Tä f;d> zu sinaen.
Von M a k t h l a s Claudius.
Ich danke Gott und freue mich Wie's Kind zur Weihnachtsgabe, Daß ich bin’ Und daß ich dich. Schön menschlich Antlitz, l)abe;
Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen. Und abends unterm Sternenheer Und lieben Monde gehen.
Auch bet’ ich Gott von Herzen an, Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde.
Denn Ehr' und Reichtum treibt und bläht, Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht. Die weiland wacker waren.
Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen:
Gesundheit, Schlaf und guten Mut Kann's aber doch nicht machen.
Und die find doch, bei Ja und Nein, Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastein
Des vielen Geldes wegen.
Gott gebe mir nur jeden Tag, So viel ich darf zum Leben.
Er gibt's dem Sperling auf dem Dach — Wie sollt' er's mir nicht geben!
Das traurige Mannsbild.
Eine Novelle von Alfons v. Czibulka.
Maria Theresia arbeitete an diesem Tage lang. Jetzt stand sie am Fenster, sah auf die Silberwolke der Gloriette hinaus und wartete, daß der Kammerdiener die Lichter brächte. Als die Türe ging und sie sich umblickte, war sie erstaunt, statt des Dieners den Kabinettssekretär von Koch zu sehen, der mit einem brennenden Leuchter kam Die Kaiserin fragte lächelnd: „Was gibt’s, mein lieber Koch? Ohne Grund ist Er doch nicht selbst mit den Lichtern gekommen". Sie hatte sich wieder an den Schreibtisch gesetzt „Nun? .. So red' Er doch schon!"
Der kleine schmächtige Sekretär senkte verlegen den Kopf. Das Reden fiel ihm nicht leicht. Leise, fast ängstlich sagte er: „Ich komme im Auftrage Seiner Majestät des Kaisers. Als ich ihm nämlich die Sache meldete, meinte er: „Sag Er das der Kaiserin nur lieber selber!" „Welche Sache hat Er dem Kaiser gemeldet?"
Herr von Koch betupfte sich die Stirn mit seinem Spitzentuch und stotterte: „Der junge Gras Esterhazy ..."
„Was ist mit ihm? Ist er krank, gestorben ober hat er was aus» gefressen?" Selbst Herr von Koch in seiner Bedrängnis muhte jetzt lachen. „Er nicht, Ihro Majestät, — die Frau Gräfin ..."
Maria Theresia wandte den Kopf: „Die schöne Khevenhüller? Was hat sie denn angestellt? War sie wieder einmal zu hantig? Hat sie dem Esterhazy was an den Kops geworfen?" Der Kabinettssekretär schluckte: „Nein, Ihro Majestät." Er legte die Fingerspitzen an die Lippen und flüsterte: „Echappiert ist sie ihm."
„Echappiert? Mit wem?" Die Kaiserin wurde ernst
„Mit dem Grasen Schulenburg vermutlich." Herr von Koch stand begossen da, als wäre er es selber gewesen. Maria Theresia fuhr auf: „Mit dem Schulenburg?!" Ihr schönes Gesicht wurde rot vor Zorn.
Das hatte Herr von Koch ja gefürchtet Darum war ihm ja das Reden so schwer gefallen. Ganz Wien wußte doch, daß Maria Theresia den jungen Esterhazy, ihren einstigen Spielgefährten, zu dieser Ehe mit der schönen Khevenhüller förmlich gezwungen hatte. Wiewohl der sanfte Esterhazy gar nicht wollte und alle Welt dagegen war. Schön war sie ja, die Khevenhüller. Mit dem bräunlichen Teint unter der schneeweißen Perücke und den funkelnden, samtschwarzen Augen. Aber schon als Mädel hatte sie das Zeug zu einer Xanthippe in sich und ihre Dienerschaft kuranzte sie ärger als ein Panduren Wachtmeister seine Rekruten. Doch weil alles widersprach, hatte es sich die Kaiserin erst recht in den Kops gesetzt, aus dem Esterhazy und der Khevenhüller ein Paar zu machen. Und nun hatte sie die Bescherung! Das machte sie so zornig. Mit einer Kopfbewegung entließ sie den Sekretär.
