Ausgabe 
12.2.1937
 
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Meine Gräber.

Von Theodor Fontane.

Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut, Meine Gräber liegen weit zerstreut, Weit zerstreut über Stadt und Land, Aber all in märkischem Sand.

Verfallene Hügel, die Schwalben ziehn, Vorüber schlängelt sich der Rhin, lieber weiße Steine, zerbröckelt all. Blickt der alte Ruppiner Wall, Die Buchen stehen, die Eichen rauschen. Die Gräberbüsche Zwiesprach tauschen Und Haferseiber weit auf und ab, Da ist meiner Mutter Grab.

Und ein anderer Platz, dem verbunden ich blru Berglehnen, die Oder fließt dran hin, Zieht vorüber in trägem Lauf, Gelbe Mummeln schwimmen darauf.

Am Ufer Werft und Schilf und Rohr, Und am Abhange schimmern Kreuze hervor, Auf eins fällt Heller Sonnenschein. Da hat mein Vater feinen Stein.

Der dritte, seines Todes froh, Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau, Dächer von Ziegel, Dächer von Schiefer, Dann und wann eine Krüppelkiefer, Ein stiller Graben die Wasserscheide, Birken hier, und da eine Weide, Zuletzt eine Pappel am Horizont, Jrn Abendstrahle sie sich sonnt.

Auf den Gräbern Blumen und Aschenkrüge, Vorüber in Ferne rasseln die Züge, Still bleibt das Grab und der Schläfer drin, Der Wind, der Wind geht drüber hin.

Vier kleine Hufeisen.

Von Gunnar Gunnarsson.

... Raudur (Rot-Tier) denn nach vielem Kopfzerbrechen habe ich mein Füllen nach dieser unglückseligen Farbe, die wir gemeinsam haben, benannt will nicht das geringste mit mir zu tun haben, anerkennt auf keine Weise mein sonnenklares Besitzrecht, sondern beginnt zu laufen und auszuschlagen, sobald ich mich ihm nähere. Ich halte ihm aus der Ferne lange Ermahnungsreden, aber was hilft das? Schließlich beklage ich mich bei meinem Vater, aber er antwortet mir nur gefühllos:

Mit der Zeit werdet ihr fchon Freunde werden, du wirst sehen! Man soll sich nicht mit Füllen einlassen."

Ich verstehe nicht, warum wir nicht ebensogut gleich Freunde werden können, oder was es schaden könnte, wenn ich mich ein bißchen mit ihm einlasse". Es könnte so glänzend in meinem Winkel grasen, während ich spielte wir könnten es so gemütlich zusammen haben, wenn es nur ein bißchen Vernunft annehmen wollte. Im übrigen soll es aber nicht für seinen Unverstand büßen, es ist doch nur ein Tier, und daher nicht klüger! Als ich eines Tages Schmied Bjarni dabei treffe, wie er Feuer in der Esse macht, bestelle ich großzügig vier Hufeisen für Raudur.

Rein, sieh mal vier Hufeisen", antwortet Schmied Bjarni, der mit der einen Hand den Blasebalg bedient und mit der andern Kohle und 'Schlacken zusammenscharrt.Sollte Raudur wirklich nicht mit weniger auskommen können?"

Er hat doch vier Beine", erkläre ich sachlich.

Vier Beine", wiederholt Bjarni nachdenklich und hämmert auf das gröbste Ende seiner Eisenstange los, daß die Funken die kleine Schmiede füllen.Vier Beine?" ... Das ist richtig, das ist unwiderlegbar! ... Hätte er nur eines mehr oder weniger was täten wir dann mit ihm? Das Fell könnte man vielleicht gebrauchen aber ich weiß nicht ... mich könnte jedenfalls niemand dazu bringen, Schuhe aus der Haut einer Mißgeburt an meinen ehrlichen Füßen zu tragen! .. - Nee, siehst du vier Beine, die soll ein Tier haben das ist die Taxe ... Ich rede nicht von Federvieh ich rede nicht von Fischen und Tausendfüßlern ... ich rede nicht von Ungeheuern und Wundern ich rede von Tieren! ... Wir Menschen, siehst du, wir haben zwei Beine, und was sollten wir wohl mit mehr? ... Warum ein Hahn mehr als eines hat, danach mußt du einen andern und Klügeren als mich fragen aber, wie gesagt Pferde das Tier hat vier Beine das ist die Taxe! ... aber wenn auch dein Raudur vier Beine hat, so ist damit nicht gesagt, daß er vier Hufeisen braucht! .. Kannst du die Nuß knacken?" ,

