Gewohnt, getan.

Von I. W. von Goethe.

Ich habe geliebet; nun lieb' ich erst recht!

Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht.

Erst war ich der Diener von allen;

Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen.

Ich habe geglaubet; nun glaub' ich erst recht!

Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht. Ich bleibe beim gläubigen Orden;

So düster es oft und so dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ist's lichter geworden.

Ich habe gespeiset; nun speis' ich erst gut!

Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tasel vergessen.

Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort;

Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost' und ich schmecke beim Essen.

Ich habe getrunken; nun trink' ich erst gern!

Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Und löset die sklavischen Zungen.

Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß: Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die jungen.

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt,

Und wird auch kein Schleiser, kein Walzer getobt, So drehn wir ein sittiges Tänzchen.

Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch die ein' und die andere nicht. Ihm bleibet ein munteres Kränzchen.

Drum frisch nur auss neue! Bedenke dich nicht. Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht, Den kitzeln sürwahr nur die Dornen.

So heute wie gestern, es flimmert der Stern. Nur halte von hängenden Köpfen dich fern Und lebe dir immer von vornen.

Der Landstreicher schnaubt vernehmlich, er wiederholt die Worte, damkk sie um so gründlicher wirken.Eine Muschel, zwei Muscheln, drei Mw- schein"

Eine Perle, eine wirkliche Perle?" stöhnt Hawerseld.

Aber damit war denn auch das Glück vorbei", quält ihn der andere.

Erzähl doch", drängt Hawerseld,was hast du damit gemacht?"

Der Alte starrt tiessinnig ins dunkle Wasser, gleichsam als läge alles, was noch kommen wird, darin verhohlen. Dann hebt er die Lider, streicht mit dem Aermel über die heiße Stirn und holt tief Atem.Du kannst dir denken, was für ein Geschrei die Welt wegen der Perle gemacht hat. Erst die Zeitungen, dann der Mann, dem Grund und Boden gehörten, denn ein ehrlicher Kerl bin ich nun mal. Und ich wäre das Ding sonst auch nicht losgeworden. ' .

Endlich ist ein Kaufmann aus der Stadt, der damals hier herum wohnte, zu mir gekommen. Und er hat gesagt, er wollte mir den Fund eintauschen. Was glaubst du? Er hat mir eine Kate drüben am Dorfrand für die Perle gegeben und noch eine Kuh und ein Stück Kartosfelland dazu. So wahr ich lebe, das hat er getan! Und vielleicht hat er immer noch seinen Verdienst dabei gemacht; aber er sagte, er sei ein rechtlicher Mann und wolle mein Bestes."

Hawerseld nickt offenen Mundes. Daß so etwas noch möglich ist!

Du kannst dir vorstellen, ich war guter Dinge und dachte, ich könnte nun in den Tag hinein leben." Der Alte seufzt.Aber das kommt ganz anders nachher: Wenn man so was erst gefunden hat, dann stellt sich auch die Arbeit ein, Kollege! Die Kuh brüllt, das Feld kann nicht brach­lieben bleiben, und du merkst auch, ohne Frau kann einer nicht wirtschaften, sonst zerreißt er sich vor Plackerei. Aber du meinst noch immer, du wurdest es jetzt bald gut haben, und Tabak und was anderes ist ja auch dabei übrig."

Und ein hübsches Weibsbild", lockt Hawerseld.

Was soll man darüber sagen" jetzt redet der Alte in die leere Luft und bläst die Backen voll,du kennst die Frauenzimmer wohl auch, Mann, und wie die freundlich tun und einem den Rock nähen und das Hemd waschen, wenn einer ledig ist und ein Haus dazu hat. Und du weißt vielleicht auch, was sie für ein Gesicht machen, wenn sie einen erst haben. Da heißt es bald den ganzen Tag: ,Los an die Arbeit' und ,Wo hast du dich wieder herumgetrieben?'

Aber es war doch ein gutes Weib, das ich mir ausgesucht hatte, und fleißig und sauber war es, das muß ich zugeben. Aber sieh, Nachbar, immer die gleiche Bleibe, das ist doch nichts für unsereins.

