silbernen Lorbeerkranz, den er in der Hand gehalten hatte, aufs Haar drückte, als die Menge in ein tosendes Geschrei ausbrach, da wußte ich, daß es niemand anders sein konnte als Maria Agostina, das Heldenmädchen von Zaragossa. Die ganze Stadt sprach von ihr, die Leute riefen einander ihren Namen zu, begeisterten sich an ihrer Tat, sie war zu einer Verkörperung der wundertätigen Jungfrau selbst geworden. Am Portillotor hatte sie geholfen, der Bedeckung einer Batterie Kugeln zugetragen. Furchtbares Feuer der Franzosen hatte die Kämpfer niedergemäht, der Bräutigam des Mädchens selbst lag zerrissen zwischen den Rädern des Geschützes, das keinen Mann mehr zu seiner Bedienung hatte. Da hatte Maria Agostma die Lunte ergriffen und, auf dem Leichenhaufen der Gefallenen stehend, den Vierundzwanzigpfünder abgebrannt, bis Ersatz kam.
Ich versuchte, mir Gestalt und Gesicht des Mädchens einzuprägen, als Miguel mit einemmal aufschrie und seine Finger eisern in meinen Arm schlug. „Da! Da!" keuchte er. .
Seine Hand deutete auf die Nonnen, die unten m der ersten Reche kme- ten. Und im gleichen Augenblick hob eine von ihnen, als hätte He einen Anruf gehört, den niedergebeugten Kopf und schaute zu uns empor. ,
Es war Martina, die da zu uns aufschaute, und deren Blick den meinen traf.
Ihre Augen wurden groß und starr, ihr Mund öffnete sich, sie schwankte und sank leicht gegen die Schulter einer ihrer Nachbarinnen.
und das Klatschen der Geißeln auf dem bloßen Oberkörper galten der wundertätigen Jungfrau. ...
Von Zeit zu Zeit erhoben die Glöckchenbündel unter irgendeinem goldübersäten Traghimmel ein schrilles Gebimmel. Dann fielen alle die Menschen auf die Knie und zwischen den Kerzen und Blumen in den Fenstern bekreuzigten sich die Zuschauer.
Auf der weiten Plaza del Pilar waren die Truppen aufgestellt, die heute beim Dienst auf den Mauern und Verteidigungswerken entbehrlich wären. Zerlumpt und dreckig wie sie waren, konnte man mit ihnen wahrhaftig keinen Staat machen, aber gewiß nahm ihnen die Jungfrau den Mangel an soldatischem Glanz nicht übel, sondern sah nur auf ihre mutigen und dankerfüllten Herzen und freute sich ihres Ausharrens in der glühenden Sonne.
Es war schwer, sich durch die überfüllten Straßen seinen Weg zu bahnen, man mußte Geduld mit List und gelegentlicher rücksichtsloser Gewalt vereinen, um vorwärts zu kommen. Ganz arg aber wurde es nahe dem Eingang in die Kirche, und ich mußte mich oft schützend vor Miguel schieben, der mit seinem verwundeten Bein sich in dieses Gedränge gar nicht hätte wagen dürfen. Eine Zeitlang staken wir völlig sestgekeilt in der Menge, unweit der Familie Goicoechea, die, zu einem Klumpen zusammengeballt, gleich uns nicht weiter konnte. Ich winkte einen kurzen Gruß hinüber, aber sie wandten die Köpfe weg — nein, diese braven Leute wollten von mir nichts wissen.
„Sind wir einmal drin", sagte ich, „dann ist uns auch schon geholfen, bann weiß ich weiter."
Wir mußten etwa eine Viertelstunde lang Zug und Druck der Masse aushalten, dann gelang es mit, einen kleinen Wirbel, der plötzlich entstanden war, auszunützen und uns mit anderen durch den Eingang hineinpressen zu lassen.
Die Kathedrale der heiligen Jungfrau aus der Säule besteht eigentlich aus zwei aneinandergebauten Kirchen, und das Volk drängte sich dem Mittelpunkt der zweiten, kleineren Kirche zu, die das eigentliche Heiligtum umschließt. Wir konnten uns in der Westkirche rascher hindurchwinden bis zu dem Retablo unten, wo die Heiligen Braulio und Jakobus stehen, die armen Verstümmelten, denen int Laufe der Zeit von den Gläubigen die Hände bis auf formlose Stümpfe abgeküßt worden find.
Im Innern der Kirche kannte ich aus der Zeit meiner Arbeit in ihr leben Fußbreit Boden, jeden Winkel, jeden Schnörkel, jeden Quaderstein.
