und feindlich: Aeste knackten, lange Zweige griffen nach ihm, aus dem Dickicht kam ein sonderbares Rascheln und Knetern. Tobias blieb nut einem Ruck stehen. Irgendwo, sehr fern, kam em langgezogener Pfiff. Tobias stutzte. Dann bellte er, sehr kurz und heiser vor Freude. Der Pfiff kam wieder, deutlicher. Tobias galoppierte los ...
„Armer Tods, wie er gittert!" ...
„Komm, laß mich ihn tragen!" ...
Tobias leckte die kleine schmutzige Hand, dre ihn streichelte. Es war aut getragen zu werden, es war gut, nicht mehr allein zu jein. Er seufzte tief'aus und preßte sich eng an eine Kinderschulter.
Sie war glatt und warm und lebendig.
Schwarzschattende Kastanie.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Schwarzschattende Kastanie, mein windgeregtes Sommerzelt, du senkst zur Flut dein weit Geäst, dein Laub, es durstet und es trinkt, schwarzschattende Kastanie!
Im Porte badet junge Brut mit Hader oder Lustgeschrei, und Kinder schwimmen leuchtend weih im Gitter deines Blätterwerks, schwarzschattende Kastanie!
Und dämmern See und Ufer ein und rauscht vorbei das Abendboot, so zuckt aus roter Schiffslatern ein Blitz und wandert auf dem Schwung der Flut, gebrochnen Lettern gleich, bis unter deinem Laub erlischt die rätselhafte Flammenschrift, schwarzschattende Kastanie!
Bei den Köhlern im Thüringer Wald.
Von Karl Volkmar.
Die wenigen Meiler, die die immer mehr verschwindenden Köhler des Thüringer Wäldes noch brennen, bieten den Einheimischen und dem Fremden willkommenen Anlaß zu Ausflügen nach den Meilerstatten. Bei schönem Wetter sind die Plätze von srüh bis Abend umlagert von jung und alt. In vielen kleinen Holzkohlenfeuern werden die mitge- brachten Brotscheiben geröstet, mit Fett bestrichen und bei einer Flasche Bier verzehrt. Der würzige Humor der Köhler sorgt für beste Stimmung. Die zahlreichen Fremden, die diese Stätten besuchen, zeigen lebhaftes Interesse an der Arbeit und auch an der primitiven Hüttenwohnung des Köhlers. Heute gibt es noch Köhler in den Wäldern bei Ruhla, Bermbach, Schnellbach, Thal, Oberschönau, Tambach-Dietharz und auch in der Nähe von Schmalkalden. Die Nachfrage nach Holzkohlen ist zwar jetzt wieder groß, doch finden die Holzhändler, die die Köhlerei betreiben, kaum noch Köhler, da die Arbeit zu beschwerlich ist und nicht genügend bezahlt werden kann. So leben nur noch die wenigen Men da. Der folgende Bericht soll etwas von dem alten Handwerk erzählen.
Tritt ein in die Hütte eines alten freundlichen Köhlers, setze dich zu ihm auf die selbstgezimmerte Bank und lausche seinen Erzählungen! Plaudere mit ihm über seinen Beruf; frage ihn, wie es früher um die Köhlerei in Thüringen gestanden, und du wirst viel Schönes und Interessantes erfahren. Mit erinnerungsfrohem Gesicht wird dir der Alte erzählen, wie stolz der Köhlerberuf vor einem halben Jahrhundert noch gewesen ist; daß du, wenn du damals den Thüringer Gebirgskamm entlang gegangen wärest, allenthalben zur Rechten wie zur Linken rauchende Kohlstätten gesehen hättest, deren zwanzig bis dreißig zu Zeiten einen einzigen Berg umkränzten, Wälder und Gründe mit einem dichten Rauchschleier verhüllend. Um den Wechsel der Zeiten zu ermessen, führe ich an, was Geisthirt in seiner Chronik über Oberschönau schrieb: „Die Mannschafft beleufst sich auf 80 Jnnwohner, die von Kohlenbrennen ihre Nahrung suchen". Die treuen Abnehmer der Holzkohlen sind heute längst dahin. Die Eisen- und Zainhämmer haben ausgehämmert, die Schmelzwerke sind eingegangen, und zudem hat auch die Holzkohle ihren Ersatz gefunden. Wer weiß, wie lange die noch vorhandenen Meilerstätten unseres lieben Waldes ihr Gnadendasein fristen werden! Aber noch liegt manch ein Meiler fern im Grund und diese z. T. uralten Kulturstätten unserer Heimat verdienen wohl, daß man ihnen nähere Beachtung schenkt.
