Ausgabe 
12.7.1937
 
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Wiegenlied Sei Mondschein zu singen.

Von Matthias Claudius.

So schlafe nun, du Kleinei

Was weinest du?

sanft ist im Mondenscheine

Und süß die Ruh.

Auch kommt der Schlaf geschwinder

Und sonder Müh';

Der Mond freut sich der Kinder Und liebet sie.

Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr,

Gießt freundlich schöne Gaben

Von oben her

Auf sie aus, wenn sie saugen, Recht wunderbar;

Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar.

Alt ist er wie ein Rabe,

Siehr manches Land;

Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt.

Und bald nach ihren Wochen

Hat Mutter mal

Mit ihm von mir gesprochen:

Sie saß im Tal

In einer Abendstunde,

Den Busen bloß,

Ich lag mit offnem Munde In ihrem Schoß.

Sie sah mich an, für Freude

Ein Tränchen lief,

Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief;

Da sprach sie:Mond, oh! scheine, Ich hab' sie lieb, Schein' Glück für meine Kleine!" Ihr Auge blieb

Noch lang am Monde kleben

Und flehte mehr.

Der Mond fing an zu beben.

Als hörte er,

Und denkt nun immer wieder

An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück.

Es schien mir unterm Kranze

Ins Brautgesicht,

Und bei dem Ehrentanze;

Du warst noch nicht.

Tobias und Antje.

Von Andre Baron Fölckersam.

Tobias lebte nun schon drei Monate und sechzehn Tage auf dieser Welt. Aus einem rundlichen schwarzen Knäuel mit braunen Tupfen über den Augen und braunen, unsicheren, auseinandergleitenden Beinen, war -in junger, stämmiger Airedale-Terrier geworden, lohsarben, mit schwarzem sattel. Tobias glich seiner Mutter; er hatte ihren schönen, blonden Bart geerbt, und ihre dunklen Augen. Aber er dachte nicht an seine Mutter. 2r dachte auch nicht an seine Geschwister. Vor drei Wochen hatte man 1 hn aus dem Zwinger geholt, und jetzt lebte er hier auf dem Lande.

Tobias hatte in diesen drei Wochen viel gelernt. Er hatte jetzt eine bestimmte Vorstellung von der Welt, von ihren Gesetzen, ihren Genüssen und Gefahren. Die Kinder quälten ihn mit ihrer Liebe. Tobias blickte verächtlich in die Luft, wenn sie Tods, Tobi oder Babian riefen. Er hatte Islernt, Parkett vom Gartenboden zu unterscheiden, daß Bücher leider ^icht zum Zerreißen da waren und daß es einem schlecht bekam, wenn man mit Blumentöpfen Fußball spielte. Biele Dinge waren schön und begehrenswert: Katzen scheuchen, an Bäumen riechen, Knochen vergraben, 8gel verbellen; in die Küche schleichen und etwas stibitzen, auch wenn es >afür Schläge gab. Vieles war gefährlich: Feuer, das einem den Bart verbrannte, Türen, in denen man geklemmt wurde, Pferdehufe. Tobias verstand nicht zu lügen. Wenn er etwas Verbotenes getan hatte, sah man i!S ihm sofort an. , .

Tobias bewunderte Antje. Antje blickte mit ihren bernsteingelben llugen der Köchin gerade ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken, s achdem sie eben etwas vom Tisch geklaut hatte. Antje war eine glatt­haarige, graubraun gefleckte Pointerhündin mit langen, seidenweichen, chokoladebraunen Ohren. Es gab für Tobias kein schöneres Spiel, als ®ntje anzuspringen und sie in diese langen, flatternden Ohren zu zwicken. Sie tobten auf dem Rasen vor dem Hause. Mit ungeschickten 6a«3en scannte Tobias hinter Antje her, um sie in die Beine zu beißen Antze M über den Rasen, Tobias ihr nach, mit hellen, klaffenden Lauten. «ntje ließ ihn dicht herankommen, dann sauste sie an ihm vorbei. Tomas ugelte hin, raffte sich auf und saß geduckt vor Spannung da...

