Ausgabe 
11.10.1937
 
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ein Essen gibt.'

(Sortierung folgt.)

Vetter!"

Cousine!"

Wollen Sie im Saal frühstücken oder in Ihrem Zimmer?"

Wo Sie wollen!"

Wie geht es Ihnen?"

Ach, liebe Cousine, ich schäme mich, Hunger zu haben."

Diese Unterhaltung durch die Tür hindurch war für Eugenie eine ganze Romanhandlung. ,

Nun, dann bringen wir Ihnen das Frühstück in Ihr, Zimmer dam t mein Vater sich nicht ärgert.". Sie flog in bte Küche hmab mit der Leichtigkeit eines Vogels.

Nanon, mach' doch sein Zimmer."

Diese Treppe, auf der sie so oft hinauf und herunter gegangen war, aus der man das kleinste Geräusch hörte, schien Eugenie den Charakter der Altersschwäche verloren zu haben; sie schien ihr hell, sie sprach zu ihr, sie war jung wie sie selbst, jung wie bte Liebe, bet sie diente. Und auch ihre Mutter, ihre gute nachgiebige Mutter, wollte gern den Wünschen ihrer Liebe Beistand leisten, und als Charles' Zimmer gemacht war, gingen sie alle beide, dem Unglücklichen Gesellschasi leisten; befahl die christliche Barmherzigkeit nicht, ihn zu trösten? Die beiden Frauen schöpften aus der Religion ein gut Teil kleiner Sophismen, um ihren verbotenen Wandel zu rechtfertigen. So sah sich Charles Gründet von der liebevollster und. mmg. sten Fürsorge umgeben. Sein bekümmertes Herz empfand lebhaft den Trost dieser milden Freundschaft, dieses seltenen Mitgefühls, das biefe beiden stets unterdrückten Seelen im Augenblick, wo sie sich frei fühlten, -u entfalten wubten hier im Bezirke der Leiden, ihrer natürlichen Sphäre. Durch ihre Verwandtschaft fühlte Eugenie fich berechtigt, die Wäsche und die Toiletten- gegenstände, die ihr Vetter mitgebracht Hatte, zu ordnen^ und siekonne nack Herzenslust jede kostbare Spielerei, all bte aus Silber unb Gold gearbeiteten Kinkerlitzchen bewunbern, bte ihr unter die Hänbe karntzn und die sie lange sesthielt unter dem Vorwand, sie zu überprüfen. Charles fah nicht ohne tiefe Rührung die hochherzige Anteilnahme, die ihm seine Tante unb Cousine entgegenbrachten, er kannte bte Gesellschaft von Pans gut genug, um zu wissen, daß er in seiner Lage dort nur gefühllos und kalte Herren gefunden hätte, Eugenie erschien ,hm ,n dem ganzen Glanz ihrer eigenartigen Schönheit, jetzt bewunderte er ihr unschuldiges Benehmen, über das er sich am ersten Abend lustig gemacht hatte. Und als Eugenie Nanon den Steinguttops mit Kaffee und Rahm aus der Hand nahm, um mit der ganzen Unbefangenheit ihrer Zuneigung ihrem Vetter elnzuschenken, wobei sie ihm einen freundlichen Blick zuwarf, da wurden die Augen des Parisers feucht; er ergriff ihre Hände und küßte sie.

Aber, was haben Sie denn wieder?" fragte sie.

Ach, das sind Tränen der Dankbarkeit", antwortete er.

Eugenie wandte sich hastig zum Kamin und nahm die Leuchter.

Nanon, hier, trag die fort, sagte sie.

Als sie ihren Vetter ansah, war sie zwar noch rot, aber wenigstens konnten ihre Blicke lügen und verrieten nicht bte überschwengliche Freude, die ihr Herz überflutete; aber beider Augen druckten das gleiche Gefuh aus, und ihre Seelen gaben fich dem gleichen Gedanken hm: d,e Zukunft ge hörte ihnen. ,

Diese liebreiche Stimmung war um so köstlicher für Charles inmitten seines unendlichen Kummers, als sie so gar nicht erwartet war. Em Hammer- chlag rief die beiden Frauen an ihre Plätze zuruck. Zum Gluck konnten sie d nell genug die Treppe hinabeilen, um bei ihrer Arbeit zu em, als Grandet hereinkam; wenn er sie im Treppenhaus getroffen hätte, so hatte das genügt, um seinen Argwohn zu erregen. Nach dem Frühstuck, das der Alte im Stehen abmachte, kam der Waldhüter, dem seme versprochene Cmt> schädigung noch nicht bezahlt worden war, aus Froidsond an und brachte einen Hasen, im Park geschaffene junge Rebhühner, Aale und zwei Hechte, die die Müller abliefern mußten.

Ei, fieh da! der gute Cornoiller kommt ja wie gerufen. Das wirb schmecken, was?"

Ja, lieber gnädiger Herr, das ist die Beute der letzten beiden Tage.

