Ausgabe 
12.2.1937
 
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Versunkene Stadt.

Bon Josef Weinheber, war einmal ...

Nachts, wenn die Sterne in den Abgrund tropfen Und weißer Mond im dunklen Spiegel badet. Ruft aus der Tiefe Lied verfunkner Glocken Tote zum Gebet.

Die gläsernen Ringe ziehn

Und branden an die brunnenrunden Felsen. Es ist wie ferner, feiner, süßer Herzschlag Der Geliebten.

Die Flut wird wach, um Turm und Giebel gleiten Silberne Fische.

Hoch oben an dem Rand der hellen Erde Löst sich ein Stein und fällt und fällt und findet Niemals Grund.

Dann sinkt der Mond, ertrinkt.

Das schwarze Meer lauert.

lieber den Abgrund beugt ein früher Wandrer

Fahl sein Haupt.

OReife auf Elefantenrücken.

Von Dr. Hugo Adolf Bernatzik.

Es klirren schwere eiserne Ketten an den Füßen der Sträflinge, die unser Gepäck aus dem Raschaus eines südsiamesischen Dorfes tragen. Draußen stehen unsere Elefanten, geduldig ergeben in ihr Schicksal, sich dem Willen der Mahout zu beugen. Spitze Eisenhaken in den Händen, mit denen sie ihre Befehle mehr oder weniger zart anzudeuten pflegen, sitzen diese auf dem breiten Hals der Tiere. Auf den hohen Rücken der grauen Riesen ruhen auf einer Unterlage von Bastdecken die korbartig geflochtenen Tragsättel. Sie werden von zwei Rotangstricken gehalten, die um den Hals und unter dem Schwanz der Tiere geschlungen sind. Auf einen Ruf der Mahout legen sich die Elefanten nieder und werden von den Sträflingen mit unseren Kisten, Blechkoffern und Zeltballen beladen. Emen der Sättel, der durch ein hohes Korbdach vor Regen und Sonne einigermaßen geschützt ist, besteigen meine Frau und ich, und langsam setzt stch unsere Karawane in Bewegung.

Die Reise geht nach Süden, entlang der spärlich besiedelten Westküste der Halbinsel Siam, deren unwegsame Sümpfe und dichte Urwälder auf keine andere Weise durchquert werden können. Mit langsamen, bedächtigen Schritten durchwandern unsere Elefanten, einer hinter dem andern, ein von vielen Wasserläufen und breiten ausgetrockneten Flußbetten durch­zogenes Tal, in welchem riesige Baggermaschinen Zinnerz zutage fördern. Auf Schmalspurbahnen, Tragelefanten und Booten wird das gewonnene Material befördert und den Schmelzöfen zugesührt. Kleine, schmutzige Siedlungen, erst vor wenigen Jahren entstanden, beherbergen eine bunt gemischte asiatische Bevölkerung, die die Berdienstmöglichkeiten in der Nähe der Tagbaue anzog.

Bald jedoch liegen diese Orte der Zivilisation hinter uns, und ekne bergige Graslandschaft breitet sich vor uns aus. Gewaltige Büffelherden weiden geruhsam inmitten des saftigen Grüns. Mit erhobenem Haupte, den Aeser witterungsuchend in der Luft, sehen die mächtigen, grauschwarzen Tiere unseren Elefanten nach. Sonne liegt über der weiten Landschaft und über den hohen dichtbewaldeten Bergen, die in der Ferne das hügelige Tal begrenzen. Die fremde Welt, die da vor uns liegt, erinnert an die Üeblichen Bergtäler unserer Heimat und dünkt uns deshalb doppelt schön. Wir freuen uns über unser Wetterglück, denn fast 14 Tage lang hatten wir die Sone nicht gesehen. Tag und Nacht stürzten tropische Regengüsse vom Himmel herab und hüllten die dampfende Erde in undurchdringliches Grau. Nun ist uns eine kurze Unterbrechung der Regenzeit beschieden, und die sonnige Welt erscheint uns wie ein Wunder.

