GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957 Sreitag, den <3. August Nummer 62
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
17. Fortsetzung.
Es ist ein Wunder zu nennen, daß wir uns behaupten konnten. Die Zahl der Verteidiger war aus den dritten Teil zusammengeschmolzen, das Schloß jämmerlich zerschossen, Lebensmittel und Pulver am Ende, als die Franzosen endlich von uns abließen. Sie hatten alles daran gesetzt, das Werk zu nehmen, und sie hätten vielleicht in zwei oder drei Tagen ihr Ziel erreicht. Nun glaubten wir sie von unserer Zähigkeit überwunden, sie räumten unsere rückwärtige Verbindungen und gaben uns den Weg in die Stadt frei.
Wir ahnten nicht, daß der Feind schlau genug war, den würgenden Gürtel der Belagerung nur darum zu lockern, um Nachrichten zu uns zu lassen, die den Mut der Kämpfer erschüttern mußten.
Diesmal lief ich ungesäumt in das Kloster Santa Engracia. Ich wollte vor allem Miguel sehen. Aber der eisgraue Invalide, der unten int Psörtuer- zimmer die Listen führte, sagte mir, daß der Graf Fuentes gestern fort- geschickt worden sei. War er geheilt? Nun, völlig geheilt war er gerade nicht, wenn alle Verwundeten so lang bleiben sollten, bis sie völlig geheilt waren, so hätte man für den Nachschub keinen Platz schassen können. Sie lagen ohnehin einer am andern, wie Heringe in der Tonne, der Krieg lieferte rascher ein als man wieder an ihn abliefern konnte.
Ich hatte mit dem letzten Boten, der aus dem Schloß in die Stadt gelangen konnte, einen Brief an Miguel geschickt, der ihm sagte, wo ich mich befand, und daß er mir Nachricht in Goicoecheas Haus senden solle.
Als ich dort ankam, fand ich die beste Nachricht vor, die ich mir hätte ersinnen können. Das ganze Haus war ausgestorben, ich trat in das Wohnzimmer, neben dem Lehnstuhl, in dem der zermürbte Körper Martinos lag, saß Miguel.
Ich hatte wenig in diesen vierzehn vergangenen Tagen denken können, mein Gefühl war wie verschüttet gewesen, aber nun brach alles in mir auf und schoß in einem leuchtenden Strahl von Freude und Glück empor.
„Nein, nein", lachte Miguel, als wir uns einigermaßen beruhigt hatten, „es ist gar nichts Besonderes gewesen. Eine Fleischwunde, großer Blutoerlust, sonst nichts. Keine Eiterung, kein Brand, glatt geheilt. Da schau !>er ...“ Er erhob sich und hinkte mit steifem linken Bein an einem Stock zweimal durchs Zimmer.
Dann blieb er vor mir stehen. Ich hatte nie einen solchen Blick an ihm gesehen, so glänzend, klar, von unbändigem Leben erfüllt. Miguel war mager geworden, aber straff, innerlich gespannt, ein anderer, verjüngter Mensch.
„Wir haben von dir gesprochen, Francesco"', sagte Miguel.
Ich erriet, daß er Martino den Kopf zurechtgesetzt hatte. Der Kranke, der angesichts der gegen mich aufgebrachten Verwandtschaft nicht gewagt hatte, sich zu der alten Freundschaft zu bekennen, reichte mir mit einer Spur von Lächeln die blutlose Hand: „Die Weiber..." murmelte er entschuldigend, „du weißt ja, Francesco ... die Weiber .. "
Ja, da waren wir drei von damals, drei Häupter der ruchlosen Bande, t>a hatten wir uns in der alten Freundschaft zusammengefunden. Uebermut hatte mich ersaßt, der Freund stand halbwegs heil vor mir, der andere war mir zurückgewonnen. „Sie haben dich etwas breitgeschlagen, armer Martino", sagte ich, „du hättest ihnen nicht die Zügel überlassen sollen. Der Mann wird in der Hand der Frauen immer zum Hampelmann. Sie werfen ihn in die Luft und sangen ihn wieder auf, mit zappelnden Gliedern steigt er empor und verrenkt sie ganz nach ihrem Gefallen. Oder fte rupfen ihn wie einen Vogel und lassen ihn mit blutig geschundener Haut laufen, sie kehren seine jämmerlichen Reste auf den Mist."