''.Los, Nanon, hurtig!" sagte der Alte.Nimm das hier zum Mittagessen heute; ich habe zwei Cruchots eingeladen."

Nanon riß die Augen auf und blickte im Kreis herum.

So was!" sagte sie.Aber wo soll ich Speck und Gewürze hernehmen?" Liebe Frau", sagte Grandet,gib Nanon sechs Franken und erinnere mich daran, daß ich guten Wein aus dem Keller hole."

Und nun, Herr Grandet", sing der Waldhüter wieder an, der seme Rede vorbereitet hatte und seine Gehaltssrage zum Schluß bringen wollte, Herr Grandet..." t...

Ta, ta, ta, ta", sagte Grandet,ich weiß, was du sagen willst; du bht ein guter Kerl: morgen wird sich das sinden, ich bin zu beschäftigt heule. Liebe Frau, gib ihm fünf Franken", sagte er zu Frau Grandet.

Er räumte das Feld. Die atme Frau trat nut zu glücklich, mit elf Franken den Frieden erkaufen zu können. Sie wußte, daß Grandet vierzehn Dage lang Ruhe geben würde, während er ihr auf diese Werse Stück für Etna ihr Geld wieder abnahm. , . .. . _h

Hier, Cornoiller", sagte sie und drückte ,hm zehn Franken in bte Hano, später werben wir deine Dienste belohnen."

Cornoiller hatte nichts dagegen einzuwenden. Er zog ab.

Madame", sagte Nanon, die ihre schwarze Haube ausgesetzt und 'Yten Korb genommen hatte,ich brauche nur drei Franken, behalten Sw den Rest. Wirklich, es langt auch so."

Mach uns ein gutes Essen, Nanon, mein Vetter wird herunterkommen » , schieden geht hier etwas Außergewöhnliches vor", sagte Frau 1 Grandet.Das ist erst das drittemal seit unserer Hochzeit, daß dem Vale

Es aibt Herzen hier, die Sie verstehen, Vetter, und wir haben geglaubt, dah 'Sie^vielleicht irgend etwas brauditen. Sie sollten ins Bett gehen. S»e machen sich zu müde, wenn Ste so bleiben.

Das ist richtig."

Nicht wahr, adieu."

Sie entschlüpfte, beschämt und beglückt darüber, daß sie gekommen war. Nur die Unschuld wagt solche Kühnheit. Wissend berechnet auch die Tugend aenau wie das Laster. Eugenie, die neben ihrem Vetter nicht gezittert batte konnte sich kaum auf den Füßen halten, als sie tn ihrem Zimmer antam. Plötzlich war es mit ihrem gedankenlosen Dahmleben vorbei, sie überlegte, sie machte sich tausend Vorwürfe. Was für eine Meinung wird er von mit bekommen? Es wird denken, daß ich ihn liebe. Just das war es was sie am allermeisten wünschte, daß er denken mochte. Die echte Liebe weiß ohne es gelernt zu haben, daß Liebe Liebe erzeugt. Welch ein Er- eiani's für dies einsame junge Mädchen, auf diefe Weife heimlich zu einem jungen Mann gegangen zu fein. Und es gibt Gedanken und Handlungen, die in der Liebe bei manchen Seelen heiligen Verlöbnissen gletchkommen. Eine Stunde später ging sie zu ihrer Mutter hinein, undhalfchrwiege- wöhnlich beim Anziehen. Dann setzten sich beide auf ihre Platze vorm Fenster und warteten auf Grandet nut der Aengstlichkett, bte, je nach dem Charakter, einem kalt oder heiß macht, das Herz zusammenzieht oder ftattern läßt, wenn man eine Szene, eine Strafe fürchtet. Diese Stimmung ist übrigens etwas so Natürliches, daß selbst die Haustiere sie bis zu dem Grade haben, daß sie bei dem kleinen Schmerz einer Abstrafung schreien, während sie ruhig sind, wenn sie sich aus Versehen weh tun. Der Alte kam herab, aber er sprach zerstreut mit seiner Frau, küßte Eugeme und setzte sich zu Tisch, augenscheinlich, ohne an seine Drohung vom Abend vorher zu denken.

Was macht denn mein Neffe? Der Junge stört uns nicht."

.'.Herr, er schläft", antwortete Nanon.

Um so beffet, bann braucht er keine Wachskerze", sagte Grandet im Ton'eines Scherzes.

Diese ungewöhnliche Milde und spöttische Heiterkeit machte Frau Grandet betroffen, die ihren. Mann sehr aufmerksam ansah. Der Alte nahm Hut und Handschuhe und sagte:

Ich will zum Markt schlendern, um unfern Cruchot zu treffen." '.Eugenie, der Vater hat entfchieden irgendwas."