Eine liebliche Parklandschaft lockt zum Wandern. Wir steigen ab, um Misere steifgewordenen Glieder zu rühren und schreiten einige Stunden neben unseren Elefanten dahin. Trotz der feuchten Hitze haben wir die Empfindung, daß das Reisen auf Schusters Rappen doch das Schönste istl Bald aber geht es bergauf, bergab, durch dichtes, dorniges Gestrüpp, düsteren Urwald, schwarzglänzende Wassertümpel, in denen Blutegel und Wasserschlangen hausen, dann wieder dukch mannshohes, scharfkantiges Alcmgras. Im schlammigen Grund heißt es mühsam vorwärts stapfen, und immer wieder müssen wir Bäche und Flüsse durchqueren. Gern nehmen wir dann wieder Zuflucht zu dem harten, schwankenden Sattel unseres bravenBiau", so heißt unser mächtiger, alter Elefantenbulle. Er hat große, geschwungene Stoßzahne, einen starken Rüssel und regel­mäßige. dicke Säulen. Seine kraftvolle, vorsintflutliche Erscheinung steht kn merkwürdigem Widerspruch zu der sanften Gutmütigkeit und dem treu­herzigen Blick seiner kleinen, langbewimperten Augen. Im Banne dieses Blicks fühlt man sich unterlegen. Eine weise Verzichtstimmung liegt darin, einBeiserwissen", eine selbstbewußte Ruhe und zurückgehaltene Kraft, die es verständlich erscheinen läßt, daß sich die Menschen seit jeher der Weisheit" des Elefanten beugen, und die Siamesen ihn heute noch als heiliges Tier betrachten, das sie aus religiösen Gründen als einziges der vielgestaltigen Fauna ihres Landes schützen. Wenn es blinzelnd auf uns kleine Menschen herabblickt, kommt man sich wie ausgelacht vor.

Wohl ist er bereit, uns zu dienen, im übrigen aber setzt er seinen Willen immer durch. Reicht ihm auch das Wasser der rauschenden Ströme bis über den Bauch, er bleibt ruhig darin stehen, solange es ihn freut, mit dem Rüssel seinen Körver zu bespritzen. Erblickt er neben dem Pfad einen Bambussproß, seine Lieblingsspeise, so kann ihn nichts in der Welt

davon abhalten, stehen zu bleiben, sich mit dem langen Greiffinger seines Rüssels die Delikatesse zu holen und gut schmecken zu lassen. Er reißt Blattpflanzen und Büsche aus und verspeist die dicken, meterlangen Wurzeln, als ob es Nudeln wären. Auch ganze Bäume liebt er so unter­wegs zu entwurzeln, in seinem Rüssel mitzutragen und damit zu spielen. Wenn ihn die zudringlichen Bremsen, die erstaunlicherweise imstande sind, sein Blut durch die dicke, runzelige Haut zu saugen, ober andere freche Insekten belästigen, bricht er sich besonnen einen belaubten Ast, um die Quälgeister damit zu verjagen, ober er ergreift einen Holzprügel und kratzt sich damit voll Behagen die juckende Haut. Was liegt ihm daran, wenn der ungeduldige Mahout wild auf seine harte Stirn hämmert, Hals und Flanken peitscht ober mit ber Spitze seines Dha, bes großen Dschungelmessers, in bie zarte Haut hinter ben Ohren sticht, baß das Blut im Bogen herausspritzt? Drohenb hebt er wohl ben Rüssel, läßt ein wütenbes Brüllen ertönen, schreitet aber erst weiter, bis er seine Absicht ausgeführt hat. Wenn aber ber Mahout bie sinnlose Tierquälerei fortsetzt unb in bie blutenben Wunben eine beißenbe Paste aus Betelpfeffer und Kalk einreibt, dann fährt er fauchenb auf unb schlägt bröhnenb mit bem Rüssel auf bie Erbe, als wolle er bem Zwerg im Nacken seine letzte Warnung erteilen.

Diese schon zur Gewohnheit geworbene Behanblung ber braven Tiere ist reichlich überflüssig, benn keines der verschiedensten Trag- und Reittiere, die ich bisher auf meinen Reisen benützte, verursachte so wenig Ülerger und war so zuverlässig wie gerade der Elefant. Gibt es doch kein Hindernis, das er nicht leicht und gern bewältigt. Wie er klettert, vorsichtig steile Rinnen hinabrutscht, erst behutsam mit dem Rüssel die Entfernung abtastet, bevor er einen Graben übersetzt, wie er die Tragfähigkeit eines van Wasser bedeckten Grundes prüft, mit Rüssel und Stvßzähnen Hinder­nisse aus dem Wege räumt, mit lautem Krach Bäume umstößt, das mutz man gesehen haben, um sich eine Darstellung von der bewunderns­werten Vorsicht unb ber Sicherheit zu machen, mit ber ber Elefant Menschen unb Lasten burch pfablose Wilbnis trägt.

Sehen wir von ber Höhe unseres Sattels ben steilen Abhang hinab, ber in ein tiefes Bachbett führt, erscheint es uns rätselhaft, wie sich bas schwere Tier mit ber gewaltigen Breite seines Körpers burch ben oft kaum 50 Zentimeter schmalen, steilen Pfab hinabzwängen kann. In erwartungs­voller Spannung klammern wir uns an ben Ranb bes Sattels, bet bei solchen Uebergängen eine fast senkrechte Lage einzunehmen pflegt. Ganz langsam setzt Biau eine Säule vor bie anbere, Büsche und Bäume splittern wie Glas, spielend greift der Rüssel selbst in dieser Lage nach einer wilden Frucht und schon sind wir drüben.

