verantwortlich: Dr. Kans Thhriot. — Druck und Beklag: Drühl'iche Univeriitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.
aus von
Abenkphaniasie.
Von Friedrich Hölderlin.
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäftiger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig; warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimel blühet ein Frühling auf; unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leidl — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber; dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich. —
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja, , du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Oer Kriegsgott auf dem Lande.
Von Julius Zerzer.
Bilden wir uns nicht ein, die Menschen der Barockzeit wären Stuck gewesen. Oder aus kaltem Marmor. Wenn auch ein paar ihnen gewürdigt wurden, als idealisierte Skulpturen auf die Nachwelt herabzuschauen. Aber im übrigen waren es eben Menschen aus Fleisch und Blut, und die Großartiakeit ihrer Bilder und Bauten war der Aus- flutz ihrer unerschöpflichen Lebenskraft, die sich in Staatsaktionen und auf dem Kriegstheater, in üppigen Festgelagen und prahlerischen G.ewalt- ritten ebenso offenbarte wie in dem trunkenen Pathos einer leidenschaftlich
erregten Kunst.
Ein solcher Barockmensch, kein unscheinbarer und namenloser, aber doch auch keiner von den Gewaltigen, deren Name einem Jahrhundert Gehalt verleiht war Graf Sigmund von Trautmannsdorf, ein tüchtiger Reiter- general aus altem österreichischem Adel, ein kühner Draufgänger, über und über mit Narben bedeckt. Zuletzt noch diente er unter dem großen Eugen in der Lombardei, freilich weniger ruhmreich, als er es wünschen mochte, denn er war mittlerweile — wie es denn im Ablauf der Zeilen liegt — ein altersgrauer und wohl etwas eigensinniger Mann geworden.
Allein, ob siegreich oder geschlagen, er blieb doch Edelmann und Soldat sein ganzes Leben. Sein sonderliches Gefallen aber galt allen seltsamen, ungewöhnlichen Dingen, allem, was wettert und kracht und Furore macht. Das bewies er nicht zuletzt unter durchaus friedlichen Umständen, die feine kriegerischen Abenteuer zeitweilig unterbrachen, und die ihn wohl zu idyllischer Ruhe hätten verlocken können: nämlich in jenen Wochen und Monaten, da er in ländlicher Abgeschiedenheit auf Schloß Trautenfels hauste, das am Fuße der Grimming im lieblich stillen Ennstal gelegen ist, und das er im Jahre 1684 von einem steirischen Vetter unversehens geerbt hatte.
Ein schönes, erst kürzlich von Grund auf erneuertes Schloß am Ufer der grünen Enns, eine reichliche Anzahl von Dörfern, die ihm untertänig und pflichtig waren, und endlich — daß es an einem guten Trunk nicht fehle _ ein paar Weingärten in Luttenberg: das war denn eine recht erfreuliche Sache, ein unverhofftes Glück für einen unftäten Söldnerführer, der sich bald in Wien, bald in Dresden um ein Kommando bemühen mußte und zwischendurch, wenn gerade unglückseliger Weise Frieden herrschte oder man von seinen Diensten nicht Gebrauch machen wollte, wie ein entlassener Kriegsknecht im Trocknen saß.