Es war so, daß Grandet, der wenig schlief, die Hälfte seiner Nächte »u vorläufigen Berechnungen benutzte, die feinen Ansichten, .öemenungen unb Plänen ihre erstaunliche Richtigkeit gaben und ihnen ben beständigen Erfolg sicherten, über ben sich bie Saumuraner zu Tode wunderten. Alles menschliche Können ist eine Summe von Geduld und Zeit. Manner von Macht wollen und'wachen. Das Leben des Geizhalses ist eine beständige Ausübung der Macht im Dienst der Person. Er verlaßt sich nur auf zwe, Gefühle: Eigenliebe und Eigennutz. Aber der Eigennutz ist gewissermaßen eine starke und wohlerstandene Eigenliebe, die beständige Bekundung einer tatsächlichen Ueberlegenheit, Eigenliebe und Eigennutz sind zwe, Teile desselben Ganzen, des Egoismus. Daher kommt vielleicht das fabelhafte Interesse, das die gut bargestellten Geizhälse erregen. Jeber hangt burch eine Faser mit diesen Menschen zusammen, die sich an alle menschlichen Gesühle heranmachen unb sie alle zusammensassen. Denn wo ist ein Mensch ohne Wunsch? und welcher Wunsch ließe sich in ber Gesellschaft ohne Gelb erfüllen? Granbet hatte in ber Tat wirklich etwas, um ben Ausbruck semer Frau zu gebrauchen. Er hatte, wie alle Geizhälse, bas beständige Bebutfms, mit ben andern Menschen ein Spiel zu spielen, ihnen auf gesetzlichem Wege ihre Taler abzugewinnen. Andere auszunutzen, heißt das nicht, Macht ausüben, sich beständig das Red;t geben, die zu verachten, die sich hienieden aus Schwache auffressen lassen? Ach, wer hat das wohl recht verstanden, das Lamm, das zu den Füßen Gottes friedlich ausgestreckt regt: das rüh­rendste Sinnbild aller auf Erden Geopferten, das Sinnbild ihres Schicksals, mit einem Wort die verklärte Duldung und Schwäche? Dieses Lamm läßt der Geizhals fett werden, er mästet es, tötet es, brat es, verzehrt es und verachtet es. Die Nahrung der Geizhälfe besteht aus Geld und Ver­achtung. Während der Nacht hatten die Ideen des Alten einen andern Kurs genommen: daher seine Milde. Er hatte sich ein Gewebe juredjtgelegt, um die Pariser zu foppen, um sie zu würgen, zu Hetzen, zu kneten, sie kommen und gehen, schwitzen, hoffen, erbleidjen zu lafsen; er wollte sich über sie luftig machen, er, ber ehemalige Böttcher, in der Tiefe feines grauen Saals, auf der wurmstichigen Treppe in feinem Haus in Saumur. Sem Neffe hatte ihn beschäftigt. Er wollte die Ehre seines toten Bruders retten, ohne daß es ihn ober seinen Neffen einen Pfennig kosten sollte. Sein Gelb würbe für drei Jahre festgelegt fein, ihm blieb nichts zu dun, als seine Güter zu öerioalten; daher brauchte er Nahrung für seinen boshaften Tätigkeitsdrang, unb bie hatte er im Bankrott seines Bruders gefunben. Da er nichts anderes zwischen seinen Tatzen zum Zerguetschen sühlte, wollte er dse Pariser klem- Iricgen zum Nutzen von Charles, unb sich billig als vorzüglichen ®ruber zeigen. Die Ehre ber Familie war von so geringem Belang bet semem Plan, daß sein guter Wille mit dem Bedürfnis der Spieler verglichen werden kann, auch ein Spiel gut spielen zu sehen, bei dem sie nicht mit­spielen. Unb ba bie Cruchots ihm nötig waren unb er sie bock) nicht auffudjen wollte, hatte er beschlossen, sie zu sich kommen zu lassen unb bann noch an biefem Abvnb bie Komöbie zu beginnen, zu ber er soeben ben Plan ent­worfen hatte, um am nächsten Tage, ohne baß es ihn einen Heller kostete, bie Bewunberung seiner Stabt zu erregen. In der Abwesenheit ihres Vaters genoß Eugenie das Glück, sich offen mit ihrem geliebten Vetter befdjäftigen unb ohne Furcht die Schätze ihres Mitleids über ihn aus- schlitten zu können. Ist doch das Mitleid eine der wundervollen Ueberlegen» heiten bet Frau, bie einzige, bie sie fühlen lassen sollte und die sie dem Mann verzeiht, über ihn erringen zu dürsen. Drei- ober viermal ging Eugenie, auf bie Atemzüge ihres Vetters zu horchen, nachzufehen, ob er schlief, ob er wach war; bann, als er aufftanb, mußte sie fick) um ben Rahm, ben Kaffee, bie Eier, das Obst, die Teller, das Glas, um alles, was zu seinem Frühstück gehörte, kümmern. Sie erklomm leichtfüßig die alte Treppe, um auf die Geräusche zu horchen, die ihr Vetter machte. Zog er sich an? Weinte er noch? Sie ging bis zu seiner Tür.