Nein", gestehe ick, aufrichtig und nicht wenig gespannt, rote Biarm etwas so Sinnloses erklären will. ,. . , .. ,

Nein sieh mal, mein altes, schlaffes Auge sieht doch weiter als ein junges fdjarfes nimm dir das zu Herzen!" kichert Bjarni, laßt das fertige Eisen in ein wenig Wasser plumpsen, das es gereizt fauchend umschließt, ergreift die eiserne Stange und begibt sich ro^ber yu Esse und Blasebalg! Was weißt du, wenn es daraus ankommt? Nichts! Was weiß ich? Alles! ... Nicht, daß ich in deinem Alter nicht auch dumm gewesen wäre und geglaubt hätte, daß ein Füllen vier Eisen haben müßte! Ach Gott man wird doch etwas klüger mit den fahren! .._ Ganz gewiß nur die wenigsten werden je so klug und tüchtig, daß sie Hufeisen machen können, aber die meisten lernen doch, wenn ste zu Jahren kommen, mit der Zeit auf eigene Faust berechnen, jme viele Eisen zu einem Pferd gehören und wie viele zu einem Fullen.

Wie viele gehören denn dazu, guter Bjarni?" erkundigte ich Mich demütig.

Wie viele dazu gehören?" wiederholt Bjarni und wirst mir ehtefl nachdenklichen Blick zu:Das kommt wahrhaftig darauf an ja wahr­haftig."

Ich meine, wie viele ich haben soll?" frage ich geduldig.

Schmied Bjarni reiht die Augen auf und zieht das lange verbeulte Gesicht nach oben und unten, bis es so lang wie das eines Pferdes ist, und ruft endlich bestürzt:

Du? ... Bist du denn ein Pferd? ... Willst du Hufeisen haben?" Du weiht doch gut, daß ich sie für Raudur brauche", antworte ich verletzt.

Ach so für Raudur nein, sieh mal?" fragt Bjarni ernst.Die abgelegten von Skjoni passen wohl nicht nein, das tun sie wohl nicht? Für Raudur, sagst du? ... Wieviel Eisen brauchst du denn für Raudur?"

3a", seufzte ich hoffnungslos.

Das will ich dir sagen", antwortet Bjarni und überlegt das Problem genau.Für Raudur brauchst du laß mal sehen ebensoviel Hufeisen wie du hast. Das ist die Taxe, das geht gerade auf."

Ich habe ja keines, guter Bjarni, erklärte ich mit erkämpfter Geduld.

So, nicht? ... Du hast wirklich keines. Nein, steh mal!" antwortet Bjarni und kratzt sich den Kopf.Aber das ist ja geradefoviel, wie du brauchst, nicht wahr?"

Was heißt das?" frage ich verständnislos:Wieviel brauche ich? Sag es mir nun."

Keines", platzt Bjarni heraus und hämmert wie rasend darauf los. Seines! ... Das kann nicht billiger fein das ist die Taxe!"

Ich stehe vernichtet da und glotze Bjarni nur an. Ich weih weder ein noch aus derartig hat er mich verwirrt. Ich vermag die Augen nicht vor den springenden Funken zu schließen, und die betäubenden Hammer­schläge treffen meine offenen Ohren. Erst als es wieder von glühendem Eisen im Wasser sprüht, drehe ich den Kopf, kann aber kaum den Eimer gewahren, da meine Augen von Tränen geblendet sind. Wenn Bjarni mir so antwortet, ohne mit einer ordentlichen Erklärung zu schließen, muß es sein, weil er mich nicht leiden mag. Und wir sind doch immer so gute Freunde gewesen. Was habe ich vorhin nur getan? Wo soll ich nun Eisen für Raudur hernehmen?

Plötzlich fühle ich, wie Schmied Bjarnis schwere, griffsichere Hand um meinen Kopf faßt.

