Ausgabe 
12.3.1937
 
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Mas mir gefällt.

Von Theodor Fontane.

Du fragst: Ob mir in dieser Welt Ueberhaupt noch was gefällt? Du fragst es und lächelst spöttisch dabei.

Lieber Freund, mir gefällt noch allerlei: Jedes Frühjahr das erste Tiergartengrün, Oder wenn in Werder die Kirschen blühn, Zu Pfingsten Kalmus und Birkenreiser, Der alte Moltke, der alte Kaiser, Und dann zu Pserd, eine Stunde später. Mit dem gelben Streifen der ,f)alberftäbter'; Kuckucksrufen, im Wald ein Reh, Ein Spaziergang durch die Lästerallee, Paraden, der Schapersche Goethekopf, Und ein Backfisch mit einem Mozartzops."

lieber die Leistungen von Menschenaffen.

Von Dr. Werner Fische!.

Wir entnehmen den folgenden interessanten Bericht über Leistungen von Menschenaffen, insbesondere über die Schim- pansen-Versuche des bekannten Tierpsychologen Professor Wolf­gang Koehler, dem ausgezeichneten, auch für den Laien leicht lesbaren und vielfach anregenden Buche: Tiere mit Gefühl und Verstand. Eine allgemeinverständliche Dar­stellung der Forschungsergebnisse über das Seelenleben der Tiere mit praktischen Versuchsanleitungen. Von Dr. Werner Fischet, Leiter der Forschungsstelle für Tierseelenkunde am Westfälischen Zoologischen Garten zu Münster. Mit 100 Ab­bildungen im Text. Preis in Seinen 3,60 RM. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde.

Auf der Insel Teneriffa haben deutsche Forscher um die Zeit des Weltkrieges eine Forschungsstelle zur Untersuchung von Menschenasfen, vor allem von Schimpansen, besessen. Nach den Vorarbeiten von Roth- mann und Teuber hat Wolfgang Köhler die Forschung dort auf eine außerordentliche Höhe geführt. Seine Beobachtungen haben der gesamten Seelenkunde sehr viele Anregung gebracht, weshalb wir zunächst aus sie näher eingehen wollen.

Köhler hat seine großen Erfolge dadurch erreicht, daß er im Gegensatz zu älteren Forschern seinen Versuchstieren einfache und klar übersehbare Aufgaben stellte, Aufgaben, die noch heute zur Prüfung von Affen unentbehrlich sind, und von denen wir die wichtigsten als wissenschaftliche Versuche einzeln besprechen wollen.

Der erste ist der U m w e g v e r s u ch , den wir bei der Untersuchung verschiedener Wirbeltiere schon kennengelernt haben. Köhler betont, daß jeder Schimpanse ohne weiteres um ein Gitter oder ein anderes Hindernis herumgeht, wenn er jenseits ein Ziel erblickt. Das ist in der Regel eine Banane oder eine Kirsche, die man dorthin gelegt hat, um den Affen zu locken. Wie auch schon früher Hobhouse, berichtete Köhler ferner von einem Umwegversuch mit einem Hund. Es ist ein schwieriger Versuch. Aus einem Fenster wird vor seinen Augen Futter auf den Vorplatz hinausgeworfen. Nach kurzem Zögern wendet sich der Hund zur Tür und läuft über den Flur durch die Haustür ins Freie und findet hier das Futter.

Beim Umwegversuch ist kein wesentlicher Unterschied zwischen Hunden und Schimpansen zwingend nachgewiesen, wenn wir auch heute wissen, daß es einzelne Hunde gibt, die erst nach einigem Hin- und Herlaufen den richtigen Weg finden.

Um so größer scheint der Unterschied zwischen beiden Tierarten nach Köhlers Meinung bei dem Bindfadenversuch zu sein. Dabei befindet sich das Tier in einem Käfig, vor dessen Gitter ein Futterbrocken uner­reichbar fern liegt. An dem Lockmittel ist ein Faden angebunden, der bis in den Käfig hineinreicht. Durch seine Hände hat es der Affe leichter als jegliches andere Tier, das Ziel zu erreichen. Und bei zahlreichen, auch von anderen Forschern neuerdings angestellten Versuchen hat jeglicher Affe ohne weiteres zugegriffen und an der Schnur gezogen, bis das Lockmittel in Reichweite lag.

