Ausgabe 
12.11.1937
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerLamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Eugenik ®ranbet

ROMAN von Honore de Balzac 17. Fortsetzung.

Während diese Dinge sich in Saumur abspielten, verdiente Charles in Indien viel Geld. Znnächst verkaufte sich seine Warenladnng sehr günstig, er hatte m Kürze eine Summe von sechstausend Dollars beisammen. Die Aequatortaufe ließ ihn viele Vorurteile verlieren; er merkte, daß das beste Mittel, zu Reichtum zu kommen, in den tropischen Ländern so gut wie in Europa darm besteht, Menschen zu kaufen und zu verkaufen. Er ging also an die Küste von Afrika und begann den Negerhandel, wobei er mit seinem Menschenhandel den Vertrieb derjenigen Waren verband, die man am vorteilhaftesten auf den verschiedenen Märkten austauschen konnte, aus die ihn seine Interessen führten. Bei seinen Geschäften entfaltete er eine Emfigkeit, die ihm keinen freien Augenblick ließ. Er wurde von der Idee beherrscht, in Paris wieder in dem ganzen Glanz eines großen Vermögens zu erscheinen und eine noch glänzendere Stellung einzunehmen, als die lvar, die er verloren hatte. Unter dem Zwang, sich zwischen Menschen und Ländern zu tummeln und ividersprechende Gebräuche zu beobachten, änderten sich seine Anschaiiungen, und er wurde skeptisch. Er hatte keine bestimmten Ansichten mehr über Recht und Unrecht, da er sah, daß in einem Land als Verbrechen behandelt wurde, was im andern Tilgend war. In beständiger Berührung mit Gewinnsucht, wurde sein Herz kalt, eng und trocken. Das Blut der Grandets verleugnete sich nicht, er wurde hart itnb igierig. Er verkaufte Chinesen, Neger, Schwalbennester, Kinder, Artisten; er betrieb den Wucher im großen. Die Gelvohnheit, die Zollrechte zu um» Hohen, machte ihn weniger gewissenhaft in bezug auf die Menschenrechte. 'S» ging er nach St. Thomas, um zu geringem Preis die von Piraten gestohlenen Waren zu kaufen, und brachte sie zu den Plätzen, wo sie gefudjt ioaten. Wenn das edle und reine Gesicht Eugeniens ihn auf feiner ersten Neise begleitet hatte, wie das Bild der heiligen Jungfrau, das die spanischen Seeleute auf ihren Schiffen anbringen, und wenn er feine ersten Erfolge dem magischen Einfluß der Gelübde und Gebete des sanften Mädchens zuschrieb, so löschten später die Negerinnen, die Mulattinnen, die Weißen, sie Javanesinnen, die orientalischen Tänzerinnen, seine Orgien in allen Farben und seine Abenteuer in den verschiedenen Ländern, vollständig die Erinnerung an seine Cousine, Saumur, das Haris, die Bank, den im Gang geraubten Kuß aus. Er erinnerte sich nur noch des kleinen von alten Mauern umschlossenen Gartens, weil da sein verwegenes Schicksal begonnen hatte; if>et er war seiner Familie abtrünnig geworden, sein Onkel war ein alter Qunb, bet ihn bei seinen Kleinobien bemogelt hatte; Eugenie hatte lucber m seinem Herzen noch in seinem Gebächtnis einen Platz, sie hatte einen lklatz in seinen Geschäften als Gläubigerin einer Summe von sechstausend Franken. Diese Lebensführung unb Denkart erklären bas Schweigen von Charles Granbet. In Jnbien, in St. Thomas, an der afrikanischen Küste, m Lissabon und in den Bereinigten Staaten hatte er, um seinen Namen zu kompromitieren, das Pseudonym Sepherd angenommen. Carl sepherd konnte ohne Gefahr sich überall rrnermüdlich, waghalsig, gierig Ligen, als ein Mann, der, da er entschlossen ist, reich zu werden, quibtts» twrnque vitiis, sich beeilt, mit der Gemeinheit fertig zu werden, um den *eft seiner Tage als ehrlicher Mann zu verbringen. Nach diesem System »warb er schnell ein glänzendes Vermögen. Und im Jahr 1827 langte er n Bordeaux auf der hübschen Brigg Marie-Caroline an, die einem royalr- 'iiirfjcit Handelshaus gehörte Er besaß neunzehnhunderttausend Franken in «ei wohlplombierten Tonnen Goldstaub, bei dem er noch sechs bis sieben .»rozent zu gewinnen dachte, wenn er ihn in Paris ausmünzen ließ. Auf -m Schiff befand sich ebenfalls ein ordentlicher Kammerherr seiner Majestät

