GietzenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1937
Zreitag, den 12. März
Nummer 20
Der SieOtin
Vornan von Theodor Fontane
14. Fortsetzung.
„Das is ja Hartwigs Rudolf", sagte Frau Imme. „Ja, der Junge hat viel Schick. Und wie er da mit dem Reifen spielt, und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt — ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist —, da können Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel. Aber das muh wahr fein, es ist ein reizender Junge."
Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme, fkat- durstiq, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen. Hartwig, weil nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen und brachte ledes- mal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig sein, war immer sehr auber gekleidet und von heiter-übermütigem Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich, daß sie mal wieder außer ^'?,Mun°?das ist recht, Hedwig, daß du kommst", sagte Frau Imme. „Rudolfen hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben wärst, denn ich habe dich ja mit ihm spielen sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na wenn er kommt, er soll's haben; Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streujel ungeheuer gern mag. Ader so sind die Engländer, sie sind nicht so zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte bleibt übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder da bist. Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar mcht ordentlich gesehen. Es war ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch gute. Wie war er denn?"
"Deine' krausen H^aare werden wohl wieder schuld sein. Die können manche nicht vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann 15 °,Nein^so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. Beinahe r /i
„Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer zu anftcmöig^fem.^mme 5Benn einen einer gar nicht ansieht, das ist einem ""^Ach^ Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich nich wüßte, daß" du 'gar nich so bist ... Ader was war es denn?" .
„Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder dasselbe. Die Herrschaften können einen nicht richtig un^r- bringen. Oder wollen auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, rote manche hier sagen, die Schlafgelegenheit."
„Aber, Kind, wie denn?" Du mußt doch ne Gelegenheit zum Schlafen ^^Geroiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher is ne Gelegenheit. Aber gerade die, die hat man nid). Man ist müde zum Umfallen und kann doch nich schlafen."
',Äa/Frau^Jmme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute Herrschaften waren, und mit Lizzr js es jetzt wieder ebenso Die hat es auch gut un is, wie wenn sie mit dazu S^rte- Meine Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal hab ich es auch fo gut getroffen. Aber bloß das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit."
JS?“ lachen? darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, daß Sie lachen. Glauben Sie mir, es is eigentlich Zum Weinen. Und mitunter hab ich auch schon gemeint. Als ich nach Berlin kam, da gab es >a noch die Hängeböden." , , , , .... „
„Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.
„Ja, wenn man davon gehört hat, das is md) viel. Man muß sie richtig kennenlernen. Immer sind sie in der Küche, mitunter dicht an Herd oder auch gerade gegenüber. Und nun steigt man auf eine ß er, und wenn man müde is, kann man auch ^"kersallen Ab r
geht es. Und nun macht man die Tur auf und schiebt sich ?
hinein, ganz so wie in einen Backofen. Das ts, was sie ne Schlas-
gelegenheit nennen. Und ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is es besser, auch wenn Mäuse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer. Draußen sind dreißig Grad, und aus dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob man auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin tarn. Aber ich glaube, sie dürfen jetzt so was nicht mehr bauen. Polizeiverbot. Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die Polizei nich hätten (und sie find auch immer so artig gegen einen), so hätten wir gar nichts. Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle, daß man nicht schlafen kann, der sagt auch immer: Kenn ich; der Bourgeois tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die Menschheit tut, der muß abgeschafft werden'."
„Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nun zuletzt warst, auch so?"
„Nein, bei Hofrats war es nicht so. Die wohnten ja auch in einem ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt die neuen Häuser sind, da kommen, glaub ich, die Hängeböden gar nich mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben."
„Nu, das is aber doch ein Fortschritt."
„Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt oder, rote Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat meistens folche Wörter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt."
„Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt haben?"
„I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie sich hüten. Aber ... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen, Sie wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet waren, und nu haben Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung, und daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und all feine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das edle Pferd. Und außerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie alles is, und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei Hosrats ... Nein, diese Badestube!"
„Gott, Hedwig", sagte Frau Imme, „du tust ja, wie wenn es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre."
„Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was ausbaldowert, aber davon merkt man nichts."
„Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar, daß du dich ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch am Ende baden können." m ,
„Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie ne Badestube. Wenigstens hier nich. Eine Badestube is ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle alten. Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus. Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tür Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte: .Hedwig, du wirst noch Iesum Christum erkennen lernen/ Und ich muß sagen, das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie weiter nich."
Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß draußen die Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte, daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter müsse weg.
„Na", sagte Frau Imme, „dann komm nur, Rudolf, un iß erst ein Stück Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater."
Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn in das Nebenzimmer, wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skat- tijd) saßen. Ein großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.
Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: „Das ist ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf dem Hofe gesehen habe mit seinem hopp; — nice boy." „ , , .
„Ja", sagte Imme, „das ist unferm Freund Hartwig |emer. Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: „Na, Rudolf, was gibt’s? Du willst mich holen. Du sollst aber auch noch ne Freude haben. Guck dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht. Das is Robinson."
„Haha." , .. ,
' „Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das is Robinson?"