Der Hund, den Köhler mit derselben Anordnung prüfte, versagte, so daß der Forscher meinte, ein Hund könne unter diesen Umständen ver­hungern, ehe er die Lösung der Aufgabe finde. Indessen habe ich selbst gesehen, wie Hunde in einer einzigen Uebungsstunde wohl darauf verfielen, mit dem Fuße so lange an dem Faden zu scharren, bis das Futter näherkam und mit der Schnauze erfaßt werden konnte.

Im Gegensatz zum Affen bemüht sich aber der Hund zunächst, das Hin­dernis entweder zu beseitigen oder zu umgehen. Also beißt er nt Die Stabe des Gitters, versucht sich hindurchzuzwängen und scharrt, vielleicht instinktiv, vielleicht in der Erinnerung an irgendeinen früheren Erfolg. Liegt nun das Lockmittel nicht allzu fern, und ist der Raum zwischen zwei Gitter- ftäben eng, so wird beim Scharren gewissermaßen zufällig auch die Schnur getroffen, und der Hund merkt und hehält, daß das Futter durch die Scharrbewegung am Faden näherkommt. Hunde können unter günstigen Umständen beim Bindfadenversuch das erfolgreiche Handeln erlernen.

Ist ihnen nun aber der Affe durch mehr als den Besitz von Händen überlegen? Hat er vor vornherein vorhergesehen, daß das Ziehen am Faden die Frucht näherbringen würde?

Letztere Frage brauchen wir vorläufig nicht zu besahen; denn der Affe könnte dem Hunde in noch einer anderen Hinsicht seelisch überlegen sein. Vom Lockmittel werden beide Tiere erregt. Nun wäre es möglich, daß beim Schimpansen die erregende Wirkung des Zieles auch auf benachbarte Wahrnehmungen übergeht. Dann wäre der Faden das Ding, das dem Affen am beachtenswertesten erschiene, so daß er, gewissermaßen auf gut Glück, zieht und Erfolg hat.

Daß diese Erklärung nicht zutrifft, werden uns weitere Versuchs- ergebniffe zeigen. Von dem lehrreichen Vergleich zwischen Affen und Hunden müssen wir erst eine Zeitlang abfehen, weil zwei Versuche zu besprechen sind, die seiner Hände wegen allein ein Affe zu beherrschen vermag. Der erste ist der Startversuch.

Wie beim Bindfadenversuch liegt das Ziel außerhalb der Reichweite des Tieres vor dem Gitter seines Käfigs. In diesem liegt, nahe bei dem Affen, ein einfacher Stock. Seine Aufgahe besteht nun darin, diesen durch die Gitterstäbe hinauszustecken und die Furcht heranzuscharren.

Beim ersten Versuch dieser Art streckt nahezu jeder Schimpanse einen Arm aus dem Käfig heraus, um das Futter unmittelbar zu fassen, was nicht gelingt. Nun ist Enttäuschung die Folge. Ein Schimpanseschiebt beide Lippen, besonders aber die untere, um einige Zentimeter vor, stößt, während er mit bittenden Augen den Beobachter ansieht und die Hand nach ihm ausstreckt, weinerliche Töne aus und wirft sich schließlich ver­zweifelt auf den Rücken" (Köhler). Nach der Beruhigung nimmt nun bas Tier den Stock es ist, als fei ihm plötzlich ein Einfall gekommen steckt ihn durch das Gitter nach außen und schiebt sich damit das Lock­mittel näher.

Der Stock ist also gewissermaßen das Werkzeug, mit dem der Schim­panse sein Ziel zu erreichen sucht. Als er dieses Werkzeug sich aber aus kleineren Stöcken zusammensetzen mußte, fand er die Lösung der Ausgabe auf wesentlich andere Weise.