Im August, wenn die Holzhauerarbeit beendet war, begannen vor Zeiten unsere Holzhauer zu kohlen. Sie erbaten sich vom. Oberförster die Erlaubnis hierzu, der ihnen die Stelle und auch Deckreisig anwies. Zunächst wurde nur „abgeräumt", der Rasen abgetragen und die Stätte genau geebnet, und zwar von manchen mit Hilfe der Schrappe, damit hernach der Meiler gleichmäßig brenne. Sodann wurde die „Windschauer" hergerichtet, eine Schutzmauer von Reisigwellen zum Abstößen des Windes, der das gleichmäßige Brennen stören würde. Die Hütte wurde in der Regel aus drei „©tafeln" gezimmert; um die herum wurde Holz und zur Bedachung Rasen und Holzschale verwandt. Eine Welle Reisig war die Tür, die an warmen Sommertagen sich überhaupt erübrigte. Waren diese Arbeiten erledigt, so ging es an das Aufbauen des Meilers. Dies geschieht in der Regel jo:
In der Mitte wird durch zwei etwa ein Meter lange Pfeiler, die oben aneinander lehnen, die Stelle abgegrenzt, wa der Meiler angezündet wird. Der so entstehende Hohlraum wird mit krausem, dürrem Holz und mit den vorzüglich brennenden Holzspänen gefüllt. Beim Aufbauen sorgt man dafür, däß die Stöcke (zuweilen solche, die nur von zwei Köhlern bewältigt werden können) und das stärkere Holz in die Mitte kommen und daran anlehnend Scheite und Prügel. An der Außenseite, die genau
abgezirkelt wird, muß schwächeres Holz verwendet werden, weil das den Meiler „besser deckt, wenn er gärt". Zum Decken des Holzes, das zuvor von der Sonne genügend getrocknet sein muß, nimmt man grünes Tannenreisig und Erde. Mit Steigeisen, die sie sich wahrscheinlich zu Hause vom Dorfschmied hatten anfertigen lassen, stiegen früher die Köhler auf die Bäume und hieben sich Reisig zum Decken des Meilers ab Das Decken hat den Zweck, die äußere Luft abzufchließen. damit das Holz im Meiler verkohlt und nicht verbrennt. Ist der Meiler fertig gedeckt, so wird er angezündet. Dabei kennt man zwei Verfahren. Die einen xünben non oben ein, bie onberen von her S>eite. 33ei letzterem Verfahren, das wohl am gebräuchlichsten ist, legt der Köhler vor dem Aufbauen eine Stange von der Mitte nach der Außenseite des Meilers und achtet darauf, daß sie wieder herausgezogen werden kann, ohne daß der Kanal" verschüttet wird. An dieser Stange oder an einer schwächeren wird'vorne in einen Spalt ein Harzspan eingeklemmt, der die zündende Flamme durch den Kanal in das krause Brennholz tragt.
Hierüber erzählen übrigens die Köhler auch ein lustiges Stückchen: Die Unterhessen kannten nur das Anzünden von oben her. Die andere Art gefiel ihnen aber besser, und sie hätten es gerne herausgehabt, wie man das Feuer von der Seite her in den Meiler bringe. Sie fragten deshalb danach. Aber sie fragten einen Schalk. Der gab ihnen zur And wort, daß sie erst ein „Müsle" vorausschickten, das für die Stange mit dem Kienspan Bahn machen müsse."
Das Zuwerfen des Meilers mit Erde muß langsam geschehen, damit bas Feuer nicht erlischt. Nach zwei Stunden ist er ganz zugeworfen. Einen Tag brennt er ohne besondere Zuglöcher. Vier Stunden nach dem Anbrennen und späterhin noch zweimal steigt der Köhler auf seiner Rolltreppe zum Meiler empor, um zu schüren und nachzufullen Di Menge des Holzes, das auf einmal verkohlt wird, ist verschieden (14 bis 50 gewöhnlich 20 Kubikmeter). Am zweiten Tage werden mit dem Schaufelstiel Löcher gemacht. Der Köhler horcht dabei auf, „wie das Feuer sich regt". Ueberhaupt ist das Kohlen durchaus nicht so einfach, wie man als Laie anzunehmen geneigt ist. Der Köhler muß Tag und Nacht auf dem Poften fein, besonders um gegebenenfalls rechtzeitig dämpfen zu können. Mehr als einmal hak das Feuer sich befreit und den ganzen Meiler verzehrt, was natürlich für den Kohlenbrenner ein großes „Malör" war. Nach einigen Tagen, bei 20 Kubikmeter nach 3% Tagen, treten die Garzeichen auf: das Feuer brennt am Rande, bet Meiler „falpetert" (bildet unter eigentümlicher Flammenbildung eine Kruste). Die heiße Erde wird nun abgezogen. Wenn sie sich abgekuhl! hat und mit dem Fegrechen rein gerecht ist, wird sie wieder auf den Meiler geworfen, um diesen abzukühlen.
