Einsiedler.
Von Joseph von Eichendorsf.
Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, die Lüfte alle schlafen, ein Schiffer nur noch, wandermüd', singt übers Meer sein Abendlied zu Gottes Lob im Hasen.
Die Jahre wie die Wolken gehn und lassen mich hier einsam stehn, die Welt hat mich vergessen; da tratst du wunderbar zu mir, wenn ich beim Waldesrauschen hier gedankenvoll gesessen.
O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd' gemacht, das weite Meer schon dunkelt.
Laß ausruhn mich von Lust und Not, bis daß das ew'ge Morgenrot den stillen Wald durchfunkelt.
Neun kleine Glücksgötter.
Bon Marianne Weidenbach.
Als Peter eine Woche aus China zurück war, traf er Renate zufällig auf der Straße, und im gleichen Augenblick siel ihm ein, daß er seiner Jugendfreundin nicht das Geringste mitgebracht hatte. Da er Renate nicht gut sagen konnte, daß er während der drei Jahre, die er fern der Heimat gewesen war, kaum an sie gedacht hatte, log er das Blaue vom Himmel und fragte sie, ob er sie am nächsten Tag besuchen dürfe. „Ich will dir eine Kleinigkeit geben, die ich dir aus China mitgebracht habe. Vielleicht macht sie dir Freude."
Und dann kaufte Peter in einem Geschäft, das chinesische und japanische Kunstgegenstände führte, einen Armreifen aus Jade und ein nettes, kleines Spielzeug, das ihm aus den ersten Blick gefiel: einen Ring aus Elfenbein, an dem an bunten Schnüren winzige chinesische Schnitzereien baumelten, Tiere mit Menschengeftchtern, Würfel, Häuschen, Truhen, kleine Pagoden, ein rotes Herz — alles kaum größer als eine Haselnuß. Peter hoffte, daß Renate Spaß daran haben würde.
Und Renate freute sich über das Armband aus Jade, über die winzigen Glücksgötter — und am meisten über Peter. Er hatte sich so gar nicht in diesen drei Jahren verändert, in denen sie aus einem dummen, verliebten Mädel zu einer jungen, eleganten und hübschen Dame geworden war, die sich allerdings gestehen mußte, daß sie noch immer in Peter verliebt war. Ausgerechnet Peter muh mir so gefallen, dachte fie, Peter, der mir in all den Jahren nie gefchrieben hat, der nie ein zärtliches Wort zu mir sagt und gewiß schon viele Frauen geliebt hat.
„Du mußt wissen", erklärte Peter mit gespielt ernster und feierlicher Miene, während Renate die Glücksgötter in ihrer Hand betrachtete, „diese Miniaturgötter sind Talismane. Wenn du einen von ihnen einem Mann schenkst, wird dir fein Herz gehören. Er wird nur noch an dich denken und dich nie verlaffen." . , ., r , , .
Renate lachte. „Und von diesen Göttern schenkst du nur gleich so titele? Ja, glaubst du denn, ich bin ein weiblicher Casanova?"
Peter strich ihr kameradschaftlich über das Haar. „Nein, das nicht. Aber du bist noch jung und bis du mal heiratest — werden die Liebesgötter wohl alle verschenkt fein. Man bleibt nur selten bei seiner ersten Liebe."
Renate nickte ernst.
Ein paar Tage später traf Peter seinen Vetter Heinz und war sehr überrascht, als diesem ein grünbemalter Glücksgott aus der Brieftasche fiel. Heinz bemerkte Peters Blick. „Das hat mir eine junge Dame geschenkt , sagte er verlegen. „Nur — ich weiß nicht, was ich eigentlich damit anfangen soll." Peter gab ihm seufzend recht. „Ja, armer Kerl, was foll man nut folchem Kleinkram machen? Mir wäre es lieber, von einer Dame em f-bönes Zigarettenetui oder ein gutes Buch bekommen zu haben. ,
Peter war wirklich nicht eifersüchtig, Gott bewahre, aber em Mann wie Heinz war bestimmt nichts für Renate, obwohl er ihm nichts Schlechtes nachfagen konnte — höchstens seine Wankelmütigkeit, denn nach wenigen Minuten hatte Peter seinen Vetter davon überzeugt, daß eine Dame, ine ihm derartige Geschenke mache, wahrhaftig nicht zu ihm paffe.
