Ausgabe 
13.9.1937
 
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GießenerZamilienbMer

________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 193Z Montag, den 13. September Nummer

Eugenle brandet

ROMAN

von Honore de Balzac

Man findet in manchen Städten der Provinz Häuser, deren Anblick E Melancholie einflößt, wie sie die düstersten Klöster Hervorrufen, .ie durstigsten Steppen oder die trostlosesten Ruinen. Vielleicht hat iian in diesen Hausern zu gleicher Zeit das Schweigen des Klosters ice Dürftigkeit der Steppen und das Totengebein der Ruinen: das , leben und Treiben verläuft in ihnen so ruhig, daß ein Fremder sie fir unbewohnt halten könnte, wenn er nicht plötzlich dem fahlen und ilten Blick einer unbeweglichen Gestalt begegnete, deren halb mönchi- shes Gesicht über die Fensterbrüstung hinausragt beim Klange eines «bekannten Schrittes. Diese Grundzüge von Melancholie prägen sich m Charakter eines Gebäudes aus, das in Saumur am Ende der kraigen Straße liegt, die durch die obere Stadt zum Schloß fuhrt, liefe Straße, die jetzt wenig belebt, heiß im Sommer, kalt im Winter, md an einigen Stellen dunkel, ist bemerkenswert wegen des Hellen Langes ihres Pflasterstreifens aus Kieselsteinen, der stets sauber und bocken ist, wegen der Enge ihres gewundenen Laufes, wegen der Fried- lchkeit ihrer Häuser, die zur alten Stadt gehören und von den Wällen lierragt werden. Häuser, drei Jahrhunderte alt, sind da noch gut er« Wen, obwohl aus Holz gebaut, und ihr verschiedenartiges Aussehen bögt zu der Originalität bei, durch die dieser Teil von Saumur die Aufmerksamkeit des Altertumskenners und Künstlers erregt. Man wird stwerlich an diesen Häusern vorübergehen, ohne die riesigen Bohlen p bewundern, deren Enden zu bizarren Köpfen geschnitzt sind, und die , den meisten das Erdgeschoß mit einem schwarzen Basrelief krönen, her heben sich guerstehende Balken, mit Schiefern gedeckt, als blaue enien von den morschen Wänden eines Hauses ab, das durch ein im M der Jahre zusammengefallenes Giebeldach abgeschlossen ist, dessen verfaulte Schindeln durch die wechselnde Wirkung von Regen und kiane gelockert wurden. Dort zeigen sich abgenutzte, geschwärzte vmsterbänke, deren feine Schnitzereien kaum sichtbar sind, und die zu Mach scheinen für die braune Tonscherbe, in der die Nelken und »sen einer armen Arbeiterin sprießen. An einer andern Stelle sehen »r mit riesigen Nägeln beschlagene Tore, auf die der Geist unserer erfahren heimatliche Hieroglyphen geschrieben hat, deren Sinn nie« Mls wieder auffindbar sein wird. Hier hat ein Protestant feinen Sauben bekundet, dort ein Liguist Heinrich IV. verflucht. Irgendein oirger hat dort die Abzeichen seines Amtsadels eingegraben, den Mm seines vergessenen Schöffentums. Die ganze Geschichte Frank« teichs findet sich hier. Neben dem schwankenden Haus aus Fachwerk, t'i» der Hobel des Handwerkers schuf, erhebt sich das Herrenhaus eines EMmanns, und auf dem Rundbogen feines steinernen Tors find noch i( Spuren feines Wappens sichtbar, das zertrümmert wurde durch it verschiedenen Revolutionen, die seit 1789 das Land durchwühlten. ® dieser Straße sind die Erdgeschosse, die dem Handel dienen, weder timläben noch Geschäfte, die Freunde des Mittelalters würden da w Werkstätten unserer Väter in ihrer ganzen niven Einfachheit wie- difinden. Diese niedrigen Räume, die weder Schaufenster noch Aus­sen noch Glasscheiben haben, sind tief, dunkel und schmucklos außen Üi innen. Ihre Tür ist in zwei grob beschlagenen gleichen Teilen ge= niet, von denen der obere nach innen geht und der untere, der mit *'ll?r Klingel an einer Feder versehen ist, beständig auf« und zuklappt. Iii'i und Licht bringen in diese Art feuchter Höhle entweder durch die flwe Türöffnung oder durch den Raum, der sich zwischen der ge= ®°bten Zimmerdecke und der kleinen Mauer in der Höhe einer Fenster- "vk befindet, in welche sich starke Läden einfügen, die morgens weg- yrornmen, abends wieder eingesetzt und mit eisernen Bolzen befestigt ^':ben. Diese Mauer dient dazu, die Waren des Kaufmanns auf ihr "Julegen. Da gibt's kein marktschreierisches Anlocken. Je nach der der Handlung bestehen die Vorräte in zwei oder drei Kübeln voll M!z ober Kabeljau, in einigen Ballen Leinwand für Kleider, in Seiler- *®en, in Messinggeräten, die an den Balken der Zimmerdecke auf« k'h'ngt sind, in Faßreifen längs den Wänden, ober in einigen Stücken TO auf Regalen. Du trittst ein. Ein propres Mäbel, blühend in "Mndfrische, mit weißem Brusttuch, roten Armen, verläßt ihr Strick- ruft ihren Vater ober ihre Mutter, die kommt und verkauft dir w-Smatifd), liebenswürdig, unfreundlich, ganz nach ihrer Art, was du Wichst, Ware für zwei Sous oder für zwanzigtausend Franken. Du ""ist einen Händler mit Böttcherholz vor seiner Tür fitzen sehen, rote q ich daumendrehend mit einem Nachbar unterhält und augenscheinlich