Herr von Koch retirierte, mit tiefen Bücklingen rückwärts schreitend, zur Tür hinaus. In der Haut des Schulenburg hätte er jetzt nicht stecken wollen. Denn daß der Herr Gras just in diese Ehe eingebrochen war, mußte die Kaiserin als Assront gegen ihre Person empfinden. Sie empfand es auch so. Aergerlich schob sie die Papiere auf ihrem Schreibtisch Zur Seite und ging zum Kaiser hinüber, um mit ihm über die Affäre zu reden. Ihre Laune wurde davon nicht besser. Der Kaiser spielte gerade mit seinen Kavalieren Pharao. Mit gutmütiger Schadenfreude blinzelte er hinter dem Leuchter hervor, als Maria Theresia schon an der Türe rief: „Was jagt man zu der Jnsolenee von diesem Schulenburg?" Oer Kaiser legte die Karten verdeckt vor sich hin, schneuzte umständlich eine Kerze und meinte vergnügt: „Wenn man bedenkt, daß der arme Quirin dadurch fein Hauskreuz los wird, bann kann man
eigentlich nichts Gescheiterer tun, afs morgen zur Gratulationseour bei ihm vorzufahren "
An diesem Abend soupierte der Kaiser allein.
Doch auch am nächsten Tage war die Laune Maria Theresias nicht besser. Sie verschlechterte sich noch, als Kaiser Franz ihr vor Tisch erzählte, es wären am Vormittage wirklich zwei Dutzend Kavaliere in Galakarossen, mit Läufern voraus, beim Quirin Esterhazy vorgefahren. Sonst lachte die Kaiserin über solche Späße der Jugend. Diesmal ging sie wortlos in ihr Arbeitszimmer. Dann ließ sie den Vizekanzler von Bartenstein holen. Während sie roartete, schrieb sie auf einen Zettel, wie gegen die Khevenhüller und den Schulenburg zu verfahren sei. Der Schulenburg sei wegen Entführung für fünf Jahre in strenge Haft auf den Spielberg zu schaffen. Die Gräfin habe sich unverzüglich nach Wien zu begeben.
Ehe noch der Vizekanzler erschien, betrat der Kaiser das Zimmer. Er wollte essen und fand es überflüssig, wegen dieser Geschichte Hunger zu leiden. Sie reichte ihm die Notiz. Er las, wiegte den Kopf und sagte: „Fünf Jahre für eine amouröse Affäre sind ein bißchen viel. Der Trenck mit feinen Panduren durfte erst das halbe Bayern in Brand stecken, ehe man sich ihm gegenüber zur Strafe des Spielbergs entschloß."
„Der König in Berlin hat wegen einer solchen amourösen Affäre den andern Trenck sogar in Ketten gelegt."
„Der hatte es doch wenigstens mit einer königlichen Prinzessin." Der Kaiser lachte. Er nahm die Sache nicht ernst. Um so erstaunter war er, als Maria Theresia ihm einige Tage später berichtete, sie habe bk Strafe verdoppelt. Weil der Esterhazy ganz verzweifelt gewesen sei, als er von den süns Jahren erfahren habe. Wahrscheinlich sei ihm das zu wenig und eine Genugtuung müsse man ihm natürlich geben.
Inzwischen hatte die Kaiserin auch gehört, daß die Khevenhüller und der Schulenburg nach der Schweiz geflohen wären. Deshalb trug sie dem Vizekanzler auf, dem kaiserlichen Gesandten bei den Dreizehn Kantonen zu befehlen, unverzüglich die Auslieferung der beiden zu begehren. Doch dem Esterhazy schien das alles noch nicht zu genügen. Er wurde verzweifelter von Tag zu Tag. Darum nützte es auch nichts, daß der Kaiser und der Vizekanzler zur Milde rieten Maria Theresia ließ sich nicht beirren. Dem Freiherrn von Bartenstein sagte sie, sie habe es satt, in dieser Sache noch weiter zu debattieren Sie erwarte für morgen das Schreiben an den Gesandten und die Ausfertigung des Urteils.
