Ausgabe 
12.7.1937
 
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wollte nicht zurückweichen. ,Zch kann es nicht glauben, ohne die Be- weije gesehen zu haben."

Nun, es genügt wohl, daß das Kriegsgericht die Beweise gesehen und ihnen geglaubt hat. Und ich will Ihnen nur Jagen, sie waren jo gut, daß er daraufhin zum Tod verurteilt worden ist."

Eine plötzliche Lähmung überfiel mich und ließ meine Stimmbänder ganz steif und rauh werden. Ein Würgen sah mir in der Kehle.Zum Tod, Hoheit?" sagte ich heiser.Nun wohl, das Gesetz mag gesprochen haben, aber nun hat die Gnade das Wort. Und die Gnade steht bei Ihnen, Hoheit."

Murat blähte sich auf, aber er blieb gallig wie zuvor.Ich denke nicht daran, diesen Mann zu begnadigen. Uebrigens muß ich Ihnen sagen, daß ich das Ganze hier satt habe. Ich habe genug von Spanien. Von eurer Ueberhebung, eurem Dünkel, eurer Widerspenstigkeit. Ich bin dem Kaiser dankbar, daß ich nichts mehr mit euch zu tun haben soll. Ich habe kein Interesse mehr an dem, was hier vorgeht. Wenden Sie sich an meinen Nachfolger, Exzellenz, wenn Sie etwas erreichen wollen."

Damit rückte Murat mit einem Achselzucken seine getigerte Pelzjacke zurecht, machte auf den Hacken kehrt und lieh mich stehen. Sein tür­kischer Schleppsäbel klirrte hinter ihm drein. Und hinter dem Schlepp­säbel kam dieser widerwärtige Argensola, indem er sich auf eine höhnisch- niederträchtige Art in den Hüsten wiegte.

Ich versuchte mich zurechtzufinden. Zweimal hatte Murat von einem Nachfolger gesprochen, und er hatte es in einer Weise getan, die er­kennen ließ, daß er verärgert und keineswegs dem Kaser dafür dank­bar war, der spanischen Geschäfte enthoben zu sein. Ich hatte ihn in Übelster Laune angetrofsen, mein Eintreten für Fuentes hatte nichts genützt, wenn es nicht etwa gar geschadet hatte. Obzwar dieser Argen­sola das Zimmer verlassen hatte, stand der Raum noch immer feind­selig und höhnisch um mich. Irgend etwas zwang meinen Blick empor. Ach ja, da oben, an der Decke prahlte ja eine olympische Szene von Bayeus Meisterhand. Das Urteil des Paris, Merkur saß als Zuschauer am Rand des Bildes. Und dieser Merkur hatte meines lieben Schwagers boshaftes, schadenfrohes Lächeln. Meine Bilder in Godoys Palast hatte der wahnsinnige Pöbel vernichtet, aber die Decke lebte noch und sandte mir Merkurs Grinsen herab. Warum war sie vorhin nicht wirklich ein- gestürzt? Es wäre kein Schade um Bayeus gemalten Mist gewesen.

Ich sand Siebold mit dem Leutnant Endeslant draußen in der Spiegelgalerie.Ich weiß alles", sagte der Doktor,es steht schlimm um Fuentes."

Was sollen wir tun?"

Ein unglücklicher Zeitpunkt für eine Fürsprache. Murat ist schwer gereizt. Zwei Neuigkeiten, Francesco. Die Generaljunta zu Sevilla hat Napoleon den Krieg erklärt. Was glaubst du, in wessen Namen, Fran­cesco? Im Namen desselben Ferdinand, der zugunsten Napoleons ver­zichtet hat und froh ist, dem Hexenkessel hier entronnen zu sein. Er sitzt bei Talleyrand auf Schloß Valencay und läßt Gott einen guten Mann (ein. Und die zweite Neuigkeit, die schlimmere für uns. Der Kaiser hat feinen Bruder Joseph aus Neapel nach Bayonne berufen und ihm die Krone Spaniens übertragen. Verstehst du, Francesco?"

Schlimm für unsI"

Murat hat selbst gehofft, König von Spanien zu werden. Nun schnappt ihm Joseph den Bissen vor dem Mund weg. Und Murat liegt nun gar nichts daran, hier Frieden zu stiften. Es ist ihm eher zuzu­trauen, daß er alles tun ober doch geschehen lassen ryird, um Josepk» recht viel Ungelegenheiten zu machen und Verwirrung zurückzulassen.

Das war genau das, was ich selbst gedacht hatte, als mich Murat so giftig an seinen Nachfolger wies.

Und das schlimmste, Francesco", fuhr Siebold fort ...Fuentes soll übermorgen hingerichtet werden."

