Ausgabe 
13.8.1937
 
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Mach keinen Uniinn, Morren!" erwiderte Stanley und blickte ernst, wie wenn er nicht jo recht an einen schlechten Witz glaube.Heute an meinem Geburtstag?" fügte er teile unmutig hinzu.

Morren zuckte mit den Schultern und reichte dem Flieger die Morse- nawricht. Stanley las: An Aviator Telegraph Creek. Mine nördlich Moun- tarn Mc Kinley Jukon-River 150 Länge erbittet dringend Flugzeug sür Schwerverletzten nach White Horse da Lebensgefahr. SOS empfing Bell in Edmonton, Schoolstreet 18.

Stanley überlegte. Klare Sache. Ein Funkamateur hatte den Hilferuf aufgefangen und hierher gegeben, wo er ein Flugzeug wußte. Heller Junge! Aber ... Mein Gott! Das Goldgräbergebiet lag am Jukonfluß in Alaska. Suchend überflog sein Blick die große Wandkarte von Kanada. Das Felsen­gebirge der Rocky Mountains zog gleich einem steinernen Rückgrat hinauf zum Insel-Schweif der Meuten. Eine lange Strecke, mit Rückflug an einem Tag nicht zu bewältigen. Da wurde nichts aus der Geburtstagsfeier heute Abend. Sein Blick hielt am Jukonfluß und dem 150. Längengrad. Irgendwo dort mußte die Mine liegen.

Allright!" sagte Stanley zu Morren.Feiert denn ohne mich! Die Fla­schen stehen bereit! Will euch das Vergnügen nicht stören!" Und er schlüpfte in seinen Fliegeranzug.Nun hab ich doch meinen fünfhundertsten Flug, Morren. Die Serie füllt sich. Werde die Sache schnell abmachen!" Und schon eilte der Flieger hinaus, vom Ruf seines Freundes:Gute Fahrt!" begleitet, der ihm nachblickte und daran dachte, wie oft schon Stanley Ret- tungsslüge ausgesührt hatte.

Stanley, der zur Bucht gegangen war, wo sein Flugzeug wasserte, schaffte eine schmale Bahre und alles Nötige in die Kabine und nach kaum zehn Minuten flog er ab.

Stanley folgte eine Zeitlang dem User, die Fläche des Meeres unter sich in der klaren Tiefe. Er flog rasch. Bald überschnitt er im Aufwind die Küste und flog landein über Grasland und Steppe, dem Felsengebirge entgegen. Er schraubte seine Maschine empor. Ueber den höheren Gebirgs­lagen stand Regen. Merkwürdig stahlblau verdunkelte sich mit einemmal im Norden der Himmel der Anblick bereitete dem erfahrenen Flieger Un­behagen. Da war Sturm auf dem Anmarsch.

Aus den Schluchten des Gebirges rollten die Nebelschwaden, gleichsam von einem ungeheuren Besen herausgefegt, der die Grate blank peitschte. Der Propeller heulte und mahlte die Luft wie flüssiges Erz. Das Nord­gebiet jagte ihm seine schweren Wetter entgegen, zornige Gewalten, die das Flugzeug wie eine Mücke auf- und niedertanzen ließen. Manchmal fackte es lotrecht wie eine tote Last weg, hinunter in die Luftlöcher, die über den verhüllten Gipfeln klafften, und der Sturmregen schlug über der Maschine wie eine Woge zusammen. Mühselig arbeitete sich Stanley über die Rockies, mit voller Motorenkraft immer wieder steil auswärts steigend, damit er nicht an den Kämmen und Zinnen zerschellte. Die Wirbel aber sogen und drückten das Flugzeug stets von neuem gegen die Felsen. Es war eine furchtbare Fahrt, die Nerven und Kraft bis zum Zerreißen beanspruchte. Wie eine harte Wand stand die donnernde Lust im Weltraum. Und der Sturm wurde zum Orkan. Jeder Augenblick konnte dem Flieger zum Verhängnis werden ...

Während Stanley über den indianischen Bergen mit dem entsetzlichen Orkan kämpfte, war in der Station der Funkruf eines zweiten Amateurs aufgefangen worden Stanleys Braut Helen hatte ihn aus Frisco gesandt. Es war die gleiche Meldung, wie die aus Edmonton. Helen, die mit Stanley eine Funkverbindung unterhielt, hatte die Station angepeilt. Morren funkte zurück:Stanley bereits unterwegs, Gruß Morren!"

Noch war das letzte Wort nicht im Aether, da meldete der Morseschreiber die Wetterlage:Orkanartiger Sturm nordöstlich. Gewitter und schwere Regensälle." Morren gab die Meldung nach Süden hinunter. Durch das Fenster in den bewölkten Himmel spähend, dachte er besorgt an den Flieger. Gegen neun Uhr abends rief wieder der Mann in Edmonton.Kamp Jukon erbittet neuerdings Flughilfe, sonst Rettung unmöglich. Stanley noch nicht eingetrossen."