Beruhigt ging Peter nach dieser Unterhaltung ms Cafe, wo er sich mit feinem Freund Herbert verabredet hatte. Peter wußte, daß Herbert Renate kannte. Trotzdem war er erstaunt und zugleich ärgerlich, als er sah, daß Herbert zwifchen feinen Fingern einen von den Glücksgottern drehte, yutn Teufel! Herbert war bestimmt ein netter Junge, aber für Renate durchaus
g„Was hast du denn da?", fragte Peter nach einer Weile verwirrt
Herbert grinste. „Hat nur eine junge Dame verehrt, mem Lieber. Ist ein kleiner Liebesgott aus China. Reizend, mcht wahr?' Und er reichte
Peter die Figur hinüber.
Peter verzog feine Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „®te ®ame hat sich wohl über dich lustig machen wollen? So'n Spielzeug gibt man Babys, aber keinem erwachsenen Mann. Außerdem bekommst du diese Rarität für ein paar Grofchen hier zu kaufen." . ,
Herbert war sichtlich erfchüttert. „Wie man sich nut irren tannl Aber
du hast recht: ich bin kein Mann, mit dem man sich einen derartigen Scherz erlauben darf."
„Natürlich nicht", meinte Peter ironisch.
Peter wußte ganz genau, daß er Renate verleumdete. Aber — er sand es reichlich geschmacklos von ihr, mit seinen Freunden zu flirten.
In den nächsten Tagen erlebte Peter, daß Renate mit einer geradezu hellseherischen Fähigkeit auch diejenigen Männer mit Glücksgöttern auszeichnete, die er erst kennenlernte. In einer Gesellschaft traf er einen ihm noch unbekannten jungen Rechtsanwalt, der im Verlauf des Gesprächs plötzlich einen der Talismane hervorzog. Höflich um Auskunft bittend wandte et sich an Peter: „Sie waren doch jetzt jahrelang in China. Ich habe diesen kleinen Gott vor kurzem geschenkt bekommen — können Sie mir sagen, ob er echt ist?"
Peter schaute prüfend das Figürchen an, so, als hätte er es noch nie gesehen. Nach kurzem Zögern sagte er mit geheimnisvoller Miene: „Diesen Göttern haften meist übersinnliche Kräfte an. Ich habe mich selbst in China damit befaßt ... Soll ich Ihnen die Spenderin des Talismans beschreiben?"
„Woher wissen Sie, daß es eine Dame ist?" Neugierig und gespannt sah die Gesellschaft auf Peter. Der legte die Hand vor die Augen und begann zögernd: „Ich sehe — eine noch junge Dame — stimmt es? — fie ist etwa zwanzig Jahre alt — wohnt an einem Fluß — ich sehe sie jetzt ganz deutlich — sie ist klein, schlank, aber kräftig — das Haar fast schwarz — die Augen dunkelblau — stimmt es?"
Der Rechtsanwalt nickte ergriffen. Peter sprach schnell weiter: „Sie haben Interesse an der Dame — ein sehr großes Interesse sogar — aber die Dame macht sich nur über sie lustig."
Der andere fuhr auf. „Nein, da irren Sie sich. Bisher hat alles gestimmt, aber jetzt versagen Ihre Künste."
Peter markierte angestrengteste Konzentration. „Die Dame macht sich gar nichts aus Ihnen", sagte er unbeirrbar. „Ich sehe es vollkommen klar: sie spielt und flirtet in diefem Augenblick mit einem anderen Mann, fie ..."
„Halt, das kann nicht stimmen", unterbrach ihn der Rechtsanwalt energisch. „Die Dame ist meine Braut."
Arn nächsten Tag ging Peter zu Renate und beglückwünschte fie zu ihrer Verlobung.