Mein Herz schien mit einem Ruck stehenzubleiben. Mein Hirn lag völlig vereist in seiner Knochenkapsel,llebermorgen?"

Ja, nun weiß ich keinen Rat mehr", sagte Siebold bekümmert,man will ihm nur gerade so viel Zeit lassen, um seine Angelegenheiten zu ordnen."

Wenn ich nicht Siebold so genau gekannt hätte, so wäre ich über fein Geständnis, keinen Rat zu wissen, noch tiefer erschrocken. Wenn er selbst keinen Rat mehr wußte, was bann? Aber indem der das sagte, wies er unmerkbar, aber mir doch deutlich mit einem Blick auf Endeslant hin. Der stand dabei, in feine Uniform gepreßt, mit streng zusammengezogenen Brauen, ganz von seiner Pflicht durchdrungen. Er hatte dem Oheim sagen dürfen, was er wußte und was zu dieser Stunde ohnehin kein Ge­heimnis mehr war. Aber es war ihm anzusehen, daß er keinen Finger rühren würde, um etwas anderes zu tun, als (ein Dienst von ihm verlangte.

Nun kann nur noch Gott helfen", sagte Siebold mit einer bei ihm ungewohnten Frömmigkeit.

Im Schlohhof verabschiedete sich Endeslant von uns.

Wie gingen schweigend weiter. Aber als wir in meine Berline stiegen und uns zurechtsetzten, sagte Siebold:

llebermorgen! Zeit genug, um Fuentes zu retten. Erwartet meine Nachricht, Francesco!"

Am nächsten Morgen sah ich beim Verlassen meines Hauses eine kleine Ansammlung von Leuten vor der gegenüberliegenden Mauer. Ich wohnte damals in einer später unter König Joseph niedergerissenen Gasse er wollte Madrid durch neue Gassen und Plätze verschönern, was ihm den Namen Rey Plazuelas eintrug gegenüber dem Convento de los Gongoras. Zum Kloster gehörte ein Garten und ein damals un­verbautes Grundstück, und alles miteinander war von einer hohen, kahlen Mauer umzogen. Diese Mauer war mir lieb, denn ihr verdankte ich es, daß ich von neugierigen Blicken Gegenüberwohnender unbelästigt blieb.

Da aber an ihr durchaus nichts zu sehen roar, fragte ich mich, was wohl den Zusammenlauf vor ihr veranlaßt haben könnte. Näherkommend bemerkte ich, daß die Neugier der Menge durch eine Zeichnung erregt worden war, die jemand mit Teer auf ihr ausgeführt hatte. Sie stellte einen großen Galgen dar, und an diesem Galgen hing ein Mann. Und dieser Mann war niemand anderes als ich bei aller Roheit der Zeichnung doch nicht ohne Geschick kenntlich gemacht angetan mit dem Hoffrack und dem Orden der Ehrenlegion darauf. Das war die rasche Antwort meiner Feinde auf die peinliche Auszeichnung, die mir gestern zuteil geworden war.

Als ich herankam, verstummten die Leute, die da herumstanden und machten mir Platz, so daß ich mein Zerrbild ungehindert betrachten konnte. Da stand ich mir selbst gegenüber, und ein feindseliges, drückendes Schweigen umklammerte mich von allen Seiten.

Eben schleppte mein getreuer Gabriel einen Kübel Kalk herbei und machte sich daran, den Galgen samt dem Gehängten zu übertünchen.

Laß nur", sagte ich,das Volk will sein Vergnügen haben."

Ob diese Worte den Grimm der Menge entwaffneten und vielleicht dadurch eine leise Beschämung über sie kam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ man mich ungehindert meines Weges gehen, ohne daß sich, wie ich erwartet hatte, ein Geschrei hinter mir erhob und mir Steine nach- slogen. Ich kann nicht sagen, daß mich diese Beschimpfung gleichgültig gelassen hätte, aber sie war mir nicht wichtig genug, mich ihretwegen aufzuhalten, denn ich war heute mit dem sicheren Gefühl aus dem Haus getreten, daß ich Martina sehen würde.

Ich war auf dem Weg zu ihr, und als ich in der Calle de las Carretas das Tor ihres Hauses geöffnet und die Fensterladen zurück­geschlagen sah, jubelte ich auf, daß sich meine Ahnung endlich bestätigt hatte. Der Mozo fegte die Schwelle und wies mich auf meine Frage nach Sennor Avila in den Raum zur ebenen Erde rechts, wo der Buch­drucker feine Schreibstube hatte.

