partie Boston ober einer Unterhaltung über die Weinernte auf Herrn Grandet zu sprechen kam.
Wenn ein Pariser von Rothschild ober von Hern ßafitte sprach, so fragten ihn die Leute von Saumur, ob die ebenso reich wie Herr Grandet seien Und wenn der Pariser lächelnd eine spöttische Bejahung fallen lieh, sahen sie sich an und schüttelten mit einer ungläubigen Bewegung den Kops. Ein so großes Vermögen deckte mit einem goldenen Mantel alle Taten dieses Mannes zu. Wenn anfänglich einige Besonderheiten seines Lebens Anlaß zur Lächerlichkeit und zum Gespött gegeben hatten, so wurden Lächerlichkeit und Gespött bald verbraucht. In seinen geringsten Handlungen genoß Herr Grandet unfehlbare Autorität. Seme Worte, seine Kleidung, seine Gesten, sein Augenzwinkern wurden zur Richtschnur in diesem Drt, wo jeder, wenn er ihn studiert hatte, wie der Naturforscher die Wirkungen des Instinkts bei den Tieren studiert, die tiefe und stumme Weisheit feiner geringsten Bewegungen erkennen