5'chEs besitzt, als gewöhnliche Bretter für Floschenständer und zwei oder drei Bündel Weinlatten; aber sein gefüllter Holzplatz am Hafen versorgt sämtliche Küfer von Anjou; er weiß auf ein Brett genau, wieviel Fässer er herausholt, wenn die Ernte gut ist; ein Sonnenstrahl macht ihn reich ein Regenfall ruiniert ihn; an einem einzigen Vormittag sind die Ohm- fasser elf Franken wert ober sie fallen auf sechs. In biesem Lanbe be­herrschen, wie m ber Touraine, die Wechselfälle der Atmosphäre das komwerzlelle Leben. Winzer, Weinbergbesitzer, Holzhändler, Küfer, Gastwirte, Flußschiffer, alle lauern sie auf Sonnenschein; sie zittern, wenn sie sich abends schlafen legen, daß sie am nächsten Morgen be- m n' rhat gefroren; sie fürchten Regen, Wind, Trockenheit und wollen Nasse, Hitze, Wolken, ganz nach Wunsch. Es besteht ein ftän« diger Kamps zwischen dem Himmel und den irdischen Interessenten. Das Barometer macht abwechselnd die Mienen traurig, hell, strahlend, -oon einem zum andern Ende dieser Straße, der uralten Grand' Rue von Saumur gehen die Worte:Dies Wetter ist Goldes wert" wie eine Losung von Tür zu Tür. Und jeder antwortet dem Nachbarn: , Es regnet Goldstücke!", denn er weiß, wieviel ein Sonnenstrahl, ein gün­stiger Regen ihm einbringt. Am Samstag kannst du von mittags an in der schonen Jahreszeit nicht für einen Sou Ware bei diesen braven Handelsleuten erstehen. Jeder hat seinen Weinberg, seine kleine Meierei und geht zwei Tage aufs Land. Nachdem da alles berechnet ist: ber Einkauf, Verkauf, Profit, stellt sich heraus, daß unsre Kaufleute noch zehn Stunden von zwölfen mit fröhlichen Unterhaltungen zubrinqen können, mit Geschwätz, Geklatsch, beständigem Sich-auskundschasten Da kauft eine Hausfrau kein Rebhuhn, ohne daß die Nachbarn den Ehe- mann fragen, ob's auch schön zart war. Ein junges Mädchen steckt nicht den Kopf zum Fenster heraus, ohne daß sie von all den müßigen Gruppen beobachtet wird. Da liegt also Sinnen und Trachten vor aller Welt offen, ebenso wie auch diese unzugänglichen schwarzen und schweig­samen Häuser keinerlei Geheimnisse bergen. Das Leben spielt sich fast immer unter freiem Himmel ab: jede Familie sitzt vor ihrer Tür frühstückt da, ißt zu Mittag, zankt sich da. Kein Mensch geht über die Straße, der nicht genau beobachtet wird. So wurde früher der Fremde der in einer Prooinzstadt ankam, von Tür zu Tur durchgehechelt Da­her die guten Anekdoten, daher der Beiname derSpottvogel" für die Bewohner von Angers, die Besonderes in diesen städtischen Spöttereien leisteten.