Königs Charles X., Herr d'Anbrion, ein munterer Greis, der bte Torheit ['-gangen hatte, eine begehrte Dame der Gesellschaft zu heiraten, deren ermögen auf den Antillen lag. Um die Verschwendung von Fran d Aubnon Heber gut zu machen, war er hingereist, um ihre Besitzungen zu verkaufen. iCrr und Frau d'Anbrion, arrs dem Halise d'Aiibrion de Buch, dessen letzter -wideshauptmann vor 1789 gestorben war, waren auf etwa zwauzig- uscnd Franken Rente angewiesen unb hatten eine ziemlich häßliche Tochter, die Mutter ohne Mitgift verheiraten wollte, ba ihr Vermögen kaum ^reichte, um in Paris zu leben. Ein solches Unternehmen hatten alle Kitglieber. der großen Welt für problematisch gehalten, trotz der Geschrck- Neit, bie sie ben Frauen ber Gesellschaft zugestehen. Und auch Frau ^Äubrion selbst verzweifelte fast daran, wenn sie ihre Tochter ansah, sie ^m auch immer aufbürden zu können, und wäre es selbst einem gerabeju ^elstollen. Fräulein d'Anbrion war eine Jungfrau, lang wie eine Hopfen-

ftange, )ie war mager, schwächlich, hatte einen hochmütigen Mund, nur den etne zu lange und zu dicke Nase herabhing, die im normalen Zustand gelblich war, nach den Mahlzeiten aber knallrot lourbe, eine Art von Verdaunnas- phanomen, das mitten in einem bleichen, langweiligen Gesicht noch unanae. uehmer berührte als in jedem andern. Mit einem Wort, sie war so, wie eine -Ututter von achtnnddreißig Jahren sie nur wünschen konnte, die selbst noch sthon ist unb noch Ansprüche macht. Aber als Gegengewicht gegen diese Nachteile hatte bte Marquise b'Aubrion ihrer Tochter ein sehr distinguiertes Aussehen hergebracht, sie Gesnnbheitsvorschriften unterworfen, bie bte afe uot-Iauftg auf einer vernünftigen Fleischfarbe hielten, hatte sie die Kunst gelehrt, sich geschmackvoll zu kleiden, hatte sie mit guten Manieren ausgestattet, hatte ihr diese melancholischen Blicke gezeigt, die des Mannes Interesse wecken und ihn glauben machen, daß er hier den vergeblich ge­suchten Engel findet; sie hatte ihr das Fußmanöver vorgemacht, den Fuß zur rechten Zeit vorzustellen und seine Kleinheit bewundern zu lassen, im Augenblick, wo die Nase die Frechheit hatte, zu erröten; mit einem Wort, ite hatte etwas ganz. Befriedigendes aus ihrer Tochter gemacht. Mit Hilfe von langen Aermeln, bauschenden Miedern, gepufften unb Sorgfältig gar» merten Kleidern, einem Hochdruckkorsett hatte sie so merkwürdige weibliche Produkte erreicht, daß sie zur Belehrung ber Mütter in einem Museum hätte ausstellen sollen. Charles befreunbete sich sehr mit Frau b'Aubrion, die just sich mit ihm befreunben wollte. Manche Leute behaupten sogar, baß wührenb ber Ueberfahrt bie schöne Frau b'Aubrion kein Mittel unbenutzt ließ, einen so reichen Schwiegersohn einzufangen. Als man in Borbeaux ausstieg, im Juni 1827, logierten Herr, Frau unb Fräulein b'Aubrion unb Charles im selben Hotel unb reiften zusammen nach Paris ab. Das Palais der d'Aubrions war von Hypotheken überhäuft, Charles sollte es befreien. Die Mutter hatte ihm bavon gesprochen, wie glücklich sie sein würde, ihr Erdgeschoß ihrem Schwiegersohn unb ihrer Tochter abzutreten. Da sie nicht bie Vorurteile Herrn b'Aubrions über ben Adel teilte, hatte sie Charles Granbet versprochen, vom guten Charles X. eine königliche Verfügung zu erlangen, die ihn, Granbet, berechtigen würde, ben Namen b'Aubrion anzunehmen, hoffen Wappen zu führen unb vermittels der Stiftung eines Majorats von sechsunbbreißigtaiisenb Franken Rente, b'Aiibrions Nach­folger im Titel des Lanbeshauptmanns von Buch unb Marquis b'Aubrion zu werden. Wenn sie ihre Vermögen zusammenlegten, in gutem Einver­nehmen miteinander lebten, konnten sie mit Hilfe von Sinekuren etwas über hunderttausend Franken Rente im Palais b'Aubrion verzehren.

