Und tinn saß der blonde Mann in dem Zimmer an ihrem Bett und war etwas verlegen, weil die fünf anderen Frauen natürlich langst über ihn so genau Bescheid wußten wie der, welcher eine recht eingehende Lebensbeschreibung aus Langerweile zum vierten Male durchgelesen hab Und die zehn Zipfel ihrer Kopfkissen standen alle zehn stets m die Lust wie lauter gespitzte Ohren, um nur ja nichts von der Zwiesprache zu verlieren So konnten die beiden nicht allzuviel sprechen, aber ihre Augen waren ganz fest in Liebe ineinandergesenkt und ihre Hande auch Die beiden schneeweißen und immer noch starken Zöpfe der Muhme lagen über das Kissen auf der Decke, und sie sprach leise und in etwas altmodischer Wehmut von ihrem Tode, Und immer war das letzte: „Atem Bernhard, mein lieber Bernhard, bleib nur immer so ein gutes, frommes Kind, wie du damals wärest, als ich noch bei euch und deine alte Kinder-
muhme war!" —
Es traf gerade in seine Weihnachtsserien, daß sie starb, und er wußte daß sie ihn in der alten Burg seiner Eltern besuchte. Ihr muht zunächst wissen, daß er als Naturwissenschaftler durchaus frei Don jenem törichten Aberglauben war, der die Zeichen der Toten mit Grauen empfängt Er wußte durch die Ueberlieserung seines Geschlechtes und aus eigener Erfahrung genug folche Geschehnisse, um sie einfach hmzunehmen, wie sie sind: unerklärlich zunächst, aber nicht zu leugnen, feierlich durch die Schauer der Unsterblichkeit, aber nicht zu fürchten. Es gingen mele leise Schritte durch sein Schlafzimmer in jener Nacht, er sah aufrecht tm Bette und hörte viertelstundenlang, wie es wischte, glitt und sich bescheiden bemerkbar machte. Aber als er zu seiner Mutter ins Nebenzrmmer ging, hatte die nichts gehört, obgleich auch ihr solche Zeichen in dem alten Schlosse wohlvertraut waren. Sie hörte bann selbst bei offengehaltener Tür in dieser Nacht nichts. Nur von ihrem geliebten Jungen nahm die alte Frau Abschied und saß vielleicht unsichtbar an seinem Bett, wie er vor wenigen Tagen an dem ihren im Krankenhaus.
Nach drei Tagen wurde ihr Leib eingeäschert. Zwischen den paar entfernten Verwandten, die der lieben Alten die letzte Ehre erwiesen — sie waren traurig und wie verängstigt in der riesigen Kuppelhalle um den Sarg her — stand sehr lang und blaß der junge Mann. Er war noch zu jung und schamhaft, um die freundlichen Worte des Pastors ganz zu billigen. Als er davon sprach, wie ihr Leben seit mehr als zwei Jahrzehnten sich ganz in der Liebe zu ihrem letzten Pflegling erschöpft habe, und wie sie gewiß in ihrem Sarge glücklich wäre, daß er so weit hergekommen sei, um ihr die letzten von so vielen Blumen in seinem jungen Leben zu schenken ...
Und die Orgel spielte leise, und ganz allmählich sank der Sarg vor dem Altar in den Boden. Und die Blumen auf seinem Deckel schüttelten leise und verwundert ihre Kelche, und die kleine Trauergesellschast summte: „Jesus, meine Zuversicht ..."
Das war noch ein langer, langer Gang auf dem großen Friedhöfe, denn der Jüngling hatte in feinem Leben noch nie einen toten Menfchen gesehen, und da muß man lange allein sein, ehe man wieder unter die lärmenden Leute auf der Straße gehen mag! Er war nicht anders als andere junge Männer, und die alte Frau nicht anders als viele andere gütige, alte Frauen gewesen, — ich sagte euch ja schon, daß in dieser Geschichte gar nichts Besonderes vorkommt.
Nicht mehr als eine heilige, tiefe, zärtliche Liebe von einem lieben Jungen und einer alten Muhme.
Der Speer des heiligen Sebastian.
Bon Rudolf Kreutzer.
