Ausgabe 
12.3.1937
 
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3 bewahre, Vater. Robinson, den kenn ich. Robinson hat nen Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon lange dod."

15. Kapitel.

Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem Eierhäuschen zurückaekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. Cs entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr gegenüber­stehenden Ulme wies, drausWiener Würstel" und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige WortLöwenbräu" stand. In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich ver­sichernd,daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke." Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um den Sonnen­untergang besser beobachten zu können;der sei freilich in Berlin ebenso gut wie wo anders." Die Baronin hielt aber aus und rührte sich nicht. Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter."

Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da. Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot aus den Kajüten­fenstern hervorglühte. Dabei wurde es kühl, und die Damen wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel.

Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich etwas planende Waldemar nach kurzem Auf- und Abschreiten an das in der Nähe befindliche Büfett heran, um da zur Herstellung einer besseren Jnnentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel ausklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte:Lieber Stechlin, ich beglückwünsche Sie, Das war eine große Idee."

Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, sonst haben wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurück müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, wo solche Heilmittel, glaub ich, fehlen, sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben."

Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen", unterbrach Melusine. Schwedischer Punsch, für den ich ein liking habe. Wie für Schweden' überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen."

Am liebsten ohne alles Maß", sagte Woldemar,so skandinavisch bin ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst Meistbegünstigten' unter den Nationen immer noch vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre Spezial­gebiete. Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen, von denen man sagen muß, daß sie gut zusammenpassen. Dann kamen die ,Säkerhets Tändstickors', und nun haben wir den schwedischen Punsch, den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl, meine Damen."

Und das Ihre", sagte Melusine,denn Sie sind doch der Schöpfer dieses glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die Schweden haben noch eins oder hatten es wenigstens. Und das war die schwedische Nachtigall."

Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit."

Ich müßte", lachte die Gräfin,vielleicht auch sagen: es fällt vor meine Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen, die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische Nachtigall. Und überhaupt unter anderm Namen."

Ja, ich erinnere mich", sagte Woldemar,sie hatte sich verheiratet. Wie hieß sie doch?"

Goldschmidt, ein Name, den man schon um .Goldschmieds Töchter­lein' willen gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran."

Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten sie noch per­sönlich gekannt?"

Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn auch nicht St öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichem Salon. Diese Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich war noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die :Bi!In hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind be­obachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn man Eindruck macht, das behält man. Und nun gar mit vierzehn!"

Die Lind", warf die Baronin prosaisch ein,soll ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein."

Ich hätte das Gegenteil vermutet", bemerkte Woldemar.

Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?"

Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie. Aber lange, bevor ich es da sah, könnt ich es schon en miniature, und Zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen Aqua­relle. Diese Kopie hängt über feinem Sofa, dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas sonderbare Zusammen­stellung."

Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!" sagte Melusine.Wissen Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah gleich­stelle? Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem .Ruppiner Winkel', wie Sie selbst beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor dazu?"

Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen zu ver­schaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die Dinge meist jo. Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen liegt; aus Be­geisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas sehr Schönes, daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schönste."

Das will ich meinen", sagte die Gräfin.Und ich dank es Ihnen, lieber Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?"

Ja, mein Lehrer und Erzieher?" Zugleich mein Freund und Berater.

Der, den ich über alles liebe."

Gehen Sie darin nicht zu weit?" lachte Melusine.

Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich hätte dessen eingedenk fein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt: ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil er reinen Herzens ist."

Reinen Herzens", sagte Melusine.Das ist viel. Und Sie sind dessen sicher?"

Ganz sicher."

Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem mifogenen Prinzen wissen lassen. Und während Sie den in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit feinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich ordentlich. Wie tarn Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen Er­zieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten."

Armgard und die Baronin nickten.

Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu hören", fuhr Melusine fort.Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben, sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt. Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch. Alsa beginnen."

Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist spät dazu, denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer. Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens Lorenzen ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick der Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie ... der Dampfer läutet schon ... wir müssen eilen. Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!"

Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegefjabten Plätze sofort wieder einnahmen. Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Burgspriet eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von beiden Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte man das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still, daß die Damen ihr Gespräch unterbrachen.Armgard, du bist so schweigsam", sagte Melusine, finden Sie nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn Worte gesprochen."

Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen kleidet es zu sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger."

Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen."

Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich «s nicht. Wer könnt es wünschen?"

Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite Lücken aufwies, in tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da, wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.

Wie schön", sagte Melusine.Das ist mehr, als wir erwarten durften; Ende gut, alles gut, nun haben wir auch noch ein Feuer­werk. Wo mag es sein? Welche Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülfen. Ist es Friedrichsfelde?"

Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich. Fried­richsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke sozu­sagen auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im un­

gewissen und freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt es erst eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin gesehen haben, das

war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit ab,

sonst würden wir das Knattern hören und die Kanonenschläge. Wahr­scheinlich ist es Sedan oder Düppel ober der Uebergang nach Alsen. Uebrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden."

Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben und ihr Vermögen hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wären nun freilich nicht mein Geschmack! Aber Feuerwerk!"

3a, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit zu tun haben, über kurz ober lang in die Lust fliegen."

(Fortsetzung folgt.)