Zuweilen verschwand Antje spurlos. Wenn sie schuldoewußt und we- Elnd zurückkam, bekam sie Schlüge und wurde eingesperrt. Tobias saß

vor der Tür des kleinen Holzschuppens und faulte. Er wußte nicht, daß Antje gestraft wurde, weil sie wilderte.

An einem Nachmittag, als alles im Hause schlief, tobten die beiden auf der Parkwiese. Plötzlich blieb Antje stehen, streckte den Kopf vor und schnupperte. Dann stürzte sie davon, mit tief gesenkter Nase. Tobias sprang an ihr hoch, um sie an ihren langen, flatternden Ohren zu zupfen. Antje kümmerte sich nicht um ihn. Sie lief hin und her, blieb stehen, kehrte um, schnüffelte aufgeregt im Grase, und rannte weiter. Sie kamen in den entlegenen Teil des Parkes. Antje schlüpfte durch ein Loch in der Tannenecke, Tobias ihr nach.

Ein breiter Graben zog sich am Park entlang, dahinter dehnte sich bis an den Rand des Waldes ein hohes Kornfeld. Antje stand einen Augenblick wie erstarrt da, ihre hellen Augen blickten irgendwo in weite Ferne. Dann sprang sie mit einem Satz über den Graben und verschwand im Felde. Tobias tat dasselbe. Wie eine goldene Flut schlugen die Aehren über ihm zusammen. Es war großartig, durch das sonnenwarme, duftende Feld zu jagen. Tobias rannte hinter Antje her. Aber kaum hatte er sie wieder gefunden, verschwand sie wie von der Erde verschlungen, tauchte unerwartet hinter einer Bodenwelle auf und war wieder fort wie der Blitz, und nur eine silberne Welle, die in unruhigem Zickzack durchs Korn lief, verriet Tobias, wo sie war. Antje hatte ihn vergessen. Die Nase tief am Boden und mit fliegenden Ohren, jagte sie kreuz und quer übers Feld. Sie tarnen auf die Landstraße hinaus, die am Walde entlangführte. Sie standen nebeneinander, erhitzt und keuchend. Antje stieg in den Gra­ben und trank, und Tobias tat dasselbe. Noch nie hatte ihm etwas so gut geschmeckt wie das schmutzige, abgestandene Grabenwasser. Noch nie hatte er sich so wohl gefühlt. Sein schöner blonder Bart war zerzaust, Kletten faßen in feinem Fell, er war schmutzig und verwildert. Tobias sah Antje bewundernd an, was sie weiter unternehmen würde ...

Sie jagten durch den Wold, schlüpften durch stachliges Wacholder­gestrüpp; Antje grub eifrig kleine Erdhügel auf und steckte die Nase tief hinein. Auch Tobias Kopf verfchwand bis zu den Ohren im Erdloch. Dann standen sie da, die Nasen schwarz vor Erde,, und niesten.

Der Wald war still und einsam, erfüllt von warmem Harzduft, von Licht und Schatten durchflutet; über ihnen rauschten die Tannen. Sie fanden eine tote, längst vertrocknete Krähe, und wälzten sich, einer nach dem anderen auf ihr. Dann rannten sie weiter. Sie trabten einträchtig Seite an Seite, mit weit heraushängender Zunge. Zuweilen blieb Antje stehen, hob den Kopf und schnupperte. Dann stürzte sie davon. Tobias hörte sie im Unterholz laut und erregt kläffen. Er setzte ihr nach; er fürchtete sich, allein zu bleiben. Einmal sprang etwas Graues in langen Sätzen knapp zwei Schritte vor ihm aus dem Dickicht und verfchwand hinter den Bäumen. Tobias fetzte sich vor Schreck hin. Er hatte noch nie einen Hafen gesehen, und schon kam Antje laut kläffend an ihm vorbei­gejagt, Tobias folgte ihr, seine Stimme Überschlug sich vor Aufregung.