Neben bet Bildsäule des heiligen Jakobus wat eine schmale eiserne Tür in der Wand. „Hier hinein!" sagte ich und nahm Miguels Hand. Et folgte mir mühsam und ein wenig stöhnend eine steile dunkle Treppe empor, durch dichte samtige Spinngewebe, die wir mit unseren Gesichtern zerrissen und die uns an Augen und Mund kleben blieben. Durch kahle Kammern und über andere Treppen gelangten wir auf den Dachboden über der Westkirche. Allerhand frommes Gerümpel war hier verstaut und versank in Staub, lieber das Balkenwerk des Dachstuhles turnend, kamen wir zu einet zweiten Tüt und durch Gänge und wüste Räume zu einer dritten Tüt.
Als wir sie öffneten, traten wir nach einer Wanderung durch Schatten, Dämmerung und Stille in Licht, Farbe und Lärm hinaus. Hier waten wir auf der Galerie unter der großen Kuppel, die Antonio Velasguez vor kurzem mit der Verklärung der Jungfrau inmitten der Engelscharen recht mäßig ausgemalt hat.
Nun hatten wir die Kirche unter uns, wir sahen auf die Kapelle hinab, die nach Art des heiligen Hauses von Loretto gebildet ist und das Gnadenbild der Jungfrau auf der Säule umschließt. Die Sonne spielte über den edlen Marmor bet Wänbe unb der durchbrochenen Kuppel hin, daß er wie flüssige Seide glitzerte, und ließ den vergoldeten Bronzezietat ausglänzen.
Dann hob ich den Kopf, um die Fresken des Antonio Velasguez über uns zu betrachten. Ach, was für eine saftlos-langweilige Malerei wat das doch, wie ganz anders hätte diese Kuppel aussehen können, wenn man die Arbeit mir übertragen hätte. Unwillkürlich suchte ich meine eigene Malerei in einer der kleineren Kuppeln, die um die Hauptkuppel lagen. Da stand die Jungfrau, als Königin der Märtyrer, umringt von Heiligen, Propheten, Blutzeugen und Engeln. Da waten auch die christlichen Tugenden des Glaubens, der Barmherzigkeit, der Tapferkeit und der Geduld — wahrhaftig genau die Tugenden, deren Spanien jetzt mehr als je bedurfte.
Gewiß hatte ich noch Befseres gemacht als bie’e Fresken, aber wie himmelhoch erhoben fie sich über das öde Gepinsel meines guten Schwagers Bayeu in den Nachbarkuppeln. Meine Faust ballte sich, wenn ich des Aetgers gedachte, den er mir damals bereitet hatte, bet stechen Ausstellungen bieses besserwissenden Farbenteibers, bet endlosen Streitigkeiten, bie den Grund zu unserer nie endenden Feindschaft gelegt hatten.
Ja — dieser Mensch hatte es gewagt, meine Arbeit zu verwerfen und die Kirchenverwaltuiig gegen mich aufzuwiegeln; und noch heute hielt er sich Wohl für den größeren Meister.
Mochte ihn doch endlich der Teufel holen!
Plötzlich war es, als überziehe die Fresken Bayeus ein Schatten. Während die ganze Kirche im hellen Sonnenlicht lag unb alle Farben, soweit es nur in ihrer Macht stand, aufjubelten, schien aus dem Untergrund von Bayeus Malereien ein grauet Brodern aufzusteigen. Wie Rauch quoll es aus dem Mauerwerk, verbreitete fich über seine Gestalten, legte sich übet den ganzen gemalten Himmel, hüllte alles in dunkle Schwaden ein. Stumpf und düstet vetschwammen die Fresken von Bayeus Hand unter einer schwärzlichen Wolkenschicht, deren Ursprung mit unerklärlich wat.
„Miguel", sagte ich beklommen und stieß den Freund an, „siehst du das? Siehst du das?"
Fuentes gab mit keine Antwort. Weit über die Brüstung der Galerie tiorgebeugt, spähte er in die Kirche hinab, als suche er jemand in der dichtgedrängten Menge.
Man hatte um die Kapelle einen schmalen Raum freigehalten, und so konnten wir sehen, daß auf den Stufen des Heiligtums eine feierliche Handlung vor sich ging.
Vor einer langen Reihe von Nonnen, die bet Kapelle zunächst betend hingesunken waren, kniete ein Mädchen in bürgerlicher Tracht, ein schlankes Mädchen mit ernsten, unhübschen Zügen. Palafox, der Kommandant Zaragofsas stand vor ihr und sprach über ihren Kopf hinweg zu der Menge.
Was er sagte, konnte ich nicht verstehen, aber als er dem Mädchen den
Als wir die Kirche verlassen hatten und in bet verströmenden Menge dahingingen, wat Miguel schweigsam vnd nachdenklich.
Bot der Lonja der Börse, wo es um uns etwas stillet zu werden begann, blieb er stehen. „Du sollst mir helfen, Francesco", sagte er, „nun rufe ich deine Freundschaft an!"
Ich wat bedrückt unb zerrissen. Dem ersten inneren Jubel übet bas Wiebetfinben war Grauen über das Verhängnis gefolgt, in das meine Liebe geraten schien. ,
„Ach, mein Freund", sagte ich traurig, „diesmal wird dir meine Freundschaft nicht helfen können."