Ja, und da ist es so gekommen: eines Tages fuhr ein Mann in einem großen schönen Wagen vorbei, der hatte Leitern und Mörser und Holz- pcnttosfeln und solche Sachen verkauft, lauter feste sichere Ware, die ruhig mal auf die Erde fallen kann. Und er hat im Wagen eine kleine Stube gehabt, und hat sich fein Essen drin gekocht, Marie', sag ich, ,das war doch mal etwas für uns. Da können wir uns die halbe Welt ansehen, und weil ich mit den Leuten gut handeln kann, wollen mir bald reich werden. Nun, erst hak sie geheult, aber dann hab ich dem Mann doch richtig den Wagen abgekauft mit allem, was drauf war da war nämlichst schon längst einer, der hatte es auf meine Kale abgesehen. Und ich sag die Frau war eine gute Frau, wir sind mit dem Wagen von Dorf zu Dorf gezogen, das war ein lustiges Leben.

Wahrhaftig, es war ein luftiges Leben, aber es wäre vielleicht noch schöner gewesen, wenn man allein gewesen wäre. So em Weibsbild denkt immer nur cm (Sporen, (Sporen, wo wir bod) von ber ®oie noci) ^$0$ übrig hatten und uns keine Sorgen zu machen brauchten. Und ich sollte bas Geld immer gleich wieder auf die Seite legen, wenn wir verkauft hatten. Auch bann, wenn im Krug ein paar luftige Kerle saßen und viel­leicht alte Freunde dabei waren, die man doch nicht umkommen lassen darf.

Ich glaub wir verstanden uns nicht. Und eines Tages hielt bas Pferd es auch nicht durch. Und der Wagen war leer und ich hatte eS über; man ist doch nun mal ein luftiger Braunschweiger, das ist doch so

Marie' sag ich also, ,ich merke schon, das Fahren ist nicht das Richtige sür'dich.' Und weil sie noch einiges in der losen Hand hatte und weil es uns eines Tages so gut gefiel, als wir über einen Fluß übersetzten Marie', sagte ich zu ihr, ,ich will dir deinen Wunsch erfüllen, wir wollen wieder eßhask werden.' Und wir verhandelten den großen Wohnwagen für gutes Geld und kauften die Fähre. Da konnte die Frau auf Arbeit gehen und ich wartete, daß Leute kamen und Übersetzen wollten.

Das war im Anfang wieder recht luftig, denn wir wohnten in einer Kammer beim Bauern. Und Marie war eine tüchtige Frau, im Sommer gab es Arbeit genug für sie. . ,

Aber der, welcher mir die Fähre verkauft hatte, war ein »einiger, das hab ick zu spät gemerkt. Was meinst du? Eines Tages kommen Arbeiter von der Regierung und fangen an, eine feste Brücke über den Nuß zu bauen Ja, ja, so geht das zu. Auf einmal war meine Fahre nur noch altes 60h kein Mensch konnte etwas damit anfangen.

Aber meine Marie war tüchtig, das sagte ich schon; sie ist, wahrhaftigen Gottes das alte Holz losgeworden. Dann hat sie uns eine schone Milchztege bafür gekauft; wir hatten ja auch uysere Unterkunft, unb ich bin noch ben ganzen Winter über beim Bauern gewesen.

9 Wie bas aber so ist, roenns Frühling wirb vielleicht bin icf) aua) ein schlechter Kerl, eines Tages, als bie Ziege gerade gelammt hatte, sagte ich zu Marie: ,Jch muß wohl mal weiter ins Land und Arbeit suchen, Mutter. Bei unferm Bauer ist nichts zu verdienen.' Sie merkt gleich, was los ist und fängt wieder an zu heulen. Aber da kriege ich ben Zorn, wo ich bock alles eingebracht habe, unb ich schrei, wenn ich nicht^rnehr gefiele, bann könnten mir ja gleich teilen unb ich mürbe gehen. Unb sie gibt mir bas Ziegenlamm unb nimmt bie Ziege.