So trieben sich die beiden im Walde umher. Zuweilen ruhten sie sich aus, ober zupften große, schwarze und süße Beeren von einem Strauch. Dann ging es weiter über den glatten, mit Tannennadeln besäten Wald­boden.

Tobias war müde. Er streckte sich im Schatten aus. Das Moos war weich und roch warm und gut. Tobias schnappte nach Fliegen, sein Kör­per bebte vor Hitze. Er sah dann und wann zu Antje hinüber, die ge­schäftig hin und herlief und schnupperte. Plötzlich war sie verschwunden.

Tobias sprang auf und bellte laut. Keine Antwort. Er lief nach rechts und nach links, er trabte ein Stück zurück und kehrte wieder um. Von Antje war nichts zu sehen. Tobias bellte ein paarmal hintereinander. Es blieb alles still. Tobias fühlte sich grenzenlos verlassen. Er bekam Angst. Er galoppierte in kurzen Sätzen mit angelegten Ohren. Zuweilen blieb er stehen, hob den Kopf und horchte. Im Walde war es still: nur in den Wipfeln der hohen Kiefern rauschte es leise. Tobias lief zurück, die Nase am Erdboden. Bitterduftende Farne spreizten über ihm ihr gefiebertes Blätterbach. Er kam jetzt auf einen Weg hinaus, schloß für Sekunden das Maul und lauschte.

Aus der Tiefe des Waldes tönte jetzt ein helles, anhaltendes Kläffen. Tobias legte den Kopf schief zur Seite und spitzte die Ohren. Dann stürzte er weiter, in der Richtung, aus der er Antjes Stimme hörte. Das Gekläff verstummte und kam an einer anderen Stelle wieder, noch heller, noch erregter. Tobias rannte in großen Sätzen voraus. Dann krachte ein Schuß. Das Echo rollte schallend durch den friedlichen Wald, Tobias fuhr zusammen und blieb zitternd stehen. Sein Herz hämmerte. Dann galop­pierte er weiter, hopsend, in tollpatschigen Sprüngen. Er tarn auf eine kleine Lichtung hinaus, die war erfüllt von Sonnenhitze und süßem Klee­duft. Das Gras fang. Ein Zitronenfalter taumelte träge über den Blü­ten. Tobias wandte den Kopf und sah plötzlich Antje. Antje lag im Gras, die Beine von sich gestreckt, mit zurückgeworfenem Kopf. Tobias stürzte mit freudigem Bellen auf Antje zu und wollte sie an ihren langen seiden­weichen Ohren zupfen. Er stolperte über ihre Beine und blieb verdutzt stehen. Antje lag reglos da und blickte ihn aus ihren bernsteingelben Augen an. Er ftubfte sie zärtlich mit der Nase. Antje rührte sich nicht. Tobias bellte laut und erstaunt. Dann trat er wieder an Antje heran und begann sie zu beschnuppern. Antje rührte sich nicht. Antjes Augen sahen ihn unverwandt an. Tobias konnte nicht begreifen, weshalb sie fo stumm und reglos war. Er fürchtete sich. Er heulte auf und verstummte. Im Walde war es still, nur in den Kiefern rauschte es sanft. Tobias legte den Kopf in den Nacken und jaulte, langgedehnt und trostlos.

Der Himmel verblaßte; über der Lichtung wuchsen die Schatten. Die Sonne stand tief hinter den Baumstämmen, vom Grase stieg ein strenger, warmer Duft auf. In der Ferne rief ein Kuckuck. Die Wipfel der Kiefern standen reglos, vergoldet vom letzten Adendlicht. Tobias bog den Kopf zurück, um wieder loszuheulen. Plötzlich mußte er laut gähnen. Er war entsetzlich müde. Er streckte sich neben Antje aus und legte den Kopf auf ihren Hals. Er hob ihn sofort wieder, Antje machte ihm Angst. Sie war unbeweglich, kalt und steif. Tobias sprang auf und lief über eine Lich-, fung. Er rannte mit angelegten Ohren durch den dämmrigen Wald. Er rannte, ohne stehen zu bleiben. Der dunkle Wald schien drohend