Miguel brauste auf: „Zweifelst du noch? Hast du nicht selbst gesehen, wie es sie ergriffen hat, als sie mich erblickte? Ich habe mir alles überdacht. Zunächst ist es am besten, wenn ich sie lasse, wo sie ist. Das Kloster bietet wohl noch am meisten Sicherheit. Aber ich muß wohl schon jetzt versuchen, mit ihr in Verbindung zu treten und ihr Nachricht zu geben. Ich könnte sagen, baß sich mein Bein verschlimmert hat und daß ich wieder Pflege brauche. Oder du wirst mein Bote fein, Francesco. Wenn dann der Feind mit Hilfe der Jungfrau abgeschlagen ist, bann ist bie Stunde auch für die Befreiung meines Engels gekommen."
Da ich nur schweigend den Kopf schüttelte, riß mich Miguel am Arm herum und fuhr mich an: „Was hast du, Francesco? Was soll ich von dir denken? Ist dir Feigheit in die Knochen gekrochen? Wagst du, was du für dich selbst getan hat, nicht für den Freund? Einmal hast du schon eine Nonne entführt ..."
„Es ist nicht das, mein Freund", sagte ich. „Du würdest, wenn du diese Frau aus dem Kloster entführst, kein heiliges Band zerreißen und kernen Frevel begehen, wie ich damals begangen habe. Die Frau, die du liebst, ist keine Nonne."
Miguel lehnte sich gegen eine der Säulen der Lonja, bie das Dachgesims trugen. Der Schaft der Säule war reich mit figürlichem Schmuck umwunden, der in Windungen anftieg und Blumen, Früchte, Menschen« und Tiergestalten ineinanderflocht. Neben Miguels Kopf schaute ein kleines, abscheuliches Ungeheuer hervor, es sah aus, als ob es ihm auf der Schulter hockte. ,
Er klopfte ungeduldig mit seinem Stock das Pflaster. „Keine Nonne? Wieso keine Nonne? Was ist sie bann?" , .
„Sie ist eine verheiratete Frau, eine Witwe, Miguel! Man hat sie in das Kloster gebracht, man hat sie in die Ordenstracht gesteckt, um sie mit aus dem Weg zu räumen. Es ist... Miguel...es ist meine Martina!
Es war mir unsagbar schwer geworden, Miguels Hoffnungen fo grausam zu zerstören. Aber es mußte sein, ich durfte keinen Augenblick zögern, ihm die Wahrheit zu offenbaren. Ihn seiner Leidenschaft zu überlassen, wäre Verrat an ihm gewesen, es war meine Pflicht, ihn sogleich davon zu überzeugen, daß er sich überwinden unb verzichten mußte. Ich erwartete von dieser Enthüllung bie Wirkung eines bitteren Gegengiftes, lebensgefährlich an sich, aber heilsam gegen ein anderes noch gefährlicheres Gift, das den Körper durchrast, bie Wirkung eines schmerzhaften Messerschnittes, der em wucherndes Gewächs entfernt. Und es hatte zunächst den Anschein, als ob diese Wirkung eingetreten wäre. Miguel, eben noch frisch und hingerissen von einer wunderbaren Kraft, die keine Hemmung und keine Schwierigkeiten kennt, verfiel vor meinen Augen, wurde grau und alt wie Mattino in seinem Lehnstuhl.
„Deine Martina, Francesco?", stöhnte er, „ach, wenn es so ist ... wenn es so ist ... warum habt ihr mich damals nicht sterben lassen? Warum habt ihr mich dem Galgen entrissen?" .
Mein Mitleid mit dem armen Freund war grenzenlos. Vielleicht hätte Siebold gegen diese Qual ein Mittel gewußt, er besaß die Macht, auch seelische Schmerzen zu betäuben und den Menschen in eine rettende Stumpsheitzu entrücken. Aber Siebold war fern, und ich konnte nichts anders tun, als Miguel leiden lassen.
Aber da sah ich, wie sein Körper sich straffte, Blut schoß in seine Wangen und rötete sie zu Fieberglut. Er knurrte mir dumpf ins Gesicht. „Deine Martina, Francesco? Und warum deine Martina? Was soll das heißen: deine Martina? Hast du ein Leben lang auf sie gewartet? Hast du nicht ein jedes Weib genommen, das dir in den Weg kam? Dir ist deine Mattina eine von vielen. Mir aber ist sie die Eine, die Einzige! Um ihretwillen, weil sie mir bestimmt war, weil sie von Gott in meine Zukunft gestellt war, habe ich aus alle Frauen verzichtet. Jetzt, an der Schwelle des Alters ist s>e da. Unb ba kommst du und sagst: meine Martina? Du hast sie ihrem Mann genommen, nun, Francesco, ich nehme He dir, und du wirst es nicht hindern können."
(Sortierung folgt.)