So kam es denn, daß unser Graf nicht so bald von feiner Herrschaft Besitz ergriff, als er auch schon daranging, die Feste — denn das Schloß war immerhin von einer leidlichen Mauer umgeben — mit militärischen Blicken zu mustern und alles Nötige vorzusehen. Alles Nötige? Nun, ein Feind war freilich nicht in der Nähe, auch keine feindliche Grenze, noch war zu vermuten, daß es jemals den Türken oder den Franzosen beikommen würde, bis in diese entlegene Einsamkeit vorzudringen. Aber das alles war noch kein genügender Grund um mit der Wehrhaftmachung des Schlosses auch nur einen einzigen Tag zu zögern. War doch — das ersah der Graf auf den ersten Blick — die Oerilichkeit zur Verteidigung wie geschaffen. Auch hatte es fein Vorgänger nicht versäumt, das Dringendste vorzukehren, wiewohl seine Maßnahmen eher den löblichen Willen erraten liehen, als daß sie etwas in militärischem Sinne Einwandfreies geleistet hätten. Immerhin, da gab es ein Zeughaus mit alten Feldschlangen und
Haubitzen, eine Rüstkammer mit verrosteten Rohren und Partisanen mit verstaubten Pulverhörnern und verkrümmten Muskelengaaeln. nut schar- tiqen Haudegen und verbeulten Sturmhauben, mit rußigen Kurasten und zerschlissenen Bandelieren. Besser als nichts. Und ferner, da waren die Bastionen, fünf an der Zahl, die gar beziehungsreiche und trotzige Namen führten: die eine „Friedrichs-Bastei , die andere „Siegreich , die dritte Luginsland", die vierte „Scharfenegg und die fünfte. „Sieh dich für". Jawohl sie sollten sich fürfehen, die es sich einfallen liehen, auf diese Bastionen zum Sturm zu blasen. Zwar, aus den Böschungen wucherte Üppiges Strauchwerk. Zeichen eines lässigen, trägen Vertrauens auf den ewigen Frieden. Nun gut, hier konnte man abholzen. Dann war der Ausblick frei und das Schußfeld leicht zu bestreichen Sodann: den Mauern fehlten die Schießscharten. Sollte man es für möglich halten? Man hatte sie einfach vergessen! Nun, die Scharten würden in wenigen Tagen gebrochen sein, und es war zu wetten, daß bann die Mauer, die letzt viel eher der eines Gartens glich, einen ganz martialischen Anblick gewahren würde.
Bevor es möglich war, alle diese Verbesserungen ins Werk zu setzen, lieh Graf Sigmund doch wenigstens seine Kanonen auf die Basteien schaffen, um sie zum Zeichen, daß er das Kommando über tue Festung ergriffen hatte, feierlich loszubrennen. Ja, das krachte doch frisch und belebend, rollte und dröhnte nach allen Seiten, so daß das Ennstal auf geziemende Weise erfuhr, der neue Gutsherr fei zu Trautenfels e.nge- waen Aber für diesmal war es nur ein bescheidenes Vorspiel. Eigentlich wollte er bloß die Stimme der einzelnen Stucke Horen, damit sie ihm nicht mehr so fremd und stumm gegenüberftünben. So wie ein Mann, der einen vollen Vogelkäfig geerbt hat, den begreiflichen Wunsch empfindet, seine Vöglein zwitschern zu hören.
Dabei galt es, die aus der rühmlosen Menge der Namenlosen herausgehobenen Stücke auf ihre Treffsicherheit zu prüfen. Denn wer einen stattlichen Namen führt, der soll ihm auch Ehre machen. Leider zeigte es sich daß die soeben getauften Stücke in dieser Hinsicht hinter ihren erlauchten Namensschwestern merklich zurückstanden. Man schoß nach dem Ziel und wählte dabei — man soll seine Ansprüche nicht übertreiben — keine allzu große Distanz, etwa fünfhundert bis sechshundert Schritt, auch war die Scheibe von beträchtlichem Ausmaß, da es bekanntlich wenig Klugheit verrät, wenn man mit Kanonen nach Spatzen schießt. Dennoch, trotz dieser günstigen Umstände fiel das Ergebnis recht kläglich aus. Man hätte schon eine ganze Armee zum Gegner haben müssen, um nut solchen Kanonen sein Ziel zu treffen. Da aber dieser Fall bei der Entlegenheit des Schlosses nicht sehr wahrscheinlich war, so verschrieb sich der Graf einen Büchsenmacher aus Graz, damit der empfindliche Mangel alsbald behoben würde.