Draußen am Rande der Stadt, wo die Häuser aushören und die Wälder beginnen, steht an einer Wegkreuzung, von einem riesigen Nußbaum Überschattet, die Kapelle des heiligen Sebastian. An schönen Tagen, wenn der Himel blau und wolkenlos war, und das war er, wie mir scheinen will, in unseren Knabenjahren immer, gab es keinen schöneren Platz auf der Welt als den bei der alten, hölzernen Bank vor der Kapelle. Man sah dort, nach Süden blickend, in einem zarten, fchim- mernben Blau bie Berge am Rande des Himmels und der langgezogene silberne Strich in der Ferne, das war die Benediktenwand, und zwischen hohen Steilhängen eingezwängt, kam die Isar hergerauscht, lichtgrün in ihrem steinigen, flimmernden Flustbett, im Norden aber stachen die zwei mächtigen, rotbraunen Türme der Frauenkirche in den Himmel und wölbten ihre grünspan-grünen Kuppeln über den Dunst und Rauch der Stadt. Dort bei der Kapelle des heiligen Sebastian trieben mir unsere Knabenspiele. Es gab hier auch eine große Kiesgrube, die mit niedrigen Zitterpappeln bestanden war und in der wir unsere Lagerfeuer anzündeten, ein Bahndamm lief mit heißen, glänzenden Eisenfchienen daran vorbei und war mit feiner Böschung der umstrittene Schauplatz unserer wilden Knabenkriege.
Ich weiß nicht, ob das alles auch noch heute so ist, wie es damals gewesen war, die Kiesgrube mit dem Bahndamm, die freien Plätze und Wiesen und die alte Holzbank vor der Kapelle, bemr bas, was ich erzählen will, das war schon Jahre vor dem großen Krieg und wir waren damals alle kaum vierzehn Jahre alt: der Salzberger und der Sinzinger, der später bei Verdun gefallen ist, der Zeller Oskar und der Strehl Alfons, der bei Peronne geblieben ist, und noch ein ganzes Rudel aus der dritten ßateintlaffe. Weiß Gott, wem von uns damals das Heftchen in die Hand gefallen war, ein kleines, gelbes Heftchen des Reclamverlages, es war schon sehr zerrissen, das Reelamhestchen, und es hieß „Die Räuber" und war von Friedrich von Schiller. Wir kannten es fast auswendig, und unsere Reden waren damals von Zitaten aus ihm gewürzt und von einem sonderbaren Pathos getragen und es war dabei nicht zu verwundern, daß der Salzberger auf einmal nicht mehr der Salzberger, sondern der „Schweitzer", und der Zeller Oskar plötzlich der
„Roller" war, Und sich nur für den „Schusterte" keiner aus unserer Horde hatte finden lassen wollen.
Einmal, an einem schulfreien Nachmittag waren wir alle in der Kiesgrube versammelt. Wir saßen im Kreis um unseren Anführer herum, und der sandige Boden war so heiß, daß er uns durch die Hosen brannte, und der Sinzinger, unser ,Karl Moor", meinte, cs müsse einmal etwas Besonderes geschehen, etwas ganz Besonderes, irgend eine mutige, revo- lutionäre Tat, zu der man sich bewaffnen müsse. Er selbst hat eine Flobertpistole, die er seinem älteren Bruder gestohlen halle, aber der Strehl hatte einen Bogen, der mit einer Mottnsaite bespannt war, und Pfeile dazu mit echten Federn, und auch von den anderen hatte jeder irgend ein Stück, bas kriegerisch aussah, und nur ich stand mit leeren Händen vor den anderen da und schämte mich meiner Waffenlosigkett. Als bann vollends einer über mich zu spotten anfing, da kam mir der Zorn und ich stand auf und sagte, daß ich allein eine Tat verrichten werde, über die sie staunen würden, und ich würde mir schon eine Waffe holen, wie sie keiner hätte, eine ganz besondere Waffe, ja gewiß, das würde ich tun, und zwar jetzt gleich auf der Stelle, sie brauchten nur eine Weile zu warten, ich würde schon wieder zurückkommen. Dann ging ich rasch davon, ohne mich um bas Lachen hinter mir zu kümmern. Ich lieg aus der Kiesgrube über den Bahndamm und ging auf die Kapelle les' heiligen Sebastian zu. Aber je näher ich zu ihr kam, desto langsamer ging ich und desto kleiner wurde mein Mut. Mein Gott, jetzt halle ich mich in meiner eigenen Großsprecherei gefangen, jetzt gab es keinen Ausweg mehr, jetzt mußte ich es tun. Bor der Kapelle blieb ich stehen unb sah mich vorsichtig nach allen Seiten um, es war niemand unterwegs und weit und breit kein Mensch zu sehen, nur ein Häher flog kreischend aus dem Nußbaum. Rasch schlüpfte ich durch bas Dor rn das Innere der Kapelle, durch die bemalten Fensterscheiben fiel Licht, funkelnd und rubinrot spielte es unruhig auf der weißen Altardecke, die Wände waren mit Tafeln behängt, auf welche von ungelenken Händen Inschriften gemalt waren, „St. Sebastian hilf!" ober „St. Sebastian hat geholfen" stand daraus, und es war mir, als hätte ich die Tafeln zum ersten Male gelesen, die Lust war dumpf und modrig, etwas roch scharf unb bitter wie nach Pilzen. Ich trat vor die Statue des heiligen Sebastian, weih unb nackt stand der gemarterte Leib im halben Licht des dämmernden Raumes, der Kopf mit dem schmerzerfüllten Gesicht war zurückgebogen unb blickte aus nächtigen Augen groß und fragend auf mich herab. Mir schlug bas Herz zum Halse herauf, schon wollte ich abstehen von ber lästerlichen Tat, fortlaufen, aber bann hörte ich wieder das Lachen hinter mir, und es fiel mir meine eigene Großsprecherei ein und ich griff mit zitternden Händen noch dem Speer in der Brust des Heiliaen, dicht unter dem Herzen, und begann zu ziehen, aber es gab nicht^nach, ber Speer, er stak zu fest in der Brust des Heiligen unb ich mußte nochmals ziehen, fester ziehen, mit aller Kraft anziehen, unb bann gab es plötzlich einen Ruck unb ich hielt ben Speer in der Hand und da war sie geschehen, die lästerliche, die verbrecherische Tat. Eine lähmende Angst überkam mich, unb es war mir, als müsse jetzt Blut aus der Wunde sickern, rotes, rinnendes Blut aus der Brust des Heiligen, aber es kam kein Blut, es fielen nur ein paar kleine Holzspäne aus der Wunde des Heiligen, und es war wohl auch gar keine richtige Wunde, sondern nur eine eingeschnittene Kerbe und es war bloß die Farbe von ihr abgesprungen und das Holz etwas gesplittert. Dennoch, ich weiß nicht warum, machte ich mit hastigen Fingern das Kreuzzeichen und schaute dabei voll Angst in bas Gesicht bes Heiligen, in das schmerzerfüllte Gesicht, das starr und unbeweglich war unb bies alles hatte geschehen lassen, unb es fiel kein Blitz vom Himmel auf mich herab unb ich wartete noch eine Weile und es geschah immer noch nichts und dann schob ich ben Speer unter bie Joppe und rannte aus ber Kapelle, rannte ins Freie, über die Wiesen, über den Bahndamm, in die Kiesgrube. Dort saßen noch die andern, wie ich sie verlassen hatte, und warteten auf mich. Ich trat in ihren Kreis und es war gut, baß ich so gelaufen unb erhitzt war, daß sie meine Angst nicht merkten, holte den Speer aus der Joppe hervor und warf ihn ihnen vor die Füße. „Der Speer vom heiligen Sebastian!" rief einer, unb feine Stimme klang wie erschrocken, und bann war alles still, unb keiner sagte etwas. Ich schaute zum Sinzinger hinüber, zum Strehl, zum Salzberger, aber sie sahen alle an mir vorbei, in ben Boden, in den Himmel, zur Kapelle hinüber, unb als erster stand ber Zeller Oskar auf und sagte, er müsse jetzt heimgehen, er habe ben Schlüssel und seine Mutter käme heute bald nach Hause. Und bann staub einer nach bem andern auf und ging, keiner sah mehr zu mir her, keiner war mehr der „Schweitzer" ober der „Roller" unb auch kein „Karl Moor" war mehr da, sie waren auf einmal alle wieder Lateinschüler, ganz gewöhnliche Lateinschlller, die ein schlechtes Gewissen hatten und die heimgehen mußten zu ihren Schulausgaben. Ich blieb noch eine Weile in der Kiesgrube stehen, bis keiner mehr zu sehen war, dann hob ich den Speer auf, schob ihn unter die Joppe und machte mich langsam und traurig auf den Heimweg. Es fiel mir ein, daß ich noch ein wenig zur Isar hinuntergehen könnte, und es war mir, daß es vielleicht am besten wäre, wenn ich gar nicht mehr nach Hause ginge, sondern mich in die Isar werfen würde. Morgen war vielleicht schon alles aufgekommen, und man würde mich von der Schule jagen, unb unser Religionslehrer fiel mir ein, ber gute alte Professor Hofmann, ber mir diesmal nicht mehr helfen konnte, unb bann malte ich mir mit Entsetzen aus, daß in unsere Wohnung die Polizei kommen werde, um Haussuchung zu halten. Ich setzte mich auf den Damm am Kanal unb schaute den Wellen ber Isar nach, sie flössen rasch bahin und waren wieder weg, und es kamen immer wieder andere nach, neue, rasche Wellen, und ich blickte mich um, griff schnell unter die Joppe unb mirf den Speer in hohem Bogen weit hinaus in den Fluß, sah ihn eine Weile auf den Wellen tanzen und verschwinden, sprang vom Damm herunter und lief, lief, was ich laufen konnte, lief über Steine unb Wurzeln, über Straßen und Felder, lief und lief, lief immerzu, bis icy endlich die Stadt und außer Atem die Türe unseres Hauses erreichte.
«eraniwortlich. Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Univeriitäts.Duch. und Steindruckerei, 2t. Lange, Gieb««-