Nun kommt die letzte Arbeit: das „Löschen". Der Köhler trägt in feiner Rechten den Löschhaken, in der Linken ein Brett. Damit holt er die heißen Kohlen heraus und legt sie auf die Seite. Die größeren Kohlen dienen als „Setzkohlen" zum Aufsetzen des formgerechten Fuders. Beim Löschen muß Wasser, das der nahe kalte Born oder Waldbach liefert, zur Hand fein; denn leicht flackert es hier und da auf, wenn glimmende und glühende Kohlen an die Luft kommen. Sogar wenn der mit Kohlen beladene Wagen schon unterwegs ist, kommt es nicht selten vor, daß ein leises Knacken den drohenden Ausbruch des heimtückischen Feuers meldet. In solchem Falle muß, wenn möglich sofort mit Wasser gelöscht, oder die Kohlen müssen schleunigst abgeladen werden, um einen Brand zu verhüten.
Man erzählt, auf dem Schützenberg habe auch einmal ein Köhler ein Fuder Kohlen gleich nach dem Löschen aufgeladen. Er sei dann sart- gegangen und habe am andern Morgen, als er zurückgekommen, um bas Suber zu holen, nur noch die vier eisernen Radreifen oorgefunben. Wenn unsere Holzhauer früher jeden Nachsommer kohlten, so standen sie im Auftrage der damals noch vorhandenen Hämmer und Schmelzwerke, Schlosser und Schmiede, welche die Holzkohlen zum Schmelzen, Härten und Glühen brauchten. Während der Meiler rauchte, wurde für den nächsten bereits das Holz gespaltet. (Wie der Oberschönauer Forster Zilcher in seiner Chronik schreibt, sind die Köhler nebenbei auch Schmbel- schnitzer gewesen.) .
Zuweilen soll den Köhlern das Holz zeitiger ausgegangen sein, als ihnen lieb war. Da sollen ihnen in der Nacht die Wichtelmännchen zu Hilfe gekommen sein und soviel Holz herangetragen haben, daß sie von den wenigen Klaftern, die sie gekauft hatten, den ganzen Nachsommer haben kohlen können.
Vor Zeiten gab es neben den Köhlern auch Köhlerinnen. Die Frauen sammelten tagsüber im Walde Holz; abends brannten sie den Miniatur- Meiler an, der am andern Tage schon gar war und gelöscht werben konnte. Jrn Sacke trugen sie bann ihre Habe auf bem Rücken beim. „Mutzeköhlerei" nannte man das in Fachkreisen, weil das Holz hierzu „gemutzt" (gemaust) wurde. Nicht immer war das Handwerk der Mutz- köhlerei von Segen begleitet. Es kam auch vor, daß eine Kohle, an der ein Fünkchen sah, sich in den Sack mit hineinschlich und diesen unterwegs durchbrannte.
Nicht umsonst nahmen bie Köhler bei ben Dichtern von jeher einen bevorzugten Rang ein. Es liegt ein Stück Poesie und für den Thüringer ein Stück Heimat in dem Berufe des Köhlers, der, mit seinem Bentz- ebenso wie mit seiner Heimat fest verwachsen, in seiner roalbumraufajte’i Klause einsam haust. Wer einmal bas liebliche Kling-Klang der als Wahrzeichen an der Köhlerhütte befestigten musikalischem Klingholzer (verkohlte Wurzeln) vernommen hat, wer einmal des Nachts mit eirteia Köhler in dessen Hütte Plauderstündchen gehalten hat, zur Seite ort wärmenden rauchlosen Holzkohlenglut, im Scheine der aus der Leuchl- pfanne emporschlagenden Harzspanslamme; wer dort schon einmal Di. berühmten „Bebes" versucht hat, Brotschnitte, die der Köhler mit eurer eigens für diesen Zweck geschaffenen „Bebgabel" über der Kohlengiu in seiner Hütte röstet und mit Butter bestreicht, der wird mit mir einig sein in der Behauptung, daß es etwas Eigenartig-Schönes sei um Die uralte Köhlerei.
Verantwortlich. Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Anivers itäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.


