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( ■> Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1937 __Montag, den U- Oktober Hummer 79
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ROMAN
von Honore de Balzac
8. Fortsetzung.
Grandet sah seine Tochter an und sand kein Wort der Erwiderung. Er selber war doch auch ein wenig Vater. Nachdem er ein paarmal im Saal auf und ab gegangen war, stieg er plötzlich nach oben in sein Kabinett, um dort eine Geldanlage in Staatsrenten zu überlegen. Seine zweihundert Ar abgeholzter Wald hatten ihm sechshunderttausend Franken eingebracht; schlug er hierzu das Geld für seine Pappeln, seine Einkünfte des vergangenen und laufenden Jahres ohne die zweihunderttausend Franken aus dem eben abgeschlossenen Verkauf, so konnte er eine Summ" von neunhunderttausend Franken zusammenbringen. Die zwanzig Prozent, die man in kurzer Zeit an den Renten, die auf siebzig Franken standen, verdienen konnte, lockten ihn. Er rechnete seine Spekulation auf der Zeitung aus, in der die Nachricht vom Tode seines Bruders stand, und hörte dabei das Stöhnen seines Neffen, ohne darauf achtzugeben. Nanon klopfte an die Wand, um ihren Herrn zum Herunterkommen zu nötigen, das Essen war fertig. Im Hauseingang und auf der letzten Treppenstufe sagte Grandet zu sich selbst: Da ich acht Prozent Zinsen kriege, werde ich das Geschäft X machen. In zwei Jahren habe ich dann fünfzehnhunderttausend Franken, die ich mir in Paris in gutem Gold auszahlen lasse. — „Na, wo ist denn mein Neffe?"
„Er sagt, daß er nichts essen will", sagte Nanon, „das ist nicht gesund." „Dafür sparsam", erwiderte ihr Herr.
„Das — stimmt", sagte sie.
„Bah, er wird nicht ewig weinen. Der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald."
Das Essen verlies auffallend schweigsam.
„Mein Lieber", sagte Frau Grandet, als abgeräumt lvar, „wir müssen Trauer anlegen."
„Wahrhaftig, Frau Grandet, Sie wissen nicht, was Sie ausdenken sollen, um Geld auszugeben. Die Trauer ist im Herzen und uicht in den Kleidern."
„Aber die Trauer um einen Bruder ist unerläßlich, und die Kirche befiehlt uns ..."
„Kaufen Sie sich Ihre Trauer von Ihren sechs Louis. Mir geben Sie einen Flor, das genügt mir."
Eugenie hob die Augen zum Himmel, ohne ein Wort zu sagen. Zum erstenmal in ihrem Leben wurden ihre freigebigen Neigungen, die eingeschläfert und unterdrückt worden waren, aber plötzlich erwachten, jeden Augenblick verletzt. .Dieser Abend war dem Anschein nach tausend Abenden ihres einförmigen Lebens ähnlich, aber in Wirklichkeit war er der furchtbarste. Eugenie arbeitete, ohne den Kopf zu heben und benuüte das Arbeitskästchen nicht, das Charles am Abend vorher nicht gewürdigt hatte. Frau Grandet strickte ihre Pulswärmer. Grandet drehte vier Stunden lang die Daumen, in Berechnungen vertieft, deren Ergebnis morgen Saumur verblüffen sollte. Niemand besuchte an diesem Tag die Familie. Augenblicklich hallte die ganze Stadt wider vom Gewaltstreich Grandets, dem Bankrott seines Bruders und der Ankunft seines Neffen. Im Bedürfnis, sich über ihre gemeinsamen Interessen zu besprechen, waren alle Weinbergbesitzer der oberen und mittleren Gesellschaft zu Herrn des Grassins gekommen, und schreckliche Verwünschungen wurden da gegen den ehemaligen Bürgermeister laut. Nanon spann und das Geräusch ihres Rades war der einzige Laut, der sich unter der angegrauten Decke des Saales hören ließ.
„Wir schonen unsere Zungen", sagte sie und zeigte ihre weißen großen. Zähne, die aussahen wie geschälte Mandeln.
„Man muß alles schonen", sagte Grandet und erwachte aus seinem Nachdenken. Er sah acht Millionen in drei Jahren vor sich und schwamm im Geist auf dieser breiten Fläche von Gold dahin.
„Gehen wir schlafen. Ich werde meinem Neffen irrt Namen aller Gute Nacht sagen und sehen, ob er etwas zu sich nehmen will."
Frau Grandet blieb auf dem Treppenabsatz der ersten Etage stehen, um die Unterhaltung zwischen Charles und dem Alten zu hören. Eugenie, mutiger als ihre Mutter, stieg zwei Stufen höher.
„Na, lieber Neffe, bist du traurig? Jawohl, weine, das nt natürlich. Ein Vater bleibt immer ein Vater. Aber wir müssen unser Unglück mit Geduld tragen. Ich beschäftige mich mit dir, während du weinst. Ich tun nämlich ein guter Onkel. Also Mut! Willst du ein kleines Glas Wein trinken? Der Wein kostet in Saumur nichts, man bietet hier Wein an, wie in Indien «ne Tasse Tee. Aber", fuhr Grandet fort, „du bist ohne Licht. Schlimm, schlimm! Man muß klar sehen, was man tut."
Gxandet ging zum Kamin.
»Nanu!" ries er aus, „da steht ja eine Wachskerze. Wo zum Teufel hat mau dre Wachskerze aufgegabelt. Die Weiber werden mir noch das Dach überm Kopf abreißen, um dem Jungen eine Extrawurst zu braten."
Als sie diese Worte hörten, liefen Mutter und Tochter in ihre Zimmer und verkrochen sich in ihre Betten mit der Geschwindigkeit von erschreckten Mausen, die in ihre Löcher huschen.
