Schließlich ging die Mutter in eine Vermietanstalt — ein ganz schreckliches Geschäft, in dem Menschen verliehen und vertrieben werden, wie im Stockwerk darüber verwelkte Maskenanzüge und im Erdgeschoß darunter Matjesheringe. An der Wand saßen einige Frauen, und ihr gellendes Keifen und Kreischen trieb die Mutter davon, ehe sie noch an eine Auswahl gedacht hatte. — Sie fuhr zum Bahnhof — ohne Kindermuhme. Als sie an dem Denkmal Thaers in den Anlagen der Schillerstraße vorüberkam, sah sie dort einen Kinderwagen, und hinter dem Kinderwagen stand eine hagere alte Frau mit einem so lieben Altweibergesicht, daß es der Mutter vor Freude ganz hell im Herzen wurde, und ihr der Gedanke wie ein Schwäkblein durch die Stirn flog: Vielleicht hat so eine prächtige Kinderfrau eine Schwester oder eine Freundin, die ihr ähnlich ist und kann mir in meiner Not mit einer guten Empfehlung helfen!
Die Muhme hatte sich inzwischen auf die Bank gesetzt und schob den Wagen leise hin und her, wobei ihre ganz ausgebleicht Hellen blauen Augen recht in Sorgen durch die Blätter der großen Bäume blickten.
„Ich bin eben hier vorbeigekommen und habe Sie gesehen, und Sie gefallen mir. Ich heiße Frau M. und suche eine Kinderfrau. Da ist mir in den Sinn gekommen, ob Sie wohl jemanden für mich wüßten, fo etwa in Ihren Jahren und auch sonst so ähnlich wie Sie ..."
Das alte Weiblein hatte erst einen wahren Schrecken gekriegt, aber als sie die Mutter einen Augenblick angesehen hatte, da war sie schnell beruhigt. Vielleicht hatte auch sie von dem alten Frauenerbe ihr Teil abbekommen, einen Menschen nach feinem Gesicht und Gang, Stimme und Sprechart, Kleid und Haltung schnell und richtig zu beurteilen. Sie sagte also, indem sie aufstand und die Schürze glattstrich: „Der liebe Gott hat mein Gebet erhört! Ich habe gestern meine Stellung kündigen müssen, weil ich in meinen Jahren den Kinderwagen nicht mehr täglich drei Treppen hinauf- und heruntertragen kann. Nun dachte ich gerade: Wo soll ich alte Frau eine passende Stellung finden? Ich bin früher ja nur von Familie zu Familie weitergegeben worden, und von den Zeitungen und den Vermieterinnen verstehe ich ganz und gar nichts. Ach, nun hat der liebe Gott gerade in dieser Minute, als ich betete, mich erhört!"
Ihr müßt nicht glauben, daß ich diese Worte mir ausdenke ober sie selber fo schön in reines Hochdeutsch setze. Die alte Frau hatte nämlich eine kleine saubere Bildung in ihrem weißen Kopfe, vielleicht nicht eine fo große wie die Professoren, die da drüben zwischen den vier riesigen steinernen Göttinnen aus der Universität tarnen, aber doch eine feine, gut aufgeräumte und abgeftaubte Bildung.
Ja. wenn es nun aber nicht wahr gewesen wäre, was sie sagte! Der Mutter, die doch selber schnell genug im Entschluß gewesen war, kam dies doch zu schnell, und sie antwortete: „Nein, nein, ausmieten will ich Sie nicht, das geht auf keinen Fall! Aber wenn Sie die Wahrheit sagen — ich zweifle nicht daran, aber wir kennen uns ja noch gar nicht —, bann bitten Sie boch Ihre Herrschaft, mir ein paar Zeilen unb ein Zeugnis über Sie zu schicken!"
Unb bann sagte sie ber Muhme ihre Anschrift — es war ein Gut da in ber Nähe. — „Soll ich es Ihnen aufschreiben?"
Das war nun ganz unb gar nicht nötig, benn alte Leute unb einfache Leute haben meist ein viel besseres Gebächtnis als bie armen Reichen und gar die abgehetzten Geschäftsleute mit ihrem Briefbuchgedächtnis. So gaben sich bie beiden Frauen bie Hand unb schieben für heute. Der Mutter war, als ob sie seit langem nicht eine fo arbeitsharte unb boch feingliedrige und trockene Hand um bie ihrige gespürt hätte ...
Ja, unb am nächsten Tage kam ein Brief von bem Herrn Strumpfgeschäftsinhaber, ber bie Angaben ber alten Frau bestätigte unb „Mit nicht mehr für heute" unb einem schwungvoll-unleserlichen Namen (mitten durch den köstlichen Blaustempel hindurch!) schloß. Unb babei lag ein zweites Briefchen feiner Frau, bas bie Kinberfrau in echten Worten als ganz vorzüglich lobte.
So kam also bie Muhme zu bem kleinen Jungen, von bem ich euch vorhin erzählte.