Unb wenn man hunderttausend Franken Rente hat, einen Namen, eine Familie, wenn man zum Hofe gehört, denn ich werde dafür sorgen, daß Sie zum Kammerherrn ernannt werden, so kann man alles werden, was man will", sagte sie zu Charles.

So können Sie werden, je nach Ihrem Wunsch, Berichterstatter im Staatsrat, Statthalter, Gesandtschaftsrat, Gesandter. Charles X. liebt d'Anbrion sehr, sie kennen sich seit ihrer Kindheit."

Berauscht vom Ehrgeiz unter dem Einfluß dieser Frau hatte sich Charles während der Ueberfahrt mit allen diesen Hoffnungen geschmei­chelt, die ihm eine geschickte Hand verhielt als vertrauliche Mitteilungen unter vier Augen. Die Geschäfte seines Vaters glaubte er durch feinen Outet in Ordnung gebracht, und fo sah er sich mit einem Schlag im Faubourg Saint-Germain Anker werfen, wo damals jeder hingelangen wollte, und wo er im Schatten der blauen Nase von Fräulein Mathilde als Graf dÄubrion erscheinen würde. Geblendet vom Erstarken der Restauration, die er noch auf unsicheren Füßen verlassen hatte, hinge­rissen, vom Glanz der aristokratischen Pläne, blieb er in dem Rausch­zustand. der auf dem Schiffe begonnen hatte, noch in Paris, wo er alles zu tun beschloß, um die hohe Stellung zu erlangen, die ihm feine egoi­stische Schwiegermutter in Umrissen gezeigt hatte. Seine Cousine war daher für ihn nichts mehr als ein Punkt im Raum dieser glänzenden Perspektive. Er sah Annette wieder. Als Frau von Welt riet Annette ihrem alten Freund lebhaft dazu, diese Verbindung einzugehen unb ver­sprach ihm ihre Mithilfe bei seinen ehrgeizigen Unternehmungen Annette war entzückt, Charles zu veranlassen, ein häßliches und langweiliges Mädchen zu heiraten, denn ihn hatte der Aufenthalt in Indien sehr ver­führerisch gemacht; sein Teint war gebräunt, sein Benehmen war ent­schieden und kühn geworden wie das von Leuten, die gewohnt sind, Er­folg zu haben. Charles atmete in Paris auf, als er sah daß er dort eine Rolle spielen konnte Als des Grassins von seiner Rückkehr, seiner bevorstehenden Heirat und seinem Vermögen erfuhr, suchte er ihn auf, um mit ihm über die dreihunderttaufend Franken zu sprechen, mit denen er die Schulden seines Vaters tilgen könne Er fand Charles in Unter­handlungen mit dem Juwelier, bei dem er den Schmuck zum Hochzeits- gefchenk für Fräulein b'Aubrion bestellt hatte, der ihm bie Muster zeigte. Trotz den prächtigen Diamanten, die Charles aus Italien mitgebracht hatte, kostete die Arbeit daran, dar Silberzeug und die kleinen und großen Juwelierarbeiten des jungen Haushalts, noch mehr als zweihun­derttausend Franken. Charles empfing des Grassins, den er nicht wieder- erkannke, mit der Impertinenz eines jungen Herrn der Gesellschaft, der in