Siebener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937
Montag, den \2. Juli
Nummer 55
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
8. Fortsetzung.
Ich kannte diesen Mann.
„Das ist ja ...", sagte ich zu Siebold.
„Ja, das ist er", antwortete der Doktor, wie mir schien gespannt und kampfbereit, ,/das ist Gil Argensola. Der ist offenbar bei Murat gebacken und gebraten."
Es war Argensola, der Murat auf uns aufmerksam machte, und der Großherzog lieh das Pferd stehen und kam auf uns zu.
Murat hatte sich seltsam herausgeputzt und sah eher wie ein Zirkusreiter aus als wie ein Großherzog. Und ein Wams von grünem Samt hatte er einen auffallend gemusterten Seidengürtel geschlungen, dazu trug er einen karmesinroten Tschako und rote Lederschuhe. Eine getigerte Pelzjacke hing ihm um die Schultern, auf die ihm langes, lockiges Haar herabfiel. Vielleicht hatte ihm jemand eingerebet, es fei möglich, durch diesen schreienden Auszug die Herzen der Spanier zu gewinnen.
„Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Exzellenz", sagte er, vor mir stehenbleibend und eine Wolke von aufdringlichem Wohlgeruch verbreitend, „aber ich war eben selbst im Begriff, Sie„holen zu lassen. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, das Sie freuen wird."
Was konnte mir Murat Freudiges mitzuteilen haben?
„Folgen Sie mir!" sagte der Großherzog.
Wir verließen den Hof, stiegen die große Prachttreppe hinan, an strammstehenden Posten vorbei und gelangten durch die (Kamera de Gi- rarbini mit ber japanischen Porzellanbecke in ein kleines Zimmer, bas mit Fresken von Mengs und Bayeu geschmückt war. Sie waren auch darnach.
Es schien Murats Arbeitszimmer zu sein, ein großer Schreibtisch stand da. Die riesige Landkarte, die wie ein Leintuch darüber hing, war mit blauen und roten Fähnchen besteckt. Ein Blick zeigte mir, daß mit den blauen Fähnchen offenbar die franzöfifchen Truppen gemeint waren, dann aber bedeuteten die roten Fähnchen — o Gott! — obzwar wenig zahlreich und weit verstreut wohl die Stellungen der Unfern, wo sie sich bereits zum Widerstand zusammengeballt hatten.
Murat hob einen Zipfel des Landkartenleintuches auf, zog eine Schublade und entnahm ihr ein kleines rotledernes Behältnis, mit dem er auf mich zutrat. Er war ganz feierlich und ernst geworden, als tarne er von einer großen Höhe zu mir herab.
„Exzellenz", fagte er, „ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, baß Seine Majestät der Kaiser Sie der Gnade gewürdigt hat, aus meinen Händen für Ihre Verdienste um die Kunst den Orden der Ehrenlegion entgegenzunehmen. Spanien fall sehen, daß, so feindlich es sich auch jetzt gegen uns stellen mag, der Kaiser doch feinen großen Meister zu würdigen weiß." , .
Murat klappte bas Behältnis auf: in weißen Atlas gebettet, an ein rotes Band geknüpft, strahlte mir bas glitzernde Ding entgegen, dieses kindische Spielzeug, das so vieler wackerer und verdienter Manner inbrünstiges Verlangen war. _ , v ., , ...
Mir aber war es peinliche Verlegenheit, vom Feind ausgezeichnet zu werden und die Vorhersage ber Pastrana erfüllt zu sehen. Ich muß gestehen, baß ich ratlos war, was ich sagen unb wie ich mich verhalten f°UtJsingbogmo!" sagte Siebolb halblaut hinter mir. Mit biefem einen Wort, bas ihm ber Grimm entriß, beutete ber Doktor an, wie er dieses neue Ereignis in den Zusammenhang seiner Gedankengange emorbnete.
Das Wort war wohl nur für mich bestimmt gewesen, aber auch Murat mochte es gehört haben und es war vielleicht wirtlich eine Ungehörigkeit, auf fo unpassende Weise ungefragt etwas Unverständliches zu sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, wenn ich glaube^ gesehen zu haben, daß Murat einen ganz kurzen fragenden Blick auf Gil Argensola richtete, der einen Schritt neben und hinter ihm stand, und daß dieser ihm bestätigend zunickte. ... , .... m.
Jedenfalls nahm der Großherzog jetzt eine unsäglich hochmütige Miene an unb fragte: „Wer ist dieser Herr?" r . „ (.inor
Offenbar schnürte Siebold der Aerger den Hals zu, so daß ichi an feiner Stelle antworten mußte: „Es ist Doktor Siebold, Hoheit, der sich erlaubt, Ähnen seine Aufwartung zu machen." t
„Was wünscht der Herr von mir?" Murat schüttelte ferne Locken- pracht und steckte die Nase noch höher in die Luft.
„Ich bin leider halb taub und höre manchmal recht schlecht. Da begleitet mich dann mein Freund, um mir auszuhelfen, als Dolmetsch sozusagen, Hoheit."
„Hören Sie heute schlecht?"
„Nein, Hoheit!"
„Nun, bann werben Sie ja heute der Dienste des Herrn nicht bedürfen."