Was?!" rief Morren,Stanley noch nicht gelandet?" Er hatte jedoch keine Zeit, die Nachricht zu bedenken, denn abermals meldete sich Helen, die ausgerechnet heute ausgezeichneten Funkempsang haben mußte. Sie wiederholte den SOS-Ruf aus Klondyke und erkundigte sich nach Stanleys Position. Der Funker vom Lager hatte sie anscheinend beunruhigt. Was ant­worten? Morren verwünschte alle Bastler und Amateure.Position un­bekannt", antwortete er,Flugzeug ohne Sendeanlage. Kein Grund zur Beunruhigung! ..." und fügte hinzu:Anflug durch Wetterlage etwas verzögert."

Der Rus int Norden hatte nicht nur den Mann in Edmonton und Helen in Aufregung versetzt, das ganze Land war nervös gemacht. Beständig liefen nun durch Funk, Fernsprecher und Morseticker Anfragen ein:Wo ist Stanley? ... Position? ... Wo ist der Rettungsslieger? ... Wann auf­gestiegen? ... Wo ist Stanley?"

Zum Kuckuck! Was kümmerten sich die Leute um Stanley, einen der besten Flieger in den Staaten?!

Wissen möchte übrigens auch ich, wo er steckt!" sagte er zum zweiten Telegraphisten.Ob ihm etwas zugestoßen sein mag?" Der andere schüttelte den Kopf. Schwierige Rettttngsflüge seien Stanleys Spezialität. Der schasse es! Er habe sich erzählen lassen, wie Stanley einmal vor Jahren ein Goldgräberlagcr, das säst zwölf Monate lang durch Eis von der Außenwelt abgeschlossen war, mit Nahrungsmitteln versorgt habe. Acht Zentner Essen hatte ihm die Rettungsstelle ausgeladen. Der Mechaniker, der mit war, habe es ihm erzählt. Bor Abslug wurde die Kabinentür ausgehoben. Kluge Voraussicht! Als sie hinkamen, fanden sie keine Landungsstelle. Alles ver­eist. Da legte sich Stanley flach aus den Boden, band die Füße am Sitz fest, und den Oberkörper zur offenen Luke hinaushängend, schmiß er seine Säcke ins Lager. In einem Luftloch rutschte die Maschine in die Tiefe, und Stanley flog in die Kabinendecke. Hätte er sich nicht festgeriemt gehabt,

wäre er kopsheister hinuntergegangen. Zum guten Ende, zwanzig Meter Über dem Kamp zwischen Felswänden, pfefferte er ihnen noch den Postsack an die Köpfe, damit sie in ihrer Einsamkeit etwas zu lesen hatten. So ar­beitete Stanley. Nur keine Angst um ihn ...!

Als Helens erster Anruf in der Station eintraf, lag Stanley hoch Über den Rockies, in deren Kesseln die Luftwirbel kochten und brausten, Über deren Grate der Orkan hinschliss, die Wälder zusammendreschend. Wie lange würde die Maschine dem Rasen noch standhalten?! Er mußte schleunigst eine Notlandung versuchen. Da der Nebel fortgeblasen war, konnte der Flieger mit dem Glas die Felsenzunge Überspähen und ehe noch der Abend die Klüfte schwärzte, entdeckte er in einem Quertal einen kleinen Hochsee, der ihm zu einer Landung geeignet schien. Nach Aufwendung all seiner Steuerkünste gelang es ihm, knapp vor Nacht niederzugehen und zu wassern. Die Einsamkeit umheulte ihn, die Sturmnacht orgelte ihre wilden Gesänge aber er schlief aus seinem Steuersitz.

Am Morgen war der Orkan über die Rockies südwärts fortgerollt, und Stanley konnte weiterfliegen. Am Mittag erreichte er die 150. Länge, das Goldgräbergebiet, die Nordabhänge des Mc Kinley, Alaskas höchsten Berg, und da, endlich! am Rand eines schmalen, doch langgestreckten Stausees, gewahrte er eine graue Rauchsäule. Und nun stürzten auch Männer aus einem Felseneinschnitt ein paar ruhige Handgriffe: glücklich landete er.

Lebt er noch?" war seine erste Frage.Noch!" antworteten ihm die vielen rauhen Männerstimmen.

Eine Sprengung hatte dem Goldgräber Frazer Gesicht und Oberkörper verbrannt.

Stanley erschrak. Der Mann sah schrecklich aus. Nur durch die schnelle Uebersührung in ein Krankenhaus würde ihm noch Hilse werden. White Horse, die nächste Klinik, lag über 500 Kilometer entfernt. Unmöglich wäre es gewesen, ihn etwa dorthin zu tragen über das Gebirge, über Flüsse und durch Urwälder. Selbst ein guter Läufer hätte Wochen bis zum Ziel ge­braucht. Einzig dem Flieger würde es gelingen, den Verunglückten noch rechtzeitig einzuliefern.