Miguels Augen strahlten mich an. „Sprichst du so von den Frauen, ssrancesco? Hast du nie die unsagbaren Entzückungen erlebt, die sie spenden !önnen, die Reinigung des ganzen Menschen, die von ihnen ausgeht? Weißt du, was der Pole war, der mich in das Bein geschossen hat? Em Werkzeug Gottes. Es war ein Schicksalsschuß, der mich getroffen hat. Durch ihn bin ich zu der Frau geführt worden, die ich mein ganzes Leben lang umsonst gesucht habe. Ich bin unvermählt geblieben. Nun weiß ich es warum. Weil ich sie erst jetzt finden sollte, hier in Zaragossa." .
Die erregte Beglücktheit, mit der Miguel sprach, teilte sich auch nur Mit. Ich erfaßte seine Hand und drückte sie fest, alle meine guten Wunsche hörnten mit dem Blut in meine Finger, als wollten sie in den Körper deines Freundes einbringen. .
„Es ist ein Engel gewesen, der mich im Kloster Santa Engracia gepflegt
hat. Seine Bewegungen, sein Blick und seine Hände ... oh, seine Hände, das ist alles Gottes edelstes Schöpfungswerk. Ihre Stimme kenne ich noch nicht. Es ist den Schwestern verboten gewesen, mit uns zu sprechen, und auch uns war Schweigen auserlegt. Es ist der Orden der Karthänserinnen, bet bas Lazarett bebient."
Eisige Kälte rann mir über ben Nacken: „Eine Nonne..." schrie ich auf. „Miguel, eine Nonne?"
„Ja, eine Nonne. Was weiter? Welches Gebot vermag etwas gegen bie Liebe, eine solche Liebe wie bie, bie mir geschenkt worben ist. In einem solchen Feuer verbrennt jebe göttliche unb menschliche Satzung. Hat bich irgenbein Bebenken zurückgehalten, als bu dir deine Blandina aus Klostermauern geholt hast? Hast du nicht selbst noch vor kurzem gesagt, daß du dich von aller Schuld sreisprichst?
Seine Leidenschaft war eine Raserei, die ihn der Besinnung beraubte. Er, der sonst immer zart vermieden hatte, irgendwie an jene dunkle Geschichte zu rühren, bie mein Leben belastete, griff fie nun schonungslos aus, um sich burch mein Beispiel zu rechtfertigen. Er breitete bie Arme aus, wie ein verzückter Heiliger, ber bas verklärte Bilb ber Gottesmutter erblickt, aber in seinen Zügen war bie roilbe Gier ber Sinne, bie alle Schranken nieber- wirft. Ich sah ein, bah es nutzlos war, ihn zur Vernunft zu mahnen.
„Ja, die Weiber... die Weiber", kicherte Martino, der offenbar gar nicht erfaßt hatte, was uns so erregte. „Du hast recht, Francesco, man soll ihnen nicht die Zügel überladen.“
„Du bist alt geworden, Francesco", sagte Miguel, „aber ich bin jung ... ich bin so jung wie bu bamals warst."
„Unb sie?" fragte ich. „Siebt sie bich?"
„Wir haben noch kein Wort gewechselt. Die Schwestern sinb immer zu zweit gekommen. Aber wie könnte es anbers sein, als baß sie mich liebt. Sie muß mich lieben. Ein Mensch allein kann nicht so entbrennen, ihr Herz muß bem meinen antworten. Die Zeit... bie Zeit, Francesco! Unser Schicksal Zeit. Nicht umsonst habe ich so lange gewartet, nun erfüllt sich mein Schicksal, weil bie Zeit ba ist. Es ist auch ihr Schicksal, Francesco."