*

Rasch senkt sich die Nacht über die Landschaft. Die Elefanten schreiten kreuz und quer durch Wiesen und Buschwald. Die Mahout haben den Pfad verloren, doch nach einigen ungemütlichen Stunden stoßen wir auf ein kleines Dorf, in dem wir nächtigen wollen. Wir haben zwar keine Lust, für eine kurze Nacht unser Zelt aufzuschlagen, als uns aber ein verwahr­loster, insektenumfchwirrter Schweinestall als Unterschlupf angeboten wird, lassen wir dennoch unser Gepäck auf einer kleinen monbbefdjienenen Wiese ablaben, um bork enblich bie ersehnte Ruhe zu finben. Dies läßt jeboch bie angeborene Gastfreunbschast ber Siamesen nicht zu, unb ein Mann stellt uns seine eben erst erbaute Tischlerwerkstatt zur Verfügung. In­mitten von Sägespänen, Brettern unb bem wohligen Duft nach frischem Kampferholz richten wir uns rasch ein unb sinb froh, vor bem brahenben Regen burch ein Wellblechbach geschützt zu sein.

Doch Ruhe ist UPS noch lange nicht beschieben. Hinter bem Bretter­verschlag, der uns von unseren Leuten trennt, werden erregte Stimmen laut. Die Elefantentreiber rebellieren! Unser Reis sei schlecht, die Lasten zu schwer und dergleichen mehr. Ich versuche sie zu beruhigen, doch ver­gebens. Schließlich erklären sie, nicht mehr weiter zu wollen, sondern ohne uns zurückzukehren, wenn wir ihnen nicht das Doppelte der Summe bezahlen, die wir vorher vereinbart haben. Ein Crpressungsversuch, wie ich ihn überall erlebt habe, In Afrika, In der Südsee, in Albanien oder Lappland, sobald ich von den halbzivilisierten Eingeborenen abhängig war.

Auf das Geschrei hin kommen auch bie Dorfbewohner von allen Seiten herbei. Hagere, zerfetzte Gestalten mit mongolischen Gesichtszügen drängen sich heran, blecken die schwarzgefärbten Zähne und spucken roten Betel­priem um sich. Sie erwarten zweifellos ein interessantes Schauspiel.

Während meine Frau ihre Empörung über das Vorgehen der Mahout nur schwer unterdrücken kann, lasse ich mich nicht aus der nötigen Ruhe bringen, bie allein in solchen Lagen Einbruck macht. Freunblich lächelnd lasse ich ihnen mitteilen, baß sie nicht einen Satang mehr erhalten würben, als wir vereinbart hätten. Falls sie ohne uns zurückkehren wollten, könne ich es nicht hinbern. Wir würben unser Zelt aufschlagen unb, ba wir Lebensmittel für einen Monat mit uns führen, Hilfe abwarten. Sie müßten übrigens wissen, was sie in biefem Falle von feiten ber Behorben zu erwarten hätten. Ich bächte auch nicht baran, sie für bie bisher ge-. leisteten Dienste zu entschäbigen. Dies fei alles, was ich zu sagen hätte, unb nun wünschte ich zu schlafen.

Finster blickenb, boch ohne ein Wort ber Erwiberung ziehen sich die Mahout zurück und halten ein Palaver mit ben Dorfbewohnern.

Uns aber läßt bie Ungewißheit unserer Lage und bie Unruhe unserer Mitbewohner nur einen leichten unerquicklichen Schlaf finben, aus bem uns von Zeit zu Zeit bie Besuche von Hunben, Katzen unb Schweinen auf« schrecken. Erleichtert begrüßen wir ben ersten Lichtstrahl ber Morgen- bämmerung. Unb siehe ba: bie Mahout haben sich besonnen unb sind schon vor Morgengrauen aufgebrochen, um die Elefanten einzufangen, die sie abends, vom Sattel befreit, zur nächtlichen Aesung freigetaffen haben. Obzwar ben Tieren bie Beine zusammengebunben würben, legten sie bennoch eine weite Strecke zurück, unb obwohl schwere Holzschellen ihre Anwesenheit verraten sollten, waren sie schwer einzufangen, ffrft um 10 Uhr morgens sinb bie gesattelten Elefanten unb bie grottenben Mahout zur Weiterreise bereit.

«eraniwortlich- Dr. Hans Thhriot. Druck unb Verlag: Vrühl'sche Universitäts.Vuch» unb Steinbruderei, R. Lange, Gieße».