Der alte Bartenstein war ein aufrechter Mann. Als er am nächsten Vormittag die Schriftstücke brachte, fetzte er der Kaiserin noch einmal auseinander, daß man wegen einer solchen Bagatelle den Sohn eines so verdienten Vaters nicht einfach auf den Spielberg setzen könne. Maria Theresia sah auf: „Moral ist keine Bagatelle! Und die Verdienste hat der Alle, nicht der Sohn. Privilegia in der Justiz können nicht sein ... Doch fahr' Er nur fort, Bartenstein! Er wird sich bann rounbern über mein Argument." Sie tauchte die Feder ins Tintenfaß.
Bartenstein sprach weiter. Ms er schließlich noch ihre Gnade anrief, legte sie die Feder hin und sagte: „Gnade. Bartenstein? Wie gern! Aber was kann ich tun? Draußen wartet der Esterhazy. Um seine Khevenhüller kann er nicht bitten kommen. Hab' ihm ja schon sagen lassen, daß er sie wieder bekommt. Also, was wird er anderes wollen als eine noch höhere Strafe? Darum unterschreib' ich lieber gleich. Ist besser für den Schulenburg. Sonst wird es noch mehr." Sie setzte ihren Namen unter die Schriftstücke, Bartenstein wollte die Papiere an sich nehmen. Die Kaiserin sagte: „Laß Er sie noch da! Sonst glaubt mir der Quirin am Ende nicht in feiner Wut. Hält' gar nicht gedacht, daß er so zornig werden kann. Ist halt ein Magyar. Wird nichts zu lachen haben, feine Khevenhüller ... Aber es geschieht ihr schon recht."
Der Vizekanzler ging. An der Türe stieß er mit dem Grafen Esterhazy zusammen, der sich tief vor der Monarchin verneigte und dann verschüchtert stehen blieb. Zornig sah er nicht gerade aus, eher furchtsam. Auch das ungarische Magnatenkleid, die spiegelnden Tschismen mit den großen klingenden Sporen, machten seine kleine, rundliche Gestalt nicht furchtbarer.
Maria Theresia winkte ihn zu sich heran, sagte sreunblich „Er weiß, Quirin, ich bin immer Seine gute Freundin gewesen. Es tut mir leid, daß Ihm das geschah. Aber eine härtere Strafe kann nicht [ein. Schlag Er sich das aus dem Kopf! Zehn Jahre Spielberg sind hart genug. Esterhazy starrte bekümmert auf feinen Kaipak. Er wollte etwas sagen. Doch es fiel ihm wohl schwer. Die Kaiserin nickte teilnahmsvoll: „Fühlt Er sich so verletzt? Aber schau Er, ich kann ihm doch nicht den Kopf vor die Füße legen Ober hat Er sich ewige Haft für ben Schulenburg erwartet?"
Der kleine Magnat schüttelte betrübt ben Kopf. Maria Theresia war erstaunt: „Nicht? Ja, was will Er benn, Quirin?"
„Gnade, Ihro Majestät”, stammelte Esterhazy.
„Gnade? ... Für Seine Frau? Ich hab' Ihm doch schon sagen lassen, daß Seiner Khevenhüller nichts geschieht . "
„Nicht für meine Frau, für ben Schulenburg", sagte Esterhazy leise.
„Für ben Schulenburg?!" Die Kaiserin stand auf' Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn. Sie trat dicht an ihn heran. „Er kommt für den Schulenburg bitten? Ja, hat Er denn den Verstand verloren? Ober hat man Ihn angestiftet?" Wieder schüttelte Esterhazy ben Kops. Die Kaiserin hob sein Kinn: „Schau Er mich an! Warum kommt Er für den Schulenburg bitten?"
„Weil ... weil meine Frau sonst wisderkommt, wenn der Schulenburg auf den Spielberg muß ... Und das ertrag' ich nicht mehr!"
Da lachte die Kaiserin laut, ging an den Schreibtisch, zerriß die beiden Schriftstücke, setzte sich und schrieb: „An meinen Gesandten bei den Dreizehn Kantonen! Unter Androhung ewiger Hast auf dem Spielberg wird dem von Schulenburg und der vormaligen Khevenhüller verboten, kaiserliche Erblonde jemals wieder zu betreten."
Sie streute Sand auf das Papier, hielt es dem Esterhazy unter die Nase und sagte: „Und nun denk' ich, kann Er ruhig schlafen, Er trauriges Mannsbild, Er!"
verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.