In bie,em Augenblick begann ein mächtiges Glockenläuten von bem untiollenbeten Turm ber nahen Kirche Nuestra Sennora bei Pilar unb zugleich kam frommer Gesang von ber Straße herauf.
„Hörst bu bie Glocken bet Jungfrau", rief Miguel, „alle ziehen heute hin, um ihr zu banken unb um Sieg zu bitten. Komm, Francesco, auch wir wollen ihr banken, baß fie mir ihren Engel geschickt hat."
Er zog mich mit sich fort, unb kaum waren wir auf ber Straße angelangt, so würben wir von bem Strom ber Gläubigen erfaßt unb langsam gegen bie Kirche ber Jungfrau auf ber Säule geschoben.
Sie war einst bem Apostel Jakobus auf feinem Weg nach Santiago be Compostella erschienen, unb so wie sie sich ihm gezeigt hatte, stanb sie nun in ber Kapelle auf filberbeschlagener Säule, Zaragozas hochverehrtes Heiligtum unb Gnabenbilb. Vor Beginn bes Kampfes hatte sie Tränen vergossen, aber bann hatte sich Frieben über ihr Antlitz gebreitet, unb nun lächelte sie toieber wie früher. #
Unb eines Morgens war ein lahmer Krüppel schreiend, aus ber Kapelle gestürzt. Er war zu ber Säule gekrochen, um sie bett, wo sie bet frommen Inbrunst ber Beter zum Kuß freigegeben toar, mit seinen Lippen zu berühren. Da hatte er gehört, ganz beutlich gehört, wie bie Jungfrau geflüstert hatte: „Meine Stabt Zaragofsa wirb gerettet werben." Ein Wunber! Ein Wunbet! Es hatte bem lahmen Krüppel ben Gebrauch feiner ©lieber toiebergegeben. Et war schreiend, in bie Kirche gelaufen und hatte die Geistlichen und die Beter von den Altären und von den Beichtstühlen zufammen- gerufen. Und fie alle hatten gesehen, daß die Jungstau auf der Säule die Lippen bewegte, und fie alle hatten sie flüstern gehört: „Meine Stadt Zaragoffa wird gerettet werden."
Und noch immer wiederholte sie, wenn die Not anstieg und die Herzen in der Bedrängnis ermatten wollten, von Zeit zu Zeit das Wunder der tröstlichen und ermutigenden Verheißung.
Nun wat der letzte große Gesamtangrifs ber Franzosen abgeschlagen worben, bie Jungfrau hatte ihre Hilfe glorreich bewährt, die ganze Stadt wollte ihr Dankbarkeit und Anbetung zu Füßen hinfließen lassen.
Von allen Seiten kamen die Züge heran, Kinder unb Erwachsene, bie Geistlichkeit ber vielen Kirchen Zaragozas, bie Mönche unb bie Nonnen aus ben Klöstern, bie Bürgerschaft mit ben Stabthäuptern, Zünfte unb fromme Brüberschaften, sie tarnen mit Fahnen unb Kreuzen unb buntgemalten Heiligengestalten, bie aus ben Schultern ber Träger schwankten. Würdige Bäuche und magere Eiferer schoben sich durch blaugtaues Weihtauchgewölk, das aus Räuchetfässern vor ihnen hergualmte. Behaarte Stimmen der Männer und ganz nackte, rosige Kindetstimmen schlangen sich in Gebeten unb Litaneien burcheinanber, die Kirchensänger hielten die Notenblätter vors Gesicht unb sangen taktfest im Schreiten, inbes bie Bauernfrauen, baumelnbe Rofenkränze an ben Fingern, bem Organisten ihres Dorfes fein frommes Lieb langgezogen unb fo falsch als möglich nachplärrten. Auch Geißler waren roieber ba, etwa zwanzig Männer, ihre gellenben Rufe