Sennor Avila kramte in einem Ungetüm von gebräuntem Schrank, zog Fächer auf und warf Mappen zur Erde, daß der Staub aufflog. Er hatte schon einen ganzen Wall von Mappen um sich aufgetürmt, hinter dem er meinen Gruß durch eine übertrieben höfliche Verbeugung bis zur Erde erwiderte. Ich haßte an ihm diese übertriebene Höflichkeit. Sie mochte wohl in der Gewohnheit des Kaufmannes vornehmen Kunden gegenüber ihren Ursprung haben, aber es schien mir, als habe er sie in der letzten Zeit noch gesteigert und ihr etwas wie Hohn beigesellt. Manchmal glaubte ich gerade in ihr einen Beweis für Martinas Ver­mutung zu erblicken, daß er Verdacht geschöpft hatte.

Ich begann damit, ihm den Zweck meines Besuches auseinander- zusetzen. Ich hatte mir einen Vorwand zurechtgelegt, aber nun war es eigentlich kein bloßer Vorwand mehr, sondern ein ganz ernst gemeinter Vorschlag, den ich ihm zu machen hatte.

Ich sagte ihm, daß ich beabsichtige, in einer Reihe von Blättern Kriegsszenen festzuhalten, die ganzen Greuel zu schildern, die schon statt- gefunden hakten und die in Zukunft nicht ausbteiben konnten, meinen Landsleuten zur Warnung, dem Feind zur Mahnung und der ganzen christlichen Welt zum Abscheu.

Sennor Avila war ein langaufgeschvssener, dürrer, vornübergebeugter Mensch, mit lederfarbenem, von Pockennarben zerrissenem Gesicht, das immer ein erstarrtes, zweideutiges Lächeln zeigte. Sein Alter war unbe­stimmbar, aber Martina hatte mir gesagt, daß sie weit jünger [ei als er.

Er hörte mir mit gerügtem Kops aufmerksam zu, verneigte sich bann wieder bis zur Erde und jagte, er finde meinen Gedanken ausgezeichnet und werde bemüht sein, meinen Auftrag, falls ich ihn damit beehren wolle, aufs beste auszuführen. Wenn es der Exzellenz genehm fei, könnten wir gleich über die Bedingungen sprechen. Wir sprachen also auch gleich über die Bedingungen. Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die dumm genug sind, sich in Geschäften das Fell über die Ohren ziehen zu lassen, aber diesmal war ich bemüht, ihm entgegenzukommen und meine Forderungen nicht zu hoch zu spannen. Es lag mir daran, ihn bei guter Laune zu erhalten, und er konnte es auch sein, denn ich räumte ihm Vorteile ein, die ich ihm sonst nicht zugestanden hatte.

Damit war die geschäftliche Seite der Angelegenheit erledigt, und ich hätte nun eigentlich gehen können. Aber ich zögerte noch, denn ich wartete darauf, daß Martina, wenn sie meine Stimme vernähme, ein­treten, oder daß ich sonst ein Zeichen ihres Hierseins erhalten würde.

Aber nichts dergleichen geschah, und so sah ich mich denn gezwungen, geradezu die Frage zu stellen, ob ich nicht Martina meine Aufwartung machen dürfe. Sie roerbe bei ihrem Anteil an ben Geschäften ihres Gatten unb auch an meiner Kunst, gewiß erfreut fein, von meinem neuen Plan zu vernehmen.

Sennor Avilo machte ein betrübtes unb bebauernbes Gesicht:Es tut mir leib, Exzellenz, Ihnen nicht bienen zu können, meine Frau ist nicht daheim, sie ist nicht in Madrid."

Ich war so betroffen, daß ich alle Vorsicht vergaß:Wo ist Mar­tina?" stieß ich hervor. Wie ungeschickt es von mir gewesen war, so braufloszufragen, sah ich an dem kurzen Aufblitzen von Avilas Augen. Gleich daraus war das höfliche, zweideutige Lächeln wieder da:Ja, sehen Sie, Exzellenza, da gehen Sie damit um, die Greuel des Krieges durch Ihren unsterblichen Stift festzuhalten. Es sind fürchterliche Dinge geschehen, und es werden sich noch fürchterlichere ereignen. Und ich habe es für meine Pflicht gehalten, Martina vor eben diesen Greueln des Krieges in Sicherheit zu bringen."

Martina war fort. So schwer mich diese Nachricht traf, ich durfte mir nicht anmerken lassen, wie schrecklich sie für mich war.Sie haben recht", sagte ich so ruhig als möglich,aber Sicherheit, wo ist heute in Spanien Sicherheit?"

Nun, es gibt immerhin noch Plätze, von denen man hassen darf, daß sie vom Krieg nicht berührt werden."

(Fortsetzung folgt.)