Ausgabe 
12.4.1937
 
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Inzwischen war auch die Alte herangekommen.

Na, Buschen", sagte Dubslav,habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster."

Die Alte griente. Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird he joa woll ntch."

Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind da?"

Dat is joa Karlinens."

So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow."

Ne, he will joa nich."

Is aber doch von ihm?"

Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich."

Der alte Dubslav lachte.Na, hört, Buschen, ich kann s ihm eigent­lich nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal das Kind an."

Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook nich so recht un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich."

Geht es ihr denn so gut?"

Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle so ne plätten ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se hett Agnes) in Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen inn Zirkus. Un Karline wihr ganz fidel."

Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is ein hübsches Kind."

Joa, bet is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer so patschlich mit ehre lütten Hann'. Dünne sinn immer so."

Ja, das is richtig. Aber Ihr müht aufpassen, sonst habt Ihr nen Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Wend, Buschen."

'n Abend, jnädger Herr."

24. Kapitel.

Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenuser vor, und die Baronin, als sie gehört hatte, daß die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude.Wie gut, wie hübsch, Baronin", sagte Melusine,daß wir Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt immer wer. Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage lang nicht hier) und vielleicht auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, noch alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch Frommet. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi sagte mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor Äugen nicht sehn."

Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige London fog, wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber über den sprechen wir nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. Cs war draußen wirklich so, daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren; und am Branden­burger Tor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein Bild von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?"

Gewiß", sagte Melusine,den kenn ich sehr gut. Aber allerdings erst von der letzten Ausstellung her. Und was, außer den Gaslaternen im Nebel, mir so eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines Bild: langer Hotelkorridor, Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen ein paar Damenstiefelchen. Reizend. Aber die Hauptsache war doch die Be­leuchtung. Bon irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das Ganze, den Flur und die Stiefelchen."

Richtig", sagte die Baronin.Das war von ihm. Und gerade das hat Ihnen so sehr gefallen?"

Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen wenn ich von .italienischen Tagen' spreche, so meine ich übrigens nie meine Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hob ich Gott fei Dank so gut wie gar nichts gefehn, kaum meinen Mann, aber freilid) immer noch zu viel, also während meiner italienischen Tage hab ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im Sonnenschein bin."

Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben. In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hält ich viel­leicht Kranich gesagt."

Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer für das, was sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr. Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf käme."

Kommt, liebe Melusine."

Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber statt der drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte nur Czako.

Der Empfang des einen wie des andern her beiden Herren hatte vorn im Damenzimmer ftattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser erschien erst, als man zum Tee ging; er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch jeder auf feine Weife: die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen Gefell- fchaftssphäre, Czako durch Avancements und Demissionen und Wrschowitz durchKrittikk". Alles, was zur Sprache kam, hatte für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit zum besten gab. Wendungen wieich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert halten" waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedes­maligen Spezialgefchichte, von der man in der Regel freilich sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedükstig war.

Sagen Sie, liebe Freudin", begann der alte Graf,was wird das jetzt so eigentlich mit den Briesen bei Hofe?"

Mit den Briesen? O, das wird immer schöner."

Immer schöner?"

Nun, immer schöner", lachte hier die Baronin,ist vielleicht nicht gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das Geheimnisvolle hat nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den Charme Schon die beliebte Wendung .rätselhafte Frau' spricht dafür; eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Cs heißt immer, ,uble Nach­rede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, fei was Sund- Haftes'. Vielleicht ist das, was uns fo bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen ge­standen, etwas durchschnittsmähig, also langweilig, und weil dem fo ist, setz ich getrost hinzu: .Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.' Freilich für Armgard ist fo was nicht gesagt. Die darf es nicht hören."

Sie hört es aber doch", lachte die Somteffe,und denkt dabei: was es doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für der­gleichen kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser alltägliches Leden interessant. Wenn ich den Rudolf unsers Portier Hartwig unten mit feinem hoop und seinen dünnen langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie."

Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuh.Du bist doch deiner Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus." .

Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt um­gekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnadahüpferl und mal ein Haber- felbtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier er­leben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme."

Nur keine heilige."

Nein", sagte die Baronin,keine heilige. Die Feme war aber auch nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn, bloß wegen dieser Szene. Die Poppe beiläufig vorzüglich. Und der schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich kaum lesen kann. Ich würde mirs aber doch getrauen. Und nun wend ich mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, ich weiß nicht ritterlicher- oder unritterlicherweife, mir ganz allein überlassen haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?"

Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da lesen wie Runenschrift ... nein, nicht wie Runenschrift... (Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig über fein eigenes Hineingeraten ins Skandinavische) was wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch fein Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Ader trotzdem. Auf die Feme kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im Baum."

Brrr", sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz eintrug.

Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte, wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück, weil der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fort­schritten überzeugen wollte.Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu begleiten."

So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhörte, nahm der alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe für folch vierhändiges Spiel Äusdruck zu geben, was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte, daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne. Der alte Graf, wenig befriedigt von dieserKrittikk", war doch andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und mit den Wrscho- witzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche Worte zu ver­wundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer angemessenen Verbeu­gung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch, von der er wußte, daß ihre Munterkeiten nie den Charaktergoldener Rücksichts­losigkeiten" annahmen.

Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehen- geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern itm ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für angezeigt, sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu tun,ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin ein­gelebt habe."

Hab ich", sagte Wrschowitz kurz.

Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?" Au contraire. Berlin eine schöne Stadt, eine ferr gutte Stadt. Eine (err gutte Stadt pour moi en particulier et pour les dtrangers en gönöral. Eine ferr gutte Stadt, weil es hat Mufikk und weil es hat Krittikk."

Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde so viel Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen ist die slawische, besonders die tschechische Welt ..."

D, die tschechische Welt. Vanitas vanitatum."

(Fortsetzung folgt.)