Das Ziel liegt weit vor dem Käsig und in ihm zwei Rohrstöcke, die so ineinandergesteckt werden können, daß ein längerer Stock entsteht. Obwohl es ihm vorgemacht wird, hat Köhlers begabtester Schimpanse Sultan es zunächst nicht verstanden, sondern mit den Stöcken einzeln versucht, die Frucht zu erreichen. Eine Weile danach spielte er mit den Rohren, während das Lockmittel noch draußen lag. Dabei kam zufällig das Ende des dünnen Rohres neben das dickere zu liegen, und der Schimpanse schob beide ineinander. Als er nun einen gewissermaßen verdoppelten Stock hat, geht der Affe sofort zum Gitter, steckt ihn hindurch und beginnt, die Banane heranzuscharren. Dabei fällt aber der dünnere Stock aus dem dickeren wieder heraus. Indessen steckt der Asse sie sogleich wieder zusammen und benutzt sie nun erfolgreich als Mittel zum Heran- schasfen der Frucht.

Der Unterschied zwischen dem einfachen und dem erschwerten Stock- versuch ist also der, daß ein einfacher Stock nach einigem Zögern ohne weiteres und richtig benutzt wird. Das Zusammenfügen der Stöcke entdeckt der Affe indessen durch Zufall. Was er dabei findet, nutzt er sofort erfolgsgerecht aus.

Das Verhalten der Schimpansen bei dem wichtigen Kistenversuch entspricht im wesentlichen ihrem Handeln beim einfachen Stockversuch. Das Ziel hängt bei jenem unter der Decke des Arbeitsraumes, und in der Nähe steht eine Kiste.

Zunächst bemüht sich nun jeder Schimpanse, bas Ziel im Sprung zu erreichen.Sultan gibt bas jedoch bald auf, geht unruhig im Raume umher bleibt plötzlich vor der Kiste stehen, ergreift sie, tontet sie hastig in gerader Linie auf das Ziel zu, steigt aber schon hinauf, als sie noch

Meter entfernt ist und reißt sofort, mit aller Kraft springend, das Ziel herunter" (Köhler).

Bei weiteren Versuchen hing das Lockmittel so hoch, daß es nur von einem Bau aus mehreren Kisten erreicht werden konnte. Sultan, dessen Leistungen wir hier als Beifpiel anführen, hob auch tatsächlich eine zweite Kiste hoch, als er die erste unter das Ziel geschafft hatte. Es gelang ihm aber nicht, jene auf diese zu setzen. Also folgte ein Wutanfall.

Bei einem weiteren Versuch hat er wieder die zweite Kiste ergriffen, nachdem er vergebens von der ersten aus hochgesprungen war. Die zweite benutzt er aber nur, um seine Verstimmung mit viel Lärm austoben zu können. Dann aber war er plötzlich ruhig und stellte die zweite Kiste steil auf die erste.

Weiterhin hat der Schimpanse auch drei Kisten aufeinander getürmt. Eine Schwierigkeit überwindet ein Schimpanse dabei aber nie, nämlich die Möglichkeit, daß ungenau aufgesetzte Kisten herabfallen können. Darum ist fein Bauwerk durchweg wackelig und stürzt beim Besteigen oft zusammen.

Nun muß mit allem Nachdruck betont werden, daß es nicht angeht zu sagen, der Schimpanse habe kein Verständnis für Gleichgewichtsver- hältnisse, habe keinen Verstand zum Begreifen der Gesetze der Statik oder habe eine nur bas Bauen beherrschendIntelligenz". Selbverständlich müssen wir fragen, warum eigentlich ber Affe nicht imstande ist, ein feftes Bauwerk zu errichten. Eine befriedigende Antwort haben wir aber erft bann, wenn wir wissen, was in der Seele des bauenden Tieres vor sich geht.

Die Leistungen ber Schimpansen lassen sie ohne weiteres allen übrigen Säugetieren überlegen erscheinen. Also muh ihnen irgenbeine bcfonbere seelische Fähigkeit gegeben fein, bie jenen fehlt. Wir nennen sie die Einficht, ein Begriff, den Köhler in bie Seelenkunde eingeführt hat.

Ueber bas Wesen ber Einsicht sinb viele Meinungen geäußert worden, und erst in jüngster Zeit haben neue Versuchsergebnisse also Tatsachen, nicht theoretische Ableitungen offenbart, worin bie Eigenart ber Einsicht besteht. Dabei hilft, wie bei unseren früheren Betrachtungen auch schon, das Vergleichen ber Leistungen verschiedener Tiere zu einer treffenden Beurteilung ihres Verhaltens.