Und sie blieb nun von da an acht Jahre auf dem großen Gute, fo baß sie schließlich wie ein Stück bes alten Schlosses war. Ihr Stübchen oben in der Hausecke war genau so sauber, aufgeräumt unb abgestäubt wie ihre Sprache und wie ihre liebe alte Seele. Und sie trug, wie damals in der Stadt, eine riesige, leis knitternde Schürze aus weißer Leinwand unb bei schlechtem Wetter einen mächtigen Strohhut. Meist aber ging sie barhaupt unb zeigte ihre beiben silberweißen Zöpfe in einem tatkräftig zusammengebrehten und offenbar holzfeften Knoten hoch am Hinterkopf.
Sie und der kleine Junge wurden nun die besten Freunde von ber Welt, wobei ihr Feingefühl ihn doch immer deutlich darauf hindrängte, daß ja die Mutter nicht zu kurz käme.
Wenn sie dem kleinen Jungen im Bade über sein pralles Bäuchlein wusch, verfehlte sie nicht, züchtig zu sagen: „Erlaube bitte mal, Bernhard." Sie nannte ihn nie mit Kose- ober Spitznamen, gleichsam als ob diese Vertraulichkeit nur den Eltern unb Geschwistern zukäme. Sie hielt überhaupt nicht viel von ben uneigentlichen unb verdeckenben Ausdrücken der Sprache, die ihrem Gefühl vielleicht als unwahr erschienen. So schlug sie, als er älter wurde, ihm einmal vor: „Du bist nun groß genug Und brauchst nicht mehr von „Ich habe einen Wunsch" zu sprechen sag doch: „Muhme, ich möchte mich entleeren!" — einer der seltenen Falle, in denen die Mutter doch die frühere Sprechgewohnheit für glücklicher hielt. .. . , . . .
War bann bas Bab vorbei unb bas blonbe Knäblem lag krebsrot gerumpelt unb fammetglatt unb (bie Mutter fanb bas immer) ein wenig uach warmem, frischem Heu buftenb auf bem Wickeltisch, fo begann bas schwierige Anziehen. Nein, wie brachte sie nur bie fünf winzigen sprei- ■öfnben Fingerchen in ben engen Aermel des gestrickten Jüppchens hm- *in! Und — ihr mögt es glauben ober nicht — auf ber anderen Seite k>es weißen Tunnelchens tarnen jedesmal alle fünf unabgebrochen und völlig unverbogen wieder heraus! Es war ihr Glanzstück, es ging fo Zeschwind wie beim Taschenspieler, und sie tat auch gerade so gleich- fiültig dabei, als ob es nichts wäre. Und bann kam die schreckliche Hose,
d. h. eigentlich ein dreieckiges Stück dickes Zeug, das sich teil GnvachsekleI in dieser gräßlichen, faltigen, gequetschten Art und Weise anlegen lassen würde — nicht um alles in der Welt. Wickelte man das Bübchen nach drei Stunden zum Nachmittagsschlaf wieder aus diesem furchtbaren Dinge heraus und es lag bäuchlings auf dem Tische — kennt ihr aus dem Atlas vorn auf der ersten Seite die beiden Halbkugeln der Erde und links ist bloß schief und rot Amerika und rechts ber ganze anbere Segen mit Nil unb Gaurisankar unb das verzwickte Europa? Ich versichere euch: Alles das war auch da von den Falten in die zarte Haut eingepreßt wie ein richtiger Mehrfarbendruck!
Als der kleine Junge älter wurde, kam er in das Alter des Fragens, unb alle fiebert Weifen Griechenlands hätten schwitzend dagestanden und gesagt: „Verzeihung, aber ich kann nicht mehr!" Seine Muhme aber antwortete ihm unermüdlich und in immer gleicher Geduld, Wahrheitsliebe und Höflichkeit. Ja, so muß man es nennen: Höflichkeit, obgleich bas gegenüber einem Kinbe eigentlich unnötig ist, wie bie meisten glauben (Freilich habe ich auch einmal einen Kameraben gehabt, ber zu fernem Hunbe nie anders als mit: Darf ich Sie bitten ... sprach, aber das war ein schrulliger Kerl.) Die Muhme aber hielt Höflichkeit für einen Teil von Nächstenliebe und Christenpflicht, und da ihr Junge ein überaus weiches, ja, empfindsames Seelchen hatte, fo wuchs er recht wie eine Blume auf, von der man jeden rauhen Wind fernhält. Auch blieb er bis weit in feine Knabenjahre hinein fast wie ein Mädchen feinfühlig. Jeder Lärm z. B. war ihm ein Schmerz.
Einmal wollte fein Vater Klavier spielen und sagte chm: „Du darfst im Zimmer bleiben und zuhören, aber sei gefälligst mäuschenstill!"
Der kleine Junge fragte erst noch höflich: „Ja — aber, nicht wahr, schlucken darf ich doch?" Und dann saß er in der Ecke des Lehnstuhls wie ein kleines, zusammengedrücktes Tafchentllchlein, das eine Dame vergessen hat. Und der Stuhl schien dreimal so groß zu sein, als er darin saß ...