In den folgenden Tagen und Wochen wurden nunmehr die Kanonen geputzt und gefegt, die Batterien instandgesetzt, das Buschwerk geschlagen, das Zeughaus, damit die Stücke nicht auf der bloßen Erde stehen mußten, mit Brettern belegt, Lunten und Pulver beschafft, das Pulver in kleine Fäßchen verteilt, — was bei einer Beschießung von Vorteil war, da so nicht alles auf einmal in die Luft fliegen konnte, — ja, der Graf verfaßte eme gründliche Instruktion zur Defenbierung des Schlosses und legte sie zu Händen des Pflegers, kurz, alles Erdenkliche ward gewissenhaft vorgekehrt, um die Festung für jeden möglichen Kriegsfall bereitzuhalten.
Graf Sigmund, der in Dresden vom Geschützwefen etwas gelernt und • gesehen hatte, sich auch darauf verstand, Raketen und Leuchtkugeln, Feuerballen, Trauben und Korbhagel herzustellen, hatte Zeughaus und Rüstkammer verschwenderisch ausgestattet. Nicht nur im Schlosse selbst ging es kriegerisch her, sondern auch die ganze Umgebung, das ganze lange Ennstal bis hinunter zu den Adrnonter Bergen, bekam von diesen Vorbereitungen etwas zu hören oder wohl gar ein schauerliches Schauspiel zu sehen. Denn wenn bei Tage die Haubitzen und Falconen ihre rauhe Stimme ertönen ließen und die Handgranaten dazwischen krachten, so stiegen nächtlicherweile die Raketen und Feuerkugeln zum Himmel, ober es schwärmten bie Feuerpfeile.
Nun ist das Ennstal, wie wir schon sagten, gar still und verschwiegen in seine Berge hineingebettet. Begreiflich daher, daß der feit Menschen- gedenken nicht mehr gehörte Kanonendonner und der nächtliche Feuerregen das idyllische Dasein friedlicher Bürger und verlassen hausender Bauern gewaltig erschütterte. Es war wie im Märchen von Dornröschen. Ein hundertjähriger Schlaf war gestört, ein jähes Erwachen schreckte Menschen und Tiere auf. Allein es war nicht der scheue Kuß des durch die Dornenhecke gedrungenen Prinzen, der den erstaunlichen Wandel bewirkte. Der kriegerische Tumult des Grasen riß mit rauher Soldatenfaust die Stille entzwei. Und die Leute bekreuzten sich, wenn plötzlich die Stimme des Donners die wackligen Fensterladen erzittern ließ. Sanft aber mag es wohl fein, daß hier wie dort die eingefdjlafenen Tauben zu kreisen begannen, daß die Hunde in die Höhe fuhren und ein Gekläff erhoben, daß die Pferde sich rüttelten und mit den Hufen stampften, baß vielleicht eine Ohrfeige, bie gerabe im Zuge war, mit um so kräftigerem Schwünge ihr Ziel erreichte.
In ber heiligen Christnacht geschah es, ba ließ ber Graf, ber mittler- weile feine Festung in jeher Hinsicht bewaffnet hatte, ben Auswanb feiner kriegerifchen Mittel zur höheren Ehre Gottes sich voll entfalten: brei Dutzend Raketen fliegen in bie geweihte Nacht, so daß ihr Schein fast bis hinüber nach ben zerklüfteten Felsenmauern bes Grimming reichte. Und zur Feier der Mette dröhnte eine dreifache Salve aus allen Stücken. Weiß nicht, ob sie die Bürger und Bauern vom Frieden auf Erden besonders eindringlich überzeugte. Der Graf auf alle Fälle war mit der Wirkung zufrieden. Er stellte sich den Engelsgesang nicht viel anders und gewiß nicht viel schöner vor. Mit dem Lächeln eines siegreichen Feldherrn auf seinem narbigem Antlitz, das von der kalten Schneenacht gerötet war, trat er munter unter die guten Leute, die sich nach der Mette am Aus- I gang der Schloßkapelle züsammenfanden: „Nun, hat's gekracht?"