Renate spielte scheinbar verlegen mit dem Jadearmband. „Ich bin nicht verlobt — du irrst dich."
Peter war erstaunt. „Ich habe doch gestern deinen Verlobten kennengelernt. Ein netter, kluger Mensch."
Renate ging ein paar Schritte zum Fenster hin. „Er ist mein Verlobter gewesen. Er scheint ein wenig mystisch zu sein, der junge Mann, und hat sich nach einer Unterhaltung mit einem blöden Hellseher entschlossen, mich nicht zu heiraten. Er hat mir das erst heute morgen gesagt." Sie zögerte und meinte dann sehr plötzlich: „Deine kleinen Glücksgötter sind aber nicht viel wert, Peter. Man könnte eher glauben, sie bewirken das Gegenteil von Liebe."
„Hast du noch viele?", fragte er gelassen. Es war ja nicht einfach, Renate vor den falschen Männern zu bewahren. Und auf einmal kam es ihm so vor, als sei jeder Mann, der sich Renate nähere, sein Feind.
Renate lächelte. „Ich habe nur noch einen. Aber — das mit der Liebe stimmt ja doch nicht."
O Gott! Renate hatte also acht Stück verschenkt. Das verteufelte Mädchen hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als acht Gefahren heraufzubeschwören, von denen ihm bisher nur drei bekannt waren. Miteins fühlte et, daß er Angst um Renate hatte, Angst, daß sie ihm entgleiten und ein anderer sie für sich gewinnen könnte. Leise, aber eindringlich sagte et: „Die Götter bringen nur Liebe, wenn fie in Liebe gegeben werden, Renate!"
Gleich darauf fühlte er in feiner Hand ein winziges Etwas und auf seinen Lippen einen warmen, weichen Mund ...
Nie erfuhr Peter, mit welcher Planmäßigkeit Renate die acht Glücksgötter verteilt hatte.
Oer poftflieger von Kanada.
Von Friedrich Schnack.
Postflieger Stanley war in Telegraph Creek stationiert, einem kleinen (Ort in dem kanadischen Territorium Britisch-Kolumbien an der Küste. Er steuerte ein Wasserflugzeug und hatte die Strecke über die Kaskadenberge und die Höhen der Coast Range in Richtung südwärts zu befliegen, die an der Zielstation aus den Staaten zusammenrinnende Post in Empfang zu nehmen und nach Norden zu befördern. Im Winter war es kein leichter Dienst, durch Sturm, Eis und Schnee — in der wärmeren Jahreszeit mochte es angehen, wenn auch Stürme und Gewitter über die Berge fegten. Man war im August. Stanley war um Mittag vom Postflug zurückgekehrt. Für sich selber hatte er diesmal Briefe von daheim mit, aus St. Franzisko, wo seine Eltern lebten und Helen, seine Braut. Auch zwei Kistchen waren für ihn dabei, Gebuttstagsangebinde — er war heute fünfunddreißig geworden.
Nun faß er in feiner Stube, las die Nachrichten und packte aus. Helen hatte ihm Zigaretten, Konferven, Wein und Whisky geschickt, die Mutter bedachte ihn mit Kleinigkeiten, toarmem Zeug für den nahenden Herbst. Gute Sachen, die konnte man gebrauchen. Nun, Helens Flaschen würden nicht lange aufgespart werden: mit feinem Kameraden von der Station wollte er heute Abend feiern. Man wird ja nur einmal fünfunddreißig und gar in dem langweiligen Nest Telegraph Creek. Beinahe, fiel ihm ein, hätte er zu dem einen einen zweiten Gedenktag gehabt: im Dienst der Gesellschaft war er heute von feinem vierhundertneunundneunzigsten Flug zurückgekommen, einer fehlte am vollen Halbtaufend.
Soeben hatte er Helens Brief zum drittenmal gelesen, da pochte es heftig an der Tür und hereinpolterte Morren, der erste Telegraphist der Station. Morren schwang einen langen Papierstreifen feines Tickers.
„Du mußt fofort starten!" tief er.