Da kam die Mutter herein, um zu sehen, ob es dem Kleinen auch gefiele — ach, es war ihm viel zu laut gewesen! Seine Backen waren von lautlofen Tränen naß bis in ben feuchten Hembchenranb hinein, und er sagte nur ganz leise, als Erklärung zu seines Vaters wilden Ton: „Papa klopft das Klavier aus". Er wollte ihn gern entschuldigen und dem Unternehmen einen sozusagen hauswirtschaftlich vernünftigen Zweck unterbauen.
Einmal hatte er seinen Grießbrei ein wenig hastig gegessen unb geriet in einen schrecklichen Husten. Die Muhme fragte ihn mitleibig, und indem sie sanft seinen kleinen Rücken (wie ein Häschenrücken so lang war er!) klopfte: „Armes Kind, hast du dich verschluckt?" Da wurden feine tränengefüllten Augen ganz starr vor Entsetzen darüber, was in dieser furchtbaren Welt alles möglich war, und er antwortete hastig: „Nein, ich bin noch da!"
Und bann trug sie ihn zum Tröste ein wenig in der Stube herum. Als feine Mutter hereinkam unb die Muhme das schlimme Erlebnis erzählt hatte, streichelte er dankbar ihren sauberen Scheitel zwischen ben schneeweißen Haarhälften und sagte: „Da hat Muhme schon einen Sprung, Mama! Hoffentlich geht sie nicht ganz kaputt!"
Ja, unb nun würbe er älter unb fragte immer mehr, und die Muhme konnte gar nicht genug Wissenschaft für ihn aus ihrem Bolkskalender durch die große Brille herauslesen. Und allmählich kam auch der Schalk in ihm zum Durchbruch.
Im übrigen verfuhr der Junge so königlich sprachschöpferisch in feiner kleinen Welt wie alle Kinder. Als er sich einmal Orden gemacht hatte, unterschied er die bunten aus Papier und die blechernen Metallgen. Den Schal nannte er das Umtuch, was offenbar irgendwie mit umtun zu- fammenhing. Und die alte Muhme ergötzte sich an feinem wachsenden Seelchen alle Tage von früh an, wo sie ihn während der Zimmerreinigung in sein kleines Stübchen an das große Blumenbeet norm Hause setzte, bis abends, wo sie an seinem Gitterbettchen ihr Nachtgebet für ihn sprach.
Und die Safrane blühten auf dem Beete und die Rosen und die Astern. Und die Blätter wirbelten durch den Park und die Schneeflocken und die Blüten der rosa Kastanien. Und die Jahre vergingen, die lieben, ach, die lieben Kinderjahre!
Es war ein großer Betrug nötig, um den Fortgang der Muhme für fein weiches Herz nicht allzu bitter werden zu lassen. Als die Ettern von einer längeren Reise mit ihm wiederkamen, war sie „verreist" Aber sie kam am Sonntag wieder und dann nach zwei Wochen gar für einige Tage. Und fo gewohnte er sich allmählich daran, daß die alte Frau nicht mehr täglich und stündlich um ihn war. Die Eltern hatten ihr in der großen Stabt, in der die Mutter sie gefunden hatte, ein Stübchen gemietet, und der Junge kam nie in diese Stadt, ohne sie zu besuchen. Jedesmal brachte er ihr Geschenke mit — meist Lebensrnittel, denn es waren die schlimmen Jahre während und nach dem Kriege — und jedesmal saß er ein Stündchen in der sauberen und mit Blumen geschmückten Stube, in der sein Bild wohl in einem Dutzend Ausführungen auf allen Sorten stand. Und das nun ganz verhutzelte alte Weibchen gab ihm einen Apfel zu essen, und er erzählte ihr von feinem Leben.
Ja, nun war er ein ganz großer Mensch geworden, und die Muhme mußte mit den zittrigen Fingern hoch hinauflangen, wenn sie ihn noch einmal scheu über die braunen Backen streicheln wollte. Und er erzählte von seinen Mtschülern und den Lehrern. Und später von seinen Korpsbrüdern und dem schonen Heidelberg. Und später von seinen Prüfungen und seinen Plänen. —
Und bann kam es, wie es immer in solchen zärtlichen Freunbschaften kommt: Die Muhme würbe krank und kam in ein großes Zimmer des riesigen Gebäudes, in dem die Stadt ihre Alten freundlich zu Tode pflegt. Ihre gütig helle Seele behielt sie aber auch hier, und die Schwester erzählte, wenn die fünf anderen alten Frauen des Krankensaales erbittert unb böse auf die Welt schalten, hätte die Muhme immer ganz zufrieden gesagt: „Ich weiß nicht, was Sie wollen, ich habe es in der Welt ganz wunderschön gesunden! Und nächsten Mittwoch kommt mein Bernhard wieder zu mir!"