Was sollte ich machen? Ich konnte doch mit bem Ziegenlamm nicht bie Straße entlang tippeln, bie Leute hätten schon über mich gelackt. ,Jla, Marie' sag ich, ,schön ist bas nicht von bir, aber mir haben uns eben nie verstauben.' Unb ich bin zum Krämer gegangen unb habe bas Lamm gegen eine schöne Grunbangel eingetauscht, nagelneu unb bunt angemalt, bas Herz konnte einem lachen.

Hans im Glück.

Von Hans Friedrich Blunck.

Klaus Hawerseld findet zwischen den Erlen der alten Mergelkule ben rechten Platz, um heimlich bie Angel auszuwerfen. Die Kühe, die im letzten Jahr von der Koppel herüber weideten, hatten einen Weg zum Wasfer freigehalten. Jetzt steht das Feldstück unter Roggen und die alte Tränke ist zu einer dichten Rasentreppe geworden.

Auf einmal, wie Hawerseld gerade Jacke und Schuhe abwirft und es sich behaglich einrichten will, sieht er drüben im Busch einen anderen Angler, der ihn schon eine Weile beobachtet. Unb weil ber Schelm sich über das Fischereirecht nicht recht im Klaren ist, tut er, als wolle er nur eben im Wasser plätschern, holt mit ben nackten Zehen einige Teich- muscheln herauf, öffnet eine unb wirft sie roieber weg.

Die solltest bu lieber liegen lassen", sagt ber von drüben und schiebt ben Kopf vor. Man kann jetzt sehen, es ist ein Berufsgenosse, ein alter graubärtiger Specker, ber sich Karauschen fängt. Hawerfelb gewinnt Mut, er hängt feine Angel geruhig ins Wasfer unb nicht nach bem anbern fröhlich zu.Warum soll 'ich bie Muscheln liegen lassen", fragt er übermütig,ich hörte mal, bie Leute hätten Perlen brin gefunben, als bie Zeiten noch besser waren."

Der Landstreicher bricht einen Zweig ab.Da kann man sogar heute noch welche brin finben, sag ich bir." Er wedelt vorsichtig mit dem Busch unb scheucht sich bie Fliegen fort.Unb einer, bem bas geschehen ist, sitzt bir gegenüber. Aber es klebt Unglück bran, bas haben bie Leute früher auch schon gewußt. Ich fass' keine Muschel roieber an.''

Das könntest bu mir mal erzählen", sagt Hawerfelb ungläubig. Aber weil es schließlich einerlei ist, ob bie Geschichte wahr ober gelogen ift, roenn es nur recht bunt barin zugeht, setzt er sich breitbeinig, ruckt bie Angelrute zurecht, sucht im Tabaksbeutel nach einigen Krumen unb ru"det sich erwar­tungsvoll ein Pfeifchen an. Er merkt, der andere brennt drauf, zu reden, und das kommt ihm nicht ungelegen.

Die Geschichte hat nämlich in einer dieser Knien angefangen ' beginnt ber Lanbstreicher unb schiebt ben hageren, weißstoppeligen Kopf aus dem Gebüsch hervor.Da war ein alter Tippelnder, Puusback mann en wir ihn, der hatte mir gezeigt, wie man die Muscheln aufmacht, nur ganz wenig, damit sie weiterleben, nicht so plump, rote bu eben eine geknackt h ^Hawerfelb steckt ben Vorwurf ein, er ist wißbegierig.Du hast wirklich Jln^baTift so gekommen", noch ein Ruck u°ber zum Teich, ber Landstreicher will es beim Reden beguem habenAlso stell dir vor, du sitzest wie heute beim Angeln und läßt dabei, weil es ein heißer lag i t bie Füße ins Wasser rutschen. Unb bu fühlst em Paar TOfd^f ben Zehen, genau so, wie es bir eben ging unb benfft oor tang«rroeue an Pausback unb sagst bir: Sieh bod) einmal nach, roas bti .

Eine Muschel, zwei Muscheln, bret Muscheln roas siehst du? Da liegt, wahrhaftigen Gottes, eine bitte gläserne Perle Zwischen ben Schalen.