Die altertümlichen, stattlichen Gebäude ber alten Stabt liegen im obern Teil dieser Straße, wo ehemals die Adligen des Landes wohnten. Das melancholische Haus, in dem die Ereignisse dieser Geschichte sich abgespielt haben, war solch ein Bauwerk, solch ein verehrungswürdiger Rest eines Zeitalters, in dem die Dinge und Menschen noch den Stempel der Schlichtheit trugen, den die französischen Sitten von Tag zu Tag mehr verlieren. Wenn du den Windungen dieses pittoresken Weges ge­folgt bist, dessen geringste Einzelheiten (Erinnerungen aufwecken, und dessen Gefamteindruck schließlich in eine gewisse monotone Träumerei versenkt, so bemerkst du eine ziemlich düster aussehende zurückspringenbe Hausfront, in beren Mitte bie Tür von Herrn Granbets Haus versteckt liegt. Welches Schwergewicht diese Worte für bie kleine Stadt haben, ist unmöglich zu verstehen, ohne daß wir die Biographie des Herrn ©raubet geben. Herr Öranbet genoß in Saumur einen Ruf, besten Ursachen unb Wirkungen nicht voll roürbigen kann, wer wenig ober gar nicht in ber Provinz gelebt hat. Herr Granbet, ber noch von einigen Leuten Meister Granbet genannt würbe aber bie Zahl biefer Alten nahm merklich ob war um 1789 ein sehr wohlhabenber Böttchermeister, ber lesen, schreiben unb rechnen konnte. Als die fran­zösische Republik die Kirchengüter im Kreis von Saumur verkaufen ließ, hatte der Böttcher, der damals vierzig Jahre alt war, sich gerade mit der Tochter eines reichen Holzhönblers verheiratet. Bewaffnet mit feinem flüssigen Vermögen unb ber Mitgift, bewaffnet mit zweitausenb Louisbor ging Granbet zum Kreisamt unb, unterstützt von zweihunbert Doppellouis, bie [ein Schwiegervater dem wilden Republikaner anbot, der den Verkauf ber staatlichen Domänen überwachte, erftanb er für ein Butterbrot auf legale, wenn auch nicht gerabe auf legitime Weife bie schönsten Weinberge ber ganzen Gegend, eine alte Abtei unb einige Vor­werke. Da die Einwohner von Saumur wenig revolutionär waren, kam Granbet in ben Rus eines kühnen Mannes, eines Republikaners, eines Patrioten, eines Kopfes, ber auf die neuen Ideen aus war, während ber Küfer ganz einfach auf die Weinberge aus war. Er wurde zum Mitglied ber Verwaltung des Bezirks von Saumur ernannt unb fein befchwichtigenber Einfluß machte sich politisch unb kommerziell bemerk­bar. Politisch protegierte er die Adligen und verhinderte mit aller Macht den Verkauf der Güter ber (Emigranten. Als fjanbelsmann belieferte er bie republikanische Armee mit ein ober zweitausenb Stückfässern Weiß­wein unb lieh sich mit vorzüglichem Wiesenlanb bezahlen, bas zu einem Frauenkloster gehörte, welches man noch als letzten Raub aufgespart hatte. Unter dem Konsulat wurde Granbet Bürgermeister, verstaub sich