„Frau Grandet, Sie haben also einen Schatz?" sagte ihr Mann, als er ms Zimmer seiner Frau trat.
„Mein Freund, ich bete, warten Sie", antwortete mit aufgeregter Stimme die arme Mutter.
„Der Teufel hole deinen lieben Gott", murmelte Gründet in sich hinein. Die Geizhälse glauben nicht an ein zukünftiges Leben. Die Gegenwart bedeutet alles für sie. Diese Bemerkung wirft ein schreckliches Licht auf die gegenwärtige Zeit, wo wie zu keiner andern von Geld die Gesetze, die Politik und die Sitten beherrscht werden. Erziehung, Bücher, Menschen, Theorien arbeiten alle zusammen darauf hin, den Glauben an ein zukünftiges Leben zu unterwühlen, auf den sich das Gebäude unserer Gesellschaft seit achtzehnhundert Jahren gestützt hat. Jetzt ist der Sarg ein wenig gefürchteter Uebergang. Dre Zukunft, die uns jenseits des Requiems erwartete, ist in dre Gegenwart verlegt worden, per fas et nefas zum irdischen Paradies des Luxus' und der eitlen Genüsse zu gelangen, fein Herz zu verhärten und den Körper zuckasteien im Hinblick aüf vergänglichen Besitz, wie man früher das Martyrium des Lebens im Hinblick auf die ewigen Güter litt, das ist der allgemeine Gedanke. Ein Gedanke, der überdies allenthalben schriftlich ausgearbeitet wird, selbst bis in die Gesetze hinein, die den Gesetzgeber fragen: Was zahlst du? statt zu ihm zu sagen: Was depkst du? Wenn diese Auffassung der bürgerltchen Kreise auf das Volk übergeht, was soll dann aus dem Land werden?
„Frau Grandet, bist du fertig?" sagte der alte Böttcher.
„Mein Freund, ich bete für dich."
„Sehr schön. Gute Nacht. Morgen früh werden wir uns unterhalten." Die arme Frau legte sich schlafen wie der Schüler, der seine Aufgabe nicht gelernt hat und sich davor ängstigt, nach dem Erwachen das erboste Gesicht seines Lehrers zu sehen. Gerade, als sie sich vor Furcht in ihre Bettdecke einwickelte, um nichts mehr zu hören, schlich Eugenie zu ihr, im Hemd, barfuß und küßte sie auf die Stirn.
„Ach, liebe Mutter", sagte sie, „morgen werde ich ihm sagen, daß ich schuld bin."
„Nein, er würde dich nach Noyers schicken. Laß mich nur machen, er wird mich nicht fressen."
„Hörst du, Mama?"
„Was denn?"
„Ach Gott, er weint immer noch."
»Geh doch schlafen, Kind. Du wirst deine Füße erkälten, der Boden ist feucht."
So verlief dieser ernste Tag, der auf dem ganzen Leben der reichen armen Erbin lasten sollte; ihr Schlaf war in dieser Nacht nicht so tief und nicht fo unschuldig wie bisher. Ziemlich häufig erscheinen manche Handlungen im menschlichen Dasein, dichterisch gesprochen, unwahrscheinlich, obwohl sie wahr sind. Aber liegt das nicht daran, daß man es fast immer unterläßt, über unsre plötzlichen Entschlüsse gewissermaßen ein psychologisches Licht zu halten, und daß man die Beweggründe nicht erklärt, die sich geheimnisvoll entwickeln und die Handlung notwendig gemacht haben. Vielleicht müßte die tiefe Leidenschaft von Eugenie in ihre zartesten Fasern analysiert werden; beim sie wurde, wie Spötter sagen würden, eine Krankheit und beeinflußte ihr ganzes Leben. Aber viele Leute leugnen lieber, daß sich seelische Lagen aus langsamer Entwicklung ergeben, als daß sie die Stärke der Bänder, Knoten, Verhaftungen messen, die insgeheim eine Tat an die andere schweißen in der sittlichen Welt. Hier nun bürgt die Vergangenheit von Eugenie den Beobachtern der menschlichen Natur für die Naivität ihres unvorbedachten Handelns und für die Unmittelbarkeit des Ueberströmens ihres Herzens. Je ruhiger ihr Leben gewesen war, desto lebhafter entwickelte sich das weibliche Mitleid in ihrer Seele. Aufgeregt durch die Ereignisse des Tages, erwachte sie mehrere Male, um aus ihren Vetter zu horchen, und sie glaubte die Seufzer zu hören, die seit dem Abend in ihrem Herzen wiedertönten, bald sah sie ihn vor Kummer vergehn, bald bildete sie sich ein, er müsse vor Hunger umkommen. Gegen Morgen hörte sie ganz bestimmt einen schrecklichen Ausruf. Augenblicklich kleidete sie sich an und lief in der Dämmerung ganz leise zu ihrem Vetter, der feine Tür ausgelassen hakte. Die Kerze war in der Lichtmanschette des Leuchters ausgebrannt. Von der Natur überwältigt, schlief Charles angekleidet in einem Sessel, den Kopf über das Bett gelegt; er träumte wie Menschen mit leerem Magen. Eugenie konnte meinen, wie ihr ums Herz war, sie konnte dies junge, schöne, schmerzlich verzogene Gesicht bewundern, die von Tränen geschwollenen Augen, die noch im festen Schlaf weiter zu meinen schienen. Charles erriet sympathetisch die Gegenmart seiner Cousine, er öffnete die Augen und sah sie mit Rührung.
„Verzeihung, liebe Cousine", sagte er, er mußte offenbar nicht, welche Zeit es mar, noch wo er sich befand.