Das war ja ein Hinauswurf tn aller Form, und ich wagte mich gar nicht nach Siebold umzuwenden, um das Gesicht zu sehen, das er bei seinem Abgang machte. Es mochte nicht übertrieben freundlich sein, nach dem Widerschein zu schließen, den ich auf Murats Mienen bemerkte.
Als ich die Tür gehen hörte, kehrte sich Murat wieder mir zu. Er stand erwartungsvoll da und hielt mir das Behältnis mit dem Zeichen ber Ehrenlegion noch immer offen entgegen. Nun war es an mir, mich zu entscheiben. Ich überlegte nur ganz kurz. Was sollte ich tun? Konnte ich Napoleon durch eine Zurückweisung auf das empfindlichste beleidigen, jetzt wo ich das Wohlwollen ber Franzosen bringenbft brauchte? Was anderes blieb mir übrig, als anzunehmen?
Ich verneigte mich fo tief wie möglich und sprach mit einigen wohlgesetzten Worten meinen tiefgefühlten Dank aus. Durch die Schule des Verkehrs bei Hof gegangen, brachte ich es zusammen, meine Unwürdigkett demütigst zu betonen unb auszudrücken, wie sehr ich mich durch die Gnade des Kaisers geehrt und erhoben fühle.
Murat nickte zufrieden, nahm das Kreuz unb heftete es selbst an die richtige Stelle meines Frackes über die anderen Orden, die dort prangten. „Ich habe es unterlassen. Ihnen diese Auszeichnung auf festliche Weise zu überreichen. Es ist jetzt nicht die Zeit, große Feste zu feiern. Es mag meinem Nachfolger anheimgestellt bleiben, das Versäumte gutzumacken."
Wir schwiegen beide und sahen einander an. Trotzdem unsere Blicks fest ineinander verschränkt waren, wußte ich doch um das halbe Lächeln auf dem Gesicht des widerwärtigen Zeugen hinter Murat.
Da ich keine Anstalten traf, den Empfang als beendet zu betrachten, besann sich ber Großherzog. „Ach ja wohl", sagte er leichthin, „eben ba ich Sie holen lassen wollte, wurde mir gemeldet, daß Sie mir etwas vorzutragen haben." Murat lächelte verbindlich: „Nun. ich hoffe, daß ich Ihre erste Bitte als Ritter ber Ehrenlegion werbe erfüllen können."
„Es hanbelt sich um meinen Freund, den Grafen Fuentes", sagte ich fest. -
Offenbar gab ber Name dem Großherzog einen Ruck, er stieß mit dem phantastischen Türkensäbel auf, den er urngefchnallt hatte, schüttelte feine Locken, und fein Gesicht wurde kalt und abweisend: „Sie sind unvorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde, mein Herr!" schnob er mich an.
„Fuentes ist gefangengenommen worden ..."
„Gewiß, als Hochverräter, als Spion, als Feind Frankreichs, als Verschwörer ..."
Aber ich bin nicht fo leicht abzuschütteln, wenn ich einmal zugepackt habe: „Mein Freund Fuentes kann nichts Arges begangen haben. Ein Mensch von fo lauterem Wesen, rein in [einem Wollen und in seinen Mitteln, kann sich keiner ernstlich strafbaren Tat schuldig machen. Wenn er vielleicht mit dem derzeitigen Zustand nicht einverstanden ist, so teilt er seine Ansicht mit Hunderttausenden von Spaniern, die noch nicht ersaßt haben, daß ber Kaiser nur bas Wohl Spaniens im Auge hat. Warum ihn bestrafen, wenn die andern ..."
„Weil wir ihn haben, mein Herr", lachte Murat, „und die anderen nicht."
Ich fuhr fort, Fuentes zu verteidigen und feine Haltung als entschuldbar durch seine Liebe zum Vaterland unb die Verwirrung der Gemüter darzustellen: „Sie werden besser tun, ihn zu bekehren unb für sich zu gewinnen. Wenn Sie ihn freilassen, so nützen Sie dem Kaiser und Frankreich, wenn sie ihn schlecht behandeln, so entspringt daraus unabsehbarer Schaden für Sie und Ihre Aufgabe, die doch wohl darin besteht, Spanien zu beruhigen und zufriedenzustellen."
Murat hatte mich nicht unterbrochen, aber feine Miene war immer finsterer geworden. „Genug", schrie er mich plötzlich an. „Sie erwärmen sich bedenklich für einen überführten Verbrecher, mein Herr!"
„Unmöglich: Fuentes kann kein Verbrechen zur Last gelegt werden. Politische Gegnerschaft ist kein Verbrechen."
„Ich sage noch einmal: für einen überführten Verbrecher. Ober berechtigt politische Gegnerschast etwa zum Meuchelmord? Fuentes ist bas Haupt einer Verschwörung gegen mein Leben."
Mir war, als stürze die Decke ein. „Das ist wohl ausgeschlossen", stammelte ich, „auf einen bloßen Verdacht hin ..
„Verdacht? Verdacht? Wir haben Beweise in Händen, mein Herr, Beweise!"
Ich sah, daß es schlimm um Fuentes stand, und ich ahnte, welcher Art die Beweise waren und wer sie Murat geliefert hatte. Aber ich