Was ist denn nun?" fragt er, blinzelt mich komisch ermutigend an und schnalzt mit der Zunge:Schmilzt du bei Tauwetter? ... Ist der alte Bjarni ein so schlimmer Mann, daß er Kinder zum Weinen bringt? .. Wollen wir ihm mit dem Vorschlaghammer eines auf den Kops geben und sehen, ob er Funken schlägt? Nicht? Nun, dann lasten wir es! Du hast etwas van Eisen für Raudux gesagt? Vier sollst du haben eines für jedes Bein ... Denn doppelt beschlagen soll er wohl nicht werden?"

Doppelt beschlagen?" frage ich,was ist das, guter Bjarni?"

Ja, wenn du das wüßtest, dann wärst du klüger als ich", antwortet Bjarni ernsthaft. ,Zch habe es nämlich nie gewußt, na, dann lasten wir das. Vier Eisen sollst du haben, mit vier Löchern in jedem. Acht sind sonst die Taxe, aber dazu ist wohl kein Platz! ... Wenn du dich mit den Löchern allein begnügen wolltest, würdest du sie für den halben Preis bekommen, aber das willst du wohl nicht? Ach nein, das hätte ich mir wohl selber sagen können . . So dumm bin ich nicht . Siehst du die Eisenstange dort, willst du sie auch anfühlen! Hübsch ist sie nicht, rot und rostig, als unbrauchbar fort geworfen. Wollen wir sehen, was das Feuer und Bjarni daraus machen können. Wollen wir?"

Dazu bin ich bereit.

Als ich endlich mit den kleinen Hufeisen in der Hand dastehe, breche ich in ein Lachen aus, in das sich Schluchzen und Tränen mischen. Die Fülleneisen sind so klein, daß es fast nicht zu glauben ist! Ich habe das Gefühl, als hätte ich ein Märchen erlebt, statt daß es mir erzählt wurde ich bin besiegt und verwirrt. Das Herz tanzt mir in der Brust, ganz wirr ziehe ich Bjarni am Aermel, ziehe feinen Kopf zu mir herab und küsse ihn innig auf feine harten Lippen.

Dank, guter Bjarni", flüstere ich.Dank Dank Dank!" Ja, sieh, Dank, das ist nun etwas, das man neben der Bezahlung zu bekommen pflegt", erklärt Bjarni sinnig.

Ich werde dich schon bezahlen!" verspreche ich zuversichtlich ... Kennst du die Geschichte vom Knaben und der Wunschstunde?"

3a, baute", antwortet Bjarni bedenklich.Hast du im Sinn, mich mit Pferdeäpfeln zu bezahlen?"

Nein, mit Gold, guter Bjarni", weise ich ihn verletzt ab.

Sag doch lieber, mit Wunschgold", rät Bjarni besinnlich:Dann versprichst du nicht mehr, als du halten kannst."

Wunschgold, was ist das?" frage ich zweifelnd.3ft das besser als anderes Gold?"

Besser und schlechter zugleich", antwortet Bjarni hinterhältig.Das ist das Komische am Wunschgold. Du sollst übrigens gar nichts für sie bezahlen. Sie haben nämlich einen Fehler."

Einen Fehler", wiederhole ich ungläubig und betrachte sie genau. 3n meinen Augen sind sie fehlerfrei."

Sie haben den Fehler", erklärt Bjarni nachdrücklich,daß kein lebender Mensch, nicht einmal ich, Raudur damit beschlagen kann!"

Warum denn nicht?" frage ich verständnislos.

Einfach, weil man ein Fullen nicht beschlägt", lacht Bjarni plötzlich heiter.Und wenn Gott selbst käme und es verlangte ja, laß mich jetzt nicht zuviel sagen aber ich würde mich doch jedenfalls bedenken ..."

Warum hast du die Eisen bann gemacht?" frage ich, enttäuscht unb erleichtert zugleich.

Um bir eine Freude zu machen, denke ich", lächelt Bjarni.Sollte man ein Füllen beschlagen? ... Die Hufe eines Füllens sind ja weich wie Kindernägel ritzt man sie nur, gleich springt das Vlut hervor! ... Nein, ein Pferd muß Eisen haben, ein Füllen keines, das ist die Taxe! ... Aber jetzt hast du die Eisen und kannst sie Raudur zeigen."

Das, finde ich, ist ein vorzüglicher Rat wir können ja zusammen damit spielen, Raudur und ich.