Während Stanley hastig eine Mahlzeit zu sich nahm und dann die Ma­schine überprüfte und versorgte, trugen die Goldgräber ihren verletzten Kameraden zur Kabine. Jede Bewegung verursachte dem Kranken neue entsetzliche Schmerzen. Stanley bettete ihn, so gut er es fertig brachte, und riemte ihn vorsichtig auf der schmalen Bahre fest. Dann warf er den Motor an und fort! dem White Horse-Paß entgegen.

Das Gewölk hing tief herab und schleifte über die Waldungen. Spät­sommer und Herbstbeginn kämpften miteinander; die nördlichen Winde pfiffen und johlten durch die Pässe und Schluchten, die Nachhut des india­nischen Sommers schlagend, der mit Blitz und Donner antwortete. Kaum hing Stanley eine halbe Stunde unter dem Himmel, als abermals ein gewaltiges Unwetter rings um ihn losbrach. Die Schlacht der Wolken und Winde tobte von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, und die Blitze fielen garben­weise in die Tiefe. Sanft steigend, um ja nicht den Kranken zu erschüttern, schob sich Stanley behutsam höher und höher. Er wollte das Gewitter über­klettern. Würde es glücken? ...

Vor seinem Start hatte er einen Mann zu dem Pelzjäger geschickt, mit der Bitte, nach Süden Ankunft und Abfahrt seines Flugzeuges zu melden. Aber vergeblich wartete man dort unten aus den Stationen aus ein Zeichen. Was, um Himmels willen, war r/it Stanley geschehen? Die Nacht war vergangen, ein halber neuer Tag... Alle Stunden rief Helen bei Morren an, ohne etwas Neues erfahren zu können. Der Telegraphist hatte sich mit White Horse in Verbindung gesetzt, doch war, wie er hören mußte, Stanley nicht auf dem Landungsbecken des Flugplatzes eingetroffen. Keine einzige Stelle in ganz Nordwest-Kanada konnte über seinen Verbleib Auskunft geben. Die kleine Station im Goldgräbergebiet wurde mehrfach angestrahlt, antwortete aber nicht. Als Stanley auch bei Anbruch der Nacht nicht in White Horse angekommen war, eine zweite Nacht anbrach, wuchs erst recht die Unruhe des Landes. Noch zahlreichere Sender als bei Tage und gestern ließen ihre Wellen spielen und die Fragen nach dem Postflieger wollten kein Ende nehmen.

Stanley konnte dieses Wellenspiel nicht ahnen. Zwar mühte er sich auf seiner Strecke nach White Horse die Gewitterwand zu überfliegen, doch war nicht abzusehen, wie hoch sie hinaufwuchs in die eisengraue Nacht ihrer eige­nen Finsternis. Er mußte sich zu einer abermaligen Notlandung entschließen, so bedenklich dies ihm auch bei dem Zustand des Verunglückten erschien. Aber es war ebenso gefährlich, in diesem wahnsinnigen Gewitter zu fliegen. Während die Blitze die Tragflächen umfunkelten, und von der Erde her, wie von einem trüben Spiegel ihr Wiederichein herauszuckte, ging er nieder und brauste mitten in einen See des wasserreichen Gebirgslandes hinein, den in Urzeiten die Gletscher ausgehobelt hatten.

Frazer lag in einem schmerzhaften Dämmerzustand. Stanley flößte ihm kalten Tee ein und erneuerte nach Möglichkeit die Verbände. Flieger, Arzt, Pfleger und Krankenwächter war er nun in einem. Hebet den Bergen knatterten die Blitze und beleuchteten gespenstisch wilde Zinnen und Zacken, und der Donner rollte. Zischend, wie ein Hagel von Schrot, drosch der Regen auf das Verdeck nieder und in den See. Um fünf früh weckte ihn aus seinem Schlummer auf dem Führersitz der heisere Schrei eines Raubvogels, der über den See hinslog. Vorbei das Wetter. Aus den Felsenstufen und den Wäldern schimmerte graugoldenes Morgenlicht. Da schwang sich das Flug­zeug dem Bogel gleich über den See und aufwärts in die Lüfte. Mit Höchst­geschwindigkeit zog es nach White Horse und landete glatt. Der Goldgräber wurde sogleich in die Klinik gefahren.

Stanley in White Horse wohlbehalten eingetroffen!" meldete die Sta­tion nach Telegraph Creek.Glückwunsch dem Barmherzigkeitsslieger!" wurde zurückgedrahtet.

Und der Kranke?" erkundigte sich Stanley.

Es war die allerhöchste Zeit!" lautete die Antwort aus dem Hospital. Der Patient wird durchkommen l"

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei V. Lange, Gießen.